Heinz Strunk und „Die Partei“

Hamburg darf nicht sterben

Von Edo Reents

Der beste Mann für Hamburg

Der beste Mann für Hamburg

31. Januar 2008 Der Spitzenkandidat schenkt sich nach: noch eine Piccolo-Flasche MM, dieser Sekt mit dem gewissen Extra. Der Mann weiß einfach zu leben. Am linken Handgelenk: eine goldene Uhr, über deren mutmaßlichen Preis hier schon getuschelt wird. Rosa Hemd mit weißem Kragen (also Kontrastkragen, wie bei einem Industriekapitän aus den achtziger Jahren), der Anzug schwarz.

Nicht kleckern - klotzen. Das ist so sein Stil und hebt ihn jedenfalls ab von den übrigen Parteimitgliedern, die sich in ihre grauen Vollnylon-Anzüge (für 49,- Euro bei C&A) gezwängt haben, die aber, wie sich noch herausstellt, auch zu leben, also vor allem zu bechern wissen. Unter den Berichterstattern, die das Lokal Bodega Nagel gegenüber dem Hamburger Hauptbahnhof noch enger machen, ist augenscheinlich niemand auf das Angebot der Partei eingegangen: freier Eintritt für jeden, der auch im grauen Anzug kommt. Aber die Identifikation mit dieser aus dem Umfeld des Satiremagazins „Titanic“ hervorgegangenen Splittergruppe namens „Die Partei“ ist auch so stark genug. Jeder verlässt die Kneipe nachher in dem Bewusstsein, selten so gelacht zu haben.

Aufgepasst - von Beust ist in der CDU

Jederzeit auf der Höhe der Reflexion: Heinz Strunk

Jederzeit auf der Höhe der Reflexion: Heinz Strunk

Gegen 19 Uhr, eine Stunde vor Beginn dieses mit allen Finessen politischer Demagogie, persönlicher Herabsetzung und hinterhältiger Anbiederei bestrittenen Wahlabends, ist das Lokal an diesem milden Spätjanuarabend schon brechend voll. Die Scheiben sind mit Plakaten beklebt. Eines zeigt den Ersten Bürgermeister: „CDU-Wähler aufgepasst - Ole von Beust ist schwul.“ Parteichef Martin Sonneborn ging auf die erwartbare Reaktion („Schmutz!“) scheinheilig ein und behauptete, man habe „aus der Kritik gelernt“. Die neue Version sieht nun so aus: „Schwule aufgepasst - Ole von Beust ist in der CDU.“ Auch anderes Wahlmaterial ist von verblüffender Evidenz: „Hamburg - Stadt im Norden“, der Spitzenkandidat der Partei steht dafür ein: Heinz Strunk, der letzte auch modisch Unabhängige, der begnadete Buchautor („Fleisch ist mein Gemüse“), Bühnen- und Filmkünstler (zuletzt „Immer nie am Meer“).

Strunk, der den gar nicht weiten Weg aus seiner Heimat Hamburg-Harburg über die Elbe hierhergefunden hat und es sich schon deswegen leisten kann, gegen die Pendlerpauschale mobil zu machen, sitzt gerade an dem mittigen Kneipentisch und muss sich rechtfertigen. Ob man als halbwegs intelligenter Mensch nicht lieber die Finger von der Politik lassen soll, fragt ein junger, journalistentypisch schwarzgekleideter Mann mit Mikrophon. Das möge so sein, sagt Strunk, er sei nur einer Bitte der „Titanic“-Leute nachgekommen. Auch von weiteren Provokationen lässt er sich nicht aus der Ruhe bringen und vertraut dabei auf die Wirkung einer neuen, vom umsichtigen Kellner in Griffnähe postierten Flasche MM.

Anleihen bei der Hitlerei

Dann wird es ernst. Sonneborn stellt sich auf einen Stuhl und schwört die Menge, die nach Biertrinkerart schon vorgeglüht hat, auf den Abend ein und wischt Zweifel an der Durchschlagskraft mit dem Hinweis auf Adolf Hitler beiseite, der im Münchner Schelling-Salon schließlich auch klein angefangen habe. Und nun, fünfundsiebzig Jahre nach dem Machtantritt, versuche es eben wieder eine „kleine, schmierige“, aber irgendwie auch hochseriöse Partei, die sich die Zwangsrekrutierung von Mitgliedern vorbehalte, zur Not ohne deren Wissen - genau wie damals.

Später wird sich Sonneborn ausdrücklich für den Bruch des Hitler-Stalin-Paktes entschuldigen („kommt nicht wieder vor“) und Unschlüssigen mit der Aussicht auf eine Mitgliedsnummer Mut machen, die bei einer Mitgliederzahl von jetzt fünftausend immer noch recht niedrig und damit besonders attraktiv sei. Auch das übrige Personal weiß, wie man's macht: Generalsekretär Tom Hintner hält Ausschau nach jungen, frischen Gesichtern für die „Hintner-Jugend“ und sichert zu, dass es links und rechts von der Partei nichts geben kann, darf und wird. So gerne man aber Anleihen bei der Hitlerei nimmt - das Bemühen, sich von der NSDAP abzugrenzen, wirkt glaubwürdig.

Unter der Knute der Vernunft

Dann kommt Heinz Strunk, der sich auf einen Tisch stellt und routiniert in den lauten Applaus hineinnickt. Loriothaft beginnt er („Wir benötigen einen Paradigmenwechsel, eine zielorientierte Auseinandersetzung auf der Höhe der Reflexion“) und redet sich dann mit brisanten Statements in Rage: „Fakten, unterfüttert mit Emotionen, ergeben Kernkompetenz.“ Zuerst die Fakten: „Die Partei stand und steht unter der eisernen Knute der Vernunft.“ Auf dieser Grundlage ergibt sich alles Weitere, wobei Strunk rhetorisch sauber zwischen Kern- und Reizthemen unterscheidet: Man habe nichts gegen das Kapital, man suche sogar den „Dialog mit dem Geld“ und fordere die Schlüsselindustrie auf, sich hier steuerlich „abmelken“ zu lassen. Man ist für das Rauchen - die einzige Gemeinsamkeit mit dem FDP-Kandidaten Hinnerk Fock, den Strunk physiognomisch mit dem Rotenburger Kannibalen Armin Meiwes vergleicht -, und man ist für alte Menschen, die „nicht länger als Boten des Todes, Söldner der Krankheit, Botschafter der Schmerzen, als gelebte Gerüche stigmatisiert werden dürfen“. Und: Weg mit Musicals, Comedy und Elbphilharmonie!

Sinnbild eines aufreibenden Wahlkampfes

Sinnbild eines aufreibenden Wahlkampfes

Strunk weigert sich, von „Wählerinnen und Wählern, Hamburgerinnen und Hamburgern“ zu sprechen: „Die männliche Form schließt die weibliche mit ein. Das mag ungerecht sein, ist aber nun mal so.“ Stichhaltiger kann man diesen Unsinn nicht geißeln. Dann geht er ab, nicht ohne den rhythmisch klatschenden Leuten den Ernst der Lage vor Augen zu halten: „Hamburg darf nicht sterben!“

Bestochen wird hier auch

Während die Zuhörer an den Tischen feixend bemerken, der SPD-Kandidat Michael Naumann wirke schon vor dem Amtsantritt amtsmüde, lässt Strunk sich von einem unbekannten Mann einen Euro zustecken - aha, bestochen wird hier also auch, was das Zeug hält. Strunk winkt ab: „Den brauch ich für den Einkaufswagen.“ Möllemanns pfiffiges Produkt hat Hamburg nicht erobert. Ein Menetekel für die Partei? Man sieht Strunk noch lange händeschüttelnd mit Parteichef Sonneborn (wie bei KPD und SPD?), der seinerseits noch ein sozialpolitisches Anliegen präzisiert: die Begrenzung von Managergehältern auf das 25.000fache eines Arbeiterlohns.

Ob das etwas bringt? Was ist, wenn sich die Fünf-Prozent-Hürde am 24. Februar wider Erwarten als zu hoch erweisen sollte? Dass mit der Partei, die allen Übrigen laufend Denkzettel verpasst, nicht zu spaßen ist, wissen wir seit der Wahl in Nordrhein-Westfalen 2005, als man erstmals antrat. Danach wurde der Bundestag aufgelöst, es gab Neuwahlen.

Text: F.A.Z., 31.01.2008, Nr. 26 / Seite 35
Bildmaterial: dpa, F.A.Z.-Holde Schneider

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