Wahlabend im Fernsehen

Das Bundestagswahlkomplott

Von Michael Hanfeld

23. Mai 2005 Die Wahl hat er verloren, den Wahlabend aber gewonnen. Er hat alle überrumpelt, doch soll man das einen Coup nennen? Eine halbe Stunde nach der härtesten aller zahlreichen Niederlagen in den Ländern Neuwahlen im Bund anzukündigen?

Keiner hat gewußt, was Gerhard Schröder und Franz Müntefering ausbaldowert hatten: daß sie mit dem Kopf justament durch jene Wand wollen, gegen die sie mit dem Rücken stehen. Und keiner hat beim ersten Hören kapiert, was Müntefering eine halbe Stunde nach Schließung der Wahllokale von sich gab. RTL war wenigstens live dabei, als der Parteichef von Wahlen im Herbst sprach, was wir aber für einen Glückstreffer halten wollen, hat der Privatsender doch zuletzt - bei den Übertragungen von der Papstwahl in Rom - Sitzfleisch (Wo war Kloeppel?) und nicht die Beweglichkeit bewiesen, die man für sich gern beansprucht.

Plötzlich zwei Themen

Bei den Öffentlich-Rechtlichen wurde derweil munter hin- und hergeschaltet, bei Bettina Schausten im ZDF wie bei den Kollegen im Ersten, die die „Lindenstraße“ zeigten, bis einigen dämmerte, daß der Wahlabend plötzlich zwei Themen hatte: die Niederlage der SPD nach neununddreißig Jahren Regierung in Nordrhein-Westfalen - wofür sich bald niemand mehr interessierte - und den Rückzug im Bund. So, wie Schröder seine Erklärung gegen zwanzig Uhr verlas - die ARD war diesmal mit kurzer Verzögerung, das Zweite fürs Erste aber schon wieder gar nicht dabei -, sah das nicht wie ein Aufruf zum letzten siegreichen Gefecht aus, im Gegenteil. Körpersprache, Mimik, Tonfall, alles sagte den Augen und Ohren des Betrachters: Ich habe fertig.

Doch was machen die Experten daraus? Nichts anderes als einen „genialischen“ Coup, wie Jürgen Falter in der ARD sagte, von dem wir uns fragen, wie lange sie ihn als Spin Doctor noch herumflattern lassen wollen. Denn genialisch kann man das Manöver von Müntefering und Schröder doch wohl nur nennen, wenn man ausschließlich auf taktische Spielchen und Kommunikationsscharaden geeicht ist.

Der Forsa-Firlefanz

Und siehe da, es kam, wie wir es gewohnt sind: Umstellt von den Säulendiagrammen der Umfragen, Prognosen und Hochrechnungen und berauscht vom Klang des eigenen Gezirpes aus dem Glashaus, machte die Mär von Schröder, dem unsterblichen Wahlkämpfer, die Runde. Als ob es darum noch ginge, als ob der ganze Forsa-Firlefanz uns noch irgend etwas zu sagen hätte, von dem wir nicht schon längst wissen, daß das Gegenteil wahr ist.

Als ob die sattgefütterten Werbeagenturen vom Goldenen Hirschen bis zum hölzernen Eber bei ihrem Tanz ums tönerne Kalb nicht längst mit ihrem Latein des postmodernen Stimmungswahlkampfes am Ende wären: Die Stimmung ist genauso mies wie die Lage, vor allem für die Mittelschicht, der Münteferings Heuschrecken-ad-hoc-Mitteilung die Angst vor dem Absturz nicht nimmt, nur die Gewißheit gibt, daß diese Bundesregierung weiter nicht mehr weiß und will. Die Regierung, die sie dann ablöst, allerdings vielleicht auch nicht. Nur die Experten im Studio nehmen das noch nicht wahr, sie bekommen die Leerformeln, an denen die politische Kommunikation dieses Landes erstickt, vor jedem Auftritt intravenös.

Haue aus Mainz

Doch zurück zum Eiertanz: Im Ersten verriet Frank Plasberg, daß er offenbar ein Problem mit Ministern hat, die älter als sechzig Jahre sind. Thomas Roth vermittelte mit seinen Fragen in der „Elefantenrunde“ den Eindruck, er wolle sich als Sprecher einer Regierung bewerben, die es wahrscheinlich bald nicht mehr gibt. Im ZDF befürchtete ein Reporter, „Haue aus Mainz“ zu bekommen, wenn er Peer Steinbrück nicht eine unangenehme Frage zu seiner Niederlage stellte.

Auf dem sogenannten Nachrichtensender N 24 liefen, wie an solchen Abenden üblich, Dokumentarfilme über Geländefahrzeuge. n-tv schlug sich ganz wacker und wie die rastlose Reporterin Michaela May zu den Spitzenpolitikern aus NRW durch, die aber dann doch erst - wie Jürgen Rüttgers - zur jubelnden Masse sprechen und nicht sofort verraten wollen, daß Angela Merkel natürlich die Kanzlerkandidatin der Union ist.

Fassungsloses Entsetzen

Was einzugestehen sich auch Edmund Stoiber nicht abrang, dessen Körperhaltung und Rede jetzt wieder so ausfällt wie zu der Zeit, als er noch keinen persönlichen Medienberater hatte. Was wenigstens authentisch wirkt, so wie Claudia Roth von den Grünen, die es tatsächlich hinbekam, mit ihrer Mimik fassungsloses Entsetzen auszudrücken und trotzdem auf die Frage, ob sie von Schröders Bundestagswahlkomplott wußte, sagte, daß dies eine großartige Idee sei, mit der sie voll und ganz einverstanden sich erkläre. Medientraining und Statementroutine sind, das stellt sich in Augenblicken wie diesem heraus, glücklicherweise doch nicht alles.

Ein wenig Analyse mit Geltung über das Getümmel vom Tage hinaus gab es wieder mal - auch wenn wir uns wiederholen - bei Phoenix. Was ARD und ZDF als Hauptkanäle nicht leisten, schon gar nicht die Brüllbude bei „Christiansen“, die diesmal allein deshalb lohnenswert war, weil man sah, wie Rot und Grün und Lafontaine von linksaußen sich in die Haare geraten und Gelb und Schwarz sich noch überlegen müssen, was sie denn im Regierungsfall wollen.

Politik als Pose

Was dort also nicht erklärt wurde, sprach die Phoenix-Runde bei Gerd-Joachim von Fallois an, in der glücklicherweise keine Kommunikationsexperten saßen (wurden allerdings zugeschaltet), sondern politische Beobachter wie Stephan-Andreas Casdorff, Chefredakteur des „Tagesspiegels“, der überlegte, was dieser Tag für die Parteien in ihrem Gefüge, für das Land in Zeiten von Hartz IV und für den Bundeskanzler persönlich bedeute. Das sei, sagte Castorff, „Politik als Pose“. Beim Posieren haben wir an diesem Abend allerdings nicht nur Gerhard Schröder zugeschaut.

Wobei: In einem könnte man in dem Manöver vielIeicht tatsächlich einen Coup erkennen. Verhindert Schröder so nicht Christian Wulff, der ihn im dritten Anlauf als Ministerpräsident von Niedersachsen beerbt hat, als Kanzlerkandidaten der Union? Genial, doch.



Text: F.A.Z., 24.05.2005, Nr. 118 / Seite 46
Bildmaterial: AP, dpa/dpaweb, REUTERS

 
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