Von Souad Mekhennet
31. August 2003 "Wohin geht der Irak, du bist jetzt einen Monat hier, was denkst du?" Diese Frage hatte mir meine Freundin Marina am 2. August in Bagdad gestellt. Marina arbeitete für die Vereinten Nationen.
"Das Land hat in absehbarer Zeit keine Aussicht auf eine positive Veränderung", antwortete ich ihr, "das große Problem sind die Hoffnungen, die der Bevölkerung gemacht wurden und nun enttäuscht werden." Ich erzählte ihr, daß meine Recherchen im Irak ein düsteres Bild zeichneten - für die Irakis, für die Mitarbeiter internationaler Organisationen, für Journalisten und alle Ausländer im Irak. Westliche Diplomaten trauen sich kaum noch auf die Straße, einen Schutz durch die amerikanischen Besatzer gibt es nicht. Die Situation heute ist, so paradox es klingt, gefährlicher als während des Krieges. Das hat das Bombenattentat von Nadschaf am vergangenen Freitag mit seinen wahrscheinlich 120 Opfern aufs grausamste unterstrichen. Während des Krieges wußte man wenigstens, wo die Gefahr lauerte, wo Kämpfe stattfanden. Heute weiß man es nicht. "Wir sind alle zu ,soft targets' geworden", sagte ich. Vorletzte Woche ist meine Freundin ein Opfer des Anschlags auf das UN-Hauptquartier in Bagdad geworden. Es heißt, sie habe schwerverletzt überlebt.
Gefahr aus dem Nichts
Der Alltag ist in den Irak zurückgekehrt, so denkt man. Geschäfte, Restaurants, Schulen und Universitäten sind geöffnet. Alles scheint normal und friedvoll. Doch es scheint nur so. Es erschien auch dem englischen Kameramann friedvoll, der vor einigen Wochen am hellen Tag vor dem Eingang des Nationalmuseums erschossen wurde; oder dem amerikanischen Soldaten, der in die mit Studenten gefüllte Mensa der Bagdader Universität ging, um sich Wasser zu kaufen, und erschossen wurde. Die Mörder entkamen unerkannt, wie in vielen anderen Fällen auch. Die Gefahr kommt aus dem Nichts und verschwindet dorthin.
Es gibt viele Irakis, die sich über den Sturz des Regimes gefreut haben und sich doch von Tag zu Tag mehr nach der alten Zeit sehnen. Da ist der siebzehnjährige Schüler Amro, der sagt, er werde zu den Fedaijin gehen, um Amerikaner zu töten. Er ist Halbwaise und lebt mit seiner Mutter in einer Einzimmerwohnung, sie verkaufen Möbel und Schmuck, um zu überleben. Da sind die angetrunkenen ehemaligen Soldaten der irakischen Armee auf der Saadoun-Straße, die sagen, sie gingen in den Widerstand. Seit dem Fall Bagdads sind sie ohne Arbeit und wissen nicht, wie sie ihre Familien über die Runden bringen sollen. Mehr als 400.000 ehemaligen Armee-Angehörigen geht es so.
Recht und Ordnung gibt es nicht. Journalisten fürchten sich vor der Reise von Jordanien nach Bagdad, auf der Strecke kommt es regelmäßig zu Raubüberfällen. Im ganzen Land werden Menschen von der Straße entführt, Ärzte sogar aus den Krankenhäusern, um ihren Verwandten Geld abzupressen.
Zehntausend Dollar für den Sohn
Die siebzehnjährige Dina zum Beispiel. Ich hatte sie bei einem Interview kennengelernt. Dina hat streichholzkurze Haare und einen jungenhaften Körper, ihre Stimme ist tief, auf den ersten Blick sieht sie aus wie ein Junge. Vor allem weil sie nur Hosen und Hemden trug. Vergangene Woche rief mich ihre Mutter an, schrie und weinte am Telefon. Dina war nachmittags unterwegs gewesen, um eine CD zu kaufen. Sie wurde entführt. Man habe sie für einen Jungen gehalten, denn die Erpresser hatten am Telefon gesagt, daß sie zehntausend Dollar für ihren "Sohn" haben wollten. Die Familie hat kein Geld. Doch wer interessiert sich für dieses Einzelschicksal? Dina hatte sich über Saddams Sturz gefreut. Sie ist eine gute Sportlerin, ihr Traum war es, irgendwann für den Irak bei einem internationalen Wettbewerb teilzunehmen. Vier Tage nach ihrer Entführung kam Dina wieder frei. Ihre Mutter sagt, sie habe den Entführern glaubhaft gemacht, daß sie kein Geld besitzt. Die amerikanische Armee fühlt sich für ein solches Problem nicht zuständig.
"Wissen Sie, wir waren auf das hier nicht eingestellt", sagt ein zwanzigjähriger amerikanischer Soldat. "Man sagte uns, daß wir herkämen, um die Menschen zu befreien und nach zwei Monaten wieder nach Hause könnten. Man sagte uns, die Menschen würden uns mit Blumen empfangen. Jetzt müssen wir damit fertig werden, daß jeden Tag Leute von uns getötet werden." Die Nerven der Soldaten liegen blank. Für Autofahrer gilt höchste Vorsicht, wenn ein amerikanisches Armeefahrzeug in der Nähe ist. Wer einen Panzer überholt, wird ins Visier genommen. Bei Patrouillen ist der Finger immer am Abzug. Deshalb ist auch der palästinensische Kameramann der Nachrichtenagentur Reuters erschossen worden. Die Soldaten handelten, bevor sie nachdachten. Seine Kamera hielten sie für eine Waffe.
Jetzt ist Al Qaida da
Das größte Problem aber ist der Terrorismus, wie das Attentat vom Samstag abermals zeigt. Ob die Al Qaida vor dem Krieg im Irak präsent war, ist zweifelhaft, die amerikanische Regierung hat es behauptet, gestützt auf Erkenntnisse des Geheimdienstes. Jetzt muß man kein CIA-Agent sein, um zu erkennnen, daß die Terrorgruppen der Al Qaida da sind. Sie rekrutieren fleißig frustrierte Irakis für den Kampf gegen die Besatzer. "Man könnte sagen", erklärte ein ehemaliger irakischer Diplomat, "daß Mr. Bush uns nun diese Terroristen erst ins Land geholt hat." Die Amerikaner haben das Problem zweifellos verkannt.
Das Ziel dieser Terroristen sind - alle. Iraker, Amerikaner, andere Ausländer, Journalisten. "Für jeden westlichen Journalisten und Unterstützer der Besatzer gibt es 7500 Dollar Kopfgeld", erzählte ein Mitglied des irakischen Geheimdienstes. "Sie werden sehen, bald werden die ersten Journalisten-Unterkünfte Ziel eines Angriffs sein." Die Täter stammen aus dem Umfeld der Anhänger Saddam Husseins genauso wie der Al Qaida. Die CIA hat ebenfalls davor gewarnt, daß Journalisten jetzt zu den bevorzugten "soft targets" zählen. Amerikanische Medien wie CNN, die "Washington Post" oder "Los Angeles Times", die auf eine dauerhafte Präsenz im Irak nicht verzichten wollen, lassen ihre Reporter von eigenen Sicherheitsleuten bewachen. Doch Schutz vor Entführung oder Bombenattentaten bieten sie selbstverständlich nicht. Es gibt keinen sicheren Ort mehr im Irak, nirgends. Jeder ist zur Zielscheibe geworden, das Kopfgeld macht Ausländer als Opfer nur noch ein bißchen interessanter.
Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 01.09.2003, Nr. 202 / Seite 35
Bildmaterial: dpa/dpaweb
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