Von Herwig Birg
02. März 2005 Die Migrationsbewegungen beeinflussen die Bevölkerungsentwicklung einer Gemeinde wesentlich stärker als die sogenannten natürlichen Komponenten der Geburten und Sterbefälle.
In einem Stadt- oder Landkreis entfallen heute im Durchschnitt pro Geburt im gleichen Jahr drei bis fünf Zuwanderungen, ebenso auf jeden Sterbefall eine vielfache Zahl an Abwanderungen. Daß sich in Deutschland Städte bilden konnten, beruht auf den Zuwanderungen aus ländlichen Gebieten. Im achtzehnten Jahrhundert wurden die Städte wegen der bevölkerungsdezimierenden Wirkung ihrer niedrigen Geburtenrate und ihrer Sterbeüberschüsse mit der Pest verglichen.
Die seit über einem Jahrhundert andauernde säkulare Nachwuchsbeschränkung hat zwar das Niveau der Geburtenrate sowohl in den Städten als auch auf dem Lande stark verringert, aber die relativen Unterschiede der Geburtenraten blieben weitgehend erhalten. Dabei sind die in einem bestimmten Zeitpunkt für einen Jahrgang beobachteten regionalen Unterschiede der Geburtenrate noch größer als die zeitlichen Unterschiede zwischen den Jahrgängen in einer bestimmten Region.
Unterschiedliche Lebenserwartung
Auch die Lebenserwartung differiert regional. Bei den 440 Stadt- und Landkreisen Deutschlands ergibt sich für Männer ein Intervall von 70,1 bis 78,2 Jahren, für Frauen von 77,1 bis 83,1. Dabei darf eine hohe Lebenserwartung nicht einfach als Wirkung gesundheitsfördernder regionaler Lebens- und Umweltbedingungen interpretiert werden. Der größte Teil der Unterschiede wird vielmehr durch die starken Selektionswirkungen der Wanderungsbewegungen im- und exportiert.
Die überdurchschnittliche Lebenserwartung der Männer im Voralpengebiet, etwa in Starnberg (78,2), und die unterdurchschnittliche in Ruhrgebietsstädten wie Gelsenkirchen (72,6) beruht mehr auf der Zuwanderung von Menschen mit überdurchschnittlicher Ausbildung und dem damit zusammenhängenden gesundheitsbewußteren Verhalten nach Bayern und auf der Abwanderung dieser Menschen aus Nordrhein-Westfalen als auf den regionalen Lebensbedingungen der Herkunfts- und Zielregionen.
Jeder Zuzug ein Wegzug
Jedes Jahr wechseln vier Millionen Menschen den Wohnsitz zwischen den 440 Stadt- und Landkreisen. Da jeder Zuzug irgendwo ein Wegzug ist, teilen die Binnenwanderungen das Land in Gewinner und Verlierer. Die Hauptbewegungsrichtung dieser permanenten Abstimmung mit den Füßen sind der jahrzehntelange Wanderungstrend von den nördlichen in die südlichen Bundesländer und seit 1990 von Ost nach West. Besonders mobil sind jüngere Menschen mit überdurchschnittlicher Ausbildung. Sie bilden eine Art innerdeutschen Brain-Drain, von dem die westlichen Bundesländer, vor allem Baden-Württemberg und Bayern, sowohl demographisch als auch wirtschaftlich profitieren.
Dem Land Mecklenburg-Vorpommern gingen beispielsweise ein Fünftel der Frauen in der Altersgruppe 20 bis 35 durch Abwanderung verloren. Dies wirkt sich negativ auf das wirtschaftliche Entwicklungspotential aus, wodurch die Abwanderung zusätzlich stimuliert wird. Da die meisten Geburten auf diese Altersgruppe entfallen, entwickelt sich eine demographisch-ökonomische Schrumpfungsspirale, der mit den Mitteln der Raumordnungs- und Regionalpolitik nicht beizukommen ist. Je negativer die Auswirkungen auf das Herkunftsland sind, desto positiver sind sie für die Zielregion.
Konkurrenz ums Humankapital
Unter den Bedingungen der langfristigen demographischen Schrumpfung wird die Konkurrenz um das gut ausgebildete, junge Humankapital schärfer. Der demographische Standortwettbewerb der Gemeinden und Regionen läßt sich nicht durch gesetzliche Maßnahmen beschränken, denn das im Grundgesetz garantierte Recht auf Freizügigkeit schließt Maßnahmen zur Steuerung der Wanderungen beispielsweise durch Zuzugsbeschränkungen aus. Denkbar wäre jedoch eine Differenzierung der Einkommensteuersätze durch die Gemeinden nach dem Beispiel der Gewerbesteuer, eine Art Anreizpolitik zur Beeinflussung der Wohnortentscheidungen, die betriebliche Standortentscheidungen nach sich ziehen könnten.
Anders als im achtzehnten und neunzehnten Jahrhundert ist die durchschnittliche Geburtenrate heute so niedrig, daß die Sterbeüberschüsse der städtischen Siedlungsgebiete nicht mehr durch die Geburtenüberschüsse der ländlichen ausgeglichen werden können. In allen 440 Stadt- und Landkreisen wird die bestandserhaltende Zahl von 2,1 Kindern je Frau unter-schritten. Das Maximum wurde 2000 in Cloppenburg (1,91) registriert, das Minimum - auch bedingt durch den hohen Anteil an Studentinnen an der Bevölkerung - in Heidelberg (0,88).
Gewinner und Verlierer
Trotz der hohen Einwandererzahlen bleiben die Binnenwanderungen der entscheidende Faktor, der die dreizehntausend Gemeinden in demographische Gewinner und Verlierer teilt. Schrumpfende und wachsende Siedlungen heben sich immer kontrastreicher voneinander ab.
Verödende Ortskerne in Dörfern und Kleinstädten und Ghettobildungen in Großstädten, Rückbau, Abriß und Wohnungsleerstände auf der einen Seite wechseln mit prosperierenden Siedlungen und Regionen ab, wobei heute niemand sagen kann, ob die Wachstumspole in zwanzig oder dreißig Jahren immer noch auf Kosten der Abwanderungsgebiete profitieren können oder ob die Schrumpfung schließlich auch die noch blühenden Regionen einholen und das ganze Land mit einer lähmenden Tristesse überziehen wird. Da regionales Wachstum nur noch durch Wanderungsgewinne zu Lasten anderer Regionen möglich ist, muß in jedem Fall mit zunehmenden räumlichen Interessengegensätzen gerechnet werden.
Text: F.A.Z., 03.03.2005, Nr. 52 / Seite 39
Bildmaterial: F.A.Z., picture-alliance / dpa
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