Von Joseph Croitoru
11. Dezember 2007 Nach den Anschlägen des 11. September - der Großteil der Täter waren bekanntlich Saudis - wurde das Erziehungssystem in Saudi-Arabien von der internationalen Öffentlichkeit kritisch durchleuchtet. Studien westlicher Orientalisten ergaben, dass der Schulunterricht im saudischen Königreich nicht nur sehr stark auf die Religion fixiert, sondern auch durchaus tendenziös war.
Der Islam wurde in den Schulbüchern als eine Religion und Zivilisation dargestellt, die in großer Gefahr sei. Als Feinde wurden Säkularismus, Existentialismus, Sozialismus, Panarabismus und Zionismus markiert - Letzterer wurde auch des Strebens nach Weltherrschaft bezichtigt. Den Kindern wurde suggeriert, sie seien auserwählt und hätten sich vom Rest der Welt abzugrenzen. Die saudischen Behörden reagierten prompt auf diese Kritik und gaben 2005 bekannt, ihre Schulbücher überarbeitet und alle hetzerischen Inhalte daraus entfernt zu haben.
Feindbilder geschürt
Doch eine amerikanische Studie aus dem vergangenen Jahr ergab das genaue Gegenteil - Feindbilder über andere Religionen wurden weiter geschürt. Selbst Sunniten wurden getadelt, nicht der richtigen Auslegung des Islams zu folgen. Wer nämlich nicht an die saudische Staatsauslegung des Wahhabismus glaube, deren Anhänger sich als Auserwählte und als die einzig wahren Muslime betrachten, habe nichts anderes als Hass verdient.
Die Schüler wurden also nach wie vor im missionarischen Geist erzogen: Der Islam soll verbreitet werden, wenn nötig, durch den Heiligen Krieg. 2006 wurde zudem die Ansicht vertreten, dass sich die Muslime gegen die Kreuzzüge, die noch immer andauerten, zur Wehr setzen müssten. Gewalt gegen Juden wurde weiter verherrlicht, der Inhalt der antisemitischen Protokolle der Weisen von Zion galt als wahr.
Rigide Erziehung
Das Erziehungsministerium Saudi-Arabiens hat nun auf diese Vorwürfe nicht nur mit der Herausgabe neuer, wesentlich überarbeiteter Schulbücher reagiert, sondern diese jetzt als Volltextdateien gleich auch auf seine Internetseite gestellt. Offenbar will das Königreich Saud damit Transparenz und Weltoffenheit demonstrieren.
Tatsächlich präsentiert sich die Gestaltung der neuen Lehrinhalte schon deutlich moderner als früher. So werden Erstklässlern zwar vor allem die Grundlagen des islamischen Glaubens beigebracht, sie lernen aber auch schon Rechnen und Grundlegendes über Biologie und Natur. Das Religionsbuch Einheitsglaube und Religionsgesetz, das, der jeweiligen Jahrgangsstufe angepasst, bis in die zwölfte Klasse verwendet wird, vermittelt den Schulanfängern, Muslime zu sein - von Gott geschaffen. Doch mündet die kindgerechte Einführung bald in eine rigide Erziehung mit tendenziös-exklusivem Charakter, wenn es heißt, Muslim zu sein bedeute die Ablehnung aller anderen Religionen.
Lohn der Gottestreue
Der Lohn der Gottestreue, präzisiert nun das Lehrbuch, sei das Paradies. Wer den Islam jedoch ablehne, werde - hier wird Koranvers 3:85 zitiert - im Jenseits zu denen gehören, die den Schaden haben. Der Teil über den Einheitsglauben endet unmissverständlich: Wer die Lehre des Propheten Mohammed ablehnt, den erwartet das Höllenfeuer. Die Erziehung zum religiösen Gehorsam rundet der zweite Teil dieses Lehrbuches ab, in dem die Erstklässler in den rituellen Waschungen und im angemessenen Verhalten beim Gottesdienst unterwiesen werden.
Mit einer Mischung aus Patriotismus und Religion werden die Schüler ab der vierten Klasse in Gemeinschaftskunde unterrichtet, wo besonderes Augenmerk auf Disziplin, Gehorsam und soziales Verhalten gelegt wird. Der Geschichtsunterricht befasst sich jetzt ausschließlich mit dem Leben des Propheten Mohammed, dem ein eigenes Unterrichtswerk gewidmet ist. Allerdings war der Lehrer bereits im Religionsunterricht für die zweite Klasse angewiesen, daneben auch über die religiösen und historischen Verdienste des Muhammad Abdel Wahhab aufzuklären, des Urhebers des Wahhabismus. Dessen Dogmen wie die Ablehnung des Heiligen- und Grabkultes sowie die Bekämpfung der Abtrünnigen sollen sich die Schüler dieser Altersstufe ebenso aneignen wie ihre nationalen Pflichten, allen voran den Militärdienst. Letzterer ist, so lehren die saudischen Schulbücher durchgehend, die höchste Form von Dienst am Vaterland, für dessen Verteidigung im Dschihad gegebenenfalls auch ein ehrenvoller Tod zu sterben ist - dieses Credo wird bereits Fünftklässlern eingeimpft.
Der Horizont der Kinder bleibt bis in die Oberstufe sehr begrenzt. Sie lernen, dass sie außer Saudis auch noch Teil der arabischen, dann auch der islamischen Welt sind. Entsprechend wird das Wissen über Erdkunde aufgebaut. Elementares über die Erde, die Kontinente und die Ozeane wird zwar schon in der vierten Klasse vermittelt. Doch Allgemeine Geographie, in der auch andere Länder als die islamischen durchgenommen werden, wird erst in der elften Klasse eingeführt. Noch schlechter ist es um die Weltgeschichte an saudischen Schulen bestellt. Sie wird den Schülern vorenthalten, dafür aber die islamische Geschichte mit Betonung auf der Beschreibung der siegreichen Schlachten der Muslime immer wieder durchgekaut.
Sachliches über Palästina
Und so wird den Schulkindern das Bild von der glorreichen eigenen Geschichte eingebleut, in der der Islam über mehrere Jahrhunderte die halbe Welt beherrschte, alle Abtrünnigen ausradierte und für Ordnung und Gerechtigkeit sorgte. Es wird erklärt, dass der Islam trotz mancher militärischen Niederlage in der Vergangenheit schließlich unbesiegbar sei, sich derzeit im Aufbruch befinde - vor allem in demographischer Hinsicht, und zwar in allen Weltgegenden. Sechstklässler lernen, dass die Kreuzzügler die Umma, die islamische Nation, ebenso vergebens zu beherrschen und auszubeuten versuchten, wie der Westen sie nun zu spalten trachte - dabei wird das Kreuzzüglertum als Fortsetzung des Verrats der hinterlistigen Juden an Mohammed und mit dem Weltzionismus assoziiert.
Die Behandlung des Palästina-Problems ist hingegen im Großen und Ganzen überraschend sachlich. Hinweise auf die Protokolle der Weisen von Zion werden zwar vermieden, dennoch findet sich eine Art Überbleibsel dieses Verschwörungsdenkens etwa in dem Lehrbuch Kulturelle und politische Geschichte der Muslime für die elfte Klasse. Dort heißt es, der Zionismus strebe die Eroberung arabischer Gebiete von Alexandria bis Bagdad an.
Im Vergleich zu früher fällt auf, dass auf jegliche Hetze gegen die muslimischen Schiiten verzichtet wird, während die Religionsgemeinschaften der Ahmadiyya und der Bahai-Sekte, die den Dschihad abschaffen wollen, noch immer als Häresien betrachtet werden. Um so mehr plädieren die neuen saudischen Lehrbücher, die nach wie vor den geschichtlich eigentlich schon überholten säkularen Panarabismus als Feind markieren, für eine globale islamische Solidarität und für die Abwehr des westlichen, heute vor allem kulturellen Imperialismus. Gegen diesen will das Königreich Saud die Muslime überall auf der Welt stärken und zur Schaffung, so wörtlich, besserer islamischer Gesellschaften beitragen - mit Hilfe der Scharia, des islamischen Religionsgesetzes. Das sollte man gerade auch im Westen ernst nehmen.
Text: F.A.Z., 11.12.2007, Nr. 288 / Seite 39
Bildmaterial: dpa
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