Von Marianne Schmidt
09. April 2008 Auslöser meiner Recherche war das Foto, das Tom Hesterberg von der Kommune I gemacht hatte und das inzwischen berühmt geworden ist. Auf dem Foto stehen sieben Leute nebeneinander, nackt, mit dem Gesicht zur Wand, und neben ihnen ein Kleinkind. Es ist das Foto, das heute zu fast jedem Artikel über die Achtundsechziger gedruckt wird, selbst wenn der Text gar nichts mit der Kommune I zu tun hat.
Ich war damals Anfang zwanzig und habe in Berlin studiert, aber schon als Journalistin gearbeitet und mir so das Studium verdient, und als in München eine neue Zeitschrift gegründet wurde, Jasmin - die Zeitschrift für das Leben zu zweit, bekam ich einen Auftrag.
Ein hinreißender Po
Einer der Chefs der Zeitschrift war Will Tremper, vermutlich kennt man ihn eher wegen der Filme, die er als Regisseur gemacht hat, er hatte dieses Foto gesehen, und was ihn vor allem daran interessierte, das war der hinreißende Po von Dorothea Ridder. Diesen Po fand er offenbar aufregend, er wollte mehr wissen, und so schickte er mich in die Kommune I, damit ich eine Zeit dort lebe und über die freie Liebe und das sexuelle Leben berichte.
Die Kommune I logierte damals in einer Nebenstraße, Ecke Kurfürstendamm, dort hatten sie eine Altbauwohnung. Ich weiß nicht, ob ich angerufen habe oder hingegangen bin. Jedenfalls sprach ich mit Dorothea Ridder, die mir sagte, sie könne das nicht allein entscheiden, sie müsse es erst mal in der Kommune besprechen, ich solle mich in den nächsten Tagen melden.
Offene erotische Szene
Dazu muss man wissen, dass West-Berlin zu der Zeit zumindest in Teilen der Gesellschaft eine freie, tolerante Stadt war. Es herrschte da keineswegs der Adenauer-Mief, der heute oft beschrieben wird. Es gab eine ziemlich offene erotische Szene, und seit Anfang der sechziger Jahre war es eine Art europäischer Hauptstadt für LSD. Da kamen italienische Regisseure und Schriftsteller, Elsa Morante, Alberto Moravia, Paolo Pasolini, da gab es irgendwelche Saunen in Steglitz, wo LSD-Partys gefeiert wurden, das war weit verbreitet, auch in meinem Bekanntenkreis.
Die Kommune war in West-Berlin bekannt, vor allem wegen des Pudding-Attentats, als sie den amerikanischen Vizepräsidenten während seines Besuches mit Puddingpulver bewerfen wollten, und wegen dieses Fotos natürlich, das beweisen sollte, dass das Private politisch sei, eigentlich aber hielt man sie eher für Politclowns und nahm sie nicht so wichtig.
Nur gegen Honorar
Jedenfalls hieß es später, dass ich in die Kommune kommen dürfe, allerdings nur tagsüber, nicht nachts und dass mir Dorothea Ridder ein Interview gebe, aber nur gegen Honorar, weil sich die Kommune so schwer ernähre, und die Zeitschrift verdiene schließlich Geld damit. Das Honorar waren vielleicht dreihundert Mark, vielleicht fünfhundert, aber keinesfalls mehr.
Am ersten Tag wurde ich gleich für den Küchendienst eingeteilt. Ich saß mit Dorothea Ridder auf dem Boden in der Küche, in der fast nichts war, und habe Tomaten geschnitten für Salat. Das weiß ich, weil es später noch mal wichtig wurde. Die Wohnung war, soweit ich mich erinnere, sehr kahl, sehr leer, es lagen überall nur Matratzen auf dem Boden, und immer mal kamen irgendwelche Männer in die Küche und schauten misstrauisch.
Keine privaten Fragen
Ich habe Rainer Langhans gesehen und Dieter Kunzelmann, aber die haben keine privaten Fragen beantwortet. Fritz Teufel saß damals wohl im Knast, und dann gab es noch das Ehepaar Enzensberger, Marianne und Ulrich und ihr Kind, die haben gar nicht mit mir gesprochen, weil ich da die Illustriertenschickse war. Sie verhielten sich eher feindselig. Nur Dorothea Ridder war offen. Sie erzählte, sie sei in die Kommune gegangen, weil sie ein spießiges Elternhaus gehabt habe, ihr Vater sei Rattengiftfabrikant gewesen. Sie studierte Soziologie oder Psychologie, glaube ich.
Am Abend bin ich nach Hause gegangen und habe nachgetragen, was ich nicht am Tag mitgeschrieben hatte. Ich war seit kurzem von den Eltern weggezogen, ich war froh, mein eigenes Appartement zu haben und eine Intimität, die nur mit meiner Erlaubnis durchbrochen werden konnte. In der Kommune aber sollten alle Türen in der Nacht offen bleiben, auch die Toilette. Es war für mich gar keine moralische Frage, so war ich nicht erzogen, ich verstand einfach nicht, wie man so etwas wollen kann. Das interessierte mich.
Stapelweise Reich-Drucke
Bei meinem zweiten Besuch lebte die Kommune am Stuttgarter Platz, sie war umgezogen, die neue Wohnung war etwas größer, ebenso karg, aber weniger sauber. Im größten Zimmer standen Malertische, darauf lagen stapelweise Drucke aus dem Aufklärungsbuch des Sexualforschers Wilhelm Reich. Die sollten geordnet und neu geheftet werden, und Langhans und Kunzelmann, die klar den Ton angaben, fanden, ich könne mich nützlich machen. Später sind wir mit den Büchern dann zur Freien Universität gefahren und haben sie verkauft. Das war die einzige Aktion, die ich mit ihnen gemacht habe.
Insgesamt war ich etwa eine Woche in der Kommune, aber ich habe nie gesehen, dass sie dort einander auch nur umarmt hätten. Es war vollkommen unkörperlich, über Sex haben sie im Grunde nur diskutiert. Umso erstaunlicher ist dieses Foto, weil es etwas andeutet, das in der Kommune zu dieser Zeit nur im Kopf stattfand - soweit ich das am Tag beurteilen konnte.
Verbohrter und verbiesteter Typ
Es kann sein, dass sich das änderte, als Uschi Obermaier später einzog, das weiß ich nicht, aber habe ich ja nur zwei Frauen dort gesehen, Marianne Enzensberger war verheiratet, und Dorothea Ridder hat bestritten, dass sie mit mehreren Männern Sex hat, und ich muss sagen, ich wäre auch nicht mit Herrn Kunzelmann oder Herrn Langhans ins Bett gegangen, den ich nur als verbohrten und verbiesterten Typen erlebt habe, der nichts ausstrahlte, was ich irgendwie attraktiv fand.
Die Auskunft, dass in der Kommune I nicht wie verrückt herumgebumst wurde, wie man damals sagte, führte bei der Redaktion zu Missvergnügen. Ich kam nach München, zeigte den Bericht von meiner Recherche, und Will Tremper sagte, das habe keine Erotik, das prickle nicht. Die Geschichte wurde nie gedruckt. Ich habe das nicht verstanden, ich fand sie nämlich besonders toll, weil es eine andere Geschichte war als die, für die man mich losgeschickt hatte und die alle erwarteten. Sie erzählte nichts von freier Liebe, sondern bloß von einer anderen Spießigkeit.
Meinhofs böse Mädchen
Anfang der siebziger Jahre, ich arbeitete inzwischen auch als Autorin für die Illustrierte Quick, kam ein Kollege und bat um meine Recherchen. Er schrieb eine Serie über Frauen und Terrorismus, es war die Zeit, als Ulrike Meinhof gerade untergetaucht war. Die Serie hieß Ulrike Meinhof und ihre bösen Mädchen, dazu fehlte ihm noch eine Figur, und die sollte Dorothea Ridder sein. Ich gab ihm die Unterlagen, aber aus den Tomaten, die sie in der Küche schnitt, machte er, dass sie Tomaten auf dem Schöneberger Wochenmarkt verkaufe, um Männer kennenzulernen. Er rückte sie in die Nähe einer Sexbesessenen, also das, was ich nicht schreiben konnte und wollte. Nach dem Artikel wurde die Quick verklagt, und der Autor, ein großer Charakterheld, erzählte, der Artikel basiere auf meinen Recherchen.
So kam es, dass ich als Zeugin vor Gericht auftreten musste. Der Prozess fand in Berlin statt, Anwalt von Dorothea Ridder war Hans-Christian Ströbele. Er hätte nur in meinen Recherchebericht schauen müssen, der ihm ja vorlag, und ihn mit dem vergleichen, was die Quick daraus gemacht hatte, er hätte den Prozess leicht gewonnen. Stattdessen verstieg er sich darin, dass nie eine Illustriertenreporterin in der Kommune I gewesen sei. Er zweifelte nicht an dem Bericht, er zweifelte an mir als Quelle. Ich kann mir das nur so erklären, dass die Quick, die ja ein rechtes Blatt gewesen ist und gegen die Ostpolitik schrieb, in seinen Kreisen verhasst war.
Zeile für Zeile vor Gericht
Jedenfalls musste nun meine Recherche Zeile für Zeile und ohne Pause durchgegangen werden, das dauerte acht Stunden. Kunzelmann und Teufel, die zu dieser Zeit im Knast saßen, wurden herausgeholt und mir gegenübergestellt. Ich hatte inzwischen langes Haar und eine Heidenangst, dass sie mich nicht erkennen. Aber zu meinem großen Erstaunen haben sie sofort bestätigt, dass ich in der Kommune gewesen war und mit ihnen Bücher von Wilhelm Reich verkauft hatte vor der Freien Universität, und so hat Hans-Christian Ströbele den Prozess dann verloren.
Ich muss sagen, eigentlich hatte ich mir gewünscht, dass er gewinnt und die Quick ordentlich zahlen muss. Es ging um 80.000 Mark damals, glaube ich, das war sehr viel Geld. Ich war sauer, was sie aus meinem Material gemacht hatte, und ich war sauer, dass deswegen ich vor Gericht aussagen musste. Aber wahrscheinlich war es genauso wie 1967, als die Geschichte nicht erscheinen konnte. Sie passte eben nicht zum Vorurteil.
Marianne Schmidt war von 1980 bis 1991 Herausgeberin der Zeitschrift Transatlantik. Protokolliert von Marcus Jauer.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: AP, picture-alliance/ dpa, Warner Bros./Cinetext