21. Juni 2006 Wenn an diesem Mittwoch abend mit Raoul Schrotts Rede zur Literatur die dreißigsten Klagenfurter Bachmann-Tage beginnen, wird die Frage nach Sinn und Zweck dieses einzigartigen Wettbewerbs erneut gestellt werden. Die Einwände, die sich dagegen erheben lassen, sind fester Bestandteil des literarischen Sommerrituals am Wörthersee. Da man bekanntlich aufhören soll, wenn es am schönsten ist, machte schon im letzten Jahr, als die Texte mal wieder besonders matt waren, das Gerücht die Runde, in diesem Sommer werde der ORF endgültig die Segel streichen - und welcher Zeitpunkt wäre dazu besser geeignet als das heikle dreißigste Jahr, wie der Titel einer Erzählung der Namengeberin Ingeborg Bachmann lautet, die an diesem Sonntag, dem Tag der Preisverleihung, überdies achtzig geworden wäre?
Wie sehr sich der ORF denn auch im voraus für den Bachmann-Preis stark macht: Die Erwägung, Klagenfurt abzuschaffen, wird auch diesmal hinter dem Bühnenbild des ORF-Studios Kärnten diskutiert werden. Die Möglichkeiten bei diesem Fernsehgericht der deutschsprachigen Literatur sind abgesteckt. Und wenn die Ziele, die die Initiatoren zum Auftakt 1976 formulierten - junge Autoren fördern, der Literatur zu Öffentlichkeit und der Öffentlichkeit zu Literatur zu verhelfen -, noch gelten sollen, so darf man gespannt sein, wie sich das mit der Teilnahme von Bodo Hell, Jahrgang 1943, vertragen wird. Achtzehn Kandidaten und neun Juroren sind es diesmal. Der Wettbewerb hat abgespeckt, während der Preissegen über die Jahre zugenommen hat: Neben dem Hauptpreis gibt es vier weitere Auszeichnungen und ein Stipendium zu ergattern.
Daniel Kehlmann hält das Wettlesen für zynisch
Die Kritik an Klagenfurt ist vielfältig. Der Hauptvorwurf gegen den Wettbewerb lautet, daß in Klagenfurt nicht die Autoren und damit die Literatur, sondern vielmehr die Jury und das den Wettbewerb in voller Länge übertragende Fernsehen im Zentrum der Veranstaltung stünden. Daß da, wo Aufbruch, Aufregung und Aufmerksamkeit sein soll, nur noch Lähmung, Langeweile und Lustlosigkeit herrscht. Daß der Wettbewerb nicht gar so wichtig ist, wie er sich gern macht, läßt sich auch daran ablesen, daß es im Laufe seiner 29 Jahre gerade mal einer Handvoll Autoren gelungen ist, sich mit ihrem Klagenfurter Auftritt schlagartig als neue Stimmen zu etablieren, die aus unserer Literatur nicht mehr wegzudenken sind: Sten Nadolny, Katja Lange-Müller, Franzobel, Georg Klein und, zuletzt, Michael Lentz.
Die Aufmerksamkeit, die Klagenfurt erzeugt, ist Fluch und Segen zugleich. Es gehört zum Dasein eines Künstlers, ständig kritisiert zu werden, aber es ist sein gutes Recht, sich dabei nicht auch noch im Fernsehen anschauen lassen zu müssen, findet Daniel Kehlmann. Klagenfurt habe eine ähnliche Funktion wie ein Debütantenball im alten Rußland, sagt er. Mit dieser Einführung in die Gesellschaft seien die Töchter gewissermaßen im Spiel gewesen. Die Tribunalsituation, bei der namhafte Kritiker über einen meist unbekannten Autor öffentlich zu Gericht sitzen, und dieser alle Urteile, ob begründet oder nicht, stumm über sich ergehen lassen muß, empfindet er als zynisch.
Außerdem sei es auch in ökomischer Hinsicht ein demütigender Vorgang: Da die Juroren deutlich besser situiert seien als die Autoren, sei es ein Spiel mit der verzweifelten Einkommenssituation vieler Kulturschaffender. Mehrfach, erzählt Kehlmann, sei er zur Teilnahme gedrängt worden - lange vor seinem Erfolgsroman Die Vermessung der Welt. Den Wettbewerbsnachteil, den eine solche Weigerung im Literaturbetrieb nach sich zieht, habe er am Anfang schon gespürt. Nein, er glaube nicht, daß für die deutsche Literatur irgend etwas verloren wäre, wenn es Klagenfurt nie gegeben hätte oder nicht mehr geben würde. Die Literatur habe der Wettbewerb jedenfalls nicht verbessert.
Das Etikett Bachmann-Preis kann auch abschrecken
Verbessert hat er sie gewiß nicht, aber hat er sie verändert? Die Zeiten, da dem Sieger höhere Auflagen winkten, sind offenbar vorbei. Für Olaf Petersenn, Lektor bei Kiepenheuer&Witsch, ist es eine niederschmetternde Erkenntnis, daß der Preis im Buchhandel keine Wirkung mehr zeigt - oder sogar eine negative. Das Etikett Bachmann-Preis, das Autor und Werk als Mitspieler bei einer als elitär oder abgehoben empfundenen Veranstaltung ausweise, wirke jenseits der literarisch engagierten Buchhandlungen offenbar regelrecht abschreckend. Zudem funktioniere der Impuls im Buchhandel höchstens, wenn einem Sieg in Klagenfurt möglichst rasch das korrespondierende Buch folge, bevor das Vergessen einsetzt.
So ging Peter Glasers Erzählungsband Geschichte vom Nichts trotz Bachmann-Preis 2002 weitgehend unter. Doch wenngleich die Wirkung oft schnell verpuffe, sei der Wettbewerb ein entscheidendes Korrektiv, der die Wahrnehmung einzelner Autorenprofile zurechtrücke. Wer in Klagenfurt positiv auffällt, spielt plötzlich in einer anderen Liga. Die Möglichkeit, daß in Klagenfurt Karrieren beginnen können, mache den Wettbewerb für Verlage nach wie vor interessant, sagt auch Oliver Vogel, Programmleiter für deutsche Literatur bei S. Fischer. Schon so mancher hatte mit dem Sieg auch den Buchvertrag mit einem renommierten Haus in der Tasche.
Auch wenn eine Teilnahme in Klagenfurt oft nur wenig nützt, so kann sie doch kaum schaden. Die Liste derer, die mutig angetreten sind, nichts gewannen und sich dennoch etablieren konnten, ist deutlich länger als die Liste der Preisträger. Anerkannte Autoren wie Katharina Hacker und Peter Stamm, Ulrike Draesner und Georg M. Oswald, Josef Winkler, Rainer Merkel oder Juli Zeh, um nur einige zu nennen, bedurften des Anschubs durch Bachmann letztlich nicht - auch wenn die Sehnsucht nach Wahrnehmung bei vielen offenbar stärker ist als die Furcht vor einer öffentlichen Niederlage.
Die Jury ist nicht das Problem. Aber die Kamera
Eine verzweifelte Krankheit braucht eine verzweifelte Arznei, sagt etwa Arno Geiger. Er verdankt seinem Klagenfurter Auftritt vor zehn Jahren seinen Verlag (Hanser), sein erstes Buch - kurzum: seine Existenz als Schriftsteller. Damals bekam der Österreicher indes ebensowenig einen Preis wie beim zweiten Anlauf 2004, als er einen Auszug aus seinem inzwischen vielfach ausgezeichneten Roman Es geht uns gut vortrug. Anders als Kehlmann findet Geiger, daß man sich diesem Tribunal als Autor geradezu aussetzen muß, daß man das Wagnis Klagenfurt allerdings nur eingehen sollte im Bewußtsein, daß die Wahrscheinlichkeit gegen einen Sieg spricht.
Norbert Zähringer, dessen Teilnahme 2002 ebenfalls preislos verlief, sieht das eigentliche Problem für den Autor nicht in der potentiellen Demütigung durch die Ablehnung der Jury, sondern in dem durch die Fernsehübertragung erzeugten Wunsch nach medienkompatibler Literatur. Immer mehr ähnele der Wettbewerb dem Format Deutschland sucht den Superdichter. Gregor Hens, der 2003 leer ausging, stimmt ihm zu. Seiner Meinung nach bewähren sich gute Texte ohnehin nicht nach dreißig Minuten, sondern beim Wiederlesen, brauchten Zeit, sich einzunisten - Zeit, die diese ehrenwerte Klagenfurter Veranstaltung leider nicht hat. Sie muß am Sonntag ein Ergebnis liefern.
Auch in diesem Jahr wird die Zeit knapp sein. Dennoch gibt es im deutschen Literaturkalender kaum einen Termin, bei dem man sich so ausführlich über Werke und Autoren austauscht wie in Klagenfurt. Das Wichtigste am Bachmann-Wettbewerb sind weder Preise noch Einschaltquoten. Es ist das lebendige Forum, das hier neuen, oft noch unbekannten Autoren und Texten eröffnet wird. Klagenfurt verkörpert die Neugier auf junge deutsche Literatur. Die Botschaft, die in guten Jahren vom Wörthersee ertönt, lautet: Jetzt, in diesem Augenblick, wird Literatur geschrieben, die gerade jetzt interessant zu lesen ist. Das ist nicht viel. Das ist eine ganze Menge.
Text: F.A.Z., 21.06.2006, Nr. 141 / Seite 45
Bildmaterial: picture-alliance / dpa/dpaweb
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