Von F. W. Bernstein
11. November 2003 Mehrere Gratulationsversuche zum achtzigsten Geburtstag von Loriot
1. In den höchsten Tönen
So feiert der italienische Renaissancekünstler und Künstlerbiograph Giorgio Vasari einen seiner Zeitgenossen:
"Dank dem Einfluß der Gestirne überschüttet die Natur die Sterblichen oft mit den reichsten Gaben, doch manchmal sehen wir in einem einzigen Menschen Schönheit und Talent und hohe Fähigkeiten in dermaßen verschwenderischer, schier übernatürlicher Fülle vereint, daß er auf jedem Gebiet, dem er sich zuwendet, außerordentliches leistet und alle anderen weit übertrifft, so daß seine Werke nicht menschlicher Kunstfertigkeit, sondern einer unstillbaren göttlichen Eingebung zu entspringen scheinen ..."
Angesichts dieser Höhe fällt es Loriot leicht, locker unter der Meßlatte durchzuschlendern. So spricht er über sich: "Die Bülows sind die einzige mir bekannte Familie, deren männliche Mitglieder in jeder Hinsicht als vollkommen bezeichnet werden müssen ..." (aus: "Rede zum fünfundsiebzigsten Geburtstag meines Onkels Carli").
2. Denn er ist unser!
Bürgerinnen und Bürger berichten aus ihrer Loriot-Biographie - Wir alle haben eine!
Catrin hat im Französisch-Unterricht Loriot-Szenen übersetzen müssen; dann wurden die Szenen in der Klasse aufgeführt. Für den Journalisten Nils M. ist Loriot ein ewiges Fest: Er hat am gleichen Tag Geburtstag, und das Fernsehen schenkt ihm pünktlich die Sendungen des anderen; Christiane ist in Berlin zu einer Einladung zu einer Filmpremiere gekommen und saß beim anschließenden Fest mit ihrer Freundin am Nebentisch. Sie kam aber kaum dazu, auf Loriot zu achten, der mit Otto und anderen Stars am nächsten Tisch saß, weil ein Zahnarzt an ihrem Tisch sie ständig anbaggerte und egalweg Sekt bestellte ...
Anna aber hatte als Schülerin den Hund Wum als Bleistiftanspitzer. Und ich? Ich kriegte eines Tages einen Anruf - halt so: Ich durfte einen Beitrag liefern zu einer Geburtstagsfestschrift für Loriot. Es war zu seinem Sechzigsten. Später, an einem Nachmittag, wir hatten Freunde zu Gast, Telefon: "Hier v. Bülow; spreche ich mit Herrn Bernstein?" Loriot bedankte sich für meinen Geburtstagsgruß, meine Aufregung löste er in kollegiale Plauderei. "Wer hat angerufen?" fragten die Freunde. "Loriot", sagte ich. "So, so! Natürlich! Loriot! Wer sonst wird dich am hellen Nachmittag anrufen." Keine Chance, bei der Wahrheit zu bleiben.
3. Das angestrahlte Kleinod
Es war Ende der fünfziger Jahre. Ich studierte an der Kunstakademie Stuttgart. Zwei Semester über mir: Robert Gernhardt. Der erinnert sich an seinen Job als Kabelträger beim Süddeutschen Rundfunk: "Er lief nicht, sondern stand vor der Fernsehkamera, da er eine absonderliche Show zu moderieren und zu gestalten hatte. Anhand rätselhafter Zeichnungen, die Loriot mit Kohle aufs Packpapier warf, sollten prominente Gäste prominente Namen erraten; ich erinnerte mich an flinkgezeichnete acht Zylinder, die einen Achtzylinder meinten, welcher wiederum ... und so griff ich mir nach getaner Fernseharbeit ein, zwei der achtlos beiseite geworfenen Loriotblätter."
Diese Blätter gingen verloren. Ich aber, nie Kabelträger gewesen, hab' ein Blatt, einem anderen Kommilitonen abgeschwatzt. Ein halbmeterlanger Fisch ist drauf. Unsigniert. Aber unverkennbar. Das ist ein guter Anlaß, uns in eine "Rede zur Ausstellung zeitgenössischer Karikaturisten in der Kestner-Gesellschaft in Hannover am 17. Februar 1978" einzublenden. Loriots Vision: " ... sehe ich da nicht gegen Ende des kommenden Jahrhunderts diese endlose Menschenschlange, die sich um mehrere New Yorker Häuserblocks windet? Mit Klappstühlen und Schlafsäcken hat sie bei eisigem Wind die Nacht durchwacht, um erst gegen neun Uhr morgens Einlaß im Metropolitan Museum zu finden.
Dann schiebt sich die geduldige Menge zwei Stockwerke hoch in jenen repräsentativen Saal, der für das künstlerische Ereignis des Jahres völlig ausgeräumt und renoviert worden ist. Im Zentrum des Riesenraumes steht eine einzige Vitrine aus Panzerglas, an der die Menschen entblößten Hauptes schweigend vorbeidefilieren. Eine diskret angebrachte Starkstromleitung und vierzig Polizeibeamte in Zivil sichern das angestrahlte Kleinod. Es ist ein stockfleckiges Blatt aus meinem Notizbuch, 9 x 12 cm, darauf ein Nasenmännchen in Bleistift, nicht signiert, mit Expertise der Kestner-Gesellschaft."
4. Im Dom
Im Dom von Brandenburg, der Geburtsstadt Vicco v. Bülows, stelle ich mir eine Geburtstagsfeier besonderer Art vor. Dort, wo Anno 1985 die große Loriot-Ausstellung als deutsch-deutscher Staatsakt gefeiert wurde, sollen sich auf mein Geheiß alle die Personen, Figuren und Gestalten versammeln, die Loriot erfunden und erschaffen hat. Sie sind alle aus dem Gröbsten raus und längst aus dem Haus und treiben ihr Wesen in allen Medien und besonders in unserem Gedächtnis.
Gleich hier vorn die Herren Müller-Lüdenscheid und Klöbner in der Wanne. Und hier ihr Gummientchen. Wum und Wendelin üben ein Geburtstagslied; Herr Striebel und Herr Vogel versuchen immer noch, Herrn Mosbach Skat beizubringen.
Und wen haben wir da? Opa Hoppenstedt; Fräulein Dinkel und ihr Chef. Herr Winkelmann hat heute den Vorsitz. Ach was. Und dort oben im Gewölbe diskutieren die leibhaftigen Münchner Intendanten Rennert, Meisel und Everding mit dem Großkritiker Joachim Kaiser über die Schwierigkeit, die Bayerische Staatsoper in die Luft zu sprengen. Im Kreuzgang währenddessen wird das Klavier hereingetragen, das Sofa, ein königliches Himmelbett samt seinem Insassen, Ludwig II. Dann Auftritt Herbert und Gilbert, die Möpse. Und die Steinlaus im Lexikon. Und jetzt: Herr Dr. Sommer und sein Hund, der sprechen kann. Der Hund will was sagen. Ja, bitte:
Hund: "Ich möchte nicht versäumen, Herrn Bernhard Victor von Bülow, der nach dem ,Vogel Bülow' genannt ist, seinem Wappentier, dem Pirol, auf französisch ,Loriot', die herzlichsten Geburtstagsgrüße zu entbieten. Wuff!"
Na also! Geht doch! Und jetzt darf ich auch mein Gedicht hersagen, das mit der Nudel.
Suppe als Prophet
Suppe liegt in ihrer Kumme
und in ihr schwimmt eine krumme
länglich runde Nudel.
Suppe sagt: "Du gleichst der Schlange
und um dich ist mir nicht bange;
hör ich schon den Jubel.
Loriot wird mich verschlucken,
doch nach Dir wird alles gucken,
Nudel, telegene.
Wirst an seiner Wange kleben
und für immer weiterleben -
ewig schöne Szene."
Lieber Herr v. Bülow! Verehrter Loriot! Herzliche Glückwünsche!
Der Autor ist einer der Mitbegründer der Neuen Frankfurter Schule. Unter dem Namen Fritz Weigle lehrt er Karikatur und Bildgeschichte an der Berliner Hochschule der Künste.
Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 12.11.2003, Nr. 263 / Seite 37
Bildmaterial: AP
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