03. April 2003 Viele Szenen in dem Film "Göttliche Intervention" wirken surreal. Doch der palästinensische Regisseur Elia Suleiman erläutert, dass meistens reale Ereignisse dahinter stecken.
Wird Ihr Film "Göttliche Intervention" überhaupt in Israel gezeigt?
Ja, aber nur in einem einzigen Kino in Jerusalem. Die isrealischen Kinobesitzer hassen ihn, sie wollen ihn nicht zeigen. Die Kritiker mochten ihn dagegen. Manches hat sie vielleicht eingeschüchtert, aber sie mochten ihn. In Haifa gab es auch eine Vorführung, in der die Leute zornig reagiert haben.
Und in den palästinensischen Gebieten?
Ja, zur Zeit läuft er in Ramallah. Nicht jeden Tag, aber ein paar Mal in der Woche. Die Palästinenser lieben ihn.
In der langen Schlußszene Ihres Films wehrt eine als Ninja-Kämpferin auftretende Palästinenserin israelische Soldaten mit einem goldenen Schild ab, der die Umrisse Palästinas vor 1948 zeigt. Das könnte israelische Zuschauer durchaus aufregen.
Welche Art von Palästina hätte ich auf dem Schild denn zeigen sollen? Die Aufteilung von Oslo? Dies ist das historische Palästina! Also sollen sie es auch sehen, statt seine Existenz zu leugnen. Israel hat dieses Land vor fünfzig Jahren besetzt. Sie haben es seinen Bewohnern weggenommen und sie vertrieben. Wenn sie diese geschichtliche Tatsache endlich anerkennen, können wir damit klarkommen. Es geht nicht darum, etwas zurückzugewinnen. Die ganze Szene spielt sich ja sozusagen in Anführungszeichen ab, ihre Metaphorik ist grotesk übertrieben. Sie enthält kein politisches Statement. Ich bin ja nicht Arafat, ich führe keine Verhandlungen. Soll ich mich selbst zensieren? Im übrigen tragen die Leute in Palästina dieses Symbol an ihrem Körper, als Kopf- und Halsschmuck. Das ist ihr Heimatgefühl, und sie haben ein Recht darauf.
In einer anderen Szene des Films sieht man einen Ballon mit dem Konterfei Arafats über die Dächer von Jerusalem fliegen. Wie kommen Sie auf solche Bilder - schauen Sie einfach aus dem Fenster und lassen sich inspirieren?
So ungefähr. Ich schaue sehr oft aus dem Fenster. In diesem Fall war es so, daß nach dem Vertrag von Oslo viele Gadgets mit dem Bild von Arafat verkauft wurden, T-Shirts, auch Luftballons. Ich habe mir einen gekauft, und als ich in meinem Zimmer in Montmartre an meinem Drehbuch saß, holte ich ihn wieder hervor. Er war in der Hitze geschmolzen, das ganze Gesicht war deformiert. So kam mir die Idee zu der Szene. Auch das israelische Werbeplakat für Schießübungen, das man in "Göttliche Intervention" sieht, ist nicht erfunden. Während der ersten Intifada sah man überall an den Autobahnen solche Plakate. Ich habe es mir notiert, und als ich später an meinem Film arbeitete, fiel es mir wieder ein. Fast jede Szene geht auf wirkliche Ereignisse zurück. Selbst der Mord an dem Nikolaus in Nazareth: Vor ein paar Jahren wurde im Norden Israels ein Weihnachtsmann mit einem Messer angegriffen. Ein Freund hat mir die Geschichte erzählt. Der Rest ist meine Vorstellung.
Ihr Liebespaar kommt nie wirklich zusammen. Steckt darin eine Metapher für das palästinensische Lebensgefühl?
Nein, das ist eine ästhetische Entscheidung. Für mich ist es banal, Leute miteinander im Bett zu zeigen. Es genügt, ihre Hände zu sehen, die sich streicheln.
Die Palästinenser in "Divine Intervention" scheinen sich insgesamt in einer Art Wartezustand zu befinden.
Der Film spielt in Nazareth, in einem palästinensischen Ghetto auf israelischem Boden. Es ist da wie in allen Ghettos: die Leute sind arbeitslos, gelangweilt, hängen herum ohne Hoffnung auf bessere Zeiten. Sie lassen ihre Frustration aneinander aus.
Geredet wird bei ihnen auch nicht gerade viel. Man hat den Eindruck, daß sie zu den stummen Wurzeln des Kinos zurückwollen, als Reales und Symbolisches noch nicht scharf voneinander getrennt waren.
Ich lehne den sogenannten psychologischen Realismus aus vollem Herzen ab. Wenn ich in meinem Film mit ausdruckslosem Gesicht dasitze, dann deshalb, weil ich will, daß sich die Zuschauer ihr eigenes Bild des Geschehens machen. Psychologisches Kino nimmt ihnen die Arbeit ab. Gute Filme tun das nicht.
Wie war es, in den sechziger und siebziger Jahren in Nazareth aufzuwachsen?
Ich erinnere mich nicht sehr genau . . . Es war auf jeden Fall zärtlicher als das, was Sie im Film sehen. Man fühlte sich aber sehr eingesperrt. Sobald man aus der Stadt herausging, betrat man eine Welt, in der man nicht willkommen war. Wir fühlten uns so, wie sich Schwarze fühlen, wenn sie das Gebiet der Weißen betreten.
Hatten Sie dort die Chance, ausländische Filme zu sehen?
Es gab sehr wenige Kinos. Eines zeigte Kung-fu-Filme, Softpornos und ein paar Western. Ich war damals kein Cineast, aber ich war ein guter Geschichtenerzähler. Später erkannte ich dann, daß das Kino für mich die beste Möglichkeit bietet, meine Geschichten zu erzählen. Als ich Godard, Bresson, Cassavetes und die anderen großen Filmregisseure entdeckte, sah ich, daß ich nicht allein war. Es gab also auch eine andere Art, die Welt zu betrachten. Das Kino konnte ein Mittel des Widerstands sein. Jede Art von moderner Kunst hat in sich einen Moment des Widerstands gegen Unterdrückung.
Fühlen Sie sich den heutigen iranischen Filmemachern nahe, etwa Abbas Kiarostami oder Samira Makhmalbaf?
Ich kenne nicht viele iranische Filme, aber ich bewundere das asiatische Kino - Takeshi Kitano, Tsai Mingliang, Hou Hsiao-hsien. Und natürlich Ozu. Ich habe alle seine Filme gesehen.
Nach "Divine Intervention" haben Sie die Möglichkeit, größere, teurere Filme zu drehen. Was machen Sie daraus?
Ich warte, bis ich ein neues Skript fertig habe, dann sehe ich weiter. Es geht ja nicht ums Geld im Kino. Wenn Hollywood "Divine Intervention" produziert hätte, dann hätte der Film zehn Millionen Dollar gekostet. Er hat aber viel weniger gekostet - weil wir weniger hatten. Je mehr Geld da ist, desto größer werden die Budgets. Mit Kunst hat das nichts zu tun.
Das Gespräch führte Andreas Kilb.
Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 03.04.2003, Nr. 79 / Seite 45
Bildmaterial: Alamode Film
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