Von Michael Krüger
02. Januar 2006 Am 17. Januar 2005 wurde Susan Sontag auf dem Friedhof Montparnasse begraben. Es regnete diesen feinen, nahezu unsichtbaren Pariser Regen, den man erst bemerkt, wenn man richtig durchnäßt ist. Jeder der wenigen Trauergäste, die sich am Haupteingang eingefunden hatten und sich untereinander nicht besonders gut zu kennen schienen, was kein Wunder gewesen wäre bei Susan Sontag, die viele Interessen hatte und in vielen Städten zu Hause war; jeder stand trübsinnig unter seinem Schirm. Man wollte kaum miteinander reden, man wollte nicht "Hi!" oder "How are you?" sagen, nicht einmal das "Bon" in "Bonjour" kam einem so richtig über die Lippen.
Hätte Susan Sontag sich auch so verhalten? Kaum vorstellbar. Ihre Neugier auf Menschen, auf Verhältnisse und Verbindungen, auch auf Klatsch war unersättlich, und gerade weil sie nicht in dem Land lebte, aus dem man selber kam, konnte sie einen genußvoll und insistent ausquetschen. Es gehörte zum Anspruch ihres intellektuellen Netzwerks und zu ihrer Selbstinszenierung, daß sie immer sehr genau wußte, wer was tat, dachte, auch zu denken unterließ - ganz gleich, wo der- oder diejenige zu Hause war.
Lesen, Reisen, Sehen
Sie bestand aus Lesen, Reisen, Sehen. Ihrer intellektuellen Wachheit, Geistesgegenwärtigkeit entging selten etwas, die Kapazität ihrer Aufmerksamkeit war unendlich groß. In ihrer Jugend - sie hatte ihre Kinderzeit schnell hinter sich gebracht, samt Studium und Ehe, um rasch ihr Werk beginnen zu können; in ihrer Jugend war sie spielerischer, in einem schönen Sinne unverantwortlicher, sich selbst widersprechender, ambitionierter: eine Idee jagte die nächste, um schließlich das essayistische Gebäude zu bilden, das unter dem Kampftitel "Against Interpretation" nicht nur in Amerika Furore machte - das die amerikanische Kritik und damit das amerikanische Bewußtsein in den sechziger Jahren veränderte.
Ihr ist es zu verdanken, daß sie allen aufkeimenden Tendenzen, sich dem harten formalen Zugriff des "new criticism" zu erwehren, Ausdruck gab, besonders in den Essays "Gegen Interpretation", "Camp" und "Die Einheit der Kultur und die neue Erlebnisweise". Und sie brachte die europäische Kultur nach Amerika: manchmal, besonders nachdem George Steiner vom "New Yorker" gefeuert wurde, hatte man den Eindruck, Susan Sontag sei allein dafür verantwortlich, den heiklen Zusammenhang der westlichen Kultur zu vermitteln. Ohne ihr intellektuelles Pflichtbewußtsein wäre es nicht dazu gekommen, daß einige der französischen Geister, die jetzt neben ihr auf dem Friedhof von Montparnasse ruhen, ihren Auftritt auf der amerikanischen Bühne gehabt hätten: Artaud und Leiris, Natalie Sarraute und Cioran, Ionesco und Roland Barthes.
Unter erbärmlichen Schmerzen das Leben aufgegeben
Der heute schon fast wieder vergessene Roland Barthes, dem sie einen ihrer hellsichtigen Essays gewidmet hat, war einer ihrer Brüder im Geiste: "Alles, was er schrieb", schrieb sie, "war interessant - lebhaft, voller Tempo, dicht, pointiert." Das Porträt von Roland Barthes liest sich heute streckenweise wie ein Selbstporträt von Susan Sontag, wie wir sie kannten. ",Ah, Susan. Toujours fidele', waren die Worte", schreibt sie, "mit denen er mich herzlich begrüßte, als wir einander das letzte Mal sahen. War ich auch, bin ich noch", fügt sie trotzig hinzu. Wenn jemand Lust am Text hatte und Lust auf Text machen konnte, dann war sie es.
Fidele waren wir im Nieselregen auf Montparnasse überhaupt nicht. Ich war froh, daß Carolin Emcke auftauchte. Sie hatte nicht nur, wie Susan, Erfahrung damit, das Leiden anderer zu betrachten - und das heißt ja auch: auszuhalten -, sondern sie hatte Susan noch kürzlich gesehen, bevor dann die schlimme Phase des unerträglichen Schmerzes begann. Es ist bedrückend, daß Susan Sontag, die das Leiden anderer nicht nur beschrieben, sondern über viele Jahre am eigenen Leib erfahren hatte und trotzdem nicht katastrophisch geworden war, unter so erbärmlichen Schmerzen das Leben aufgeben mußte. Ihre Bücher "Krankheit als Metapher" und "Aids und seine Metaphern" sind ja nichts anderes als der Versuch, sich von dem Schrecken der Krankheit zu befreien. Vielleicht, dachte ich, wollte sich die Krankheit für die von Susan betriebene Entmystifizierung rächen?
Dann kam die mächtige Limousine mit dem Sarg, Carolin und ich und der plötzlich aus dem Regen aufgetauchte Bob Wilson, der verspätet aus Oslo eingeflogen war, gingen hinterher. Wilson trug einen zu kurzen wattierten Anorak über dem Jackett, was mir als Regelverletzung angenehm war. Denn der Sarg, der nun auf den asphaltierten Weg, der die Nekropole kreuzt, gestellt wurde, war eine ästhetische Katastrophe: warum darf man einer Schriftstellerin wie Susan Sontag in dem Moment, wo sie sich nicht mehr wehren kann, ein so scheußliches Monstrum als letzten Ort zuweisen? Der Wert einer Zivilisation bemißt sich an der Art und Weise, wie sie mit ihren Toten umgeht; unsere europäischen Särge sprechen nicht für uns. Denn wie kann sich eine Seele, die sich aufmacht, "im größten, mächtigsten aller Imperien" ihren Platz zu suchen, von diesem Bild einer ungewollten Behausung befreien?
Wozu sind Wurzeln gut?
Wurzeln jedenfalls wird sie hier nicht schlagen, ging mir durch den Kopf, und mir fiel der Satz von Gertrude Stein ein, den Susan Sontag in ihren Essays zitiert: "Wozu sind Wurzeln gut, wenn man sie nicht mitnehmen kann?" Susans eigene Wurzeln waren europäisch, sie war europäisch-jüdischer Abstammung und stammte aus dem Gebiet, das sich heute über Litauen und Polen verteilt. Es war die Heimat vieler ihrer Freunde, von Czeslaw Milosz bis Adam Zagajewski und vieler ihrer literarischen Wahlverwandtschaften, von Gombrowicz bis Danilo Kis. "Der Tod von Danilo Kis am 15. Oktober 1989 im Alter von vierundfünfzig Jahren bedeutete das schmerzlich vorzeitige Ende einer Reise in die Literatur, wie sie bedeutender kaum ein Schriftsteller während der zweiten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts unternommen hat." So beginnt Susan Sonntags Essay über Kis. Hat bei uns einer so über Kis geschrieben?
Ich zitiere diese Sätze auch deshalb, weil ich Susans Talent zum passionierten Enthusiasmus erwähnen möchte, ihr ansteckendes Talent für Bewunderung: In den letzten Jahren war nämlich auch ein zunehmend kritischer, abschätziger Ton zu hören, wenn von Susan Sontag die Rede war, ihr exzentrischer Egoismus wurde ihr vorgehalten, ihre Bereitschaft, sich politisch zu äußern, wo andere den Mund hielten, ja, man warf ihr sogar vor, in Sarajewo unter Kriegsbedingungen inszeniert zu haben, nämlich Becketts "Godot". Selbst wenn man in vielen Fragen anders dachte als sie, darf man ihre große Solidarität mit Schriftstellern nie und nimmer in Frage stellen: einen großen Teil ihrer Produktivität hat sie anderen Autoren sehr selbstlos zur Verfügung gestellt, viele hat sie durch ihren Einsatz gerettet.
Bis dahin unbekannte Freunde verändern das Bild
David Rieff, Susans über alles geliebter Sohn, inzwischen selber einer der bekanntesten kritischen Köpfe in Amerika, der sich vor allem mit Kriegen und Kriegsfolgen beschäftigt, sprach die Abschiedsworte. Man mußte zu David, der von Susan nicht nur die Intelligenz, sondern auch den mächtigen Haarschopf geerbt hat, aufblicken, vom Sarg weg, und sah nun die anderen Abschiednehmer, manche erkannte man sofort, wie James Fenton und seinen Freund Darryl Pinckney oder Salman Rushdie, Andrew Wylie, Ivan Nabokov, andere kamen einem bekannt vor, andere hatte man noch nie gesehen. Auf Beerdigungen zeigen sich bis dahin unbekannte Freunde und verändern das Bild, das man von der Verstorbenen hat. Isabelle Huppert trat vor und las ein paar kurze Texte von Susans neuen Nachbarn, bevor wir dann unter Flötenmusik das verwinkelte Labyrinth des Friedhofs betraten, um zuzuschauen, wie der Sarg in das eigentümlich tiefe, dunkle, verregnete Loch gelassen wurde. Jetzt lag sie also neben Emile Cioran, dem rumänischen Exilanten, den sie in den Staaten bekannt gemacht hatte.
Irgendwann war auch diese Beerdigung vorüber. Man gehörte, wieder einmal, zu den Überlebenden. Man schüttelte sich die Hände, wischte die Tränen weg und verkrümelte sich. Paris ist grau, eine graue Stadt, die graueste Stadt der Welt, niemals sieht man es deutlicher als in dem feinen Nieselregen. Ich lief zur Seine und dann zurück zu meinem Hotel. Dort schrieb ich die Erinnerung an unsere letzten Begegnungen auf, an die Begegnungen mit einer trotzigen, dem Tod trotzenden Kranken. Und am Schluß notierte ich, daß ich irgendwann einmal über ihre Vermittlung deutscher Literatur nach Amerika schreiben müßte. Ivan Nagel hat es in seiner glänzenden Laudatio zur Verleihung des Friedenspreises an Susan Sontag angedeutet, aber in der Hauptsache dann über die politische Bürgerin Susan Sontag gesprochen - sprechen müssen, die man nie verdächtigen konnte, Sympathie für political correctness zu haben.
Ein Platz in der Paulskirche war damals leer geblieben, der Platz des amerikanischen Botschafters. Aber einer mußte der Sache nachgehen, von der ersten Begegnung des Kindes Susan mit einem deutschen Schriftsteller, nämlich Thomas Mann, über die großen Essays zu Walter Benjamin und Elias Canetti bis hin zu ihrem Einsatz für W. G. Sebald. Sie selbst sprach nicht Deutsch.
Der Autor ist Verleger und Schriftsteller
Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 01.01.2006, Nr. 52 / Seite 32
Bildmaterial: dpa/dpaweb
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