Von Mark Siemons
02. März 2005 Seit dem 7. Februar, als die 23 Jahre alte Hatun Sürücü an einer Bushaltestelle in Berlin-Tempelhof erschossen wurde und drei ihrer Brüder unter Tatverdacht stehen, weiß jeder, was ein Ehrenmord ist: ein Mord in der Familie, der sich auf Traditionen und Kultur beruft, auf Vorstellungen von Frauen, Ehre und Macht des Kollektivs, die außerhalb dieser Kultur nur als ebenso grausam wie aberwitzig und ungerecht gelten können.
Die Frage, über die allmählich eine Diskussion in Gang kommt, ist bloß, was daraus folgt. Was bedeutet die Kultur als Motiv für eine Tat, an deren Verwerflichkeit es keinen Zweifel gibt, für das Verständnis von Toleranz, Integration und Recht? Ist die Kultur, wie manche das bisher annahmen, ein mildernder Umstand? Oder macht sie das Übel nicht noch größer?
Ein Diversity-Workshop
Als der Türkische Bund in Berlin-Brandenburg (TBB) dieser Tage zu einem Strategiegespräch zu den Vorfällen einlud, war die Scheu, überhaupt von einer bestimmten Kultur zu sprechen, mit Händen zu greifen. Der Berliner Integrationsbeauftragte Günter Piening forderte, diplomatisch abstrakt bleibend, verbesserten Frauenschutz und mehr Täter-Arbeit; eine Vertreterin des TBB bot der Oberschule, an der einige Schüler Verständnis für den Mord geäußert hatten - das Opfer habe doch wie eine Deutsche gelebt -, einen Diversity-Workshop an.
Mitarbeiterinnen von Frauenhäusern klagten darüber, daß sie nicht genug Mittel haben, um bedrohte Frauen nicht nur zu schützen, sondern ihnen auch eine ihre Unabhängigkeit sichernde berufliche Ausbildung zu verschaffen. Der Neuköllner Bürgermeister Buschkowsky gab zwar sein Unbehagen an der Ergebnislosigkeit von Resolutionen zu Protokoll, doch auch er zeigte sich ratlos darüber, wie die sich verfestigenden Blöcke aufzubrechen seien, die Familien oft gegen ihren Willen gefangennähmen. Nicht anders erging es Bildungs-Staatssekretär Thomas Härtel, der von der Schwierigkeit sprach, alle Organisationen an einen Tisch zu bekommen.
Die kulturelle Konkretion
Den Sprung in die kulturelle Konkretion wagte erst gegen Ende ein Mann, der die Veranstalter dafür kritisierte, daß keine Kurden-Vertreter eingeladen worden seien: Wir sind alle aus der Türkei, aber wir sind nicht alle Türken, sagte er gegen die semantische Linie des türkischen Staats, der in seinem Machtgebiet nur Türken kennt, selbst wenn eine Differenzierung die tatsächlichen Türken entlasten würde.
Giyasettin Sayan, der für die PDS im Präsidium des Berliner Abgeordnetenhauses sitzt, sagte, daß die meisten Täter und Opfer der in Deutschland zuletzt bekanntgewordenen Ehrenmorde aus einem eng umgrenzten Territorium in Ost-Anatolien stammten, das überwiegend von Kurden bewohnt wird. Diese Gebiete hätten ihre alte Stammesstruktur über Jahrtausende hinweg bewahrt, während die türkischen Clans schon von der osmanischen Zentralregierung weitgehend zerschlagen worden seien. Nach einem großen Erdbeben seien 1964 viele Bewohner dieser Gebiete nach Deutschland ausgewandert und hätten ihre Traditionen auch hier beibehalten, aufgefrischt durch häufige Besuche in der ostanatolischen Heimat, aus denen sich oft Heiraten und Nachzüge ergeben.
Pflicht zur familiären Loyalität
Sayan ist selber Kurde. Seit seinem Ingenieurstudium in Darmstadt, sagt er, sei er eng mit der deutschen Gesellschaft verbunden, doch in der Krise erfasse auch ihn die Pflicht zur familiären Loyalität. Vor vierzehn Jahren konnte er ein Mädchen, das aus seiner Heimatstadt stammt, vor einem Ehrenmord bewahren. Sie war zwangsweise mit ihrem Cousin in der Türkei verlobt worden, aber sie floh und heiratete in Berlin einen Kurden, den sie liebte.
Vergeblich versuchte Sayan die Familie davon zu überzeugen, daß das Problem nur im Wissen um die Verlobung bestand: Wenn man die Verlobung einfach leugne, stelle sich auch die Frage der Ehre nicht mehr. Schließlich konnte er den Vater dazu bewegen, seine Tochter bloß zu verstoßen, um nicht auch noch das Leben des für die Tötung vorgesehenen Sohnes zu zerstören. Die junge Frau lebte also weiter in Neukölln und bekam im Lauf der Jahre fünf Kinder.
Tragische Fortsetzung
In diesem Januar nun fand die Geschichte eine tragische Fortsetzung. Der Mann, den sie damals aus Liebe geheiratet hatte, lauerte ihr im Hausflur auf und erwürgte sie. Sie hatte vor ihm, der zum Alkoholiker geworden war und sie und die Kinder regelmäßig schlug, Zuflucht bei deutschen Gerichten gesucht, die ein Hausverbot gegen ihn verhängten. Der Mörder wurde festgenommen, doch nun fürchten seine Brüder die Blutrache der Familie der Frau.
Sayan ist wieder unterwegs, um zu vermitteln. Zusammen mit einem anderen kurdischen Politiker, dem den Grünen angehörenden Bezirksverordnetenvorsteher von Friedrichshain-Kreuzberg, und einem kurdischen Imam versucht er in kritischen Fällen, die ihm bekannt werden, mit einflußreichen Mitgliedern der jeweiligen Sippe zu sprechen und so das Schlimmste zu verhüten.
Fünftausend Ehrenmorde jährlich
Natürlich sind kurdische Milieus nicht die einzigen, in denen solche Verbrechen verübt werden; es kann nicht um einen Kollektivverdacht gehen. Die Vereinten Nationen registrieren fünftausend Ehrenmorde jährlich in der ganzen Welt, und dies keineswegs nur in islamischen Ländern. Doch die Berichte von Giyasettin Sayan widersprechen in einem empfindlichen Punkt den Erklärungen, die deutsche Theoretiker wie der Ethnologe Werner Schiffauer nun dem Geschehen geben. Schiffauer meint, daß die Morde in deutschen Großstädten nicht umstandslos auf archaische Stammestraditionen zurückgefürt werden könnten, da hier der soziale Druck des Dorfes nicht existiere.
Für die gewalttätige Eskalation macht er vielmehr die Abgrenzungsbedürfnisse einer neuen ethnischen Unterklasse verantwortlich, die wieder ihr Anderssein betont und dabei auf kulturelle Elemente zurückgreift, die willkürlich aus ihrem Kontext gerissen sind: neben dem Kopftuch eben auch die Ehre. Mit alten Traditionen hat das nichts zu tun.
Kulturen lassen sich nicht fixieren
Dies aber scheint, nimmt man den Bericht aus der kurdischen Innenwelt ernst, nicht zu stimmen. Gewiß hat das Erklärungsmodell der hybriden Kulturen, in denen sich jeder Einwanderer so wie jeder andere Zeitgenosse seine Patchworkidentität aus verschiedenen Kontexten zusammenbastelt, den Vorteil, daß es die Eigendynamik von Projektionen und Sündenbocksuche durchbricht, mit denen ein Zusammenleben sehr belastet wird: Kulturen lassen sich eben nie ein für allemal fixieren, und ebenso wie einzelnen Menschen muß man auch ihnen zugute halten, daß sie sich im Zusammenleben verändern können.
Im übrigen hat die Theorie auch etwas Tröstliches. So schlimm ein Mord in jedem Fall ist: Wenn er auf das Konto einer um Selbstmarkierung versessenen Abgrenzungsstrategie ginge, wäre er immerhin noch ein Produkt der deutschen Gesellschaft selbst. Wir hätten weiterhin die Souveränität über unsere Probleme, die wir auch irgendwie mit unseren eigenen Kategorien lösen könnten.
Die mörderische Kultur
Doch die Realität scheint eine andere zu sein. Das Erschreckende daran ist die opake Undurchdringlichkeit, mit der da eine archaische Stammestradition auch in die deutsche Großstadt hineinzuragen vermag. Die sonst gern unterstellten Mechanismen der osmotischen Durchdringung, die das Fremde über kurz oder lang der liberal-universalistischen Zivilisation anverwandeln, scheinen versagt zu haben. Nicht einmal den Islam kann man hier, wie sonst oft üblich, verantwortlich machen; die Mörder scheinen die Gebote der Religion eher zu suspendieren, wenn sie da einem dumpfen Willen des Herkommens zu folgen suchen. Es ist tatsächlich die Kultur, die da so mörderisch wirkt.
Was folgt daraus? Noch vor wenigen Jahren hatte ein deutsches Landgericht den Mördern eines kurdischen Paars zugute gehalten, daß ihnen aufgrund ihrer stark verinnerlichten heimatlichen Wertvorstellungen nicht bewußt war, daß ihre Beweggründe objektiv als besonders verwerflich anzusehen waren. Mit solch grotesken Einschätzungen dürfte es wohl vorbei sein. So wenig wie Kultur vor Grausamkeit bewahrt, darf sie vor Strafe schützen. Was nicht heißt, daß man es sich leisten könnte, sie zu ignorieren und so zu tun, als könne eine Gesellschaft wie die deutsche nur aus postmodernen Identitätsbastlern bestehen: Auch archaische Stammesverbände gehören, wie man nun feststellen muß, dazu.
Doch man hat sich angewöhnt, Kulturen nur dann zur Kenntnis zu nehmen, wenn sie harmlos sind oder zur Verharmlosung taugen - so, als mindere Kultur von Haus aus die Zurechnungsfähigkeit. Das Gegenteil ist der Fall: Wenn eine Kultur zum Mord anstiftet, vergrößert sie wegen der wohlbedachten Vorsätzlichkeit noch die Schuld. Der Konflikt ist unvermeidlich.
Text: F.A.Z., 03.03.2005, Nr. 52 / Seite 37
Bildmaterial: dpa/dpaweb
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