Keith Jarrett

Der Steinway wird zur Stradivari

Von Wolfgang Sandner, Paris

06. November 2006 Er ist uns nicht erschienen wie ein Geist. Keith Jarrett trat in der renovierten Salle Pleyel zu Paris leibhaftig auf, vor vollem Haus naturgemäß. Aber wenn man das vielsprachige Stimmengewirr vor dem Konzert, in der Pause und danach als Zeichen richtig deutet, dann müssen die Orte seiner raren Solokonzerte für Jazzfans mittlerweile einen ähnlichen Status erlangt haben wie Santiago de Compostela für Gläubige auf dem Jakobsweg. Zu Keith Jarrett kommt man nicht einfach so, zu seinen Konzerten macht man sich auf. Vor allem aus Deutschland, wo der Pianist aus Oxford, New Jersey, in den letzten Jahren zwar hin und wieder im Trio zu hören war, aber seit dem „Köln Concert“ 1975 nicht mehr zu einem seiner monomanischen Soloauftritte erschienen ist.

In der New Yorker Carnegie Hall konnte man ihn am 26. September 2005 erstmals wieder allein erleben, drei Jahre zuvor hatte er in Tokio und Osaka die Bühne ohne musikalischen Begleitschutz betreten und wiederum sieben Jahre davor zum ersten und einzigen Mal die Mailänder Scala. Dazwischen lagen die Jahre der Stille, in denen Keith Jarrett an chronischem Erschöpfungssyndrom litt und nicht mehr in der Öffentlichkeit erschienen ist.

Ein grandioser Akt der Selbstentäußerung

Das gehört der Vergangenheit an. Seine Finger haben ihr musikalisches Gedächtnis wiedererlangt. Mehr noch. Nun stellt sich heraus, daß sie offenbar alles gespeichert haben, was er jemals spielte. Freilich nicht wie auf einer Festplatte. Keith Jarretts Unterbewußtsein ist kein Computer, der ausdruckt, was irgendwann einmal eingegeben wurde. Was in jenen grandiosen Akten der Selbstentäußerung während eines seiner Konzerte hörbar wird, hat einen Verwandlungsprozeß hinter sich, den man auch Improvisation nennen kann. Die Töne, die ihm in die Finger kommen, wurden gewissermaßen einem geistesblitzschnellen Idiosynkrasie-Test unterzogen: Welche Klänge sind mittlerweile durch ständigen Gebrauch ästhetisch enteignet worden? Was läßt sich nach langer Spielpause wieder hörend ertragen? Was kann man an neuem Klang produzieren, indem man Töne in neuen Verbindungen, neuen Farben, neuen Formen präsentiert?

Keith Jarrett ist vermutlich der gebildetste, virtuoseste, kreativste, phantasievollste, vor allem aber rückhaltloseste Pianist der Gegenwart. Das gilt sowohl für die sogenannte Klassik wie den Jazz. Denn wenn es einen Klavierspieler gibt, der keine stilistischen Grenzen kennt, dem Bachs „Wohltemperiertes Klavier“ buchstäblich so geläufig ist wie das Bebop-Piano eines Bud Powell, das Stride-Piano eines James P. Johnson so sehr wie die Klavierstücke von Stockhausen und die „Kinderszenen“ von Robert Schumann, dann ist es der 1945 geborene Keith Jarrett, der bei Art Blakey drei Monate in die Lehre gegangen ist, in der Band von Charles Lloyd Geselle war und bei Miles Davis in drei Jahren selbst zum Meister reifte.

Etwas, das eigentlich umöglich ist

Das hat er vom ersten Klavierton an jetzt auch wieder in der Salle Pleyel demonstriert, einem Konzerthaus, das in seiner kalten, alles offenlegenden Marmorpracht früher zu den gefürchtetsten Tonhallen gehörte und nach der Renovierung nun wohl für diese Art von Konzerten als ideal bezeichnet werden muß. Kein übertriebener Hall, keine trockene Akustik, die den pianistischen Nachdruck fordert, kein Ton, der offenbar beim Hörer anders ankommt, als er auf der Bühne geklungen haben mag, auch keine Pianissimo-Löcher, in denen die Klänge verschwinden, bevor sie überhaupt die ersten Stuhlreihen im Saal erreicht haben.

Es muß Keith Jarrett so inspiriert haben, daß er in einigen magischen Momenten seines zweistündigen, frei improvisierten Konzerts etwas gemacht hat, was eigentlich unmöglich ist: Vibrato auf Klaviertasten und ein Crescendo auf einer Klangpause. Pianisten haben immer schon den vergleichsweise starren Klavierton durch Pedalgebrauch und Legatospiel transzendieren wollen. Keith Jarrett läßt seine Finger auf den Tasten vibrieren, als berührten sie die Saiten einer Stradivari. Und siehe da, im Zittern seiner Finger lösen sich die Töne auf, gewinnen Farbe und Wärme. Bisweilen gerät sein Spiel abrupt ins Stocken. Aber in der kurzen Pause bis zum nächsten Akkordblock oder zur fortgeführten Phrase erhöht sich die Spannung, als würde sich die verklungene Passage im nachhinein noch steigern können.

Als wären es lediglich ein paar Lockerungsübungen

Ein kluger Zeitgenosse hat den Unterschied zwischen Bach und anderen Komponisten anschaulich beschrieben. Wer Stücke für Klavier schaffe, müsse sich nach den Möglichkeiten des Instruments strecken, bei Bach habe sich das Klavier nach ihm richten müssen. Etwas Ähnliches geschieht offensichtlich, wenn Keith Jarrett seine Stegreifkompositionen entwickelt. Da rasen die Finger über das Manual, daß sich die Tasten biegen, da wird die Mechanik des Steinways schier außer Kraft gesetzt, wenn den Tasten nach dem Niederdrücken kaum mehr Zeit bleibt, sich wieder in die Ausgangslage zurückzubilden.

Das Erstaunlichste aber ist immer wieder der unaufhörliche Ideenfluß dieses omnipotenten Pianisten, wie er die einfachste Methode immer wieder neu harmonisiert, bis aus einem an schlichte Jazzstandards erinnernden Song ein impressionistisches Gemälde wird; wie er Orgelpunkte und Repetitionstöne nutzt, um sich in einen wahren Klangrausch zu spielen; wie aus einer kontrapunktisch geführten Invention ein Bartóksches Allegro barbaro wird; wie sich scheinbar unvereinbare Klänge zu einer sinnfälligen Skulptur ergänzen, in der Swingrhythmus und Jazzharmonik nur Elemente seines assoziativ alles erfassenden Improvisationsstils sind.

Plötzlich, nach zwei Stunden voller wunderlichster Rhapsodien, brachialer Klänge, grotesker Genrestücke und den ganzen biegsamen Körper fordernder Tonkaskaden steht Keith Jarrett auf und verläßt die Bühne, als habe er lediglich ein paar Lockerungsübungen absolviert. Kunst darf eben alles, nur nicht schwitzen. Daß hinter der Bühne schon der mitgereiste Physiotherapeut auf den Künstler wartet, muß das frenetisch applaudierende Publikum ja nicht wissen.



Text: F.A.Z., 06.11.2006, Nr. 258 / Seite 35
Bildmaterial: AP

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