Fernsehkritik

Gipfeltreffen: Anne Will bei Beckmann

Von Michael Hanfeld

04. September 2007 Die neue Talkshowsaison beginnt selbstreferentiell: Talkmaster reden mit Talkmastern über Talkshows. Und Reinhold Beckmann unternimmt, was er eigentlich nicht im Sinn hat: ein Stück Eigenwerbung für die ARD. Da diese aber mit seiner neuen, alten Kollegin Anne Will und deren in zwei Wochen beginnender Talkshow verbunden ist, ist es zugleich naheliegend, sie einzuladen. Nicht auszudenken, sie hätte über ihre neue Show erst einmal bei Kerner sprechen sollen. Oder bei Sandra Maischberger. Oder bei Frank Plasberg. Gar nicht zu denken an das neue ARD-Duo Schmidt & Pocher.

Anne Will also bei Reinhold Beckmann: Das war ein Gespräch, das viel über beide verriet. Über ihre Herangehensweise und ihre Ziele. Anne Will hat vor, eine genuin politische Talkshow zu machen, die von einem gewissen Erkenntnisinteresse geleitet ist. Das hat sie inzwischen noch und nöcher verkündet und das ist an sich nicht eben originell. Da dieser Plan aber radikal mit dem Konzept ihrer Vorgängersendung „Sabine Christiansen“ bricht, ist es sehr wohl originell und sogar ein echtes Wagnis.

Die ARD-Chefs waren mit Christiansens Plauder- oder Brüllstündchen am Sonntagabend nämlich eigentlich ganz zufrieden - die Quoten stimmten. Dass die Kritiker sich die Finger wund schrieben und die Sendung zum nicht enden wollenden Jahrmarkt der Eitelkeiten mutierte, war für sie kein Kriterium. Ob Aufklärung, Gegenaufklärung oder Verklärung - was fürs Erste zählt ist, einen starken Sonntagabend zu gestalten, mit welchen Mitteln auch immer.

Andere Mittel

Die Mittel von Anne Will werden aber nun erkennbar andere sein, als wir sie von ihrer Vorgängerin kennen. Sie will wirklich etwas wissen, sie beharrt auf Antworten, sie hakt nach. Sie lässt die Dinge nicht laufen. Und sie legt Wert auf Distanz. Auf eine Distanz, die sie selber hält, vor allem zu den Politikern, die man aber auch zu ihr halten möge. Auch darin unterscheidet sie sich radikal von ihrer Vorgängerin, deren Talkshow von einer Symbiose Zeugnis ablegte. Dass es für Anne Will nicht leicht wird, damit in jeder Hinsicht zu brechen, war auch am Montagabend bei Beckmann schon zu sehen. Sie ist souverän, sie ist sympathisch, sie beherrscht ihr Fach. Doch sie ist nun auch eine noch öffentlichere Person, als sie dies zuvor in ihrem Job bei den „Tagesthemen“ war. Mit dem Interesse an ihrer Talkshow wächst das Interesse an ihrer Person. Wer das nicht schlankweg bedient und nicht selber Auftritte privater Natur hinlegt, bekommt heutzutage schnell zu spüren, welche Ansprüche die lieben Kollegen auf der Suche nach einer Geschichte stellen, und zwar nicht nur die von den bunten Blättern.

Anne Wills Gespräch bei Beckmann sagte in seiner unspektakulären Art aber auch noch etwas anderes: Es zeigt den neuen, alten Beckmann, der im Gespräch mit der F.A.Z. gesagt hat, dass er sich eigentlich gar nicht in der Konkurrenz zu Anne Will und Frank Plasberg sieht. Doch steht er natürlich in dieser, zumal er sich vorgenommen hat, mehr oder weniger ausnahmslos Sendungen zu produzieren, die nicht einfach die Zeit vertreiben, sondern die etwas bewirken und die nachwirken. Da war dieser Montag mit Anne Will und hernach mit den ehemaligen Fußball-Managern Assauer und Calmund (der erst einmal die rund zweihundert Jobs aufzählen musste, die er macht, seit er nicht mehr Manager von Bayer Leverkusen ist) und schließlich mit Pater Anselm Grün ein ganz guter Auftakt. Pater Grün sprach vom Glück und wie man es findet. Womit er auch meinte, dass es ein Glück sein kann, zu allem Fragen zu haben, aber nicht immer eine Antwort.



Text: FAZ.NET
Bildmaterial: ARD/Thorsten Jander

 
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