Harald Schmidt

Noch nie war er so gut wie heute

Von Michael Hanfeld

Hinter Gittern

Hinter Gittern

11. Dezember 2003 Wer's glaubt, wird selig. Wer glaubt, daß bei der Kündigung des Sat.1-Geschäftsführers Martin Hoffmann persönliche Gründe keine Rolle gespielt haben, wie der Vorstandsvorsitzende von Pro Sieben Sat.1, Urs Rohner, jetzt im Interview mit der "Welt" sagte, der muß die letzten Jahre der Unternehmensgeschichte komplett ausblenden.

Es sind sogar sehr persönliche Gründe, über die in diesem Zusammenhang spekuliert werden darf, nur war es in der Vergangenheit so, daß diesen aus sachlichen Gründen stets jemand im Vorstand des Konzerns widersprach. Das hat sich seit dem Einstieg von Haim Saban als Mehrheitsaktionär radikal geändert. Die persönliche Rache des einen traf vielmehr auf das Kalkül des anderen und siehe da - von einem auf den anderen Tag wird nicht nur ein Geschäftsführer geschaßt, es ist auch gleich der nächste verfügbar. Nur einen Late-Night-Moderator wie Harald Schmidt, den werden sie nicht über Nacht finden. Es sei denn, sie setzen bei Sat.1 den armen Thomas Koschwitz nicht wie geplant am frühen Morgen, sondern am späten Abend ein. Daß darüber durch eigenes Zutun laut spekuliert wird, müßte dem Sender freilich schon peinlich genug sein. Das ist in etwa so, als verkünde die Formel 1, man habe Ferrari und Michael Schumacher leider verloren, doch nun trete Lada an, mit Johannes Heesters als Fahrer.

Mit Vollgas am Abgrund

Wie man mit Vollgas am Abgrund entlangrast, das demonstrierte am Dienstag abend abermals der vielbesungene Harald Schmidt. Von der ersten bis zur letzten Minute stimmten die Anspielungen, von der Ankündigung des Endes mit Schrecken (gemeint war die Koalition in Hamburg) bis zur "Kreativpause" (die der Sänger "Sasha" nach seiner zwischenzeitlichen Metamorphose zu dem Rock 'n' Roller namens "Dick Brave" nehmen will). Quälend lange nahm Schmidt seine Zuschauer mit auf die Suche nach seinem Meister Eckhart Manuel Andrack, der mit dem Wasserträger Sven in einem Hinterzimmer schon mal heimlich für seine eigene Show probte. Wie er sich für seine Mitarbeiter einsetzt, das demonstrierte Schmidt derweil, indem er bei Florian Gerster einen der neuen Arbeitsamts-BMWs orderte, der sogleich in Silbermetallic angebraust kam und zwei wartende Mitarbeiter Schmidts aufnahm.

In Wahrheit ist die Angelegenheit natürlich halb so witzig, doch sollte man auch nicht hingehen und sie dergestalt übelwollend mißdeuten, daß Schmidt sich auf Kosten seiner eigenen Leute amüsiere. Längst nicht alle würden arbeitslos, auch könne sie nicht bestätigen, daß es zu Kündigungen komme, sagte Schmidts Agentin Sigrid Korbmacher dieser Zeitung. Es sei vielmehr so, daß die Verträge der Mitarbeiter, die an die Produktion der "Harald Schmidt Show" gebunden sind, auslaufen, weil die ganze Show eben endet. Womit bis vor nicht mal einer Woche - als der Sat.1-Geschäftsführer Hoffmann gekündigt wurde - niemand rechnen mußte. Insofern haben sämtliche Scherze, die Schmidt in seiner Show derzeit treibt, einen ernsten Hintergrund. Doch den haben sie - nur falls es noch jemand nicht bemerkt haben sollte - immer. Seine Firma Bonito TV aber wird es, wie Sigrid Korbmacher sagte, weiterhin geben. Sie produziert weiterhin für Sat.1 die Show von Kaya Yanar und hat verschiedene Werbeaufträge. Genaue Zahlen, wie viele Menschen vor und nach dem Ende der "Harald Schmidt Show" noch bei Bonito TV arbeiten werden, konnte Sigrid Korbmacher nicht angeben.

Scheinrationale Hilfsargumente

Exakt in Zahlen fassen läßt sich aber - was man bei Schmidt nicht muß, was aber beweist, wie dürftig all die scheinrationalen Hilfsargumente sind, mit denen sein Weggang nun senderspitzenseits zu erklären versucht wird - der Erfolg der letzten Tage, die natürlich ob der Lage für die Zuschauer noch interessanter geworden sind. Demnach haben am Dienstag im Schnitt 1,79 Millionen Zuschauer Harald Schmidt gesehen, 1,46 Millionen schalteten die "Menschen bei Maischberger" ein, Johannes B. Kerner versammelte im Schnitt 1,26 Millionen Zuseher vor dem Schirm. Mit Blick auf die fürs Privatfernsehen leider immer noch maßgebliche Gruppe der Zuschauer im Alter zwischen vierzehn und neunundvierzig Jahren verteilte sich der Markt zwischen Schmidt, Maischberger und Kerner im Verhältnis 20,9 Prozent zu sieben Prozent zu 5,8 Prozent. Das nur als Beleg zur Bedeutung einer Sendung, deren Macher angeblich unter einem "Burn-out" leidet. Fragt sich, bei wem hier was abgebrannt ist und für wie glaubhaft man die Äußerung des neuen Sat.1-Geschäftsführers Schawinski halten mag, der in einem Interview sagte, er habe sich bei Schmidt am Telefon dafür bedankt, "daß er mir innert drei Tagen mehr Bekanntheit in Deutschland verschafft hat, als andere Senderchefs in drei Jahren bekommen". Schmidts Abgang als PR-Coup - darauf muß erst mal einer kommen.

Brennend interessieren muß einen beim Thema "Burn-out" natürlich auch, wie es gestern im Aufsichtsrat von Pro Sieben Sat.1 zugegangen ist. Harald Schmidt hatte erst kürzlich in seiner Show die Namen der neuen Vertreter amerikanischer Investoren auswendig gelernt. Die werden eher wenig amüsiert beobachten, wie sich die holzfällerhafte Weise, in der Haim Saban und seine Leute hier zu Werke gehen, auswirkt. Daß der Vorstandschef Urs Rohner in diesem Zusammenhang vielleicht tut, wonach ihm ist, wie eingangs erwähnt, vor allem aber, was Haim Saban will, kann man aus einem Satz des Interviews herauslesen, das er gestern in der Zeitung des Mitgesellschafters Springer, "Die Welt" gab. Auf die Frage, ob beim Rauswurf des Geschäftsführers Hoffmann persönliche Gründe eine Rolle gespielt hätten, heißt es dort: "Wer mich kennt, weiß, daß ich noch nie aus persönlichen Gründen eine Entscheidung getroffen habe. Solch eine Entscheidung trifft ein Vorstandschef ohnehin nicht allein." Der neue Geschäftsführer von Sat.1 Schawinski soll sich in Berlin übrigens der besonderen und der besonders positiven Beachtung aus München und Los Angeles erfreuen.

An einem Strang

Ins Reich der Legende aber darf man getrost Hinweise darauf verbannen, es sei alles eine Frage des Geldes und der vermeintlichen Geldgier Schmidts gewesen, daß die Lage ist, wie sie ist. Am 16. Februar sollte Schmidt wieder für Sat.1 an den Start gehen, 168 Shows waren vorgesehen, die Tinte unter den Verträgen in Reichweite. Die Frage, warum es dann doch nicht geklappt hat, sollte Roger Schawinski nicht, wie er im Gespräch mit einem Schweizer Internetdienst sagte, an den früheren Geschäftsführer weiterreichen, sondern an den Chef des Vorstands. Mag es auch aus unterschiedlichen Motiven sein - Rohner, Schawinski, Saban und dessen starker Mann im Vorstand Guillaume de Posch - sie ziehen an einem Strang.

Programm gemacht wird bei Pro Sieben und Sat.1 nebenher auch noch. Am Dienstag bewies letztgenannter Sender abermals seine "Powered-by-Emotion"-Kompetenz durch die Komödie "Flitterwochen im Treppenhaus", aus deren Mittelmäßigkeit als witzige Pointe der Wortwechsel herausragt, mit dem der Schauspieler Steffen Wink in der Rolle eines emotional eher unintelligenten Event-Managers begründet, warum er das Foto des Verflossenen der Apothekerin und Amateur-Schriftstellerin Kim (Susann Simon) vor ihren Augen verspeist: "Spätestens nach zwei Jahren sollte die Sache gegessen sein." Pro Sieben wird uns dafür in der nächsten Woche erklären "Wie man seinen Ex verläßt", heute abend aber noch zeigen, daß "Ein Vater zu Weihnachten" nicht das schlechteste Geschenk ist, vor allem, wenn es davon gleich zwei gibt und sie von Hannes Jaenicke und Heio von Stetten gespielt werden. "We love to entertain you" flötet uns dieser Sender ins Ohr, dessen Geschick abermals im Windschatten der Sat.1-Querelen weniger wahrgenommen wird. Das unfreiwillige Unterhaltungsprogramm, für das Saban und seine Leute sorgen, paßt indes viel besser zu dem großen Vorhaben 2004 des ZDF - das ist eine "Telenovela" in 160 Teilen.

Es läuft nichts

Apropos Geschichten erzählen und Legenden verbreiten: Einige Intendanten übertreffen sich zwar seit Tagen in Liebesbekundungen in Sachen Schmidt, wenn man aber nachfragt, ob dem schon Taten folgen, stellt man fest: Es läuft nichts. Vielleicht noch nicht, vielleicht aber auch gar nicht vor allem für diejenigen, die jetzt am lautesten "Hier" schreien. (Claus Peymann will Schmidt ans Berliner Ensemble holen.) Bei der ARD sollten sie besonders vorsichtig sein. Haben sie doch schließlich gerade erst Bärbel Schäfer von RTL übernommen und muten uns vom 5. Januar an Margarethe Schreinemakers zu. Wie, um Himmels willen, soll zu solch einem Programm Harald Schmidt passen? Die passenden Worte hat der große Schweiger in eigener Sache selbst übrigens in einem bahnbrechenden Interview gesagt, das wir heute dokumentieren. Reinhold Beckmann, den wir gestern neben anderen als Zeugen der Katastrophe bemühten, müßte also in der Tat in doppeltem Sinne wissen, wovon er spricht.

Harald Schmidt läuft derweil vom 19. Januar an doch weiter bei Sat.1 - als Konserve. "Die gigantische Reaktion" auf dessen Rückzug "hat uns dazu bewogen, seine legendären Sendungen noch einmal auszustrahlen", sagte gestern der neue Sat.1-Geschäftsführer Roger Schawinski. Falls sie den echten Schmidt live wiederhaben wollten, müßten sie wohl nur noch den alten Senderchef zurückverpflichten. Bis Februar ist ja noch etwas Zeit.

Ich finde, der Sender Sat.1 hat mehrfach Fernsehgeschichte geschrieben. Zum ersten Mal, als sie einen David-Letterman-Klon auf den Bildschirm gelassen haben. Zum zweiten Mal, indem sie die "Harald Schmidt Show" acht Jahre lang durchgehalten haben, und nun zum dritten Mal, da sie die einzige nicht von Quotenfachleuten verseuchte Zone des deutschen Fernsehens asphaltieren. Ich stelle mit Entsetzen fest, daß es bei meiner eigenen Late-Night-Show der Proteste von fünf Millionen Schweizern bedurfte, um sie einzustellen, während in Deutschland im Fall von Harald Schmidt dafür bereits offenbar ein Schweizer gereicht hat. Die Frage, ob es sich Sat.1 leisten kann, sich Harald Schmidt nicht mehr zu leisten, ist offen. Ob Harald Schmidt es sich leisten kann, daß sich Sat.1 ihn nicht mehr leistet - das steht außer Frage.

Dieter Moor, Kabarettist, Moderator, Schweizer

Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 11.12.2003, Nr. 288 / Seite 42
Bildmaterial: dpa/dpaweb

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