Filmkritik: Colin Farrell in "Miami Vice"
24. August 2006 Miami ist heute eine vollkommen andere Stadt als vor zwanzig Jahren. Der Himmel über dem hellbunten, palmenbewachsenen Paradies der Partydrogenbarone hat sich verdüstert, und der Blick zum Horizont aus allseitig verglasten Penthouses sieht entweder den letzten Sturm abziehen oder den nächsten Hurrikan nahen. Die Farben, so sie überhaupt sichtbar werden, sind greller geworden, die Kontraste schärfer, die Häuser höher und die Waffen auf allen Seiten deutlich effektiver. Ihre Geschosse schlagen mühelos halbe Autokarosserien weg und lassen auf dem Weg in den Rücken des Opfers auf dem Vordersitz von der Lehne nur ein Häuflein Polsterkrümel übrig.
Das Verbrechen, das sich aus der Unterwelt über die Polizei in die besseren Kreise vorgefressen hat, ist organisiert wie ein internationaler Konzern. Es gibt keinen Ehrenkodex wie den, auf den die Mafia einst stolz war, und längst schon handeln die Kartelle nicht mehr einzig mit Koks. Alle Sorten anderer Drogen, Waffen, schwarzkopierte Software, Mädchen ohne Paß werden verschoben, Allianzen mit Diktaturen gepflegt, extremistische Gruppen ausgestattet. Ein eigener Abwehrdienst sorgt dafür, daß die Versuche von Polizei und FBI, die Geschäfte zu stören, früh erkannt und zunichte gemacht werden. Miami, einst als südlichste Stadt der Vereinigten Staaten Grenzposten zur Karibik, ist heute der nördlichste Außenposten Süd- und Lateinamerikas. Die Drogen kommen von dort, die Waffen kommen von dort und die mächtigsten Verbrecher auch.
Unübersehbar im einundzwanzigsten Jahrhundert
So ist die Lage zu Beginn von Miami Vice. Daß der Film von Michael Mann mit der gleichnamigen Serie, die er in den achtziger Jahren produzierte, außer dem Titel und einigen Figuren überhaupt nichts gemein hat, ist wenig überraschend. Michael Mann hat immer an vorderster Stelle im Zeitgenössischen gearbeitet. Das war schon damals so, weshalb wir heute, wenn wir über die achtziger Jahre und darüber, wer sie geprägt hat, sprechen, sofort auf Miami Vice, die Serie, verfallen. Und das ist heute so.
Miami Vice, der Film, sieht aus wie kein anderer, und er hat nichts, was nicht unübersehbar ins einundzwanzigste Jahrhundert gehört - die abgeschabten Werbebleche mit französischen Reklamesprüchen in Haiti und die verglaste Luxuswohnung hoch über Miami, die Schnellboote und die zwölfkalibrigen halbautomatischen Benelli M4 Super 90-Gewehre, die gepanzerten SUVs, die 40-Millimeter-Granatwerfer der Marke Heckler & Koch, die superleichten Flieger, die auf den Radarschirmen in den Kontrolltürmen nur kurz aufleuchten und dann verschwinden, und die Identitätsprobleme der Helden.
Die Gefahren für die Detektive Crockett (Colin Farrell) und Tubbs (Jamie Foxx) sind größer, ihre Einsätze entsprechend höher und ihre Fragen ans Leben um ein vielfaches dringlicher. Sie arbeiten undercover, ausgestattet mit fremden Lebensläufen. Sie führen das Leben der Verbrecher, die sie jagen. Und sie müssen zu zweit sein, damit immer einer dem anderen sagen kann, wo die Grenze verläuft, die sie nicht überschreiten dürfen. Wobei diese Grenze bei Mann von keinem Gesetz, keiner Vorschrift definiert wird, sondern nur von einem Gefühl der persönlichen Integrität. Denn die Männer im Zentrum von Manns Filmen leben nicht in getrennten Welten des Jobs und des Privaten. Sie werden, wer sie zu sein scheinen. Sie sind völlig eins mit dem, was sie tun. Wenn sie damit fertig sind, müssen sie zurück. Du hängst dir die Polizeimarke um, und in diesem Moment wird alles zusammenbrechen. Bist du darauf vorbereitet? fragt Tubbs kurz vor einem der erstaunlichsten Showdowns der letzten Jahre unter einem grauschwarzen Himmel, über den rötliche Wolken wabern, als brenne schon alles, was darunter liegt, und Crockett antwortet: Ganz und gar nicht.
Es gibt nichts, was sie im geheimen tun können
Tubbs liebt Trudy (Naomie Harris), die zur selben Polizeieinheit gehört wie er. Das ist kein Problem, jedenfalls so lange nicht, wie sie noch nicht mit einer Zündschnur um den Hals von einer Arischen Bruderschaft als Geisel gefangengehalten wird. Crockett liebt Isabella (Gong Li). Das ist ein Riesenproblem, denn erstens ist sie die Geliebte und Geschäftspartnerin des mächtigsten Manns im Kartell, das Tubbs und Crockett infiltriert haben, und zweitens kennt sie ihn nur als Transportfachmann für Schmuggelgut. Die beiden sind füreinander bestimmt, außer daß, in Manns trockenen Worten, Isabella die falsche Frau ist und Crockett der falsche Mann.
Michael Mann hat immer wieder betont, er wolle kein Genreregisseur sein - obwohl niemand in den letzten dreißig Jahre uns deutlicher gezeigt hat, was ein Thriller auch sein kann, als Mann mit Manhunter, Heat und Collateral. Genre bei Mann ist eine glasklare Struktur, keine Formel, nach der eine Geschichte erzählt wird, sondern eine Form, die bestimmt, was ihr Inhalt bedeutet und wie er aussieht. Etwa so: In einer rhythmisch pulsierenden Eröffnung in einem Club mit silberverpackten Tänzerinnen, wo Crockett, Tubbs und ihre Truppe einen lokalen Drogenkönig hochgehen lassen wollen, zeigt uns Mann seine Instrumente. Es ist dunkel, die Kamera sitzt den Personen im Genick, der Ton ist laut, die Dialoge werden gedämpft genuschelt.
Jede gerissene Kamerabewegung zeigt uns eine weitere Figur, die später von Bedeutung sein wird, wir sehen Aufnahmen des Geschehens in einem Überwachungswagen, auf Monitoren von Laptops und den Displays von Mobiltelefonen, dann verschwindet der Observierte hinter einer Tür, und Crockett und Tubbs stehen allein auf dem Dach des Clubs, unter ihnen flimmernd die Lichter der Stadt. Es ist ihr letzter Moment als die, die sie waren. Und wir wissen, daß es von nun an nichts geben wird, was sie im geheimen tun könnten.
Das Wesentliche: ein ungewöhnliches Spektakel
Die Story, die folgt, ist teilweise vorhersehbar, aber in jedem Schritt so knapp erzählt, daß sie den Blick aufs Wesentliche nicht verstellt. Das Wesentliche ist ein ganz ungewöhnliches Spektakel aus grandiosem Filmemachen mit High Definition Video, das Kameramann Dion Beebe eine Tiefenschärfe von hier bis zum Horizont erlaubt und den Bildern manchmal eine großkörnige Rauheit und den Farben einen Hauch extraintensive Tönung verleiht. Die Augenblicke wahren Gefühls werden mit High-Tech-Polizeiaktionen gemischt und das Ganze von einem elaborierten Soundtrack getragen, aus dem manchmal die Originalgeräusche vollkommen ausgeblendet werden, als drifteten wir mit den Figuren durch einen Traum.
Doch die Schauplätze sind real, und auch bei den Aktionen schummelt Mann nicht: Jede Bewegung ist minutiös geprobt, trainiert und ausgeführt, und so bleibt uns auch in den unwahrscheinlichsten Augenblicken ein Gefühl von Wirklichkeit erhalten. Einer Wirklichkeit, in der es um etwas geht. Und das sind nicht die Regeln des Genres, sondern die Frage, wohin unser Weg führt, wenn wir nicht mehr wissen, wer wir sind.
Text: F.A.Z., 23.08.2006, Nr. 195 / Seite 31
Bildmaterial: FAZ.NET mit Material von United International Pictures
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