Von Andrea Ritter
11. Januar 2004 Der Initiationsritus beginnt mit Tesafilm. Denn der Tag, an dem "Der kleine Muck" an den Ecken zugeklebt wird und Hans Paetsch der Hitparade weichen muß, ist eine magische Schwelle. Dann kommt der erste Zehnerpack BASF. Einsame Nächte vor dem Radio. Coole Jungs, die auf dem Schulhof mit TDK High Position Chrom blenden. Die Entdeckung, daß man nicht mehr Kassettenrekorder sagen darf, weil es Tape-Deck heißen muß. Und was ist bloß "Indie"?
Wenn man anfängt, sich für Popmusik zu interessieren, wird man erwachsen. Und alles wird schwieriger. Weil nämlich mit BASF auch unweigerlich die Liebe einzieht. Die unausgesprochene, ungestandene. Heraus will sie, heraus soll sie, aber wie? 250 Meter Magnetband müssen sagen, was das schüchterne Herz nicht über die Lippen bringt. Neunzig wertvolle Minuten, stundenlanges Grübeln, weil ein falscher Song dazu führen kann, daß das Leben künftig nur noch nach Nick Drake klingt. Und nichts ist schlimmer als. Klick. Bevor das Lied zu Ende ist.
Rec.
Ich mach' dir mal ein Tape. Auch ohne Nick Hornbys Roman "High Fidelity" gelesen zu haben, glaubt niemand mehr ernsthaft, es ginge bei diesem Satz um Musik. Hier wird nicht einfach eine Kassette aufgenommen. Hier geht es ums märchenhafte "Ruckedigu, Blut ist im Schuh" - paßt die Kassette, paßt auch der Mensch. Vielleicht. Deshalb ist nicht nur die Musik wichtig, sondern auch das Cover und - vor allem - der Titel. Welch komplizierte Liebesgeschichte mag wohl hinter dem Es-ist-gar-nicht-so-einfach-dir-eine-Kassette-aufzunehmen-aber-ich-hoffe-sie-gefällt-dir-trotzdem-Mix" stecken? Welche Dramatik in den Auslassungspunkten von "Words ..."? Und wenn die Botschaft mal nicht ankommt, dann war es halt nur eine Musikkassette, nichts weiter, dumdidum, alles ganz unverbindlich.
Die Wissenschaft, ein Mixtape aufzunehmen, ist inzwischen selbst zum Gegenstand der Wissenschaft geworden: Vor einem Jahr startete am Hamburger Institut für Volkskunde das Projektseminar: "C-90 - Vom Umgang mit einem technischen Speichermedium". "Es ist wirklich überraschend, welche Gesprächsbereitschaft das Thema ausgelöst hat", sagt Thomas Overdick, der das Seminar zusammen mit Gerrit Herlyn geleitet hat, und zieht daraus auch gleich ein erstes Fazit: "Wir scheinen den Nerv der Zeit getroffen zu haben." Hunderte von Anekdoten, Bastelmaterialien und natürlich fertigen Mixtapes türmten sich zu einem Datenberg, dessen Auswertung nun vorliegt: "Kassettengeschichten - Von Menschen und ihren Mixtapes" aus der Reihe "Studien zur Alltagskultur" faßt zusammen, was wir schon immer fühlten. Eine Kassette ist nicht nur ein Postillon d'amour oder ein "Sozialisationsfaktor". Sie ist der Lindenblütentee der Gegenwart. Einmal kurz "Dänemark Galore - die Rückfahrt" einlegen, und schon hat man sie gefunden, die verlorene Zeit, sitzt wieder im roten R4 von damals, dem ersten Auto, in dem rauchen erlaubt war.
"Erinnern konstituiert die Ich-Identität", sagen Neurowissenschaftler, und insofern wird die Kassette zum persönlichkeitsbildenden Archiv: Episoden des Lebens, in Schuhkartons aufbewahrt, um die Vergangenheit wachzurufen oder die eigenen Veränderungen erlebbar zu machen. Eine Mixkassette wirft man nicht weg. Und wenn sie im Bandsalat erstickt, wird getrauert.
Play
So wie im vergangenen Jahr. Da wurde die Kompaktkassette vierzig Jahre alt - für viele ein Grund, ihr mal wieder ein Requiem zu singen, schließlich gibt es jetzt CD, DVD oder Mini Disc, digital, kopierbar, rauschfrei. Doch wer meint, daß heute nur verträumte Vinylromantiker Kassetten aufnehmen, irrt. In Jugendzimmern wird immer noch gebastelt, geklebt und gespult, was die Popkultur hergibt. Das beweist nicht nur die Studie der Hamburger Tapeforscher, sondern auch ein Blick ins Internet, wo in blümchenverhangenen Foren dem Mixtape gehuldigt wird. Natürlich profitiert die Kassette von der "Wärme" und "Ursprünglichkeit", die dem älteren Medium immer zugeschrieben wird, sobald ein neues auf den Markt drängt - das gehört zu dem System der Dinge, wie es Jean Baudrillard schon in den sechziger Jahren beschrieben hat.
Dennoch ist die Treue zur Kassette mehr als ein weiterer Retro-Trend. Denn nicht das Medium steht im Mittelpunkt des Kults, sondern die Art, mit ihm umzugehen. Was ist schöner - vor Lautsprechern zu lauschen oder einem PC beim Kopieren zuzusehen? Eben. Und selbst wenn es dem Beschenkten nur selten auffällt, daß er nicht die einzige, sondern die zehnte Ausgabe von "All that mattered in 2002" gebrannt bekommen hat - die Kassette lebt von der Einzigartigkeit. Sonst rauscht sie. Sein ideeller Wert macht das Mixtape zum perfekten Geschenk. Strategisch genutzt, dient es der "Realisierung sozialer Ziele", sagen die Volkskundler. Die durchschnittlichen Mixtaper, auch das wurde erforscht, lassen sich verschiedenen Gruppen zuordnen. Da gibt es den "Kommunikator", der sich einfach um den Austausch schöner Musik bemüht. Ein netter Zeitgenosse ist auch der "Versorger". Mit großer Plattensammlung und viel Zeit für das Studium einschlägiger Musikmagazine verschenkt er Neues, Unbekanntes oder Rares. Schlimm, aber nicht selten: der "Missionar". Bekehrungswütig sucht er nach Baßläufen mit besonders komplizierter Taktzahl, abends weint er in sein Bierglas, weil niemand seine Mühe zu schätzen weiß. Dem "Egomanen" ist das egal. Er sitzt sowieso alleine am Tresen, die letzten Freunde längst mit den B-Seiten japanischer Punk-Label vergrault. Ihm doch egal.
Wem es so ergeht, ist ein Mixtape-Soziopath. Denn eigentlich läßt die Suche nach sozialer Anerkennung auf die Record-Taste drücken. Wie die richtigen Schuhe dient auch der richtige Musikgeschmack der Selbstdarstellung. Und wie das Schuhregal ist auch das Angebot an Tonträgern begrenzt - in der Menge und in der Akzeptanz. Was der Taper will, ist, einen guten Eindruck zu machen. Und vor allem: die ungebrochene Aufmerksamkeit des Zuhörers über beide Seiten der Kassette. Denn was bei einem selber funktioniert, funktioniert auch anders herum: Ein guter Mixtape-Schenker zu sein bedeutet, sich in der Erinnerung des anderen einen Platz zu sichern. Wenn es gut läuft, für immer. Mixtapen macht unsterblich. Ein bißchen zumindest.
Eject
Leider gibt es auch nach wissenschaftlicher Analyse kein Patentrezept, wie man dieses Ziel erreicht. Immerhin konnten die Alltagsforscher die bewährtesten "Tape-Dramaturgien" herausarbeiten: Die "Wellenbewegung" hat Angst vor Langeweile und wechselt deshalb zwischen "schnell" und "langsam". Dagegen setzt die "Linie" auf Harmonie. Bruchfreie neunzig Minuten ohne Stimmungsschwankungen, ideal für Autofahrten oder Rendezvous, je nachdem. Etwas langweilig und eigentlich pubertären Jungs vorbehalten: die "Liste". Meine Top Ten. Meine zehn liebsten Smith-Songs. Und so weiter. Die Kür ist die "Geschichte" - Einleitung, Hauptteil und Schluß voller Referenzen und Zitate, mit ordentlicher Regieführung bis zum letzten Millimeter. "Wenn du dir von einem Mann eine Kassette aufnehmen läßt, erfährst du mehr über ihn, als wenn du mit ihm schläfst", sagt die Protagonistin in Karen Duves Roman "Dies ist kein Liebeslied".
Mag stimmen. Die weitverbreitete Ansicht, daß Männer Kassetten schenken und Frauen Kassetten bekommen, ist trotzdem falsch - auch das hat die Hamburger Studie gezeigt. Vielleicht kommt dieses Gerücht aus der schicksalshaften Zeit zwischen fünfzehn und siebzehn Jahren, in der selbst Jungs mit TDK High Position Chrom mindestens drei Jahre älter sein mußten, um cool zu sein. In dem Alter hat man einfach mehr Material für Mixtapes. Und selbst wenn die Träume beim Aufnehmen einer Kassette sich in der Realität beim Abspielen nie erfüllen, das Schicksal des "Kleinen Muck" kann sie nicht treffen. Mixtapes überspielt man nicht.
Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 11.01.2004, Nr. 2 / Seite 22
Bildmaterial: RTL
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