08. August 2004 Der Spiegel-Verlag, die Axel Springer AG und die Süddeutsche Zeitung haben beschlossen zur alten Rechtschreibung zurückzukehren. Die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung sprach mit dem Chefredakteur des Nachrichtenmagazins Spiegel, Stefan Aust.Herr Aust, warum kehrt der "Spiegel" nach fünf Jahren zur alten Rechtschreibung zurück?Es kann nicht angehen, daß eine kleine Gruppe von Experten eine Neufassung der deutschen Sprache beschließt, ohne zu berücksichtigen, ob die Bevölkerung das eigentlich will oder ob es notwendig ist. Wir würden diesen Schritt, raus aus der Reform, nicht machen, wenn wir den Eindruck hätten, daß die Mehrheit der Bevölkerung mit der neuen Rechtschreibung zurechtkommt und sie akzeptiert. Aber die Mehrheit der Bevölkerung will die Reform nicht. Insofern ist unser Schritt ein Signal - dafür, daß wir nicht alles mit uns machen lassen! Ein Akt des zivilen Ungehorsams.
Schiffahrt wieder mit zwei "f" zu schreiben, verstehen Sie das als Akt des zivilen Ungehorsams?
Was maßen die sich an, die Sprache für uns alle neu regeln zu wollen! Kinder sollen in der Schule eine Schreibweise lernen, die sie in den Büchern, die sie lesen sollen, nicht wiederfinden. Grass zum Beispiel besteht ja auf der alten Schreibweise. Die Reform ist eine zwangsneurotische Bürokratenlösung.
Warum hat der "Spiegel" diese zwangsneurotische Bürokratenlösung denn überhaupt akzeptiert?
Wir haben die Vorschläge der Kommission damals natürlich analysiert. Und wir haben festgestellt, daß da absurde Wortveränderungen gefordert, absurde Trennungsregeln aufgestellt werden. Über das Ausmaß des Desasters konnte man ja auch schnell überall lesen. Das ist ja keine neue Erkenntnis. Ich stand damals kurz davor zu sagen: Das ist alles Unsinn, wir machen nicht mit! Rudolf Augstein war auch dieser Auffassung, er war auch dagegen.
Warum haben Sie klein beigegeben?
Wir haben gedacht, wenn alle die Reform mitmachen, dann können wir nicht zurückbleiben. Wir können nicht die einzigen sein, die bei der alten Rechtschreibung bleiben. Und dann haben wir mitbekommen, wie in jedem Jahr irgendwelche Regeln klammheimlich kassiert wurden. Immer wieder wurde etwas verändert, immer weiter dran rumoperiert. Als die Kultusministerkonferenz entschied, dieses Reformmonster als verbindlich zu erklären, haben wir uns zusammengesetzt, Frank Schirrmacher, Mathias Döpfner und ich. Wir haben uns gefragt: Können wir diese Reform verantworten? Wegen der bevorstehenden Entscheidung der Kultusministerkonferenz ist die Diskussion um die Reform nun erneut losgegangen.
Und Sie haben entschieden: Wir steigen aus.
Wir haben bei uns im Haus Umfragen durchgeführt, und es stellte sich heraus, daß fast alle "Spiegel"-Redakteure die alte Rechtschreibung verwenden! Sie schreiben ihre Texte, und der Computer übersetzt die alte in die neue Rechtschreibung. Kafkaesk! Vor einiger Zeit wollten wir wenigstens die wildesten Reformen zurückdrehen. Wir beauftragten eine Kommission, die einen Kompromiß erarbeiten sollte. Aber es klappte nicht, alles war verfahren. Also fragten wir uns: Warum führen wir die alte Rechtschreibung nicht wieder ein?
Wann wollen Sie diese Idee in die Tat umsetzen?
Wir haben keinen Zeitplan erstellt. Wenn sich Vorschläge durchgesetzt haben, sind wir bereit, diese Vorschläge zu übernehmen, die alte Rechtschreibung ein wenig zu verändern. Wir wollen nichts überstürzen. Die Umstellung aber wird wegen der Computersysteme leichter gehen, als man denken könnte.
Sie wollen also eine Reform der Reform?
Nein, wir wollen keine Reform im strengen Sinne. Überhaupt war nie einzusehen, warum die alte Rechtschreibung verändert werden mußte.
Ist der Schritt der großen Zeitungen aus der Rechtschreibreform auch symbolisch zu verstehen - als Anfang vom Ende mit den gepriesenen Reformen?
Man kann die Rechtschreibreform nicht mit anderen Reformen, den Reformen auf dem Arbeitsmarkt und im Gesundheitssystem zum Beispiel, gleichsetzen. Ich meine: Die Rechtschreibreform war eine Anmaßung und keine Reform. Ein Resultat bürokratischer Regelungswut. Anders ist es mit Reformen zum Beispiel im Baurecht. Hier liegt der Sinn einer Reform in der Vereinfachung. Häufig kommt auch etwas anderes heraus als eine Vereinfachung, wie wir das bei Hartz IV sehen. Aber der Begriff der Reform ist bei mir nach wie vor positiv besetzt. Ich bin ein großer Anhänger von Reformen. Aber man kann auch jeden Unsinn zur Reform erheben und dann sagen: Deswegen müßt ihr alle dafür sein.
Kann man den Zusammenschluß von Springer, "Spiegel" und "SZ" als Machtkampf sehen zwischen Medien und Staat?
Nein. Ein Machtkampf wäre es gewesen, wenn diese Rechtschreibreform sich durchgesetzt hätte und die Mehrheit sie beherrscht und akzeptiert hätte. Aber das Gegenteil ist der Fall.
Gibt es bereits Reaktionen anderer Zeitungshäuser oder Verlage?
Manche Verlage lassen offen, wie sie sich entscheiden werden, andere wollen nicht zur alten Rechtschreibung zurück. Mir ist das egal. Davon geht die Welt nicht unter. Sie ging auch nicht unter, als die F.A.Z. bei der alten Rechtschreibung blieb. Es wird nicht so schlimm sein, wenn manche meinen, bei diesem zwangsneurotischen Konstrukt bleiben zu müssen. Wir alle werden schnell zur alten Rechtschreibung zurückkommen. Vielleicht übernimmt man ein paar Vorschläge. Warum auch nicht - die Leute sprechen ja auch Dialekte.
Für Sie steht die Rückkehr zur alten Rechtschreibung also fest?
Ich kann mir nicht vorstellen, daß man bei der Rechtschreibreform stehenbleiben wird.
Gibt es eine Reaktion aus der Politik auf Ihren Schritt?
Nein. Ich meine aber, die Politiker werden an diesem Beispiel merken, wie sie an der Öffentlichkeit, an der Bevölkerung vorbeiregiert haben.
Und Sie meinen, die Kultusministerkonferenz wird einfach umschwenken, als wäre nichts gewesen?
Ich sehe zwei Möglichkeiten. Zum einen: Die schwenken um, weil sie merken, daß sie gegen die Mehrheit der Öffentlichkeit etwas durchsetzen wollen. Sie können ja nun einfach sagen: Okay, die Rechtschreibreform wird nicht akzeptiert. Alles zurück, wir leben nicht in der DDR. Zum anderen: Sie werden bockig und sagen, das setzen wird jetzt durch, was interessieren uns die Verlage, die Medien. Das kann theoretisch passieren. Aber nach allen meinen Erfahrungen: Politiker sind so nicht gestrickt. Wäre ja auch dumm. Politiker sind gut beraten, gelegentlich ein wenig auf die Bevölkerung zu hören. Einsichtsfähigkeit ist so schlecht nicht. Es haben sich ja schon vorher, bevor wir unseren Schritt öffentlich gemacht haben, einige Politiker sehr mutig für die Rücknahme der Rechtschreibreform ausgesprochen, wie Wulff in Niedersachsen. Ich bin fest davon überzeugt, daß den Ministerpräsidenten persönlich die Rechtschreibreform herzlich egal ist. Die schreiben bestimmt alle in der alten Rechtschreibung, auch die Kultusminister. Das Wichtigste, was wir von unseren Politikern erwarten können, ist doch ein Sinn für Realität. Also zu sehen: Wenn es regnet, nehme ich einen Regenschirm, wenn es nicht regnet, nehme ich keinen.
Die Fragen stellte Eberhard Rathgeb
Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 08.08.2004, Nr. 32 / Seite 25
Bildmaterial: dpa