Von Reiner Klingholz
18. Februar 2005 Wer angesichts der deutschen Kinderarmut nach einem Vorbild im europäischen Ausland suchen sollte, kann in Island fündig werden. Dort werden, neben Irland, europaweit die meisten Kinder geboren. Fast zwei pro Frau sind es dort im Mittel, und das ist fast eine Garantie für demographische Nachhaltigkeit.
Aber was, bitte schön, sollen die Deutschen mit ihren 1,3 Kindern je Frau von den Isländern in Sachen Familienpolitik lernen? Die hohen Kinderzahlen in Island damit abzutun, daß es sich bei der Insel um eine Art europäisches Entwicklungsland handelt, wäre fahrlässig. Die vermeintliche Nation der Schafzüchter und Fischer ist alles andere als rückständig. In allen wichtigen Kennziffern für Entwicklung wie medizinische Versorgung, Bruttosozialprodukt, Bildungsstandard und Sozialleistungen liegt Island im internationalen Maßstab auf Spitzenplätzen - und (ähnlich wie Irland) weit vor den Deutschen.
Weit über dem deutschen Niveau
Wenn Island und Irland mittlerweile fortschrittlicher sind als Deutschland, die Kinderzahlen aber weit über dem deutschen Niveau liegen, dann paßt der Befund nicht ins Konzept. Die gängige Theorie zum Rückgang der Kinderzahlen sagt nämlich, daß diese parallel zu einer Modernisierung der Gesellschaft sinken. Tatsächlich haben alle Nationen diesen Prozeß auf dem Weg von der Agrar- in die Industriegesellschaft erlebt. Kinder, die einst eine ökonomische Bedeutung als Arbeitskräfte und Altersversorger hatten, verloren diese Rolle und wurden für ihre Eltern zum Kostenfaktor.
Überdies bieten sich jungen Menschen in den entwickelten Ländern heute zahlreiche biographische Optionen: Während früher in bäuerlichen und frühindustriellen Familien die Heirat oft der einzige Weg war, einem patriarchalischen Elternhaus oder dem Dienstbotendasein zu entrinnen, können junge Menschen heute zwischen vielen Berufen, Wohnorten und Partnerschaftsformen wählen. Angesichts dieser Freiheiten entscheiden sie sich häufig gegen eine Familiengründung.
Naturgesetzliche Zwangsläufigkeit
Der Bevölkerungsforscher Herwig Birg spricht von einem demographisch-ökonomischen Paradoxon. Ausgerechnet jene Nationen, die es sich aufgrund ihres Wohlstands, ihres Bildungsgrads und ihrer technisch-medizinischen Möglichkeiten am besten erlauben könnten, Kinder in die Welt zu setzen, tun dies nicht. Für Birg folgt der demographische Niedergang moderner Gesellschaften fast einer naturgesetzlichen Zwangsläufigkeit. Der Preis für ökonomisch erfolgreiche Kulturen wäre demnach das Aussterben.
Zum Glück widerlegen nicht nur Isländer und Iren, sondern auch Franzosen oder Schweden dieses vermeintliche Naturgesetz. Sozioökonomische Daten zeigen, daß sich der Zusammenhang zwischen Modernisierung und sinkender Fertilität in den hochentwickelten Nationen Westeuropas umgekehrt hat. Heute verzeichnen jene Industrienationen die höchsten Geburtenziffern, in denen die ökonomisch-gesellschaftliche Entwicklung am weitesten fortgeschritten ist. Die reichsten Länder wie Island, Luxemburg und Norwegen haben deutlich mehr Kinder als die ärmeren wie Portugal, Spanien oder Griechenland.
Die Rolle der Frauen
Noch deutlicher wird der Einfluß der Modernisierung bei einem Blick auf die Rolle der Frauen. Eine hohe Erwerbsbeteiligung von Frauen als Folge der Gleichberechtigung geht tendenziell mit höheren Kinderzahlen einher. Auch hier ist Island Vorreiter: Fast neunzig Prozent der Frauen stehen im Beruf - und bekommen im Schnitt zwei Kinder. Wie unterschiedlich gut es in den verschiedenen Ländern möglich ist, Familie und Beruf unter einen Hut zu bringen, wird an der Veränderung der Erwerbstätigkeit von Frauen sichtbar, sobald sie Kinder bekommen.
In den kinderreichen Ländern Island, Schweden, Norwegen und Frankreich sinkt die Erwerbstätigkeit von Frauen, anders als in Deutschland, praktisch nicht, wenn das erste Kind geboren ist. Die Familienpolitik hat dort über Jahrzehnte dazu beigetragen, daß ein Wertesystem entstanden ist, in dem erwerbstätige Mütter als Normalfall gelten. Entsprechend gibt es keine Diskussion um Rabenmütter. Und es gibt auch keinerlei Anzeichen dafür, daß die kleinen Isländer oder Franzosen depraviert aufwachsen würden.
Gleichberechtigung der Geschlechter
Eine Gleichberechtigung der Geschlechter läßt sich auch an der Anzahl jener Frauen ablesen, die in ehemals männerdominierte Berufsbereiche vordringen. Und wieder zeigt sich der gleiche Zusammenhang: Je höher der Anteil zwanzig- bis neunundzwanzigjähriger Frauen mit einem Hochschulabschluß im naturwissenschaftlich-technischen Bereich ist, um so höher liegt tendenziell die Kinderzahl. Im kinderarmen Deutschland verfügen nur vier von tausend Frauen über eine solche Qualifikation. In Schweden liegt der Anteil bei acht, in Frankreich bei zwölf. Den Rekord halten die Irinnen mit neunzehn. Doch das Ingenieurstudium hindert sie nicht daran, europaweit die zweitmeisten Kinder zu bekommen - gleich nach den Isländerinnen.
Während in Entwicklungsländern Ungerechtigkeiten im Geschlechterverhältnis für hohe Kinderzahlen sorgen, ist es in den hochindustrialisierten Nationen umgekehrt: Wo Frauen deutlich stärker von der Arbeitslosigkeit betroffen sind, bleibt der Nachwuchs aus. Wo die traditionelle Arbeitsteilung zwischen Frauen und Männern beibehalten wird, sinken die Kinderzahlen immer weiter.
Finanziell unabhängig
Auch der Verlust sogenannter Familienwerte, die Auflösung der Institution Ehe und die Zunahme von Scheidungen haben keinen negativen Einfluß auf die Geburtenzahlen. Zwar läßt sich nicht behaupten, daß instabile Beziehungen das Kinderkriegen begünstigen. Doch Scheidungshäufigkeit wie auch die Zahl unehelicher Geburten sind weitere Indikatoren für die Gleichberechtigung der Geschlechter. Wo Frauen die Möglichkeit haben, finanziell unabhängig von ihrem Partner zu existieren, steigt die Bedeutung der emotionalen gegenüber der juristisch abgesicherten und ökonomisch notwendigen Bindung. Dies trägt zur Bereitschaft bei, sich nach einer Eheschließung auch wieder zu trennen. Es führt aber definitiv nicht zu geringeren Kinderzahlen.
Das Ausmaß der Unabhängigkeit von Frauen zeigt sich vor allem beim Anteil der außerehelich geborenen Kinder. Wo viele uneheliche Kinder zur Welt kommen, liegt tendenziell auch die Gesamtkinderzahl hoch. Am wenigsten interessieren sich die überdurchschnittlich kinderfreundlichen Isländer für einen Trauschein: Mehr als sechzig Prozent aller Kinder werden dort von Frauen ohne Ehering geboren. Selbst im als konservativ geltenden Irland kommen heute mehr Kinder unehelich zur Welt als in Deutschland. Umgekehrt trauen sich die Menschen in Ländern, in denen Ehescheidung und uneheliche Kinder gesellschaftlich nach wie vor tabuisiert sind - in Griechenland oder Italien -, vergleichsweise wenige Kinder zu.
Bessere Abschlüsse als Männer
Das traditionelle Muster Mann verdient - Frau am Herd und bei den Kindern funktioniert ganz offensichtlich nicht mehr - und es läßt sich auch nicht wiederbeleben. Junge Frauen weisen in den meisten modernen Gesellschaften mittlerweile bessere Bildungsabschlüsse auf als junge Männer, und sie wollen dieses Kapital auch nutzen. Sie wollen einen Beruf ausüben, ohne auf Familie zu verzichten. In Ländern, wo sie zwischen beiden Optionen wählen müssen, entscheiden sie sich allerdings eher für den Beruf.
Dies ist besonders in Deutschland der Fall, das in diesem Zusammenhang als kinderunfreundlich eingestuft werden muß. Die Politik tut ein übriges dazu: Nirgendwo in Europa wird das Modell der häuslichen Gemahlin steuerlich so stark begünstigt wie durch das deutsche Ehegattensplitting. Es setzt finanzielle Anreize für den weniger verdienenden Partner, der meistens die Frau ist, sich aus dem Berufsleben zurückzuziehen. Es fördert damit die Abhängigkeit des geringer verdienenden Partners vom besser verdienenden. Und es schafft jedenfalls eines nicht: das Land von der Kinderarmut zu befreien.
Der Autor ist Direktor des Berlin-Instituts für Bevölkerung und Entwicklung. Dessen Studie Emanzipation oder Kindergeld findet sich im Internet unter www.berlin-institut.org.
Text: F.A.Z., 18.02.2005, Nr. 41 / Seite 39
Bildmaterial: AP
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