Stefan George

Die dunkle Seite der Macht

Von Volker Weidermann

05. August 2007 Wie sieht wohl ein Mann aus, der nach sieben Jahren diesem Kreis entkam? Wie sieht jemand aus, der sieben Jahre lebte im Bann von Stefan George?

Thomas Karlauf ist ein freundlicher Mann mit randloser Brille, Wildlederpuschen und gestreiftem Hemd. Eigentlich ist er Literaturagent, vermittelt Geschichtswerke und Biographien an Verlage, denkt sich Projekte aus, führt Autoren und Verlage zusammen. Vor acht Jahren fragte ihn ein Verleger, ob er nicht jemanden wisse, der endlich einmal eine George-Biographie schreiben könne. Es gebe nämlich immer noch keine. Karlauf suchte und suchte mit halbem Herzen. In Wahrheit wusste er wohl damals schon, wen er eigentlich suchte, wer diese große Aufgabe übernehmen musste.

Auf einer der nächsten Buchmessen erzählte er dem Verleger Karl Blessing von seiner Suche und von seinem Wunsch. Der sagte nach einer Viertelstunde: „Das Buch müssen Sie schreiben. Und Sie müssen es für mich schreiben.“ Und nach einer kleinen Pause fügte er hinzu: „Wie viel brauchen Sie?“

Deutschlands Wahn und Unglück

Karlauf nannte eine Summe. Es wird keine kleine gewesen sein, denn Karlauf wusste, worauf er sich einlassen würde. Er wusste, wie viel eigenes Leben es einem raubt, ein solches Leben zu beschreiben. Und Blessing schlug ein, und Karlauf schrieb. Sieben Jahre lang. Es ist ein unglaubliches Buch geworden. Ein Buch, in dem alles beschrieben ist, was Deutschlands Wahn und Unglück von der Jahrhundertwende bis zu Georges Tod im Jahr 1933 gewesen ist. Und auch, was vielleicht zu Deutschlands Rettung hätte werden können. Gespiegelt im Leben eines Dichters, der es wie kein zweiter verstand, Menschen an sich zu binden, junge Männer an sich zu binden, Männer, die zu ihm aufschauten, ihn verehrten bis zur Selbstverleugnung; der einen eigenen kleinen, geheimen Staat im Staate gründete, gebaut auf den Eros, den Glauben an die eigene Erwähltheit und die Dichtung. Ein Mann, der durch Schrecken herrschte und durch Liebe. Ein Mann, dem man nicht mehr entkam, wenn man ihm einmal verfallen war. Ein unglaubliches Leben.

Karlaufs großes Verdienst ist es, das alles mit ruhiger Hand aufgeschrieben zu haben. Mit Liebe zum Gegenstand, ohne die es nicht geht; und mit einer großen Distanz, einer Ironie, die das auf Dauer unerträgliche Pathos Georges und vor allem das seiner Jünger bricht. Wie der George-Jünger und George-Geliebte Friedrich Gundolf an den Jünger und George-Geliebten Ernst Morwitz schrieb: „Lieber Ernst! Pathos allein genügt nicht, man muss auch Ironie (romantische) haben.“

Ein neues Ohr

Karlauf ist ein Ironiker. Jetzt sitzt er auf der Terrasse seiner Wohnung am Berliner Halensee, schön von großen Bäumen umstellt, durch die man in der Ferne den See leuchten sehen kann. Er hat die wichtigsten Bücher aus seiner George-Werkstatt herangeschafft. Auch Briefe, Zeitungsausschnitte, den berühmten Text von Walter Benjamin, den dieser am 12. Juli 1933 unter dem Pseudonym K. A. Stempflinger in der „Frankfurter Zeitung“ veröffentlichte und der mit den Sätzen beginnt: „Stefan George schweigt seit Jahren. Indessen haben wir ein neues Ohr für seine Stimme gewonnen. Wir erkennen sie als eine prophetische.“

Den Text hat Karlauf in einem antiquarisch erstandenen Buch gefunden. Ein Teil seiner eigenen Aufzeichnungen liegt vor ihm. Mitschriften, Exzerpte, scheinbar heillos durcheinander, auf Zetteln jeder Größe, zusammengeheftet; hier hat er die Leidenschaft Georges für tragbare Taschentelefone notiert, hier die von ihm verzehrten Weißweinmengen, dort steht nur knapp: „Druckschrift ab 1894“. Passagen aus Georges erstem Gedichtband, der „Fibel“, hat er unter Stichworten exzerpiert: „Ideal“, „Enttäuschung“, „neg. Sexualität“.

Sieben Jahre Rauchpause

Thomas Karlauf raucht, während der Besucher sich in die George-Berge hineinwühlt. Sieben Jahre lang hat er nicht geraucht. „Zu Beginn der Arbeit an dem Buch habe ich mit Rauchen aufgehört. Sonst hätte ich die Jahre nicht überlebt“, sagt er. Seine Frau, die beim Fernsehen arbeitet, hat mit ihm zusammen aufgehört. Jetzt rauchen sie wieder. Karlauf mit Freude.

Und da liegen auch die Aufzeichnungen von Percy Gothein über den Kreis. Ein großer rot gebundener Band, von dem es auf der ganzen Welt überhaupt nur drei Exemplare gibt. Es ist eine seiner Hauptquellen gewesen. Gothein - das war Georges jüngster Geliebter. Er war vierzehn Jahre alt, als der Dichter mit ihm „intim wurde“, wie es in der Biographie heißt.

So klar wie nötig

Und hier beginnt der Skandal, den es um dieses Buch gibt. Denn Karlauf schreibt nicht drumherum. Schreibt nicht, wie in all den Heiligenlegendenbüchern, die es über den Dichter Stefan George gibt, von „griechischer Liebe“, „Knabenverehrung“, „Maximin-Kult“ und „übergeschlechtlicher Liebe“, sondern von dem, was es war: „Päderastie“. Das darf in einer Biographie über Stefan George nicht fehlen, und Karlauf schildert es, so klar, wie es geschildert werden muss. Bis hin zu den Auswüchsen, die es mit der Zeit in der Gruppe annahm; und da stockt einem mehr als einmal der Atem, wenn man von den Knabenrekrutierungsmethoden seiner Jünger liest: „Inzwischen hatte Morwitz bereits selber nach geeigneten Knaben Ausschau gehalten. Ende 1907 waren ihm die Grafen Uxkull, Bernhard und Woldemar, auf der Straße aufgefallen; Bernhard war acht, Woldemar, der von Morwitz ,Spatz' gerufen wurde, neun Jahre alt. George fand das reichlich jung. Er scherzte manchmal, dass Ernst seine Zöglinge schon in so frühem Alter wähle, wo doch gar nicht auszumachen sei, ob sich der Einsatz am Ende lohne.“

George scherzte - manchmal ist einem die Kühlheit des Biographen fast etwas zu kühl. Aber den Autor konnte kaum noch etwas überraschen bei der Arbeit an dem Buch, denn er hat in jüngstem Mannesalter zehn Jahre lang dort gearbeitet, wo das geistige Erbe Georges verwaltet wird, im Zentrum der George-Welt, bei der Stiftung Castrum Peregrini in Amsterdam. Karlauf hat dort das Archiv und die Bibliothek mit aufgebaut und ist ihr nach langer Zeit aber entkommen, dieser Welt. Er wurde Lektor beim Siedler-Verlag, schrieb als Ghostwriter die Autobiographien von Franz Josef Strauß und Bruno Kreisky, wurde Literaturagent und hatte mit Stefan George nichts, aber auch gar nichts mehr zu tun. Das befähigt ihn jetzt zu der einmaligen Perspektive des absoluten Experten und distanzierten Nicht-Jüngers zugleich. Denn auch heute noch, im dritten Glied, ist die Gefolgschaft zu George eine Art Glaubensfrage. Viele aus den alten Kreisen, die für Karlauf hilfreiche Mitleser seiner Biographie waren, haben sich ausdrücklich verbeten, in diesem Buch genannt zu werden. Für George-Jünger ist dieses Buch ein Skandal.

Schrecken und Faszination

Für die anderen ist es Schrecken und Faszination. Zunächst aber: Schrecken. Was für ein Monster, denkt man mindestens auf jeder fünften Seite. Ein Mann, der durch den Schrecken herrschte, der sich noch die hündischsten Verehrungsrituale gern gefallen ließ, der langjährigen Weggefährten das Heiraten verbot, weil er allein das Leben seiner Jünger beherrschen wollte, jahrzehntelange Freunde aus seinem Leben wischte wie Fussel von der Jacke: „Da ist eine kranke Stelle im Gehirn“, sagte er zu seinem ältesten Freund und früheren Geliebten Gundolf, als dieser sich nicht von seiner Geliebten trennen wollte. Und Gundolf in einem Gewaltakt einmaligen Ungehorsams schrieb: „Da ich dich nicht überzeugen konnte, so will ich lieber mit ihr in die Hölle als ohne sie in den Himmel . . . Von dir falle ich nicht ab; auch wenn du mich verwirfst. Dein Gundolf“.

Und wie George ihn verwarf. Er grüßte ihn nicht mal mehr, als sie sich nach Jahren auf der Treppe zum Heidelberger Schlossberg trafen. Und George spottete später: Es sei geradezu lachhaft gewesen, wie er da so schüchtern sein Hütchen rückte. Kein Verzeihen, kein Vergeben. Erschütternd die Geschichte, wie das eifersüchtige und absolutistische Gebaren des Dichters den jungen Johann Anton in den Selbstmord trieb.

Alle Abgründe des Lebens

Auf die Frage, wie es war, das Leben sieben Jahre lang mit diesem Mann zu teilen, diesem Schreckensherrscher über sein kleines Reich, das er geheimes Deutschland nannte? Da zögert Karlauf kurz und sagt: „Er ist mir sympathischer geworden.“ Das kann nun allerdings nur einer sagen, der vorher schon alle Abgründe dieses Lebens ahnte: Denn sympathisch, also das scheint doch so ziemlich das letzte Wort zu sein, das dem Leser dieses Lebens einfällt.

Stefan George war eine einmalige Gestalt, der ein einmaliges Dichterreich schuf, in dem er liebte, so wie er lieben wollte, in dem er herrschte, unumschränkt, verbrecherisch, böse, zärtlich, weise, gewaltsam, absolut. Die Geschichte von George und seinem Kreis ist auch die Geschichte Deutschlands vor dem Dritten Reich. Ist die Geschichte von Führersehnsucht, Unterwürfigkeit, aber auch vom Mut für die eine große Tat. Viele Jünger marschierten mit dem neuen Deutschland Hitlers in der ersten Reihe. George selbst ließ noch am Tage der Bücherverbrennung der Nazis mitteilen: „die ahnherrschaft der neuen nationalen bewegung leugne ich durchaus nicht und schiebe auch meine geistige mithilfe nicht beiseite. Was ich dafür tun konnte habe ich getan, die jugend die sich heut um mich schart ist mir gleicher meinung.“

Ja, das folgte aus dem Leben dieses Mannes und aus seiner Lehre. Die Juden seines Kreises, die nun das Land verlassen mussten, ahnten es mit Schrecken. Und die Tat, sie folgte auch daraus, Stauffenbergs Tat und sein Tod mit dem Ruf vom „geheimen Deutschland“ auf den Lippen.

Was für ein Leben. Was für ein Buch.

Thomas Karlauf: „Stefan George. Die Entdeckung des Charisma“. Karl-Blessing-Verlag. 816 Seiten, 29,95 Euro.



Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 05.08.2007, Nr. 31 / Seite 23
Bildmaterial: Cinetext /Sammlung Richter, F.A.Z./Christian Thiel

 
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