Helden des Alltags

Ich möchte Pfeil einer Jugendbewegung sein

Von Andreas Rosenfelder

24. Mai 2005 Es ist Mittag im künstlichen Nirwana des Einkaufszentrums „CentrO“ in Oberhausen, Highnoon der Langeweile. Auf der Brücke vor dem Chinarestaurant „Pagoda“ steht ein Grüppchen asiatischer Geschäftsleute. Eine Frau filmt den in schläfriger Ruhe daliegenden Pagodenbau, schwenkt über den Kanal zum Multiplex-Kino hinüber und zurück. Da spielt sich auf dem Display des Camcorders eine Szene ab, die aus einem Hongkong-Movie zu stammen scheint - oder aber aus einem Amateurvideo, das zufällig den Einsatz einer geheimnisvollen Elitetruppe festhält.

Wie aus dem Nichts tauchen zwei schattenhafte Gestalten auf der Bildfläche auf, laufen im Zickzack über die im japanischen Stil geschwungenen Mauern, landen mit vollkommen geräuschlosen Flugrollen auf einem handtuchgroßen Rasenstück und spurten im selben Augenblick schon wieder weiter, um mit einer Reihe geschmeidiger Katzensprünge im Labyrinth der rotgestrichenen Gitterzäune zu entschwinden. Nur Sekunden dauert die Sequenz, und nur das auf den Gesichtern der Passanten gespeicherte Staunen verbürgt ihre Wirklichkeit.

Ninjaschüler im Videospiel

Für einen Moment drängt sich - vielleicht liegt es an der billigen Kunststoffmusik, die aus unsichtbaren Lautsprechern quillt - der Eindruck auf, hier hätten zwei über Tastenkombinationen gesteuerte Ninjaschüler in Rekordzeit das Trainingslevel eines Videospiels durchquert. Generationen bewegungsarmer Jugendlicher lernten schließlich nur am heimischen Rechner, wie man waghalsige Präzisionssprünge, rasante Zwischensprints und tollkühne Rollen kombiniert.

Doch die atemberaubende Eleganz, mit der sich Mathias und Deniz aus Rumeln-Kaldenhausen ihren Weg durch die von überdrehten Stadtplanern erdachte Oberhausener Freizeitlandschaft bahnen, speist sich aus anderen Quellen. Tatsächlich sind sie Teil einer Bewegung, die von der Bewegung selbst handelt und die sich im Gegensatz zum Computerheldentum nicht nur in Schwielen am Joystick-Daumen niederschlägt. „Parkour“ stellt den Versuch dar, die ansonsten nur Superhelden eingeräumte physische und metaphysische Freiheit durch Training und Konzentration in die Wirklichkeit zu überführen. Vielleicht ist die in den Pariser Vorstädten entstandene und auch nach Großbritannien und Deutschland übergeschwappte Strömung die erste Jugendbewegung seit langer Zeit, die diesen Namen verdient.

Von Hausdach zu Hausdach

Denn obwohl das Fernsehen schon mit krassen Bildern von Jugendlichen, die von Hausdach zu Hausdach springen, das Klischee einer lebensmüden Stuntkultur verbreitet, eignet sich die bislang nur von kleinen Gruppen und Einzelgängern ernsthaft betriebene Kunst schlecht für einen Hype. Als Mathias und Deniz, heute zwanzig und zweiundzwanzig Jahre alt und in Sportarten von Volleyball über Kunstturnen bis hin zu Kung-Fu vorgebildet, im Sommer 2002 Luc Bessons halbdokumentarischen Spielfilm „Yamakasi - Die Samurai der Moderne“ sahen, fanden sie keinerlei Szene in Deutschland vor und eigneten sich die Hintergründe und Methoden von „Parkour“ durch DVDs, Bücher und Internetrecherche auf eigene Faust an.

Heute reichen sie mit ihrer schönen Website http://exterminated.org/ selbst die Fackel weiter. Der Fehlinterpretation von „Parkour“ als Abart jener pubertären Mutproben, denen das MTV-Format „Jackass“ einen Namen gab, halten sie unter dem Motto „L'Art du Deplacement“ das Ethos eines urbanen Pfadfindertums entgegen - mit eigenen Regeln: „Denke scharf nach, und entscheide innerhalb von sieben Atemzügen.“ Tatsächlich verdient „Parkour“ seinen Platz unter den großen Philosophien der Fortbewegung. Zu den Vorläufern ließe sich das Flanieren des neunzehnten Jahrhunderts ebenso zählen wie die romantische Naturkunde der Wandervögel, die coole Skateboard-Artistik der Achtziger genauso wie die Tugendgymnastik von Turnvater Jahn.

Entfernt erinnern viele Bewegungen, die zum festen Repertoire von „Parkour“ gehören, ans klassische Turnen. An einem sinnlosen Aluminium-Gestänge, das nichtvorhandene Besucherschlangen zum Eingang des Aquariums „Seaworld“ lenken soll, führt Mathias in seinem dunkelblauen Adidas-Anzug und seinen Nike-Air-Pegasus-Laufschuhen den als „Saut de chat“ bezeichneten Katzensprung gleich in Serie vor: „Es ist einfach eine Hocke übers Pferd.“ Auf dem Parkdeck „O“ im Parkhaus des Einkaufszentrums deutet er auf eine Signalstange vor dem Kassenautomaten: „Das zum Beispiel ist eine Superstange!“ Dann führt er eine Art abgedrehten Felgunterschwung vor: die „Wasserbewegung“.

Ideal der fließenden Bewegung

Das auch von Bruce Lee gepredigte Ideal der fließenden Bewegung rangiert im „Parkour“ noch vor der Lautlosigkeit: „Wasser ist extrem weich und extrem flüssig. Es kommt überall durch, kann aber auch hart sein.“ Im engen Treppenhaus scheinen Mathias und Deniz, der ein Streetwear-Sweatshirt und Adidas-Schuhe trägt, tatsächlich die Handläufe aus Stahl hinabzugleiten, ohne die Stufen zu berühren. Sie sind schon zwei Stockwerke tiefer am Ausgang, ehe man auch nur die halbe Treppe genommen hat.

Doch obwohl „Parkour“ hauptsächlich dazu dient, in postmodernen Antilandschaften wie Parkhäusern oder Fußgängerzonen auf der schnellsten Route - und das ist niemals die von den Architekten ersonnene - von A nach B zu kommen, steckt viel Rousseau, viel Sehnsucht nach dem verlorenen Ursprung in dieser Bewegung. Ihr Gründer David Belle wuchs in den Wäldern Nordfrankreichs auf und wurde von seinem Vater noch in der „methode naturelle“ unterrichtet, die der ehemalige Marinesoldat Georges Hebert im neunzehnten Jahrhundert erfand. Die „natürliche Methode“ erklärte die freie Wildbahn zur besten Gymnastikhalle - und lebt heute noch in den aus Armeefilmen bekannten Trainingsanlagen aus Holzgerüsten weiter.

Spektakuläre Videos

Als Belles Familie in den frühen Achtzigern in den Pariser Vorort Lisses zog, übertrug David die im Wald erlernten Griffe und Sprünge auf die Infrastruktur einer öden Vorstadt und gründete mit einigen Klassenkameraden die Urzelle der „Yamakasi“, die später von Besson fürs Kino entdeckt wurde. Ein anderer Teil der später entzweiten Freundesclique lebt heute noch unter dem Namen der „Traceurs“ in Lisses. Obwohl „Parkour“ auch durch spektakuläre Videos berühmt wurde, in denen David Belle zu derber Hiphopmusik über Straßenschluchten hinwegspringt und an Fassaden emporläuft, zieht es viele Traceure immer noch in die archaischen Wälder der Bretagne, Bourgogne oder Auvergne.

Vor der König-Pilsener-Arena, die mit einem Riesenbanner für die „Thai & Kickbox Super League 2005“ wirbt, erklimmt Mathias blitzschnell einen blühenden Obstbaum. „Vor ein paar Wochen waren wir an dem Baum, an dem alles anfing“, erzählt Deniz. Der mythische Urbaum, von dem „Parkour“ seinen Ausgang nahm wie der Buddhismus von Buddhas Feigenbaum, ist eine Kastanie in Lisses. Mathias und Deniz, gut zehn Jahre jünger als die erste Generation der „Traceurs“, trafen dort die bewunderten Helden aus den Frühzeiten der Bewegung, die zwar keine E-Mail-Adressen besitzen, dafür aber immer noch fünf bis sechs Stunden am Tag trainieren und tatsächlich fast übermenschliche Fähigkeiten besitzen müssen: „Die kommen quer durch die ganze Stadt, ohne einen Fuß auf die Straße zu setzen“, sagt Mathias. „Das ist so das Spiderman-Ideal. Irgendwann klappt das vielleicht auch mal bei uns.“

Werbespots für Nike und Nissan

Die „Yamakasi“ traten bereits in einem Musical auf, die „Traceurs“ drehten Werbespots für Nike und Nissan und planen nun sogar eine Welttournee. David Belle ist im Filmgeschäft erfolgreich und spielte jüngst auch in dem von Besson produzierten Film „Banlieue 13“ die Hauptrolle. Mathias bewirbt sich zur Zeit für ein Designstudium und überbrückt die Zeit mit viel Sport; Deniz studiert Toningenieurwesen in Köln. Früher hatten die beiden zusammen eine Hardcore-Band. Doch eine wirkliche Subkultur mit eigener Musik und Mode, wie sie das Skatertum einmal darstellte, sehen sie in „Parkour“ trotz der Vorliebe für städtische Nichtorte kaum. Während die Skaterbewegung, wie Deniz betont, immer auch eine Kultur des phlegmatischen Abhängens war, geht es im „Parkour“ um Selbstdisziplin.

Neben den Kung-Fu-Filmen von Bruce Lee und den Actionkomödien seines Nachfolgers Jackie Chan bilden der Samurai-Kodex „Hagakure“ aus dem achtzehnten Jahrhundert und die Schriften von Laotse für Mathias und Deniz die wichtigsten Inspirationsquellen. Mit einer Partykultur, wie sie für die meisten Jugendszenen eine definierende Rolle spielt, verträgt sich diese spirituelle Orientierung schlecht. „Meine Philosophie ist schon: kein Alkohol, keine Drogen, keine Zigaretten“, sagt Mathias. „Wenn man Parkour macht, wird man halt ein kleiner Kontrollfreak.“ Und die Erfahrung, unter Alkoholeinfluß die eigene Grobmotorik nicht mehr zu beherrschen, stellt das genaue Gegenteil eines möglichst bruchlosen und flüssigen Bewegungsablaufs dar: „Wenn man nicht mehr gerade gehen kann, ist das schon übel.“

Punktgenauer Präzisionssprung

Wenn man mit Mathias und Deniz das von Lieferwagen und mittäglichen Einkäufern heimgesuchte „CentrO“ umrundet, wobei die zwei Freunde wie zum Spaß immer wieder einen kleinen Armsprung („Saut de bras“) an die Oberkante einer Mauer oder einen punktgenauen Präzisionssprung („Saut de precision“) auf eine dunkel getönte Reihe im Pflaster einbauen, wenn jeder Sitzklotz in einen perfekten Dreisprung eingebaut wird und jeder Stahlmülleimer am Wegesrand eine Herausforderung darstellt wie ein Achttausender im Himalaja, dann merkt man allerdings sehr schnell, daß es bei „Parkour“ viel stärker um Befreiung als um Beschränkung geht.

Alles läßt sich in die hocheleganten und teils unglaublichen Läufe, bei denen nur das Atemholen vor dem Anlauf und das leise Klatschen der Hände auf dem Stein zu hören ist, einbauen - und jede Regel ist selbstgesetzt, ganz wie in dem Kinderspiel, bei dem man die Linien im Teppichmuster nicht betreten darf: „Man muß schon ein bißchen Kind bleiben.“ Nicht einmal eine leere Asphaltstraße ohne jedes auffällige Hindernis schreckt die Phantasie ab. „Da würde man zumindest versuchen, die Gullydeckel und die Bürgersteige einzubauen.“

Nach gut zwei Stunden lassen sich Mathias und Deniz auf einer Bank nieder - natürlich nicht einfach so, sondern von hinten über die Lehne mit einem exakt in die natürliche Sitzposition mündenden Sprung. Das sieht witzig aus, und beide lachen. „Man kann sich mit so einer Bank hier eine Stunde lang beschäftigen.“ Eigentlich sehen sie jetzt, mit ihren Pepsi-Bechern vom Subway-Imbiß in den Händen, wie ganz normale Zwanzigjährige aus, die noch viel Zeit totzuschlagen haben und wie alle Mitglieder ihrer Generation in eine ziemlich offene Zukunft ohne viele Anhaltspunkte blicken. Aber wer sie laufen gesehen hat, der ahnt, daß sie ihren Weg schon gefunden haben.



Text: F.A.Z., 24.05.2005, Nr. 118 / Seite 48
Bildmaterial: F.A.Z.-Edgar R. Schoepal

 
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