Toronto

Zum Gelde drängt doch alles

Von Andreas Platthaus, Toronto

Wagners “Ring des Nibelungen“ eröffnete Torontos neue Oper

Wagners "Ring des Nibelungen" eröffnete Torontos neue Oper

11. Oktober 2006 Nur ein paar hundert Meter Toronto vorgelagert liegt im Ontario-See eine langgestreckte Insel. Hier ist von der Hektik und dem permanenten Baulärm in der Innenstadt nichts zu hören, obwohl deren Silhouette wie ein grünsilberner Gebirgskamm am nahen Ufer gegenüber liegt. In der Inselmitte lärmt am Wochenende ein populärer Vergnügungspark.

Geht man jedoch in die kleine Siedlung Wards Island, dann gerät man plötzlich auf ungepflasterte Straßen, die von winzigen Holzhäusern flankiert werden. Von Bauboom und -spekulation, wie sonst in der Dreieinhalbmillionenstadt üblich, ist hier nichts zu spüren, denn die Grundstücke können nur gepachtet werden, und es gibt keine Brücke, die Stadt und Insel verbände. Sonst dürfte hier recht schnell das alternative Milieu mit Gartenkooperativen, charmant heruntergekommenen Tennisplätzen, winzigem Seniorenheim und Fahrradverkehr der Vergangenheit angehören.

Keine Brücke für „Toronto Island“

Toronto: Kanadas Metropole

Toronto: Kanadas Metropole

Natürlich hat die größte Stadt Kanadas längst ein Auge auf das kleine Paradies direkt vor der eigenen Nase geworfen - es ist dem Stadtgebiet zugehörig, wie schon der Name „Toronto Island“ verrät, Doch der Plan, eine Brücke zu bauen, wurde vom Bürgermeister vor einigen Jahren niedergeschlagen, zumal der auf der Insel gelegene City Centre Airport für größere Flugzeuge gesperrt worden ist.

Diesen Beschluß allerdings will die Hafenverwaltung von Toronto, unter deren Ägide der Flughafen steht, wieder aufheben. Der Protest der Inselbewohner dagegen ist so heftig, daß sie nun von der Hafenbehörde verklagt worden sind.

Toronto will kulturelle Weltstadt werden

Um auch nur die Anwaltskosten begleichen zu können, haben sie im vergangenen Monat erstmals ihre kleinen Häuser geöffnet: Für fünfundvierzig Dollar, etwa dreißig Euro, konnten Besucher mit Ausnahme der Schlafzimmer alles besichtigen - ein großes Zugeständnis einer Gemeinschaft, die sonst so stolz auf ihre Abgeschiedenheit ist. Aber auch ein großer Erfolg, weil man dadurch in Toronto erkannte, daß es noch andere Gesichter der Stadt gibt als das der boomtown.

Sie wird zur Zeit mächtig umgekrempelt. Der Einwohnerzahl nach ist Toronto längst eine Metropole, und in Kanada hat sie ohnehin keine Konkurrenz zu fürchten. Doch Toronto will mehr, will Weltstadt werden, auch und gerade kulturell. Derzeit ist nicht nur ein Konstruktionswettlauf rund um die Hafengegend zugange, wo vor allem mit chinesischem Geld ein Wolkenkratzer nach dem anderen errichtet wird, sondern auch die großen hiesigen Kulturinstitutionen sind sämtlich dabei, sich für eine Zukunft zu rüsten, die ihnen bildungsbeflissene Besucher aus allen Kontinenten bescheren soll.

Ambitionierte Pläne

Die beiden bedeutendsten Museen in Toronto, das Royal Ontario Museum (ROM) und die Art Gallery of Ontario (AGO), werden umgebaut und sind noch für längere Zeit zu weiten Teilen unzugänglich. Ihre Erweiterungen sollen beiden Häusern feste Plätze auf der internationalen Museumshitliste einbringen, und entsprechend ambitioniert sind die jeweiligen Pläne: In den eher einer Bahnhofshalle gleichenden kalten grauen Steinbau des ROM aus dem Jahr 1933 ist eine Bresche geschlagen worden, in der Daniel Libeskind bis zum nächsten Jahr einen seiner mittlerweile gängigen aus Stahl und Glas zusammengesetzten Blitze - hier soll es ein Kristall sein - niederfahren lassen soll.

Der als „Transformation AGO“ betitelte Umbau der Art Gallery konnte dahinter natürlich nicht zurückbleiben. Deshalb betraute man einen noch begehrteren Architekten damit: Der Umbau beruht auf einem Entwurf von Frank Gehry. Schon fertig sind dagegen zwei weitere bedeutende Kulturbauten: das direkt gegenüber vom ROM gelegene Gardiner-Museum für Keramikkunst und das neue Opernhaus mitten in der Stadt. Beides sind exzellent gelungene Gebäude, und der Neid der noch bauenden Kollegen ist riesig.

Wagner zur Opernhaus-Eröffnung

Noch während der sich über den ganzen September erstreckenden Eröffnungsfeiern der Oper meldete sich der Direktor des ROM, William Thorsell, mit einem Gastkommentar in der großen Tageszeitung „Globe and Mail“ zu Wort, in dem er dem Opernhaus scheinbar generös vom Start weg den zweiten Platz unter Torontos international beachteten Kultureinrichtungen einräumt (nach dem Filmfestival), sich aber die Spitze nicht verkneifen kann, daß die Architektur des Operngebäudes nur letzter Ausfluß eines überholten Modernismus sei. Außerdem müsse man auf den besten Plätzen im Saal einige Nachteile in Kauf nehmen. Solvente Spender, seid vorsichtig, soll das heißen.

Welcher Art die Mängel sein sollen, darüber schweigt sich Thorsell aus. Dabei bietet das Opernhaus, wie die zyklische Aufführung von Richard Wagners „Ring des Nibelungen“ zur Eröffnung bewies, eine fabelhafte Akkustik und beste Sichtbedingungen - selbst von den preiswerteren Plätzen. Mit diesem Bau hat Toronto ein Haus erhalten, das zu den schönsten der Welt gezählt werden muß, und dazu trägt die elegante Architektur, die einem fast vollständig dunkelgrau verschieferten Hauptbau ein federleichtes vollverglastes Treppen- und Foyerhaus vorsetzt, viel bei.

Speerspitze des Postmodernismus

Im Inneren wird vor allem helles Holz als Verkleidung benutzt, und in den ersten beiden Rängen sind sogar einzelne Sessel in die Logen gesetzt worden, so daß man auf den teureren Plätzen einen Sitzkomfort genießen kann, den man längst der Vergangenheit zugehörig glaubte.

Daß William Thorsell vor allem die Architektur bespöttelt, ist aus seiner Sicht verständlich. Mit Libeskind arbeitet ja die Speerspitze des Postmodernismus für sein Haus, und wen interessiert da schon, daß dies vor allem dem Investmentbanker Michael Lee-Chin zu verdanken ist, dessen Dreißig-Millionen-Dollar-Spende das ROM erst in die Lage versetzte, den Auftrag zu erteilen - zufällig an Lee-Chins Lieblingsarchitekten.

Private Kulturförderer

Der Anbau, an dessen museale Brauchbarkeit nur die wenigsten in Toronto glauben, wird denn auch den Namen „Michael Lee-Chin Chrystal“ tragen - wie auch das Opernhaus als Dank für eine Zwanzig-Millionen-Dollar-Spende als „Four Seasons Center“ firmiert. Nur winzig ist auf der Fassade der Name des eigentlichen Betreibers zu lesen: die Canadian Opera Company. Solche Zugeständnisse sind der Preis in einem Land, wo Kultur vorwiegend auf private Förderer angewiesen ist.

Dementsprechend endlos sind denn auch die Spenderlisten, die in den Foyers von Oper oder Gardiner-Museum hängen. Der Bau des ersten reinen Opernhauses in Kanada drohte mehrfach zu scheitern, wurde jedoch fristgerecht fertig und blieb mit etwas mehr als 180 Millionen Dollar, wovon mehr als zwei Drittel gestiftet wurden, im Budget.

Bedeutende Bestände an Meißener Porzellan

Und das Gardiner-Museum ist seit seiner Gründung 1984 ohnehin nahezu ausschließlich von der Familie Gardiner finanziert worden, die ihre grandiose Sammlung mit unter anderem bedeutenden Beständen an Meißener Porzellan als Stiftung eingebracht hat und jetzt auch den fünfjährigen Umbau massiv unterstützt hat. Jedes große Haus hat überdies Fördervereine gegründet, und allein der der Art Gallery of Ontario umfaßt derzeit mehr als 55.000 Mitglieder.

Trotzdem droht gerade dieses Museum, das neben seiner großen Sammlung einheimischer Künstler - darunter auch der Nachlaß des deutschen Zeichners Walter Trier, der 1950 als Emigrant in Kanada starb, nachdem er 1935 aus Deutschland geflohen war - durch seine Henry-Moore-Bestände bekannt ist, von den anderen abgehängt zu werden.

Eine der besten Sammlungen chinesischer Kunst

Zwar spricht man über das ROM derzeit vorrangig wegen Bauverzögerungen bei Libeskinds Kristall, aber das als Völkerkundemuseum konzipierte Haus verfügt über eine der besten Sammlungen chinesischer Kunst außerhalb Chinas selbst und über eine derzeit zwar grauenhaft altertümlich präsentierte, aber sehr umfassende Kollektion indianischen Handwerks, die beide den Rang des Museums auch ohne seinen Neubau gesichert hätten.

Dagegen darf die Canadian Opera Company darauf hoffen, durch ihr neues Musiktheatergebäude einen immensen Schub zu erhalten. Bislang wurden Opern in Toronto in einer Konzerthalle aufgeführt, und in diesem Hummingbird Centre sind in den vergangenen drei Jahren auch jene Inszenierungen von „Walküre“, „Siegfried“ und „Götterdämmerung“ auf die Bühne gebracht worden, die nun mit der „Rheingold“-Premiere im neuen Domizil den ersten kanadischen „Ring“ bilden.

Prominente Namen für Wagners „Ring“

Da die Aufführungen bereits fürs Opernhaus konzipiert waren, hatte man sie bislang in Ausstattung und Orchestergröße reduziert, um im Hummingbird Centre überhaupt spielen zu können. Mit den beiden kanadischen Filmregisseuren Atom Egoyan (für „Die Walküre“) und François Girard (für „Siegfried“) sowie dem englischen Opernspezialisten Tim Albery (für „Götterdämmerung“) setzte man auf prominente Namen, doch um die Einheitlichkeit des „Rings“ nicht durch die verschiedenen Regiekonzepte zu gefährden, war mit dem kanadischen Ausstatter Michael Levine ein Bühnenbildner für alle vier Opern tätig, der zudem die „Rheingold“-Regie übernahm und dabei ein höchst achtsames Debüt ablieferte.

Das Opernhaus und die grenzenlose Begeisterung des Publikums beflügelten die Künstler bei den drei „Ring“-Zyklen. Obwohl Dirigent Richard Bradshaw sein COC-Orchester nur für vier Monate im Jahr zusammenbringt und nur ein Musiker jemals vorher den „Ring“ gespielt hatte, glückte das Orchesterspiel bemerkenswert. In „Siegfried“ geriet es gar exzeptionell, was zur herausragenden Inszenierung dieses Teils paßte, der das Bühnenbild im ersten Aufzug als riesige Gedankenblase über die Akteure versetzt.

Gastsänger aus Deutschland

Zahlreiche Gastsänger aus Deutschland, anderen europäischen Ländern und den Vereinigten Staaten brachten kultivierten Wagner-Gesang nach Toronto, doch man scheute auch das Risiko nicht, einheimische Kräfte einzusetzen - mit Erfolg. So ist schon jetzt erkennbar, daß Toronto das Opernleben in Nordamerika bereichern, wenn nicht verändern wird.

Es ist das Ziel aller großen kanadischen Kultureinrichtungen: Sie wollen einbrechen in die Riege der übermächtigen amerikanischen Konkurrenz. Ob wenigstens im reichen Toronto das Potential an Stiftern dafür reicht? Bislang sieht es so aus - aber kaum eine andere westliche Metropole hat auch derart viel kulturellen Nachholbedarf, gemessen an ihrer wirtschaftlichen Bedeutung.

Auf die Stadt selbst darf man kaum hoffen. Schon für das Opernhaus gab sie um die Hälfte weniger als der Bundesstaat Ontario. Und nun plant sie - klugerweise - den Abriß des Gardiner Expressway, einer Schnellstraße quer durch die Stadt, die das Zentrum von der Küste des Ontario-Sees trennt. Eine Dreiviertelmilliarde Dollar wären dafür nötig. Und mit der Neubelebung der Waterfront wird Toronto Island wieder neu ins Visier der Investoren geraten. Hoffentlich erkennt Toronto, daß sich sein Kulturbegriff nicht in Museen und Opern erschöpfen darf.

Text: F.A.Z., 11.10.2006, Nr. 236 / Seite 42
Bildmaterial: dpa, F.A.Z.-Andreas Platthaus

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