23. Februar 2005 Stadt im Ausnahmezustand. Nichts geht mehr. Was macht Bush aus Ihrer Stadt? Eine Stimmung in Stimmen - wortgetreu gesammelt in Mainz und Wiesbaden.
"Anhand der Einwohnermeldedaten überprüfen wir genau, wer innerhalb der Sicherheitszone wohnt. Ist jemand vorbestraft, beispielsweise wegen Einbruchs, belassen wir es dabei. Gilt ein Anwohner als radikal rechts oder radikal links, kontaktieren wir die Person und halten eine sogenannte Gefährdenansprache. Das hört sich schlimmer an, als es ist, und die Menschen zeigen insgesamt Verständnis für die Situation, schließlich handelt es sich um den Präsidenten der Vereinigten Staaten." Polizeipressesprecher
"Was will der Bush eigentlich hier? Was soll denn der Käse? Der soll nach Berlin gehen oder sonstwohin. Der blockiert die Stadt, der blockiert den Flughafen, der blockiert einfach alles. Meine Firma ist im Messebau tätig und mein Kalender voller Termine. Ich werde versuchen, zur Arbeit zu kommen, weiß aber nicht, ob mir das gelingt. Es ist ja alles gesperrt. Finanziell bedeutet der Tag einen Totalschaden." Bauunternehmer
Bei Chriac war alles so easy
"Mein Chef hat gesagt, wir arbeiten bis vier." Brezelverkäufer, Hauptbahnhof
"Ich bin hochschwanger. Am Mittwoch könnten die Wehen einsetzen, und dann komme ich hier nicht weg. Die Polizei und mein Hausarzt haben meinem Mann und mir geraten, für die Zeit in ein Hotel oder eine Pension zu ziehen. Das machen wir auch. Bezahlen müssen wir das natürlich selbst." Hausfrau
"Wie ich das finde? Erstens: Was soll dieser Rummel überhaupt? Zweitens: Was kostet das denn alles? Drittens: Für die paar Stunden, die der Bush hier ist, lohnt sich der Aufwand gar nicht. Und wie immer wird der Steuerzahler zur Kasse gebeten. Viertens: Sie glauben gar nicht, was hier für ein Ausnahmezustand herrscht. Dauert klingelt die Kripo, ich muß mein Auto wegschaffen, meine Garage leer räumen. Die Schiffahrt wird lahmgelegt, kein Zug darf hier durch. Und meine vier Dialysepatienten muß ich schon am Sonntag ins Krankenhaus fahren. Ich bin ein echter Mainzer Bub, aber Bush hätte einfach am Rosenmontag kommen sollen, da hätte es auch niemand gemerkt." Taxiunternehmer
"Als der Chirac hier war, war das alles so easy." Hausfrau und Mutter von zwei Kindern
Das weiß ich aus sicherer Quelle
"Die rund hundert Autos müssen hier weg, und zwar bis Montag abend. Was bis dahin noch auf dem Gelände steht, wird abgeschleppt. Bezahlen müssen wir. Weil die Autos nicht zugelassen sind, dürfen wir sie nicht irgendwo an der Straße parken und stellen sie bei Freunden unter." Gebrauchtwagenhändlerin
"Alles ist geschlossen: Die Metro ist zu, der Hornbach ist zu, die Tankstelle ist zu." Speditionsangestellter
"Am Mittwoch, dem 23.Februar, findet bei uns kein Unterricht statt. Die Polizei hält es sich offen, ob sie hier Stellung bezieht. Vielleicht in der Turnhalle oder in der Aula. Die Stimmung im Kollegium reicht von ,Ist halt so' bis hin zu Unmut. Wir wollen uns nicht nachsagen lassen, daß wir uns einen Ferientag mehr verschaffen. Die Schüler erhalten zusätzliche Hausaufgaben." Lehrer der Stresemann-Schule
"Scharfschützen gibt's hier. Das weiß ich aus einer sicheren Quelle." Rentner aus Wiesbaden
Grundsätzlich
"Wir sind froh, daß wir schulfrei haben. Aber den Bush wollen wir hier nicht, der macht ja sowieso nur Krieg. Außerdem kann ich meinen Freund nicht besuchen, obwohl der gleich nebenan wohnt." Schüler der 8. Klasse
"Am Mittwoch muß ich mein Restaurant schließen, und sogar für Dienstag haben viele Gäste ihre Reservierung abgesagt. In meinem Lokal finden eigentlich 150 Personen Platz. Für mich bedeutet das mehrere tausend Euro Verlust. Ich bin wütend!" Restaurantbesitzerin
"Ich verstehe nicht, daß man sich verschanzen muß. Außerdem wollte der Herr Bush ja, daß die Leute schön winken, aber das ist völlig unmöglich, weil sie uns einen Maulkorb anlegen. Ich hätte ihm sowieso nicht gewinkt. Ich bin kein Bush-Fan." Angestellte
"Die IBM nimmt grundsätzlich nicht an Umfragen teil." IBM
Bei Kennedy war das Auto noch offen
"Unsere Patienten beschweren sich nicht. Mein Chef ist kulant: Urlaub muß ich mir für diesen Tag nicht nehmen. Aber was der Besuch des Präsidenten kostet, das ist doch der reinste Wahnsinn." Arzthelferin aus Wiesbaden
"Der Kennedy ist ja noch mit offenem Auto durch Wiesbaden gefahren." Rentnerin aus Wiesbaden
"Wir haben uns lange auf den Besuch des Präsidenten vorbereitet und die Dienstpläne entsprechend abgestimmt: Wer aus Frankfurt kommt, arbeitet an diesem Tag nicht. Außerdem liegt der Lerchenberg nicht innerhalb der Sicherheitszone und ist für die meisten unserer Mitarbeiter problemlos zu erreichen. Die Lage ist also nicht dramatisch." Mitarbeiter des ZDF
"Die Sache im Irak gefällt mir gar nicht. Sollen wir Bush dafür jetzt auch noch bejubeln?" Besitzer eines Blumenladens
Das muß man sich mal vorstellen
"Ich verstehe, daß Sicherheitsmaßnahmen notwendig sind. Kein europäischer Staat will sich nachsagen lassen, man habe Bush wegen schlechter Vorkehrungen auf dem Gewissen. Andererseits sind wir sehr stark eingeschränkt: Die Autos müssen weg, die Mülltonnen hinters Haus, die Briefkästen werden abgeschraubt. Das ist alles sehr unangenehm!" Angestellter aus Wiesbaden
"Hoffentlich passiert dem Bush in Deutschland nichts. Das wäre nicht gut für unser Land." Student
"Es gibt verschiedene Gerüchte. Die einen sagen, man dürfe das Haus nicht verlassen, die anderen, man müsse aus dem Haus. Manche glauben sogar, man bekäme einen Polizisten in die eigene Wohnung gesetzt. Das muß man sich mal vorstellen." Hausfrau
"Der Staat macht sowieso, was er will." Bankangestellter aus Wiesbaden
Wie zu Karnevalszeiten
"Es sollte doch eigentlich ein Empfang sein, über den man sich freut. Als der Kanzler hier durchfuhr, da konnte man gucken, da konnte man winken, das war einfach toll. Aber bei Bush hat man Angst, aus dem Fenster zu sehen. Die Scharfschützen drehen bestimmt sofort durch." Zeitungsverkäuferin
"Ich fühle mich, als sei ich in einem Getto. Am Mittwoch darf man nur noch mit Passierschein das Haus verlassen und muß sagen, wohin man warum will. Schrecklich sind diese ganzen Auflagen! Für mich und meinen Mann wird das ein Fernsehtag, und morgen kaufe ich die nötigen Lebensmittel dafür ein." Hausfrau und Mutter
"Alle McDonald's Filialen haben heute geöffnet." McDonald's
"Toll, diese ganze Aufregung. Endlich ist hier in Mainz mal was los, wie zu Karnevalszeiten. Überall sieht man wichtig guckende Beamte. Wenn sich die deutsch-amerikanischen Beziehungen dadurch verbessern, lohnt sich der Aufwand allemal." Studentin aus Mainz-Kastel
"Wir dürfen das Haus nicht verlassen." Rentnerin aus Wiesbaden
Winken darf ich leider nicht
"Bis der Herr Präsident im Flugzeug sitzt, werden die Straßen so leer sein, daß man nackt durch die Gasse rennen könnte." Sprecher der Straßenmeisterei
"Wir sind auf den Ernstfall vorbereitet und haben zusätzliche Chirurgen und Anästhesisten in unserem Team. Normale Patienten nehmen wir an diesem Tag nicht auf, nur Notfälle. Die Krankenwagen fahren natürlich, falls jemandem etwas passieren sollte." Sprecherin der Universitätsklinik
"Das Gutenberg-Museum ist geschlossen. Touristengruppen durften sich nicht anmelden. Ich glaube aber, der Besuch des amerikanischen Präsidenten ist eine gute Werbung für unsere Stadt." Tourismusbüro
"Heute ist Mainz tot." Student
"Wenn so ein Weltmann kommt, die große amerikanische Macht, dann sind solche Sicherheitsmaßnahmen schon notwendig. Ich mag den Bush gerne, weil er einen symphatischen Eindruck macht. Zum Winken darf ich mich leider nicht an die Straße stellen." Rentner
Für uns gibt es was zu gucken
"Ich lande am Mittwoch früh in Frankfurt und werde auf der Lufthansa-Basis schlafen, weil ich nicht in meine Wohnung komme." Lufthansa-Stewardess
"Sollte ein Todesfall in der Sicherheitszone eintreten, müssen wir die Abholung in die Abendstunden verlegen. Laut Gesetz ist es ja erlaubt, einen Toten 36 Stunden im Haus zu behalten." Bestattungsinstitut
"Für uns gibt es was zu gucken. Wir wohnen gegenüber der Staatskanzlei und finden den ganzen Aufmarsch toll: Polizeieskorten, Technisches Hilfswerk und wer sonst noch so die Rheinstraße entlangfährt. Am Hafen sind Taucher im Einsatz. Die suchen bestimmt nach Bomben." Hausfrau
"Die Polizei stand schon in meinen Vorgarten. Die suchen hinter jedem Baum, drehen die Steine um und inspizieren jedes Haus. Das geht nun schon seit letztem Donnerstag so. Ich fühl' mich wie im Krieg." Rentnerin
Bei den zitierten Stimmen handelt es sich um wortgetreue Aufzeichnungen unter Mainzer und Wiesbadener Bürgern aus den letzten 48 Stunden.
Gesammelt von Karen Krüger und Melanie Mühl
Text: F.A.Z., 23.02.2005, Nr. 45 / Seite 35
Bildmaterial: AP, F.A.Z.-Greser&Lenz, REUTERS
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