Marcel Reich-Ranicki

Wie ein kleiner Setzer in Polen über Hitler triumphierte

02. April 2005 Die Flucht aus dem Ghetto war nicht schwer, aber draußen auch nur einen Tag zu überleben, war fast unmöglich: Marcel Reich-Ranicki erinnert sich an die Kunst des Überlebens.

Herr Reich-Ranicki, was haben Sie am 8. Mai 1945 gemacht?

Ich war in Warschau. Was ich gemacht habe, weiß ich nicht. Denn gefeiert hat man am 9.Mai. Das war der Tag in Karlshorst, wo die Kapitulation unterschrieben wurde. Einer unserer Kollegen sagte, wir müssen in den Hof runtergehen und einen Salut gen Himmel abfeuern. Wir gingen in den Hof, jeder zückte seine Pistole, ich auch, alle schossen gleichzeitig, ich eine Sekunde später. Ich kam zu spät mit dem Schuß. Es war übrigens mein erster im Zweiten Weltkrieg - und mein letzter Schuß.

Was war das für ein Gefühl? Das Ende des Zweiten Weltkrieges, das Ende Ihrer Verfolgung und eine ungewisse Zukunft?

Das letzte trifft wohl die Lage. Es war völlig unklar, wie das weitere Leben ausschauen würde. Man fragt mich immer: Was haben Sie in den ersten Wochen nach der Befreiung gemacht? Nichts Pathetisches, etwas zu essen habe ich gesucht, was anzuziehen haben wir gesucht, wir waren in elendem Zustand, und man bekam nichts.

Was hat Ihnen die Nachricht bedeutet oder auch nicht bedeutet, daß Hitler tot ist?

Die Nachricht hat mir schon sehr viel bedeutet. Es war die Frage, ob sie denn stimme. Bei dem Herrn war man nie so ganz sicher.

Wo haben Sie die letzten Jahre vor Ende des Zweiten Weltkrieges zugebracht?

Am Anfang in Warschau, ab 1940 im Warschauer Ghetto, seit der Flucht im Herbst 1942 aus dem Warschauer Ghetto im Untergrund. Wir wurden befreit, meine Frau und ich, als wir noch im Untergrund waren, im September 1944.

Es war also für Sie der Moment der Befreiung von einer großen Angst?

Ja, ganz sicher. Aber die Angst war noch da: Was wird weiter mit uns geschehen?

Wußten Sie am 9. Mai 1945, daß fast Ihre ganze Familie umgebracht worden war?

Nein. Wir wußten, daß meine Eltern und die Eltern meiner Frau umgebracht worden waren. Auch von meinem Bruder wußte ich, daß er nicht mehr lebt. Aber die vielen anderen Familienmitglieder, die umgebracht wurden, Tanten, Onkel, Cousinen, das konnte man nicht so überblicken.

Sie wurden geboren in Polen, Sie hatten gutbürgerliche Eltern mit Wurzeln in Deutschland und im religiösen Judentum. Wo sehen Sie Ihre Wurzeln aus heutiger Sicht?

Aus heutiger Sicht sehe ich meine Wurzeln nur in der deutschen Literatur. Ja, in der deutschen Literatur, ungefähr von Lessing bis Gerhart Hauptmann und Brecht und, vor allem, Thomas Mann.

Sie haben in Ihren Erinnerungen berichtet, was viele Leser überrascht hat, daß Sie, ein Gymnasiast im Berlin Adolf Hitlers, in der Schule nicht das Gefühl hatten, verfolgt oder diskriminiert zu sein.

Ja, das ist richtig, aber ich habe betont, so war es in der Schule, in der ich die letzten Jahre absolvierte, im Fichte-Gymnasium in Berlin-Wilmersdorf. Und auch das stimmt nicht ganz. So war es in meiner Klasse. Es ist möglich, daß in anderen Klassen derselben Schule die Sache ganz anders aussah.

Wenn wir Marcel Reich-Ranicki 1936 oder 1935 nach seinen Wurzeln gefragt hätten, hätten Sie auch schon geantwortet, "in der Literatur", oder wurde die Literatur zum Fluchtpunkt?

Die Literatur wurde zum Fluchtpunkt. Ich fürchte, ich hätte 1936/37 gesagt, die Wurzeln seien im Theater, im deutschen Theater. Ich war damals ein großer Theaterenthusiast.

Sie haben am Berliner Theater- und Kulturleben der dreißiger Jahre teilgenommen und, zumindest im Theater, Gerhart Hauptmann einmal in eindeutiger Pose gesehen, wenn ich mich recht erinnere.

Ja, das war 1937 bei der Premiere seines Stückes, eines schwachen, frühen Stücks von Hauptmann: "Die Jungfern von Bischofsberg". Eine schöne Aufführung mit Käthe Gold und Marianne Hoppe. Beide sehr jung in den Hauptrollen. Er war in der Aufführung in einer Loge zusammen mit Göring, und am Ende wurde heftig geklatscht. Hauptmann hob die Hand zum Hitlergruß, und alles war schön in Butter. Göring war ja Reichsmarschall, der hob seinen Stab hoch.

Wann haben Sie gemerkt, daß das Ganze auf Krieg und auf Massenmord hinauslaufen würde?

Das Wort "Massenmord" habe ich nicht gehört. Aber von Konzentrationslagern hörte ich schon vorher, 1934, ausführlich genug. Ein Freund meines Schwagers war nach einem Jahr Haft aus einem Konzentrationslager gekommen. Ich höre meist eine andere Frage: Wann habe ich zuerst erfahren, daß Menschen vergast wurden? Das weiß ich genau. Anfang 1942 hieß es im Warschauer Ghetto, es werden mit Autoabgasen Menschen, die in einer Garage oder einem ähnlichen Raum eingeschlossen sind, zehn, fünfzehn Personen, dem Einfluß der Abgase ausgeliefert. Wir haben das gehört, aber nicht recht geglaubt.

Und man konnte sich auch nicht vorstellen, daß es zu industriellem Massenmord in Auschwitz kommen würde?

Nein, aber ab einem bestimmten Augenblick mußten wir uns das vorstellen. Die Deportationen aus dem Warschauer Ghetto gingen nicht nach Auschwitz, sondern nach Treblinka, das war viel schlimmer. Leute in Auschwitz konnten eventuell noch fliehen. Denn in Auschwitz gab es noch ein Konzentrationslager, davon war in Treblinka keine Rede. Da gab es nur die Gaskammer, und alle kamen sofort da hinein. Wir haben das sehr früh erfahren. Die Waggons, die ab 22.Juli 1942 mit den Juden aus Warschau abfuhren, kamen sehr schnell wieder zurück. An den Nummern der Waggons erkannte man das. Es war klar, daß die nicht weit fuhren. Die Entfernung war nicht groß. Treblinka war 160 oder 170 Kilometer von Warschau entfernt.

Als Sie im September 1939 die Nachricht vom deutschen Angriff hörten, ging Ihnen da durch den Kopf: "Jetzt muß ich sehen, daß ich wegkomme, wohin auch immer."?

Nein, es gab keine Möglichkeit. Ich dachte wie viele, es wird nicht so schlimm werden. Ältere Leute, Juden, glaubten alle, es wird ein bißchen so aussehen wie die deutsche Besatzung während des Ersten Weltkrieges, wo es den Juden gar nicht besonders schlecht ging. Es kam alles ganz anders.

Sie haben die Errichtung des Warschauer Ghettos erlebt und haben dort auch leben müssen. Was war das Ghetto?

Das Ghetto war eine abgeschlossene Stadt, in der bald schon bis zu 450000 Menschen wohnten. Denn es wurden die Ghettos in kleinen Orten im ganzen Distrikt Warschau liquidiert und alle Juden aus diesen kleinen Ghettos in das Warschauer Ghetto transportiert. So konnte es passieren, daß trotz der enormen Todesrate die Bevölkerung des Warschauer Ghettos größer wurde. Aber wenn ich daran denke, wie es uns erging, nachdem wir aus dem Ghetto geflohen waren, Anfang 1943, muß ich sagen, das Schrecklichste war das Leben im Ghetto noch nicht. Im Ghetto konnten sich Menschen noch gegenseitig besuchen. Im Ghetto gab es literarische Abende, gab es Konzerte. Im Ghetto wurde täglich geschossen, wurden täglich Menschen ermordet, das gehörte dazu. Aber man konnte noch leben, wenn auch ständig in Todesangst.

Wie waren Ihre persönlichen Lebensumstände im Ghetto?

Relativ gut - und nur aus dem einzigen Grund: Mein älterer Bruder hatte einen guten Beruf. Die Berufe im Ghetto waren eine wichtige Frage. Unglücklich waren die Rechtsanwälte, es gab keine Gerichte. Unglücklich waren die Lehrer, es gab keine Schulen. Besser ging es den Ärzten, den Zahnärzten. Mein Bruder war Zahnarzt. Er hat unsere Familie finanziert.

Warum war es so wichtig, sich im Ghetto gut zu rasieren?

Es war sehr wichtig im Ghetto, aber vor allem etwas später, als die Deportationen begannen, weil der unrasierte Jude schmuddelig aussah und man der Ansicht war, zu Recht übrigens, die Schmuddeligen werden, wenn ein Deutscher zögert, ob er sie zur Vergasung schicken oder noch leben lassen soll, gleich in Richtung Gaskammer abtransportiert. Ich habe mich zweimal täglich rasiert, und ich tue das noch heute, in der Bundesrepublik, obwohl ich weiß, daß man mir heute allerlei antun kann, aber daß man mich in eine Gaskammer transportiert, das nun doch nicht. Die Juden musterten sich gegenseitig: "Du hast ein gutes Aussehen, diese Haare, Du könntest als Arier durch die Straßen von Warschau spazieren, Du könntest fliehen." Bei manchen war es aussichtslos, die sahen wie Juden aus, sie mochten tun, was sie wollten. Ich ging, wenn ich im Hellen gehen mußte, immer merkwürdig verkleidet - mit einem Requisit in der Hand: mit dem "Völkischen Beobachter". Straff, schnell, mutig, "Völkischer Beobachter" in der Hand, die Polen sollten mich für einen Deutschen halten. Ein anderes Mal wurde ich verkleidet als armer, schmuddeliger Eisenbahner mit Ruß im Gesicht. "Die Brille weg", hat man gleich gesagt, "Brillen tragen in deinem Alter nur Juden." Kopf kahl geschoren, und in der Hand ein Brot und eine Zange, so ging ich in die Straßenbahn. Alle haben sich dann von dem Kerl abgewandt und entfernt.

Gab es Begegnungen mit deutschen Soldaten, Offizieren, SS-Leuten?

Ja, aber eigentlich nur, wenn ich verprügelt wurde - entweder, wenn ich den Deutschen gegrüßt, oder wenn ich ihn nicht gegrüßt habe. Man konnte nie wissen, was von einem erwartet wurde.

Kamen deutsche Juden ins Ghetto?

Ich erinnere mich an einen, er kam aus Hamburg oder Bremen, der mich fragte: "Gibt es hier ein Orchester, denn ich bin Kontrabassist?" Natürlich wurden die gern genommen.

Haben Sie Deutsch gesprochen?

Selbstverständlich, wenn die kein Polnisch sprachen, wurde Deutsch gesprochen. Gegen die deutsche Sprache hatte niemand etwas.

Sie sind 1943 aus dem Ghetto geflohen. Wie lief das ab?

Die Flucht aus dem Ghetto war nicht schwer. Es war wahnsinnig schwer, auch nur einen Tag außerhalb des Ghettos zu leben und nicht geschnappt zu werden. Es gab die Möglichkeit, mit einem Köfferchen zu fliehen, und zwar abends. Um diese Zeit kamen die Arbeiter zurück ins Ghetto. Uns wurde gesagt, und das war nicht falsch, wenn diese Juden zurückkommen, halb sechs, sechs Uhr, dann ist ein ungeheures Gedränge an den Ghettoeingängen, die dreifach bewacht wurden: durch deutsche Gendarmerie, polnische Polizei und jüdische Miliz. In dieser Überfüllung könnt ihr beide schnell durchgehen. Eine Bestechung wurde natürlich von uns verlangt. Der Mann hinter uns brüllte: "Geht jetzt schnell!", als er sah, daß der Deutsche sich abgewandt hatte. Wir gingen. Drei Minuten später wurden wir von der polnischen Polizei auf der Straße angehalten. - Wer seid ihr, und wo wollt ihr hin? - Kein Gerede, wir sind Juden, wir sind aus dem Ghetto. - Dann muß ich euch mitnehmen. - Langsam, vielleicht können Sie uns dahin führen, wo wir hinwollen. - Ja, vielleicht, aber mein Kollege, der wird das nicht machen, aber ich würde euch schon hinführen. - Das war immer dasselbe Spiel von den polnischen Gendarmen, einer böse, der andere gut. Dann sind wir in die Familie gekommen, wo wir zunächst einige Tage waren. Am Anfang der Flucht stand Glück, sehr merkwürdig. Uns hatte man im Ghetto gesagt, daß der Geiger Jakob Messer, einer der besten im Ghetto, uns sagen kann, bei wem man Unterschlupf findet. Wir gingen zu Messer, den wir kannten, seine Familie war deportiert, und er sagte uns die Adresse. Als wir schon gehen wollten, nahm er die Violine, die auf dem Schrank lag, und spielte eine Melodie, die wir alle schon sehr oft gehört haben. Er spielte aus Beethovens Razumovsky-Quartett Opus 49 Nummer 3 C-Dur den Anfang des letzten Satzes. Er spielte ihn sehr langsam und sehr traurig. Er hatte das Stück im Ghetto sehr oft gespielt. Sie haben das unzählige Male gehört, denn das "Literarische Quartett" ist immer von dieser Musik eingeleitet worden. Als wir nicht weit vom Eingang des Ghettos standen, kam ein junger Mann, blieb in unserer Nähe und pfiff eine Polonaise von Chopin. Da sagte meine Frau: "Das ist ein gutes Vorzeichen, wir werden überleben."

Sie haben die Deportation Ihrer Eltern erlebt. Wie spielte sich das ab?

Meine Eltern wurden an dem Tag deportiert, an dem die größte Zahl von Juden gleichzeitig an einem Tag deportiert wurde. Ich arbeitete im Judenrat als Dolmetscher und Übersetzer deutscher Dokumente. Ich hatte also Arbeit, meine Freundin nicht. Deshalb haben wir, als das begann, am 22.Juli 1942 blitzschnell geheiratet. Damit bekam sie die Bescheinigung, daß sie die Frau eines arbeitenden Menschen und damit vor der Deportation geschützt sei. Die Bescheinigung hatte nur einen Fehler. Man zeigte sie, wenn man abgeführt wurde, dem Soldaten in deutscher Uniform - und der brüllte russisch, der konnte überhaupt nicht Deutsch lesen. Damals wurde die Juden von Ukrainern, Letten, Litauern deportiert und meist von solchen, die keine lateinischen Buchstaben lesen konnten. Die Bescheinigung, die meine Frau hatte, war vollkommen wertlos.

Und Ihre Eltern? Waren sie dabei?

Meine Eltern waren in der großen Gruppe derjenigen, die nirgends arbeiteten. Das war das Schrecklichste, als ich meine Mutter gesehen habe, das Erschütternde, sie war so gut angezogen. Man konnte ja kein Gepäck mitnehmen. Sie hatte einen schönen Regenmantel angezogen, den sie 1938 in Berlin in einem Warenhaus an der Gedächtniskirche gekauft hatte. Sie sah aus, als wollte sie in der Stadt spazierengehen.

Das war der Moment der Deportation?

Das war der letzte Augenblick, wo ich sie gesehen habe.

Sie sind aus dem Ghetto entkommen. Wie lange blieben Sie bei der ersten Fluchtadresse? Wie ging es weiter?

Da waren wir ungefähr eine Woche in der Wohnung. Dann haben wir eine andere Adresse bekommen in einer anderen Wohnung, etwas besser. Da waren wir kurze Zeit. Aber man mußte immer fliehen. Man wurde entdeckt. Sehen Sie, in der einen Wohnung war ich allein mit meiner Frau, die dort, außerhalb des Ghettos gearbeitet hat, ein irrer Einfall, vollkommener Blödsinn. Sie hat gearbeitet, sie hatte Dokumente als Dienstmädchen. Dazu war sie absolut unfähig. Sie konnte weder Kartoffeln richtig schälen noch Gemüse zubereiten.

Sie kam aus einer großbürgerlichen Familie.

Ja, das hat man ihr nicht beigebracht. Als die weg waren, die Herrschaften, für eine Stunde, hat sie etwas getan, was wirklich unglaublich ist. Sie hat sich ans Klavier gesetzt und hat Chopin oder Bach gespielt. Natürlich hat sie so lange gespielt, bis die Dame des Hauses nach Hause kam, für die war es klar, das muß eine Jüdin sein, denn welches Dienstmädchen kann Bach spielen?

Die Leute haben geahnt, mit wem sie es zu tun hatten?

Ja, natürlich haben sie das geahnt. Es sind viele Juden von Polen gerettet worden, das gab es auch. Aber nicht in so großer Zahl wie beispielsweise in Berlin.

Und die letzte Station dieses Untergrunds war dann jene berühmte, die auch Günter Grass unter dem Namen "Zweifel" schildert, mit dem Schriftsetzer, der Adolf Hitler herausfordern wollte, indem er Ihnen das Leben rettete.

Das war unser Glück, daß der Mann, der uns denunzieren wollte, zwar ein ganz übler Halunke war, aber eben einen Bruder hatte. Der Halunke sagte: Wenn ihr Geld hättet, hätte ich für euch eine Möglichkeit, zu überleben. Mein Bruder ist ein Deutscher, er lebt in einem Vorort mit seiner Frau und seinen zwei Kindern in einem Haus, in dem er zur Miete wohnt, der würde euch vielleicht retten.

Und wo haben Sie dann die letzte Zeit verbracht?

Ich kam da hin, und als ich den Bruder sah, Bolek hieß er, in Polen ein populärer Name, sah ich sofort, das ist ein ganz anderer Typ als dieser Halunke, der uns dahin gebracht hat. Ein Deutscher war er nicht, aber protestantisch. Wir sprachen eine Stunde sehr vernünftig. Er hatte, das klingt merkwürdig, Respekt vor gebildeten Juden. Er hat dann die Sätze gesagt, die sehr berühmt geworden sind: "Adolf Hitler, Europas mächtigster Mann, hat beschlossen, daß diese beiden Menschen sterben sollen. Ich, ein kleiner Setzer aus Warschau, habe beschlossen, daß sie am Leben bleiben sollen. Nun werden wir sehen, wer siegen wird."

Hat Günter Grass recht, der Ihre Rettung durch Bolek mit der Erzählerin Scheherazade verglich - indem Sie den Mann bei Laune halten mußten, durch Pointen, durch Witze, durch Geschichten, durch Anekdoten, damit er Sie nicht verstößt?

Wir hatten in dem Haus kein Licht. Irgendwann hat die Frau von diesem armen Mann mir gesagt: "Marcel" - wir waren alle per du - "kannst du nicht mal eine Geschichte erzählen?" Ich habe irgendeine Geschichte erzählt, das hat ihr gefallen. Von dem Tag an habe ich täglich Geschichten erzählt, sobald es dunkel war. Ich bin nicht gut im Erfinden von Geschichten. Ich habe den "Rigoletto" erzählt und "Hamlet" und "La Traviata" und "Minna von Barnhelm". Die haben nicht gewußt, wer Shakespeare ist, das war denen völlig egal. Oder den "Barbier von Sevilla", auch Filme, aber am häufigsten Stücke. Natürlich hatte ich mit einem Stück einen besonders großen Erfolg, mit "Kabale und Liebe" und dem "Prinz von Homburg".

Als Sie wieder in Deutschland waren, war die Wahrscheinlichkeit, auf der Straße einem Emigranten zu begegnen, sehr viel geringer als die, einem ehemaligen Nazi zu begegnen. Das hat Sie nicht abgehalten?

Doch, es hat mich abgehalten. Ich bin ja erst spät, 1958, von Polen nach Deutschland gegangen. Damals war das eine ganz andere Entscheidung. Damals stand ich vor der Alternative, ob ich im kommunistischen Polen bleiben will oder nicht, und ich wollte nicht bleiben. Die Frage war nur, wohin. Die naheliegende Antwort - nach Israel - kam für mich nicht in Betracht. Ich konnte nicht ein Wort des modernen Hebräisch, des alten übrigens auch nicht. Die Idee war, nach Deutschland zu gehen, weil es das einzige Land war, das uns aufzunehmen gezwungen war. Weil wir aus Deutschland deportiert worden waren.

Hatten Sie auch das Gefühl, willkommen zu sein? Oder haben Sie sich als unwillkommener, aufgezwungener Gast gefühlt?

Gedanken darüber, ob ich willkommen bin, habe ich mir überhaupt nicht gemacht. Sollte ich mir darüber Gedanken machen?

Sie sind dann später auch ehemaligen Nazigrößen begegnet?

Einer richtigen Nazigröße bin ich nur einmal begegnet, nämlich Albert Speer.

Bei welcher Gelegenheit? Wie lief das ab?

Das war, als Joachim Fests große Biographie über Adolf Hitler im Siedler-Verlag bei Propyläen erschien. Wolf Jobst Siedler gab einen Empfang zu Ehren von Fest. Ich wußte nicht, daß an dem Empfang auch Albert Speer teilnehmen würde. Als ich reinkam und Speer sah, überlegte ich, ob ich mich zurückziehen sollte. Aber Siedler stand hinter mir und schubste mich in die Arme von Speer. Speer war mir gegenüber an diesem Abend überaus freundlich. Er hatte nicht das brutale Aussehen mancher Naziführer. Es war ein unvergeßliches Treffen für mich. Das war mir ja klar, daß Speer dazu beigetragen hatte, daß meine Eltern ermordet wurden, absolut klar.

Sie sind auf beispiellose Weise Zeuge dieses Jahrhunderts. Sie haben in der Bundesrepublik die Weimarer Republik wieder lebendig gemacht, indem Sie als Kritiker agierten wie Ihre großen Vorbilder der Weimarer Republik. Wenn Sie das Resümee ziehen: Gibt es "den" Text, "das" Buch oder "das" Organ, das die Summa des Ganzen bildet?

Kein Buch hat das zusammengefaßt. Aber wenn Sie mich nach dem besten Text über Adolf Hitler fragen, zögere ich nicht, Thomas Manns Schrift "Bruder Hitler" zu nennen, acht oder neun Seiten. Daß mein Interesse an der deutschen Kultur zum großen Teil auch ein Interesse an der Weimarer Republik war - gar keine Frage. Mich interessierten die Schallplatten von Ernst Busch und anderen Schauspielern, die Songs, die Verse von Bert Brecht, die Kritiken von Alfred Kerr, die Reportagen von Egon Erwin Kisch, die Schlager von Marlene Dietrich, die Prosa von Thomas Mann. Es war kein Zufall, daß meine Frau mir im Ghetto zu meinem 21.Geburtstag, am 2.Juni 1941, Erich Kästners Buch "Lyrische Hausapotheke", das man käuflich nicht erwerben konnte, abgeschrieben hat. Sie wußte, daß Literatur mein Leben ist.

Wenn Sie nach so vielen Jahren zurückblicken - können Sie das, was Sie in Ihren Erinnerungen geschildert haben, noch als Ihr eigenes Leben betrachten, oder kommt es Ihnen vor wie das Schicksal eines anderen?

Die Frage wundert mich. Was ich erlebt habe, hat sich zu tief in mir eingeprägt, als daß es mir je wie das Leben eines anderen vorkommen könnte.

Die zwölfteilige DVD-Dokumentation von F.A.Z. und Spiegel TV enthält einen Hauptfilm von hundert Minuten mit seltenen historischen Filmaufnahmen und zusätzlich ein Interview, das Stefan Aust und Frank Schirrmacher mit prominenten Zeitzeugen oder Historikern geführt haben. Jede DVD kostet 17,90 Euro zuzüglich Versandkosten und ist unter der Telefon-Nr. 0180 212 5212 oder unter DVD-Serie "Hundert Jahre Deutschland" zu bestellen. „Hundert Jahre Deutschland“ kann auch als zwölfteilige Gesamtedition (169,- Euro zzgl. Versandkosten) oder in zwei Teillieferungen (je 89,- Euro zzgl. Versandkosten) erworben werden.

Das Gespräch führten Stefan Aust und Frank Schirrmacher.



Text: F.A.Z., 02.04.2005, Nr. 76 / Seite 39
Bildmaterial: picture-alliance / dpa

 
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