Von Jürg Altwegg, Genf
09. Mai 2008 Der Tod ist programmiert, das Datum steht fest. Acht Tage vor dem Besuch des Exit-Erlösers - man schreibt den Monat April 2008 - veröffentlicht die Genfer Gratiswochenzeitung GHI die Lebens- und Leidensgeschichte des neunundsiebzigjährigen Georges-Adrien Chevalier. Er war Pianist, in einem Genfer Nachtklub hat er vor Jahrzehnten einmal Ruggero Raimondi begleitet. Noch immer steht in seiner Wohnung ein Flügel. Die Mutter starb an Alzheimer, grauenhafte Jahre müssen ihrem Tod vorangegangen sein.
Der alleinstehende Mann zählt auf: Er leidet an vierzehn Krankheiten, elf davon sind unheilbar. Und fast ebenso zahlreich die körperlichen Behinderungen. In Genf hatte Chevalier als Opfer eines Arztfehlers bei einer Schönheitsoperation Schlagzeilen gemacht, nach jahrelangem Kampf bekam er recht. Als man ihm wegen der Entschädigungszahlung die Rente kürzen wollte, wurde er von Politikern unterstützt. Inzwischen trägt ein Gesetz seinen Namen. Chevalier war zuletzt in der Psychiatrie und in wechselnden Altersheimen. Ende Januar flüchtete er aus dem Krankenhaus vor der Misshandlung in seine Wohnung, wo er vom Sozialdienst betreut wird. Ein Fall für die Sterbehilfe? So hat ihn Exit beurteilt.
Hemmschwelle überschritten
Lieber sterben als schlecht behandelt werden, begründete Georges-Adrien Chevalier seine Verzweiflung in der Zeitung. Er will Anklage erheben gegen die Art und Weise, wie die Alten behandelt werden: als Wegwerfprodukt. Die Zeitung schloss sich seinem Kampf an und hat dabei eine weitere Hemmschwelle überschritten: War es nötig, auch noch den Zeitpunkt des angekündigten Todes und den Ort des Sterbens anzugeben?
Ein Fall auch für den Presserat. Er hat soeben die Klage zweier Organisationen, die den Suizid bekämpfen, behandelt. Die umstrittene Zürcher Vereinigung Dignitas, die Sterbewillige aus dem Ausland in die Schweiz holt (Exit beschränkt sich auf Hausbesuche), verwendete Medikamente, deren Namen und Mischung in verschiedenen Zeitungen erwähnt wurden. Die Argumente der Kläger, die einen Werther-Effekt fürchten, seien durchaus begründet, erklärt der Presserat: Vor allem bei Jugendlichen gebe es die Gefahr der Nachahmung.
Grenzenlose Mimesis
Die Mimesis der Medien jedenfalls ist grenzenlos und grenzüberschreitend. In Frankreich hatte gerade Chantal Sébire den Staat und den Präsidenten aufgefordert, ihr die Beihilfe zum Sterben zu bewilligen. Die ehemalige Lehrerin war unheilbar krank. Tagelang hat ihr Schicksal die Öffentlichkeit beschäftigt. Als die Fotos von Chantal Sébire in der Presse und im Fernsehen gezeigt wurden, äußerten in Meinungsumfragen plötzlich neunzig Prozent der Franzosen ihre Zustimmung zur Sterbehilfe. Bernard Kouchner, Begründer von Ärzte ohne Grenzen und gegenwärtig Außenminister, sprach sich für eine Ausnahmebewilligung aus. Das Gericht konnte sie nicht erteilen. Gleichwohl ist Chantal Sébire offensichtlich wie ersehnt, umgeben von den Kindern, in der eigenen Wohnung aus dem Leben geschieden.
Das Medikament, das verwendet wurde, ist in Frankreich nicht im Handel. Die Spuren weisen in die Schweiz, zu Dignitas. Das ergab die Untersuchung der Leiche. Gegen diese letzte Demütigung einer Autopsie in der Gerichtsmedizin - der kein Gerichtsverfahren folgen wird - protestierte die französische Vereinigung ADMD, die für ein Recht auf ein Sterben in Würde kämpft. Ihr hat Chantal Sébire zu neuer Publizität verholfen, sie sucht gerade einen weiteren Vollzeitmitarbeiter. Im Patronatskomitee der Organisation, die 50.000 Mitglieder zählt, sind prominente Politiker wie der frühere Premierminister Michel Rocard, Philosophen (Michel Onfray), Schauspieler (Nathalie Baye), Schriftsteller (Dominique Fernandez), Journalisten und Nobelpreisträger vertreten.
Die letzten Monate des Hugo Claus
Wir kämpften für das Recht auf Abtreibung, jetzt ist es nur logisch, dass wir für das Recht auf Sterben eintreten, erklärte der Schriftsteller Philippe Sollers zum Tod von Chantal Sébire im Journal du Dimanche. Praktisch gleichzeitig hat Le Monde einen Aufsatz von Cees Noteboom über die letzten Monate im Leben des belgischen Schriftstellers Hugo Claus, der wochenlang von seinen Freunden Abschied nahm, veröffentlicht.
In der Debatte über die Sterbehilfe stehen den Befürwortern die Katholiken gegenüber. In der Tageszeitung La Croix erscheinen die differenziertesten Kommentare. Études, die Zeitschrift der Jesuiten, hat unlängst einen Beitrag über die Lobby der Euthanasie veröffentlicht. Sie sucht sich die medienwirksamsten Fälle aus. Die Sterbehelfer werden in den Massenmedien als barmherzige Samariter porträtiert, die den Menschen von seinen Leiden erlösen. Études erwähnt auch, dass aus dem Recht auf Freitod in der überalterten Gesellschaft eine Pflicht werden könnte.
Sie haben keine Zukunft
Nach dem Begräbnis von Chantal Sébire verlangte Clara Blanc aus Montpellier vom Staat die Bewilligung auf Sterbehilfe. Sie sind fünfundzwanzig Jahre alt, ihr Leben ist zu Ende. Sie werden keine Kinder haben, Sie haben keine Zukunft, hatte ihr ein Arzt vor sieben Jahren gesagt. Clara Blanc leidet an einer seltenen Krankheit und will sterben. Ein Freitod ohne Beistand kommt für sie nicht in Frage. In fünf Jahren bin ich im Rollstuhl, erklärte sie in der Zeitung Midi libre. Doch das Interesse der Medien war erschöpft. Clara Blanc machte keine weiteren Schlagzeilen. Das Sterben in der Schweiz kostet 6000 Euro, das kann ich mir nicht leisten, hatte sie erklärt.
Seit dem Freitod der Schauspielerin Maya Simon, deren letzte Reise in die Schweiz führte und die in einem Rundfunkinterview die Scheinheiligkeit ihres Landes anprangerte, ist Dignitas auch in Frankreich bestens bekannt. Und arbeitet mit ADMD zusammen. Unwidersprochen berichten französische Medien, Dignitas verkaufe für dreihundert Euro Selbstmord-Pakete. Darin enthalten: Helium und ein Plastiksack.
Plastiksack über dem Kopf
Es ist die Methode, mit der Ludwig A. Minellis Sterbehilfeorganisation in der Schweiz für neue Schlagzeilen sorgt. Offensichtlich fehlt ihr ein Arzt, der die Sterbewilligen untersucht und das Rezept für die Medikamente ausstellt. Der Plastiksack wird über den Kopf gestülpt, das Helium sorgt für den Tod durch Ersticken. Langsam, aber schmerzlos soll dieses Sterben sein. Es wird gefilmt und der Film jedes Mal dem Zürcher Staatsanwalt geschickt: Dignitas will damit beweisen, dass keine Gesetze übertreten werden. Im Parlament des Kantons Zürich ist erneut gefordert worden, die Sterbefabrik in Schwerzenbach zu schließen. Hier hat Dignitas Ende 2007 im Industriegebiet ein Lokal mieten können. Nach der Schließung verschiedener Sterbewohnungen - in Zürich und Stäfa, wo die Anwohner rebellierten - benutzte man zeitweilig sogar ein Auto. Jetzt kamen die Eigentümer der Liegenschaft dem Parlament zuvor: Ende April musste Dignitas in Schwerzenbach die Schlüssel abgeben. Aber der Ansturm aus Europa ist ungebrochen.
In Genf ist Georges-Adrien Chevalier in den vergangenen Tagen mit Dutzenden von Briefen und Blumensträußen bestürmt worden. Unaufhörlich läutete das Telefon. Ich fühle mich wie in einem Traum. Ich dachte, die Menschen sind egoistisch und denken nur an sich, sagte er einer Boulevardzeitung. Doch fest steht der Pianist zu seinem Sterbewunsch: Ich habe nichts anderes mehr im Sinn. Der Mann von Exit allerdings hat seinen Besuch um ein paar Tage verschoben. Nicht aus Zweifel oder aus Protest gegen die Publizität. Nur aus Angst vor dem Rummel vor Chevaliers Wohnung. Das neue Datum steht fest.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: AP
