Von Jan Wiele
11. November 2005 Das waren noch Zeiten, als man Sheryl Crow eine Affäre mit Eric Clapton nachsagte! Den Ruf einer der letzten Rocksängerinnen hat sie inzwischen verspielt, indem sie in den vom Musikfernsehen auferlegten Blondinenwettbewerb mit Britney Spears oder Christina Aguilera eintrat - mit Mädchen, die beinahe ihre Töchter sein könnten.
Auf dem Plattencover von Wildflower wird sie nun jünger gemacht als auf ihrem Debüt von 1993. Gern hätte man sich von ihr überraschen lassen und das neue Werk, wie es in Amerika üblich ist, als ihr bisher bestes gepriesen. Doch wo damals enorme musikalische Stilvielfalt sich mit abseitigen Thekengeschichten verband, stehen heute Retortenlieder mit dem Charme von Getränkewerbung: Live it Up oder Always on Your Side.
Lange in der Versenkung
Stets klingen im Hintergrund mehrere Gitarrenspuren mit allerlei Effektfett, wo eine einzige genügt hätte. Was daran wildnistauglich sein soll, wird nicht klar. Ganz anders liegen die Dinge bei Fiona Apple: Lange war sie in der Versenkung verschwunden, und um die Veröffentlichung ihres neuen Werks Extraordinary Machine rankt sich manche Internetlegende. Bereits 2003 sei es fertig gewesen, aber von Sony/Epic auf Eis gelegt worden, erst auf den Druck des Fan-Forums Free Fiona hin hätten die Mächtigen ihre Meinung geändert. Auch die Künstlerin selbst wird zitiert: Sie sei es gewesen, die zunächst unzufrieden war.
Wie dem auch sei - die erneuten Aufnahmen der Songs mit dem Rap-Produzenten Mike Elizondo und der lange Entstehungsprozeß haben dem Album keineswegs geschadet. Es klingt vielseitig, so trauerschwer und doch so tanzbar, wie es der von vielen Wechseln markierte Lebensabschnitt seiner jungen Schöpferin seit ihrem letzten Album von 1999 gewesen sein muß. So verpönt der Biographismus in der Kunstkritik, so verlockend wäre dies bei Apples Kompositionen: Hier singt eine, die jungen Ruhm im Showgeschäft erlebt hat, die man fallenließ, die mit Männern und mit der Mutter gelebt hat. Keine singt darüber so herrlich abgebrüht wie sie. Eine unschuldig anmutende Zeile wie You were always good for a rhyme wirft doch auch ein Licht darauf, wie klar sich ihre Verfasserin über den künstlerischen Nutzen von bitteren Lebenserfahrungen ist.
Kampfmaschine gegen das Musikgeschäft
Fiona Apple ist ein extraordinäres Stehaufweibchen, eine Kampfmaschine gegen die allseits sichtbaren Gesetze des Musikgeschäfts, denen Sheryl Crow sich längst unterwarf. In ihren neuen Liedern steckt die musikalische Freiheit, die Crow verloren hat. Eines davon sticht besonders heraus: Es heißt Tymps (Kurzform für: Tympanogramm, Trommelfelltest) und trägt den erklärenden Beinamen The sick in the head song. Dem kryptischen Text kommt man, wie es sich für ein vernünftiges Stück fremdsprachiger Dichtung gehört, ohne Wörterbuch kaum bei - er ist eine Ursachenanalyse verebbter menschlicher Faszination.
Die Sprache der Hipster und des Cool Jazz (Those boon times went bust) verbindet sich hier mit einer furiosen Mischung aus Schlagzither und Wurlitzer, und alles ist unterlegt mit einem Elektrobeat, der wohl auch von den heute sich hip Fühlenden nur das höchste lobende Attribut erhalten kann: fett.
Sheryl Crow, Wildflower. A&M 48005 (Universal)
Fiona Apple, Extraordinary Machine. Epic 6736362 (Sony/BMG)
Text: F.A.Z., 12.11.2005, Nr. 264 / Seite 42
Bildmaterial: AP
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