Von Julia Encke, Volker Weidermann
07. Oktober 2006 Es war die Messe, als Oskar Pastior starb. Das wird in Erinnerung bleiben von Frankfurt 2006. Der Moment, an dem es plötzlich still wurde auf der Messe, das große Gerede über Bücher und Dichter und Neuerscheinungen und Indien und das Thema der Saison plötzlich verstummte, weil die Nachricht vom Tod dieses wunderbaren Menschen und Dichters alles andere gleichgültig erscheinen ließ.
Und, nein, in Wirklichkeit wurde es natürlich nicht stumm und leise. Das große Frankfurter Summen, dieses irre Stimmenrauschen in jeder Halle, auf jedem Empfang, die ganze Nacht bis zum nächsten Morgen im Frankfurter Hof, dieses ewige Bücherbesummen der Buchgeschäftsleute hier, das hört nie auf, solange die Messe läuft. Aber einer fehlte plötzlich. Und riß mit seinem Tod ein Loch in den Lärm.
400.000 Euro soll das Buch gekostet haben
In zwei Wochen hätte er in Darmstadt den Büchnerpreis, den bedeutendsten deutschen Dichterpreis, entgegennehmen sollen. Am Ende eines großen Lebens und Schreibens nur für wenige, für einen kleinen Kreis der Worteingeweihten, wäre das endlich der Lohn gewesen, die große Anerkennung für all das lebenslange Schreiben in seinem kleinen Dichterzimmer in Berlin. Warum ist das Leben nicht gerecht? Er ist, das berichten seine Freunde, in der Nacht von Mittwoch auf Donnerstag in der Wohnung eines Freundes auf dem Sofa einfach eingeschlafen. In der Stille wollte er sich auf einen Fernsehauftritt am nächsten Tag vorbereiten, er hatte seine Texte um sich geschart, schlief ein und wachte nicht mehr auf. Es gab also Grund, traurig zu sein, auf der Messe, in diesem Jahr.
Fast konnte man ein bißchen neidisch werden, wenn man in den Hallen auf strahlende Menschen mit glänzenden Augen traf. Am Stand des Berlin-Verlags war das so - und das nicht nur, weil Kiran Desai mit ihrem Roman Erbin des verlorenen Landes sich als eine der gefragtesten indischen Autorinnen herausstellte. Der Verlag hatte schon vor der Messe den besonderen Coup gelandet: Er hatte die Rechte des französischen Bestsellers Les Bienveillantes von Jonathan Littell erworben, um die es ein wildes Gerangel gegeben hatte. Das Raunen war groß - 400.000 Euro soll das Buch gekostet haben, was angesichts der Tatsache, daß andere deutsche Verlage ganze 100.000 Euro mehr geboten haben sollen, möglicherweise nicht ganz so weh tat.
Littell hatte die Verlage gebeten, sich mit Exposés und Auskünften über das jeweilige Haus, Verkaufsstrategien und weitere Titel des Verlages um sein Buch zu bewerben. Das Geld kam erst an zweiter Stelle, heißt es. Und so erwartet uns im kommenden Jahr ein interessantes und vor allem ein dickes Buch: Littells 900-Seiten-Roman, in dem ein homosexueller SS-Offizier seine imaginären Memoiren als Henker und Nazi erzählt, wird in der deutschen Übersetzung noch mal Hunderte von Seiten länger sein. Da haben die Übersetzer unter Zeitdruck einiges vor sich.
Eine große Leere in der Indien-Halle
Man traf aber auch sonst auf beglückte Menschen: Der junge Autor Sasa Stanisi, der mit seinem Roman Wie der Soldat das Grammofon repariert gerade für den Buchpreis nominiert war, hatte, zusammen mit seinem Lektor vom Luchterhand-Verlag, ganz besonders gute Laune, weil die deutschen Übersetzungsrechte seines Debüts gerade nach Island, England und an die Niederlande verkauft worden waren. Auch von kroatischer Seite bestand Interesse. Und so wird Stanisi, der als Siebzehnjähriger aus Bosnien nach Deutschland floh und der in Wie der Soldat das Grammofon repariert die Kriegserlebnisse aus der Perspektive eines Kindes erzählt, mit seinem auf deutsch verfaßten Roman eines Tages vielleicht in seiner bosnischen Heimat auf Lesereise gehen. Im Moment würde ich mich, zumindest in Visegrad, wo ich herkomme, nicht trauen. Das würde ich nicht machen, sagte er. Der Krieg scheint nur lange her zu sein. Die Verletzungen sind noch immer zu groß.
Als er am Donnerstag abend, zusammen mit anderen Schriftstellern, im Römer las, war das Haus so überfüllt, daß nicht nur einige Hunderte Leser im Eingangsbereich vor einem winzigen Fernseher sitzen mußten, um der Lesung zu folgen, sondern andere sich sogar vor der Tür vor einem ebenso kleinen Fernseher versammelten, um den neuen, jungen Dichter einmal beinahe live zu erleben.
Die Präsentation des Schwerpunktlandes war in diesem Jahr dagegen eine herbe Enttäuschung. Die zahlreichen guten indischen Romane, die zur Buchmesse erschienen waren, fanden in der Präsentation des Landes auf der Messe keine Entsprechung. Riesige Tafeln mit minimaler Information, einige lustlos aufgestellte Bücher in Regalen und ansonsten eine große Leere in der Indien-Halle und ratlose Inderinnen, die in ihren Saris als besonders wertvoller Schwerpunktschmuck ausgestellt zu sein schienen.
Da brummt es wie in der UN-Zentrale
Vielleicht muß man auf die Frankfurter Buchmesse überhaupt schon am Montag oder Dienstag kommen, wenn der Hessische Hof einer Börse gleicht und die Verlage ihre Verträge abschließen. Oder man muß in Halle 6.2 gehen, ins Agentenzentrum, wo an langen Tischreihen im Halbstundentakt Manuskripte feilgeboten werden. Da brummt es babylonisch wie in der UN-Zentrale. Da gibt es nach jedem glücklichen Deal ein glückliches Gesicht. Ansonsten war man nämlich eher ein bißchen ratlos - also auch nicht wirklich glücklich. Der Zeit-Journalist Harald Martenstein, der in seiner täglichen Morgen-Messe eine aktuelle Kolumne zum jeweiligen Tag vorlas, saß am Freitag nachmittag im Gang vor dem Blauen Sofa, auf dem gleich Peter Sloterdijk sprechen sollte, und fragte sich, was dieses Jahr - von Indien einmal abgesehen - eigentlich das Thema der Messe sei, hatte keine Antwort und kam zu dem Schluß, daß das Thema wohl sein müsse, daß es keins gebe.
Hätte Günter Grass, umringt selbstverständlich von einer drängelnden Menge Neugieriger, an derselben Stelle gesessen und sich diese Frage gestellt, hätte er eine Antwort gewußt: Ich bin das Thema, hätte er vermutlich angenommen. Und in gewisser Weise war das auch so. Wo immer Grass auftauchte, war Gewühl und kein Durchkommen. Als er im Gespräch mit Giovanni di Lorenzo diese Zeitung dann auch noch für ihre Enthüllungen geißelte, konnte er sicher sein, eine Messenachricht produziert zu haben.
Wir sind zorniger denn je
Etwa zeitgleich diskutierten beim Deutschlandfunk Felicitas Hoppe und Thomas Hettche über die Diskurshoheit der Flakhelfer und fragten sich, ob es so etwas wie eine intellektuelle Gerontokratie in Deutschland gebe. Das war wie das Gegenprogramm einer anderen Generation, und es war auch ein Aufbegehren: Grass, sagte Felicitas Hoppe, habe sie schon vor zehn Jahren gebeten, parteipolitisch mit die Stimme zu ergreifen, und sie habe das schon damals nicht verstanden. Schriftsteller sollten ästhetische Debatten führen, das sei ihr Metier. Jede ästhetische Debatte habe auch moralische und politische Implikationen. Parteigänger müsse man deshalb noch lange nicht werden. Zwar dominierte der alte deutsche Dichter und Nobelpreisträger in Frankfurt das Gerede. Doch heißt das eben nicht, daß die Jüngeren sich nicht dagegen wehrten. Felicitas Hoppe jedenfalls sprach mit klarem, geistesgegenwärtigem Zorn.
Und vielleicht kann man auch aus diesem Grund Peter Sloterdijks in seinem neuen Buch Zorn und Zeit erhobene Forderung nach einem produktiven stolzen Zorn, den diese Zeit brauche, gar nicht ernst genug nehmen: Wir sind zorniger denn je, wissen mit diesem Zorn aber nichts anzufangen, hieß seine Diagnose auf dem Blauen Sofa. In einem der Kinos der Messe tauchte am Donnerstag jemand auf, der einmal der Inbegriff des künstlerisch-produktiven Zorns war, aber leider längst tot ist: Rolf Dieter Brinkmann. Gemeinsam mit dessen Witwe Maleen, die öffentliche Auftritte sonst eher scheut, präsentierte der Regisseur Harald Bergmann seinen halb dokumentarischen, halb fiktionalen Film Brinkmanns Zorn, der Anfang nächsten Jahres in die Kinos kommen wird. Es gibt viel zuwenig Erben dieser aufgebrachten Schimpfästhetik.
Statt Pastior sind seine Verleger da
Die Nächte waren wie immer lang im Hotel Frankfurter Hof. Das Summen summte und rauschte vor sich hin, wie das helle Lärmen der Vögel in den Bäumen an der Hauptwache. Bücher wurden verkauft, geplant, entworfen. Udo Jürgens lehnte bis spät abends an der Bar, und Christian Kracht sagte schwankend leise: I wanna go home. Und als der herbeigerufene Taxifahrer fragte, wo das denn sei, erinnert er sich stolz: In der Schweiz.
Kurz davor, am Tage noch, war auf der Messe wieder diese Stille gewesen, als die Fernsehsendung aufgezeichnet wurde, zu der eigentlich Oskar Pastior hätte kommen sollen, auf die er sich vorbereitet hatte, als er starb. Statt dessen sind seine Verleger da, sie lesen seine Gedichte vor, hinter ihnen, auf einem Bildschirm leuchtet schwarz und weiß ein Bild des Dichters, den sie ehren. Und plötzlich wird er selbst noch einmal eingespielt. Seine Stimme, die weiche Stimme Pastiors, der einst mit einem großen Sprung vom Sichersten ins Tausendste, wie sein erster Gedichtband hieß, begann. Und der immer weiter gesprungen ist, immer weiter von jenem Sichersten sich entfernte, in ein Hunderttausendstes hinein, in eine Wörtersternenwelt hinein, mit dieser Stimme. Die hier jetzt plötzlich noch einmal wie lebendig klingt. Ein letztes Mal.
Text: F.A.S.
Bildmaterial: AP, ddp, dpa, REUTERS, Wolfgang Eilmes