Von Kerstin Holm, Moskau
03. November 2006 Seine russischen Millionäre verteidigt Marcello Prospato bis zum letzten Blutstropfen. Ein Leben lang habe er gegen nationale Vorurteile gestritten, erklärt der aus San Remo stammende Gründer des Lifestyle-Management-Büros Red Spot mit operntauglichem Mienenspiel. Er steht an seinem Stand auf der zum zweiten Mal stattfindenden Moskauer Millionärsmesse. Anlaß für Prospato, der sich als Lebenskunst-Assistent des amerikanischen Präsidenten und der englischen Königsfamilie empfiehlt und auch Finanzexzellenzen aus der Türkei und den Vereinigten Arabischen Emiraten, Südamerika und Norwegen betreut, vor drei Jahren auch in Moskau Anker zu werfen, war die Nachricht, daß ein westeuropäisches Hotel sich damals geweigert hatte, vermeintlich ungehobelte reiche Russen länger als Gäste aufzunehmen. Für einen Jahresbeitrag von zweieinhalbtausend, fünftausend oder fünfundzwanzigtausend Dollar wird man Mitglied in Marcellos Club und kann sich rund um die Uhr einen Hubschrauber auf Korsika, eine Villa in Genf, ein antiquarisches Geschenkbuch oder einen Schwimmtrainer für die Kinder organisieren lassen.
Es sei seine gottgewollte Mission, die Wünsche der wohlhabenden Freunde zu erfüllen, bekennt Prospato glutvoll, während er dem Zeitungschronisten etwas Blattgold zum Espresso anbietet. Nebenan, wo die Deutsche Bank ihre Managementkünste für große russische Privatvermögen andient, stärkt man sich mit Heilbutt-Bambus-Röllchen und einem Langusten-Spargel-Cocktail, dem statt der üblichen Sauce eine Goldplättchenverzierung beigegeben ist. Gold ist Vitamin B 12 für die Nerven, erläutert der Italiener dem Ahnungslosen eine in seinen Kreisen offensichtliche Selbstverständlichkeit.
Nobelschnuller aus Massivgold
Auch die Augen des deutschen Luxusjuweliers Matthias Wintzer funkeln wie Demantoide - jene grünlichen, nur im Ural geförderten, das Licht noch stärker als Brillanten streuenden Edelsteine, die eines seiner Schmuckhandys übersäen. Ein solches Gerät kostet sechstausend Euro. Bei Wintzer, der sich über ein lebhaftes Messegeschäft freut, kann ein Mann von Geld und Geschmack außerdem für seinen Nachwuchs einen Nobelschnuller aus Massivgold für achttausend Euro erwerben nebst einer goldgefaßten Glasnuckelflasche. Ein schweigsamer Mulatte dreht unterdessen Ultra-Zigarren mit Feingolddeckblatt, für hundert Euro das Stück. Zu Dostojewskis Zeiten hätten reiche Russen Banknoten im Kamin verbrannt, kommentiert Wintzers Steinexperte, ein offenbar belesener Melancholiker, das Spitzenprodukt der Genußkultur; heute tupften sie eben Gold in ihren Aschenbecher.
Doch das ist ja nur Kindergartendekadenz. Auf der Millionärsmesse, die auf den Straßen zum Nobeleinkaufszentrum Krokus Expo an der Moskauer Ringautobahn gewaltige Staus anschwellen läßt, wechseln auch ganze Loireschlösser und Karibikinseln den Besitzer. Ein Schweizer Massivgoldhandy mit brillantenbesetzten Tasten kostet eine Million Dollar, ein französisches Parfum im Flakon mit schwarzen Diamanten immerhin noch deren fünfzigtausend. Neben Tuning-Superautos, Schneemobilen und Helikoptern sind auf der eurasischen Kontinentalplatte, deren Gewässer lange zufrieren, neuerdings auch Jachten besonders gefragt. Märchenhaft schöne Lebendpferdestärken finden sich in Halle eins, wo das Gestüt Sovereign Club langbeinige Achal-Tekkiner-Hengste mit Schwanenhals und goldenem Seidenfell im Kreis tänzeln läßt.
25 Milliardäre und 88.000 Millionäre
Das Millionärsmessegelände, gelegen inmitten der Betongebirge der Moskau umgürtenden Schlafstädte, wirbt für sein Luxuskonsumpanorama wohlweislich nur in englischer, nicht in russischer Sprache, obwohl das Gesetz dies eigentlich verlangte. Der Kontrast zwischen Arm und Reich ist provozierend kraß, und die Überzeugung, die großen Vermögen seien nicht ehrlich erworben worden, gehört im Land zu den Allgemeinplätzen. Gegen sie kämpft Marcello Prospato vergeblich an. Fünfundzwanzig Milliardäre hat das Wirtschaftsmagazin Forbes in Rußland gezählt, außerdem besitzt das Land offiziell 88.000 Dollarmillionäre. Einer davon ist der tschetschenische Premierminister mit Präsidentenambitionen, Ramsan Kadyrow, den die jüngst ermordete Journalistin Anna Politkowskaja als kriminellen Sadisten angeprangert hat und der am Wochenende mit großem Gefolge über die Millionärsmesse zieht.
Die russische Konsumelite, welche die nationalen Reichtümer verpraßt und die Substanz von Kultur und Bildung verwahrlosen läßt, sei für das Land wie ein bösartiger Tumor, ereifert sich der Konservatoriumsprofessor Wladimir Tarnopolski; kein russischer Krösus spende sein Geld für ein Museum à la Guggenheim oder für ein Leukämiekrankenhaus. Der Freund der Reichen Marcello Prospato hört aus solchen Worten nur das typische modernitätsfeindliche Ressentiment heraus. Zwar räumt er ein, die unsichere Zukunft in Rußland fördere das Konsumfieber. Doch Prospato predigt vor allem, daß Millionäre Hochbegabte seien, denen man dankbar sein solle für Brot und Lohn und eine hochtourige Wirtschaft.
Üppige Modelle mit Rüschenunterwäsche
Luxusparaden für Normalverbraucher boten unterdessen die Mode-Marathonläufe des Moskauer Herbstes. Unter dem englischen Titel Russian Fashion Week präsentierte sich im Gorki-Volkspark mehr einheimisch Subkulturelles, während unter dem russischen Etikett Nedelja Mody (Modewoche) im alten Kaufmannshof Gostinyj dwor die arrivierte Szene auftrat. Das Spektakel im Gorki-Park, wo vergleichsweise üppige Modelle mit Rüschenunterwäsche und Theater-Make-up über den Laufsteg tigerten, lockte mit neuen Namen. Unter ihnen steht Tatjana Parfenowa mit goldbestickten Sarafanen, bunten Keulenärmeln, Kokoschnik-Schleierhauben für eine russisch nationale Renaissance, ihr Kollege Sergej Teplow hingegen verkörpert mit schmalen, von weiten Umhängen umspielten Silhouetten in schwarz-weiß-grauer Nichtfarbigkeit einen äußerst tragbaren russischen Futurismus.
In den Kaufmannshof führen Mütter ihre kleinen Töchter im Ballerinakleidchen - zur ästhetischen Erziehung wie ins Bolschoi-Theater. Bei Viktor O., der für die Marke Viva Vox breitschultrige Kleider und Kostüme mit Faltenkissen in der Schulter- oder Rockpartie schuf, erleben die kleinen Mädchen Gardemaßschönheiten, die mit Haarteil-Pferdeschwänzen und aufgemalten Nadelstreifen am nackten Bein im Roboter-Stakkato vorbeiflanieren.
Zirkuspferde auf dem Laufsteg
Russische Modemacher vermeiden jenen hartgefügten Stil- und Materialmix, der der Kleiderkunst mancher europäischen Kollegen den Ausdruck des Gesprengtwerdens verleiht. Freilich, elegante Weiblichkeit, wofür russische Frauen bewundert werden, findet man vor allem bei der Moskauer Italienerin Carlotta Gherzi, die für das Modehaus Sado Seidenkimonojacken mit absolutistischen Riesenmanschetten und hochgeknöpften Schößen, Etuiröcke mit Bonbonnierenbund sowie dreiviertellange Miederhosen aufs Podium brachte. Daß aber die Mädchen beim Defilee zirkuspferdehaft die Füße heben, läßt eine Ballettexpertin in der ersten Reihe verzweifelt den Kopf schütteln.
Die Moskauer Stardesignerin Masha Tsigal versetzt ihr Publikum in Kinder-Comic-Welten. Ihre mit seitlich herabhängendem Lidstrich und rosa Clownsbäckchen geschminkten Grazien produzieren sich in asymmetrischen Wickeltuchkleidchen, Wagenradröcken, vorzugsweise aber geschlechtsneutralen Strampelanzügen in Weiß oder Orange, garniert mit bunten Buchstaben. Ein verträumter Blonder mit Brigitte-Bardot-Mund und ein Brünetter mit Jesus-Frisur demonstrieren, in Bodysuits und wenig appetitlichen Bleichjeans, das Kind, welches vom Manne übrigblieb. Maskulin wirken allein noch, mit unruhigem Rasterblick und noblem dunklem Anzug, einige Leibwächter.
Auch auf der Millionärsmesse steht ein Laufsteg, zu dessen Füßen ein zwölfjähriges Mädchen mit Brillantkrönchen als Krawattennadel an der Leine ihr Hermelin spazierenführt. Die Kollektion aller Kollektionen entwarf Ljudmila Mesinzewa, die die Millionärin des kommenden Sommers in eckige, körperferne Kleider und Mäntelchen in der Farbe von Packpapier hüllt. Edlen Textilien hat Frau Mesinzewa, deren Modelle einen pappröhrendurchbohrten Dutt im Nacken tragen, die Wergwerfanmutung von Wachstuch oder Sackleinen verliehen. Die Mesinzewa sei die wahre Mode-Avantgardistin, bemerkt ein russischer Besucher anerkennend. Endlich veranschauliche jemand durch Haute couture die Einstellung, die die Reichen hier zum Geld haben. Der Traum vom makellosen Kleid, fügt er nachdenklich hinzu, sei eigentlich etwas für arme Leute.
Text: F.A.Z., 02.11.2006, Nr. 255 / Seite 48
Bildmaterial: AFP, AP, REUTERS