10. Dezember 2003 Mit Harald Schmidt verliert das deutsche Feuilleton seinen größten Verbündeten. Doch müssen die Agenten des wilden Denkens Verständnis dafür aufbringen, daß der Fernsehstar sich zurückzieht, um eine "Denkpause" einzulegen. Das Pausenzeichen wird lauter und sprechender sein als alles, was wir zwischen 20.15 Uhr und Mitternacht zu hören bekommen.
Während er fürs Denken pausiert, pausiert für uns das Denken. Nun also schlägt die Stunde der Kriegsgewinnler von Maischberger bis Fliege, deren Humor und messerscharfe Intelligenz den heiligen Ernst der Harald-Schmidt-Show ersetzen wird. Wohl auch dies eine Rache des Tyrannen, der, wie heute bekannt wird, mit Aufgabe der Sendung offenbar auch seine gesamte Produktionsfirma entläßt. Schmidt ist nicht mehr, und jetzt beginnt sein Nachruhm. Wir dokumentieren einige Stimmen.
Elena Uhlig, Schauspielerin
Harald Schmidt ist unersetzlich. Er ist für seine Gäste so wertvoll, weil er sie ernst nimmt. Es ist seine Show, er ist für einen da, hat sich für einen interessiert und wollte einen nicht ausstellen. Er weiß so wahnsinnig viel, ist belesen, schlagfertig. Man muß sich das mal vorstellen: Er hat das jetzt acht Jahre lang gemacht. Er hat Präsenz, die Leute lieben ihn. Er ist der Beste. Es ist eine Katastrophe, ich werde ihn vermissen und weiß gar nicht, was ich jetzt noch spätabends gucken soll.
Günther Jauch, Moderator
Im deutschen Rundfunk haben in den letzten fünfundzwanzig Jahren zwei Menschen für jeweils eine Kulturrevolution gesorgt: Thomas Gottschalk hat das Radio neu erfunden und Harald Schmidt das Fernsehen. Seine "kreative Pause" - die Formulierung müssen Schweizer erfunden haben - beweist doch nur: Der Mann ist einer der letzten wirklich freien Geister in einem Medium, das immer wie ein Automat funktionieren soll. Tut es zum Glück aber nicht. Bei aller öffentlichen Trauer: Harald Schmidt ist ja nicht gestorben, sondern vielleicht nur beim falschen Sender gewesen. So dramatisch dieser Irrtum sein mag - er läßt sich korrigieren ...
Hartmann von der Tann, ARD-Chefredakteur
Ich weiß, was wirklich passiert ist: An einem Abend, an dem er noch mehr große Worte als sonst im Sinn und einen Gutschein für einen Vierspalter in der "Süddeutschen" in der Tasche hatte, traf Roger Willemsen Harald Schmidt beim Italiener. Der Raum war freigeworden, weil Gerster und Stolpe wieder nicht zurückgetreten waren. Da bot Willemsen Harald Schmidt an, ihm den schönsten und unverständlichsten Nachruf zu schreiben, den er je geschrieben hatte, wenn er nur zurückträte. Harald Schmidt konnte nicht widerstehen. Leider.
Florian Illies, Autor "Generation Golf"
Im Abgang hat er es noch mal allen gezeigt. Am Montag abend, als wir Harald-Schmidt-Süchtigen noch einmal etwas von unserer letzten kleinen Fernsehdroge konsumieren wollten, bevor die harte Zeit des Entzugs beginnt, da schauten wir alle auch deshalb so hoch konzentriert zu, weil wir irgendwo, im kleinsten Nebensatz oder in der zurechtgerückten Brille, einen Kommentar des Moderators "In eigener Sache" entdecken wollten. Doch wir entdeckten: nichts. In Zeiten, in denen selbst die artigsten Nachrichtenmoderatoren, wenn die Stunde des Abschieds naht, sich einen kleinen Scherz erlauben, da machte ausgerechnet Schmidt: keinen. So zeigte er allen, die ihn immer wieder neunmalklug zu durchschauen meinen, wo der Hammer hängt. In der Stunde, in der sogar alle, die ihm vorwerfen, er drehe sich in seinen Sendungen nur noch um sich selbst, voller Sehnsucht darauf warten, daß er sich endlich für ein paar Minuten um sich selbst dreht - da macht er einfach seine Arbeit. Und sagte, als ihn sein Gast Claus Kleber stellvertretend für uns alle fragte, wie es nun weitergeht: "Die Sendezeit ist jetzt leider zu Ende." Wenn inzwischen selbst die Bundesregierung, da sonst nichts mehr hilft, zum Mittel der Selbstironie greift, wendet Schmidt lieber sein geniales und wirksamstes Hausmittel an: nämlich Erwartungen zu unterlaufen und die Pointe genau dann nicht zu setzen, wenn alle anderen darauf warten. Das wäre ihm viel zu einfach gewesen. Wir sollten deshalb nach dem scheinbaren Abschied von Harald Schmidt am besten völlig erwartungslos in die Zukunft schauen. Wie eine ehemalige Atomfabrik. Denn dann kommen vielleicht bald die Chinesen und bauen die stillgelegte Harald-Schmidt-Show originalgetreu in Peking wieder auf.
Ulrich Wickert, Moderator
In der politischen Kultur Deutschlands spielt Harald Schmidt eine unersetzbare Rolle: er bricht alle Tabus, aber mit solch einem Charme, daß es ihm kaum jemand übelnimmt. Er erinnert mich an den leider viel zu früh verstorbenen französischen Komiker Coluche, der kein Blatt vor den Mund nahm, Stammtischparolen benutzte, um ihre Gräßlichkeit zu entlarven, und dann nicht davor zurückschreckte, sich zum Präsidentschaftskandidaten zu erklären, um die Aufmerksamkeit auf die Fehler im politischen System zu lenken. Harald Schmidt hat den Vorzug, ein höchst gebildeter Mann zu sein, der die Fähigkeit zur Ironie hat und sich, meiner Erinnerung nach, nicht zum Zynismus hat hinreißen lassen. Die ARD sollte ihm sofort einen Sendeplatz anbieten!
Nico Hofmann, Produzent
Harald Schmidt zeichnet vor allem aus, daß er sich ununterbrochen aufs neue selbst erfindet. Deshalb war seine Show so aufregend. Er steht mit seiner kreativen Wandlungsfähigkeit als Pars pro toto für das gesamte Mediengeschäft. Durch Zuspielbeiträge für seine Show sind übrigens auch einige Regiekarrieren entstanden.
Und ganz nebenbei hat er als Schauspieler in vielen Abschlußfilmen von Filmstudenten mitgewirkt. Auch sollte man bedenken, wie Schmidt begonnen hat, wie er attackiert und zerrissen worden ist, weil so viele ganz genau zu wissen meinten, daß so etwas nicht geht. Er hat es komplett eigenständig aufgebaut und unheimlich schnell und dynamisch fortentwickelt. Schmidt begann als David-Letterman-Imitat, nach nicht einmal einem halben Jahr war er der Harald Schmidt, den wir bis heute sehen. Er ist nie stehengeblieben. Das ist einfach bravourös.
Olli Dittrich, Komödiant
Ich bin zutiefst erschüttert, und meine ganze Anteilnahme gilt seinen Angehörigen. In meine Fassungslosigkeit mischt sich dennoch Zuversicht: Er wird zurückkehren. Deutschland braucht wieder einen Kanzler Schmidt.
Roger de Weck, Publizist
In letzter Zeit schien mir, daß er mehr Harald Schmidt spielte als Harald Schmidt war. Nach einer Pause - beim Theater? - mag er nach Lust und Laune zu einer neuen Sendung finden, die weniger Kult sein muß. Kult ist unmenschlich, deshalb die Maßlosigkeit der "Nachrufe" auf die jetzige Show.
Esther Schweins, Schauspielerin
Harald Schmidt scheint mir einen Satz aus dem I-Ging zu befolgen: Beharrlichkeit ist günstig. Er ist langsam, aber stetig seinen Weg gegangen und hat sich dabei immer weiterentwickelt. Er bezieht viel Energie daraus, daß er sich Ausdruck verschafft und seine Sicht der Dinge darlegt. Er ist der Hofnarr der Nation und ein vortrefflicher Spiegelfechter und sehr sympathisch. Er hat sich selber zum Trojanischen Pferd gemacht. Er hat durchaus Sendungsbewußtsein. Und Haltung, immer. Es ist wohltuend, Harald Schmidt dabei zuzusehen, wie er seine "Narrenfreiheit" nutzt. Er hat etwas von einem Bremer Stadtmusikanten. Das können nur die ganz Großen.
Hans Janke, Fernsehspielchef des ZDF
Harald Schmidt hat in dem, was er machte, uns allen Trost gespendet. Er hat die Dinge erträglich gehalten, er hat sie ins Lot gebracht, er war die tägliche Korrektur. Insofern bin ich untröstlich. Die Harald-Schmidt-Show ist singulär, sie ist die wahrscheinlich einzige Sendung, die sich dem Fernsehen vollständig ausgeliefert hat und ihm zugleich vollständig gewachsen war. Harald Schmidt ist dem Medium mit Bildung begegnet und mit einem beachtlichen Spektrum, mit Musik, Unterhaltung und Politik. Seine Sendung war universell. Sie hat es sogar ausgehalten, daß sie über und über bewundert und dekoriert wurde. Das hat mir immer besonders imponiert, dieser Stil, diese Noblesse, und vor allem - diese Bildung. Literatur, Kunst, Theater, es war alles da. The one and only. Wer bietet mehr?
Oliver Mielke, Fernsehproduzent
Harald Schmidt ist für mich der kleine Fernseh-Gott: Das erstrebenswerteste Ziel in dieser Branche ist Gelassenheit, und Harald Schmidt ist der gelassenste Künstler, den es in Deutschland gibt. Er hat Leichtigkeit, er macht das, wozu er Lust hat. Daß das in diesen Zeiten möglich ist, ist bewundernswert. Müßte man das in der Vergangenheit formulieren? Ich glaube nicht. Er wird wiederkommen.
Helmut Markwort, Herausgeber des "Focus"
Meine Late Night ist gestört. Wenn ich nach Hause komme, ist Harald Schmidt dran, weil er immer überraschend ist, ideologiefrei, ein Glanzlicht. Ich habe aber einen kleinen Trost: Er schreibt nach wie vor seine Kolumne für den "Focus". Doch das ist leider nur einmal und nicht fünfmal in der Woche.
Bettina Reitz, Fernsehspielfchefin des BR
Harald Schmidt vereinbart Unvereinbares: Esprit und Entertainment oder auf deutsch: Intelligenz und Unterhaltung! Seine Schlagfertigkeit wird stets zum geflügelten Wort. Er prägt unsere Medienlandschaft wie kein anderer. In Zeiten politischer Unübersichtlichkeit ist Harald Schmidt unser Fixstern. "Was sagt denn Harald dazu?", ist die in allen Redaktionsstuben allmorgendliche wichtigste Frage. Daß er nun eine "kreative Pause" braucht, ist verständlich und sei ihm gegönnt. Daß Sat.1 ihn verliert, ist für den Sender ein Desaster. Schön, daß er nun endlich als "Deutscher Held" unter "Unseren Besten" seine wahre Bestimmung finden kann.
Julia Franck, Schriftstellerin
Wann hat man schon jemals im Fernsehen einen so Prominenten salutierend sich hinter einem Buch verstecken sehen? Nein, dieser Schmidt ist kein Kostverächter. Auch hinter saftigen Steaks verschwand er ganz und gar, vertilgte sie, mit Haut und Haar, nur, um gestärkt und BSE-mutig aus dem großen Fressen hervorzugehen. Was also erwirkt die Einverleibung eines ganzen Publikums, die Verspeisung großer und kleiner Freunde? Verschwinden wird er hinter diesem Erfolg kaum. In Amerika würde eine kreative Pause nur eins bedeuten können: durchatmen und den Wahlkampf aufnehmen. Jetzt dürfen wir rätseln, wo wir ihn wiedersehen werden. Im Bundeskanzleramt vielleicht. Doch dafür ist er leider zu klug - warum sollte er sich sein Leben selbst verleiden?
Günter Struve, Programmdirektor Das Erste
Ein schwäbischer Hypochonder in der glitzernden Scheinwelt des Kommerzfernsehens - das konnte ja nicht gut gehen. Vielleicht findet Dirty Harry in dieser Zeit der Besinnung zurück zu seinen Wurzeln und sitzt bald wieder in Nürtingen an der Kirchenorgel - das allerdings wäre den Zuschauern nicht zu wünschen.
Stephan Wackwitz, Schriftsteller
Ich kann schon sehen, daß Harald Schmidt ein großer komischer Sprechliterat ist (sozusagen der Anton Kuh unserer Tage). Aber als Stuttgarter und zudem als Generationsgenosse des großen Mannes, dem ich, ohne es zu ahnen, in der heroischen Peymann-Zeit dauernd über den Weg gelaufen sein muß, halte ich innerlich doch einen gewissen Abstand von ihm. Harald Schmidt verkörpert eine Fraktion schwäbischen Bildungsbürgertums - ich möchte sie die "Fäßle-Fraktion" nennen, aber das ist vielleicht nur Stuttgarter Lesern wirklich verständlich -, die einen im Prinzip hypertrophen intellektuellen Ehrgeiz mit ebenso hypertroph verschärfter Selbstironie kaschiert. Diese Mischung ist mir persönlich zu nah, als daß ich sie mir täglich im Fernsehen hätte ansehen können. Wie Hölderlin, Hegel und der Personenkraftwagen ist Harald Schmidt eines der großen schwäbischen Geschenke an die zivilisierte Menschheit, von denen ich persönlich aber nur möglichst sparsamen Gebrauch mache.
Ralf Husmann, Ex-Schmidt-Produzent
Die "Harald Schmidt Show" war nie so schlecht, wie sie am Anfang gemacht wurde, und nie so gut, wie sie am Ende geschrieben wurde.
Jobst Plog, ARD-Vorsitzender
Er spielt klassische Opern mit Playmobil-Figuren nach - und löst damit beim Bildungsbürgertum nicht etwa Protest aus, sondern Begeisterungsstürme. Er moderiert im deutschen Fernsehen eine Sendung komplett auf französisch, ohne daß sein Millionenpublikum ihm dies verübelt. Seine politische Inkorrektheit bewirkt, daß sich selbst rigideste Vertreter der "political correctness" vor Lachen biegen. Harald Schmidt ist Unterhaltungskünstler im Wortsinn, umfassend gebildet, witzig, furchtlos. Menschen solchen Formats sind in den Medien seltener anzutreffen, als man gemeinhin annimmt. Harald Schmidt hat Freiräume erweitert. Ihm, dem bekennenden Arte-Fan, ist dies in einem Umfeld gelungen, das auf emanzipatorische Experimente ja keineswegs angelegt ist: im werbefinanzierten Fernsehen nämlich. Allerdings glaube ich nicht, daß Werbeunterbrechungen eine Voraussetzung für seinen Erfolg sind.
Reinhold Beckmann, Talk-Master, Sportreporter
Harald Schmidt spricht von einer Kreativpause. Seien wir ehrlich: Hätte ein andere Kollege uns diese Ausrede serviert, Harald Schmidt hätte seine Show eine Woche lang damit gefüllt. Kreativität braucht keine Pause und Schmidt schon gar nicht. Ich kann immer noch nicht glauben, daß die letzte Sendung, in der das Banalitätsgebot des Fernsehens und unser aller Hoffnung auf intellektuelle Erlösung zusammenfinden, jetzt beendet sein soll. Ich bin sicher, Harald Schmidt weiß, was er zu tun hat: Fortsetzung folgt - im Ersten oder anderswo? Der Weg zurück tut weniger weh, als man glaubt. Ich weiß, wovon ich spreche.
Anke Engelke, Komödiantin
Tausche: Die erste Show vom 5. Dezember 1995 auf Video und die Jahrgänge 97/98 und meinetwegen noch eine schriftliche Original-Schmidt-Absage "Kann leider nicht auf deiner DVD mitmachen, keine Zeit, wirklich,WIRKLICH!" gegen ein Mittel, das ihn glücklich und zurückkommen macht.
Und kein Wort mehr über die schönen Hände! Am Ende bin ich schuld, und er war genervt von den ewigen Huldigungen, und wenn wir Weiber mal mehr von seinen schönen Füßen geschwärmt hätten: Er wäre geblieben!
Jetzt zu behaupten, die Helmut-Zerlett-Band war ja eigentlich doch Hammer; die vier Stunden auf dem Schiff: "TV-Geschichte!" und die langen Haare damals richtig, richtig sexy, das wäre ja auch albern. Aber ich bin fast soweit!
Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 10.12.2003, Nr. 287 / Seite 33
Bildmaterial: dpa
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