10. Mai 2005 Verblüffend, wie präzise die Informationen gelegentlich sind, die der Volksmund kundtut: Zweetausendsiebenhundert Dinga, erklärt der beleibte Berliner seiner Frau beim Spaziergang im Tiergarten.
Tatsächlich besteht das Denkmal für die ermordeten Juden Europas, das an diesem Dienstag eröffnet wird, aus 2711 Betonstelen auf einem Grundstück von 19.000 Quadratmetern. Die niedrigsten sind zwanzig Zentimeter hoch, die höchsten 4,50 Meter. War schon einjeweiht oder was, wie eine Dame ihre Begleiter informiert, ist allerdings eine glatte Fehlinformation, auch wenn dieser Tage Kamerateams durch die 95 Zentimeter schmalen Gassen zwischen den grauen Betonstelen wandern und das fast fertige Bauwerk einen steten Besucherstrom anzieht.
Feierliche Übergabe
Eingeweiht wird das Mahnmal zwei Tage nach den Gedenkfeiern zum 60. Jahrestags des Kriegsendes, für die auf der Westseite des Brandenburger Tors schon am Himmelfahrtstag ein Podest aufgebaut wurde. An diesem Dienstag wird die Bauherrin, eine Bundesstiftung öffentlichen Rechts, das Stelenfeld auf dem ehemaligen Todesstreifen zwischen Ost- und West-Berlin mitsamt dem unterirdischen Ort der Information feierlich übergeben.
Mehr als 17 Jahre sind vergangen, seit die Journalistin Lea Rosh das erste Mal forderte, in der ehemaligen Hauptstadt des Dritten Reichs müsse ein Denkmal für die ermordeten Juden errichtet werden. Vom 12. Mai an wird es der Öffentlichkeit dauerhaft zugänglich sein. Führungen aber gab es während der vergangenen Monate schon viele; allein bis zum 8. Mai werden je vier in deutscher und englischer Sprache angeboten. Es war eine öffentliche Baustelle.
Der richtige Ort
Das Stelenfeld ist schon lange vor seiner Eröffnung ein gut besuchter, wenn auch stiller Ort. Wenn es erst einmal zum obligatorischen Programm der Berlin-Besucher gehört, wird die Touristenmeile zwischen Potsdamer Platz und Reichstag noch belebter sein. Seit an der ewigen Baustelle in den ehemaligen Ministergärten im Berliner Regierungsviertel im April 2003 die echten Bauarbeiten begannen, hat das Publikum am Entstehen des Mahnmals lebhaft Anteil genommen. Ein etwa zwei Meter hoher Bauzaun, durch den man, bisher nur von zwei Seiten her, das Grundstück sehen kann, vermittelt unmittelbar vor der Eröffnung einen Eindruck davon, wie es einmal aussehen wird. Vor den Informationstafeln am Zaun stehen die Leute und lesen konzentriert, einzelne fotografieren durch den Zaun hindurch, Unterhaltungen werden leise geführt.
Wer dieser Tage, von Osten kommend, durch das Brandenburger Tor geht und sich nach links wendet, findet dort schon wieder eine neue Baustelle. Unter großem Sicherheitsaufwand wird die amerikanische Botschaft errichtet und damit die letzte Baulücke am Pariser Platz geschlossen. Gleich dahinter, jenseits der mit Rücksicht auf die Amerikaner verlegten Behrenstraße, liegt das Mahnmal in einer Gegend, die neu und modern wirkt.
Die hohen Häuser des Potsdamer Platzes, die aufwendigen Vertretungen der Bundesländer und die Rückseiten des DDR-Wohnungsbaus der achtziger Jahre entlang der Wilhelmstaße sowie die Rückseiten der Häuser vom Pariser Platz erwecken den irreführenden Eindruck, das Mahnmal liege in einem eleganten neuen Viertel. Ganz sicher wird es zu den bestbehüteten Anlagen Berlins gehören, auch wenn sein Architekt Eisenman gar nicht wünscht, daß es sich zu erfolgreich nach außen abschirmt. Allein die Nähe der Banken, des Hotels Adlon, der amerikanischen, englischen und französischen Botschaft und der Landesvertretungen garantiert einen hohen Grad sozialer und polizeilicher Kontrolle.
Versöhnliche Geste
Wie es von der nächsten Woche an zwischen Behrenstraße, Ebertstraße, Hannah-Arendt-Straße und Cora-Berliner-Straße zugehen wird, ist heute allenfalls zu ahnen. Nur wer durch das überraschend diskret in die Stadt hineingebaute Stelenfeld geht, erfährt, wie es als Kunstwerk auf den Betrachter wirkt. Die Stelen schüchtern nicht ein, auch die hohen nicht, sie trösten auch nicht. Aber sie vermitteln dem Wanderer so etwas wie eine Präsenz. 41 Bäume, die in das Stelenfeld hineingepflanzt wurden, wirken wie eine versöhnliche Geste zum benachbarten Tiergarten hin.
Verblüfft stellt man fest, daß zwischen den Stelen tatsächlich Platz für Mülleimer war, daß diese sogar mit Plastikbeuteln ausgeschlagen sind - als wäre das Mahnmal eine öffentliche Parkanlage wie andere. Das ist es in gewisser Weise auch. Schließlich wurde gegen den Bau geklagt, weil er nicht behindertengerecht angelegt sei. Heute ist der Zugang für Rollstuhlfahrer säuberlich beschriftet, der Übergang zwischen Mahnmal und dem Rest der Welt wird durch in die Erde eingelassene Platten markiert, die den Umriß einer Stele haben: 95 mal 238 Zentimeter. Zwischen Stadt und Denkmal, Gegenwart und Geschichte gibt es keine Demarkationslinie.
Auch ein Museum
Das Holocaust-Mahnmal wird das Museum mit den großzügigsten Öffnungszeiten in Berlin sein: Das Stelenfeld ist jeden Tag rund um die Uhr frei zugänglich. Der Eintritt für den täglich von zehn bis zwanzig Uhr geöffneten Ort der Information ist gratis. Nur an den Weihnachtstagen, Silvester und Neujahr wird er geschlossen bleiben. Die unterirdische Ausstellung zeigt auf achthundert Quadratmetern den Mord an den Juden in eindrucksvoller Dichte und Tiefe.
250 Personen gleichzeitig kann die Ausstellung fassen. Einer der vier Räume ist den Stätten der Vernichtung gewidmet; den Ghettos, Konzentrations- und Vernichtungslagern, den Orten der Zwangsarbeit und den Routen der Deportationen und Todesmärsche. Auch die Belagerung Leningrads wird dort erwähnt, stellvertretend für die andere Opfergruppe, die sowjetische Zivilbevölkerung. Den Raum der Dimensionen durchschreitet man gebückt; Selbstzeugnisse von Juden auf ihren Wegen in den Tod lesend, die in den Boden eingelassen sind. An der Wand, als Fries, die Opferzahlen aus europäischen Ländern, soweit sie bekannt sind: Polen 2.900.000 bis 3.100.000, Dänemark 116.
Dicke Babies, schöne Mädchen
Ein Raum zeigt das Schicksal von 15 Familien. Hier erhalten zumindest einige der Millionen Opfer Gesichter, ihre Biographien faßbare Gestalt. Man erhascht einen Blick auf die Vielfalt jüdischen Lebens in Europa, freut sich an den dicken Babies, bewundert die schönen Mädchen, sieht in die Gesichter von Gelehrten, erfährt von den Berufen der Männer und den Wünschen der Frauen.
Hier ist etwas gelungen, was man in einer der Vernichtung der Juden gewidmeten Stätte nicht unbedingt vermuten konnte: Der Betrachter kann den menschlichen Verlust ermessen, den der Holocaust bedeutet; er spürt, daß ohne Ruschka Grossman aus Lodz die Welt ein schlimmerer Ort ist. Im dunklen Raum der Namen werden ganz undramatisch, aber mit warmen Stimmen vorgetragene Biographien von achthundert Menschen erzählt, erst auf deutsch, dann auf englisch.
Tiefe Zweideutigkeit
Es fehlt das Bekenntnis zur Tat, hieß einer der Sätze, mit dem Berliner Bürger seit 1988 für die Errichtung des Denkmals stritten. Diesen Satz hört man heute nicht mehr, aber die tiefe Zweideutigkeit dieses Bauwerks bezeichnet er so treffend wie sonst keiner. Im Land der Täter errichten die Nachkommen ein Denkmal. Um des Verbrechens zu gedenken? Zu dieser Tat aber können Erben sich nicht bekennen. Ein Denkmal für die Opfer des Verbrechens? Als Grabplatte gar, wie es ein Entwurf vorsah?
Zwischen Täter- und Opferperspektive changierte von Anfang an auch die Berliner Journalistin Lea Rosh, die in den achtziger Jahren die Bürgerinitiative für das Mahnmal gründete. Sie bewegte sich auf dem schmalen Grat zwischen gewagter Identifikation mit den Opfern und Parteinahme für sie und dem Anspruch, durchaus für das heutige Deutschland zu sprechen, also Repräsentantin zu sein. In das Lob, das sie dieser Tage für ihre kämpferische Leistung erhält, diesen Bau initiiert und bis zur Fertigstellung maßgeblich begleitet zu haben, mischt sich deshalb der Wunsch, es mit seiner feierlichen Übergabe bitte auch gut sein zu lassen.
Das größte Projekt
Das Denkmal für die ermordeten Juden Europas ist das größte Projekt einer (west-)deutschen Bürgerinitiative, und was die Erinnerung an den Nationalsozialismus angeht, wird es voraussichtlich auch das letzte sein. Die Topographie des Terrors auf dem Gelände der Gestapo, der SS und des Reichssicherheitshauptamts hat eine ähnlich Herkunft aus dem Bürgerengagement und eine noch verzwicktere Baugeschichte.
Werden dereinst einmal ihr Haus und eine Ausstellung eröffnet, dann werden die Fingerabdrücke des Bürgerengagements voraussichtlich nur noch schwach zu erkennen sein: Denn die Topographie - das wurde in den Anhörungen über die vom Bund geplante Stiftung für die Berliner NS-Gedenkstätten überdeutlich - wird die Schieflage auszugleichen haben, die das Mahnmal erzeugt hat.
Die größte Opfergruppe
Weil es ausdrücklich nur an die ermordeten Juden erinnert, wurden zwar zentrale Mahnmale für die Zigeuner und Homosexuelle in Berlins Mitte längst beschlossen, doch wäre der Tat der Deutschen zwischen 1933 und 1945 nicht einmal mit einem Dutzend Einzeldenkmalen angemessen zu gedenken: Die größte Opfergruppe der NS-Politik, darauf weisen Historiker immer wieder hin, sind schließlich die sowjetische und polnische Zivilbevölkerung und die sowjetischen Kriegsgefangenen.
Daran zu erinnern, fand sich keine deutsche Bürgerinitiative, für sie ist kein Denkmal in Berlin geplant. Das Mahnmal stillt das Bedürfnis einer bestimmten Generation Deutscher nach einem Bekenntnis und einer großen, repräsentativen Geste. Doch sechzig Jahre nach Kriegsende und fünfzehn Jahre nach dem Fall der Mauer braucht Berlin etwas anderes, und eine jüngere Generation verlangt, es müsse in der deutschen Hauptstadt eine Gesamtdarstellung der deutschen Verbrechen versucht werden.
Identifikation mit den Opfern
Erst 1999 nahm sich der Bundestag des Vorhabens an, das zuvor auf den Lokalseiten der Zeitungen und im Feuilleton behandelt worden war. Erst war über das Ob gestritten worden, dann über das Wie und schließlich über die Frage, wer da eigentlich für wen bauen wollte. Die monumentale Grabplatte von Christine Jackob-Marks zum Beispiel, auf der Millionen Opfernamen eingraviert werden sollten, erregte vehementen Widerspruch, den die Vorstellung der Fürsprecher, dort könnten sich die Betrachter mit den Opfern identifizieren, nur noch weiter anheizte.
Ignatz Bubis, der mit dem damaligen Bundeskanzler Kohl den Bauplatz und den Bau vereinbarte, legte Wert auf die Feststellung, daß die Juden dieses Denkmal für ihre Trauer nicht benötigten. Ein Ort, an den man gerne geht, solle es werden, wünschte Bundeskanzler Schröder, was zumeist als Ausdruck seiner Schlichtheit in historisch-moralischen Fragen gewertet wurde. Es war aber die Antwort auf Lea Rosh' Sentenz vom Bekenntnis zur Tat.
Gegner und Freunde
Die Diskussion über die Errichtung des Mahnmals war eine westdeutsche, und sie blieb es. Als die Mauer gefallen war, strebte der Förderverein in die alte Mitte der Stadt, dort, wo die Macht gesessen hatte, wo der Führerbunker gewesen war. Nun steht das Denkmal dort, wo Goebbels seinen Bunker hatte und wo auf geschichtssattem Boden ein neues Regierungsviertel entstanden ist.
Zurückblickend fällt auf, wie sehr die Jahre seit Lea Rosh' Vorschlag mit Berliner Gedenkstätten-Eröffnungen gefüllt waren: 1991 wurde das Mahnmal am Bahnhof Grunewald eröffnet, das an die Deportation der Berliner Juden erinnert, 1992 das Haus der Wannseekonferenz als Gedenk- und Bildungsstätte, seit 1993 macht eine Installation im Bayerischen Viertel die Judenverfolgung der Nazis im Stadtbild präsent. Im selben Jahr wurde die neu gestaltete Neue Wache zum Gedenken an die Opfer von Krieg und Gewalt eingeweiht. So viele Orte, so viel guter Wille, nichts zu vergessen. Und nun steht fest, daß alle Berliner Einrichtungen zusammen es nicht schaffen, eine systematische Aussage über die Ausmaße der Nazi-Herrschaft zu treffen.
Gedenken an die SED-Diktatur
Die Wiedervereinigung hat Berlin und dem Bund eine neue Aufgabe gebracht - nun muß Geld und Gestalt für das Gedenken an die SED-Diktatur gefunden werden. Die Erfahrung der DDR-Bürger aber, denen ihre Führung suggeriert hatte, die Täter des Dritten Reichs lebten alle im anderen Teil Deutschlands, fügte dem Denkmal für die ermordeten Juden Europas nicht Neues hinzu.
Das Mahnmal in Berlins Mitte hat Ost und West nicht in ein Gespräch über die gemeinsame Geschichte verwickelt. Allein der Theologe und Philosoph Richard Schröder formulierte 1999 eine Idee, die jedoch im Streit über die Gestalt und den Gehalt des zu errichtenden Mahnmals unterging. Schröder schlug vor, den Schriftzug Du sollst nicht töten als Mahnmal zu errichten; so laute schließlich das göttliche Gebot, das für alle gelte.
Gedenken mit Degussa?
Im November 2003 - da war der Bau weit fortgeschritten - wurde das Stiftungskuratorium, dem unter dem Vorsitz von Bundestagspräsident Wolfgang Thierse Parlamentarier und Vertreter von Bund, Land und Förderverein sowie Jüdischer Gemeinde, Historiker und Gedenkstättenleiter angehören, von einem neuen Konflikt überrascht: Den Graffitischutz für die grauen Betonstelen lieferte die Firma Degussa. Ausgerechnet Degussa, deren Tochter, die Degesch, das Gift Zyklon B, für die Gaskammern der KZ geliefert hatte!
Wochenlang wurde noch einmal erbittert gestritten. Reine Firmen seien so rar wie unschuldige deutsche Zeitgenossen, hieß es. Der Vertreter der Berliner Jüdischen Gemeinde verließ die Kuratoriumssitzung unter Protest, Lea Rosh folgte ihm und fragte empört, wer wann gewußt habe, daß Degussa am Bau des Mahnmals beteiligt sei. Aus New York mahnte der Architekt Eisenman, sich nicht zur Geisel der Political correctness zu machen. Am Ende beschloß das Kuratorium, Degussa, die schließlich das Firmenarchiv für Historiker geöffnet und die eigene historische Verstrickung nicht zu beschönigen versucht hatte, nicht von der Arbeit am Mahnmal auszuschließen. Und so werden es von Donnerstag an Schmierer aller ideologischen Provenienz schwer haben, gegen das offenbar effektive Proctosil von Degussa zu bestehen.
Ein Ort wie kein anderer
Peter Eisenman, der Architekt des Mahnmals, ist ein belesener und kluger Zeitgenosse. Zur Mahnmalsdebatte in Deutschland hielt er auf Distanz, ließ je doch immer wieder durchblicken, daß er darüber bis ins Detail informiert war. Eisenman lehnt jede Deutung seines Bauwerks ab: Es wolle nichts symbolisieren, keinen Friedhof, kein Kornfeld. Sein Ehrgeiz, sagte er beim Richtfest für das Mahnmal im Juli 2004, sei es gewesen, einen Ort zu gestalten, der wie kein anderer auf der Welt sei.
Beim bereitwilligen Posieren zwischen den Stelen, die zwanzig Zentimeter bis vier Meter hoch auf welligem, abschüssigem Grund stehen, zeigte er sich hochzufrieden mit der Arbeit der Handwerker, dem Aussehen der Stelen und der Gesamtanlage. Während er mal hierhin, mal dorthin zeigte, sagte er, das Merkmal der Einzigartigkeit solle überhaupt das einzig Gegenständliche seines Bauwerks sein: So einen Ort hat es noch nie gegeben. Nie zuvor hat es einen Holocaust gegeben.
Text: F.A.Z., 07.05.2005, Nr. 105 / Seite 3
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