FAZ.NET - ständig aktualisierte Nachrichten. Analysen, Dossiers, Audios und Videos

Klassiker der Comic-Literatur

Faustrecht als graphisches Erzählideal: Batman

Von Dietmar Dath

15. Oktober 2005 Wenn Batmans Erfinder solche Kerle wie Batman gewesen wären, wüßten wir von Batman nichts. Nicht nur die psychologischen Voraussetzungen dafür, daß man sich als fliegende Höhlenratte verkleidet und gewalttätig Leuten das Leben schwermacht, die ihren Unterhalt mit Glücksspiel, Rauschmittelhandel, Raubmord und Geschlechterverleih bestreiten, sind denkbar ungeeignet, ein zivilisiertes Publikum anzusprechen und zu gewinnen.

Auch mit dem Sozialen hapert's: Batman kann den Ball nicht abgeben, er will immer alles alleine machen, selbst wenn ihm dabei hin und wieder irgendwelche verführten Jugendlichen im Robin-Kostüm zur Hand gehen - ein Beruf, bei dem man buchstäblich Kanonenfutter ist und dem Abschaum der Menschheit zum Fraß vorgeworfen wird, zum Beispiel jenen Comic-Lesern, die 1988 in einem beispiellos zynischen Plebiszit per Telefon entscheiden durften, ob Jason Todd, der zweite Robin, sein aktuelles Abenteuer an Batmans Seite überleben sollte.

Das Hirn voll Wut

Daumen runter, Verkäufe rauf: Der Junge ging hops, der Verlag verdiente. In einer Welt, die dermaßen lieblos eingerichtet ist, bringt man fast Verständnis auf für den „dunklen Ritter“ (Verlagswerbung) und seinen verbitterten Unwillen, jene Fragen von Rache und Gerechtigkeit, die ihn umtreiben, irgendwelchen existierenden Institutionen anzuvertrauen - besser, man lauert den Verbrechern in dunklen Nebenstraßen auf, das Hirn voll Wut, die Faust geballt, den Gürtel voller Rauchbomben, Nervengiftkapseln, elektrischer Wurfgeschosse und selbstklebender Säureblasen.

Seit 1969, als der erste Robin aufs College geschickt wurde, haben die Eigentümer des eingetragenen Warenzeichens „Batman“ wohlwollend dabei zugesehen, wie die Autoren und Zeichner, die dazu da sind, den Wert der Marke zu verwerten, diesen Batman der menschlichen Gesellschaft immer ärger entfremden. Ein erster Höhepunkt der Höllenfahrt ins komplett Asoziale war 1986 Frank Millers herrliche Rechtsstaatsverhöhnung „The Dark Knight Returns“, in der Batman nicht nur den Joker, sondern gleich die ganze zivilgesellschaftliche und staatliche Ordnung der Vereinigten Staaten von Amerika zusammenfalten durfte, inklusive donnernden Showdowns mit dem spritzigsten Symbol des American way of life, dem braven, stumpfen und leutseligen Kätzchen-aus-dem-Baum-Holer und Alte-Damen-über-die-Straße-Träger Superman höchstselbst.

Das Leiden der gefolterten Hauptfigur

Daß Batman der Geselligkeit und Kooperativität nicht zuletzt deshalb entsagt hat, weil man ihn nur so für eine der ehrwürdigsten Aufgaben des seit dem Gilgamesch-Epos die Menschen beschäftigenden Heldenwesens präparieren konnte, nämlich all das einstecken und verschmerzen zu müssen, was unserer vielen Verfehlungen wegen eigentlich „uns allen“ an kosmischer Kloppe zustünde, wurde Anfang der Neunziger in einer weiteren Verfinsterung von Batmans Geschick überdeutlich: Selbst die neue Zeichentrick-Inkarnation, ansonsten der klassische Ort der nettestmöglichen Weichspül-Versionen etablierter Comic-Protagonisten, summte plötzlich vor schwerer Düsternis und den argen Leiden der gefolterten Hauptfigur.

Im Heftchen schlug man Batman während der „Knightfall“-Saga 1993 sogar zum Invaliden: Er saß gelähmt im Rollstuhl, biß die Zähne zusammen und arbeitete an dem, was er seinen Feinden nie gegönnt hat: der Rehabilitation, aus der er dann 2001 in „The Dark Knight Strikes Again“, einer weiteren Frank-Miller-Geschichte, als keineswegs geläuterter, sondern noch viel schlimmerer, nun sogar gegen seine eigene Heldenvergangenheit wütender Staatsfeind hervorging: „Ich war sentimental“, erklärt er schulterzuckend - eine Behauptung, der sich diverse Gangster, denen er seinerzeit in die Hintern getreten oder die Kiefer gebrochen hat, eher nicht anschließen würden.

Warum ging er nicht zur Polizei?

Eine nie erzählte Batman-Geschichte könnte davon handeln, warum Bruce Wayne, der Millionär, der zum dunklen Ritter wurde, um den Tod seiner Eltern zu rächen, nicht einfach statt dessen zur Polizei oder in die Politik gegangen ist. Sie müßte ein Gespräch mit Batmans einzigem Ansprechpartner im existierenden Gefüge von Recht und Ordnung enthalten, mit dem Polizeikommissar (und späteren Polizeichef) Gordon. Jener könnte etwa sagen: „Es ist schon seltsam, daß du ausgerechnet mich zum Repräsentanten der Polizei in deinem Verbrechensbekämpferleben ausgewählt hast. Ich bin kein typischer Polizist und habe, wie du weißt, häufig Ärger mit meinen Kollegen, weil ich viel vom Prinzip ,Auge um Auge' halte und von der Unbestechlichkeit.“

Batman würde dazu schweigen. Also müßte der Intellektuelle Gordon seufzen und sagen: „Gut - daß ich als jemand, der den Ritualen und Veranstaltungen des politischen Milieus unserer Stadt immer mit Distanz bis Verweigerung begegnet ist, ohne andererseits seine Funktion als Referenz- und Resonanzraum für das Eigene zu leugnen, bei dir als Repräsentant dieser Konsensmaschine figuriere, kann ich nur als Schicksal desjenigen deuten, dessen Interesse an sozialen Bindungen letztlich größer ist als jenes an Schismen und Trennungen. Aber es wäre vielleicht eine andere Polizei und eine andere Stadt, wenn du versucht hättest, ihre Probleme von innen zu lösen statt als geheimnisvoll eigenbrötlerischer Kostümträger.“ Batman würde sich auf diese Erklärung räuspern und immer noch schweigen. Gordon müßte darüber den Kopf schütteln und schließlich entnervt flüstern: „Ich will doch nur wissen, warum du nicht bei uns mitmachen magst.“ Da endlich könnte Batman antworten: „Um das Gesetz zu stützen, muß ich außerhalb des Gesetzes stehen. Wenn die Verbrecher ihre Verbrechen per Politik zu Recht erklären, muß es jemanden geben, der auf dieses Recht nichts gibt.“

Wen rächt Batman?

Batmans Individualismus und seine Rachsucht sind ein sehr merkwürdiger Gegenstand für eine Kunst, die den sie schaffenden Künstlern nicht gehört. So bekannt der Fledermausmensch ist, so weltberühmt auch die Fantastischen Vier oder Plastic Man sind, so erbarmungswürdig war das Schicksal der ersten Generation von Träumern, die diese Figuren schufen: Siegel und Shuster, die Erfinder von Superman, dämmerten entrechtet ihrem Lebensabend entgegen, als aus ihrer Figur eine Millionenindustrie geworden war; die Originalseiten des Marvel-Giganten Jack Kirby lagen stockfleckig in irgendwelchen Kellern, bis Kollegen ihre Rückgabe erzwingen konnten; Jack Cole, berühmter Cartoonist für „Playboy“ und Plastic-Man-Schöpfer, hat sich ausgebrannt umgebracht; ebenso wie Wally Wood, einer der bezauberndsten Zeichner athletischer Anatomien im zwanzigsten Jahrhundert.

Wen rächt Batman? Wie wird die Kulturgeschichte eine Epoche beurteilen, in welcher der Superheldencomic, der zweitgrößte Triumph moderner graphischer Affektinszenierung nach der Produktwerbung, im Besitz von Medienkonzernen war - wie die religiöse Kunst vor Zeiten im Besitz der Kirchenfürsten?

Ewig eingerastete Pubertät

Weil sie Marken sind, dürfen diese Helden nicht altern; ihr psychischer, moralischer und sozialer Zustand ist der einer auf ewig eingerasteten Pubertät. Keine Geschichte, so herzzerreißend sie erzählt, so hypnotisch sie gezeichnet sein mag, ist da kanonischer als irgendeine andere. Gegen den kathartischen Gebrauchswert des Erzählens an sich sind diese massengefertigten Produkte gleichgültig, und am Ende muß immer alles so sein wie zu Beginn der Geschichte - Fortsetzungen sind Verlängerungen, nicht Stufen auf einer evolutionären Leiter, nicht Bestandteile eines Entwicklungsbogens, den doch die Protagonisten des bürgerlichen Romans selbst dann durchlaufen dürfen, wenn sie Gegenstand der bissigen satirischen Belustigung ihrer Erfinder sind.

Wäre „Schuld und Sühne“ ein Superheldencomic, so hat der unabhängige Zeichner Dave Sim gespottet, dann würde alles, was man daraus erfahren kann, spätestens mit Erscheinen von „Mehr Schuld, mehr Sühne“ im nächsten Monat hinfällig. Ein aktueller Ratgeber für Autoren empfiehlt Leuten, die Romane in kommerziell an große Firmen gebundenen Universen wie „Star Trek“ oder die gar nicht so seltenen Romanfassungen von Comics schreiben wollen, sie sollten ihr Herz nicht zu sehr an das hängen, was sie da erschaffen.

Wen also rächt Batman? Seine Schöpfer und die Schöpfer seiner Brüder und Schwestern. An wem? An den Lesern, die ihn mehr lieben als jene Abhängigen, die an seiner Saga weiterstricken. Wir, die ihm zusehen, wissen genau, daß hier ein Unrecht geschieht - daß das, was Batman verkörpert, der Gesetzesbruch gegen die Übeltäter, bestenfalls ein Akt ausgleichender Ungerechtigkeit ist, schlimmstenfalls faschistoide Selbstjustiz. Wir wenden den Blick nicht ab. Aber was lernen wir da?

Bob Kane: Geboren am 24. Oktober 1916 in New York, gestorben am 3. November 1998 in Los Angeles. Ausgebildet im Studio von Will Eisner und Jerry Iger, begab der junge Zeichner sich gemeinsam mit dem Szenaristen Bill Finger (8. Februar 1914 bis 24. Januar 1974) sofort nach dem Initialerfolg von Superman an die Arbeit, um einen anderen Typ des Superhelden zu entwickeln, der in seinem Charakter die damals populären düsteren Stoffe aus Kino und Groschenliteratur widerspiegelte. Aus der Fülle der damals konzipierten Superman-Variationen ragte Batman dadurch heraus. Kane gelang es in den Folgejahren, sich als alleinigen Erfinder der Figur darzustellen, während Fingers Anteil an der Konzeption heute nahezu vergessen ist.

Batman: Sein erster Auftritt umfaßte nur sechs Seiten und fand sich in der Nummer 27 der Heftserie „Detective Comics“, die durch ihren neuen Helden so berühmt werden sollte, daß der ganze Verlag sich später danach benannte: DC. Schon im Folgejahr erhielt Batman seine eigene Reihe, so daß wie bei Superman die Abenteuer in zwei unterschiedlichen Publikationen verfolgt werden mußten. Seit Bob Kane 1941 die eigene Arbeit an der Serie eingestellt hatte und Batman von anderen Zeichnern gestalten ließ, haben sich einige der wichtigsten amerikanischen Comic-Künstler mit der Figur befaßt, darunter Neal Adams, Frank Miller, David Mazzucchelli, Brian Bolland, Dave McKean und Jim Lee. Sehr früh stellte Kane seinem Helden noch dessen jugendlichen Assistenten Robin zur Seite, und bereits in der ersten Ausgabe der „Batman“-Heftserie trat mit dem Joker der berühmteste aller Superschurken auf.

Text: F.A.Z., 15.10.2005, Nr. 240 / Seite 38
Bildmaterial: DC

© Frankfurter Allgemeine Zeitung GmbH 2009.
Alle Rechte vorbehalten.
Vervielfältigungs- und Nutzungsrechte erwerben

F.A.Z. Electronic Media GmbH 2001 - 2009

Dies ist ein Ausdruck aus www.faz.net.