09. Mai 2003 Es gibt sie noch, auch in diesem Lande, die Männer, die man als richtige Herren bezeichnen darf. Einer von ihnen ist Claus Jacobi, 76, der sein langes journalistisches Leben dem Springer-Verlag gewidmet hat und nun den Preis Goldene Feder erhält. Allemal ein Anlaß für ein Porträt Jacobis, das für die Bild-Zeitung der Kolumnist Blieswood alias Norbert Körzdörfer verfaßt hat.
Wenn es sich bei Jacobi, wie Körzdörfer schreibt, um die edelste Feder von Bild handelt, dann dürfte Körzdörfer selbst die rätselhafteste sein. Wie ein glitzernder, pünktlicher Regentropfen betritt er fast täglich sein Büro mit leer gearbeitetem Schreibtisch im 10. Stock über Hamburg, schreibt er über Jacobi, und wir fragen uns: wie ein Regentropfen? Seit wann kann ein Regentropfen ein Büro betreten? Auch die Sache mit der Pünktlichkeit ist höchst verwirrend, fängt es doch meistens dann zu regnen an, wenn wir es am wenigsten erwarten, während der etwa vom Landwirt erwartete Regen verläßlich ausbleibt.
Jacobi, Bohlen, Effenberg
Auch das Attribut glitzernd ist im Journalismus nicht wirklich schmeichelhaft, weil es wahlweise von einer gewissen Unseriosität oder von zuviel Haargel kündet. Gemeinsam mit Jacobi mit der Goldenen Feder ausgezeichnet werden übrigens Dieter Bohlen und seine Ghostwriterin Katja Kessler. Womit wir bei Stefan Effenberg wären.
Der Autobiograph Effenberg ist über Deutschland gekommen nicht wie ein pünktlicher Regentropfen, sondern wie ein fieser Gewittersturm, dem man nur mit sehr viel Glück ausweichen konnte. Die ersten Reaktionen auf das Werk lasen sich entsprechend mißgestimmt. Nun aber tröpfeln, auch das war zu erwarten, die ersten Verteidigungsschriften Effenbergs ein. Eine solche hat Peter Unfried verfaßt, fußballbegeister Vizechef der taz.
Der Haß der Feuilletonisten
Warum hassen neuerdings feinsinnige Feuilletonisten Effe?, fragt Unfried und gibt selbst die Antwort: Weil sie nichts Besseres zu tun haben. Das aber sei nicht der einzige Grund: Die elitären Kulturjournalisten beobachteten entsetzt den Aufmarsch eher amoralischer Proleten und den gesellschaftlichen Wandel dieses Landes, der sich daran erkennen lasse. Schröder statt Brandt, Bohlen statt Grass, Effe statt Netzer: eine klare Abwärtsspirale.
Unfried aber findet das alles halb so schlimm. Und zum Beweis, daß Stefan Effenberg ein gar so schlechter Kerl nicht sei, schildert der taz-Autor, wie der Fußballer bei der Vorstellung seines Buches von einem Journalisten als Herr Effenberger angesprochen worden sei - und dennoch geantwortet habe. Man ist bescheiden geworden in Deutschland.
Innerbetriebliche Opposition gegen Unfried betreibt ein paar Seiten weiter Wiglaf Droste. Noch exkrementiger als der Brei aus Bild, Effestrunz und Kerner stellt sich ein Kulturbetriebsjournalismus dar, der händereibend herbeieilt und nur eins will: mitmischen, wettert Droste und untermauert seine Ambitionen, der Effenberg der taz zu sein.
Herr Klitschko
Sogar das eher sportferne Handelsblatt hat sich zur Buchvorstellung Effenbergs begeben und festgestellt, daß jener erstaunlich souverän mit Kritik umgehe. Noch erstaunlicher aber findet die Wirtschaftszeitung Wladimir Klitschko. Der nämlich ist, was Effenberg nie werden wird und sicher auch nicht werden will: ein richtiger Herr, ja sogar ein Herr Doktor. Und wenn Effenbergs Buch auch unweigerlich zum Bestseller wird, eine Abschlußarbeit wie jene Klitschkos hätte ihm die Öffentlichkeit niemals abgekauft: Pädagogische Kontrolle von Nachwuchssportlern hieß das Thema.
Ganz entzückt zeigt sich der Handelsblatt-Autor von seinem Gesprächspartner, dem er vor der Begegnung wohl nur ein dumpfes Grunzen zugetraut hätte: Auch bei dieser Frage beweist der Boxer Stil und straft alle Lügen, die glauben, Boxer seien tendenziell Proleten. Und was antwortet der kluge Klitschko? Letzlich sind wir doch alle Künstler. Boxer genauso wie Journalisten und Politiker.
Damit schlägt der Boxer, natürlich nur bildlich, den Bogen zurück zu Herrn Blieswood und seiner Laudatio auf Jacobi, den Regenmann. Noch eine weitere Metapher nämlich hat der Autor zu bieten, die noch weit rätselhafter, weit verwegener ist als jene vom Regentropfen, der morgens sein Büro betritt. Weshalb wir sie zum Abschluß einfach mal so stehen lassen wollen: Er tippt seine Essays in einen kleinen Compaq-Laptop wie ein Storch, der Tee trinkt.
Text: @jöt
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