Von David Wagner
29. Januar 2005 Für Spielplätze habe ich mich länger nicht so interessiert. Aber seit auch ich ein Rabenvater bin, sind sie wieder wichtig. Rabenväter treffen sich samstags, Mütter eher unter der Woche.
Es gibt Spielplätze, da sind die totalen Mütter und Väter zu beobachten und zu belauschen, andere, wo späte, überbetreute, alle Aufmerksamkeit auf sich ziehende Einzelkinder, kleine Monster also, ihre angegrauten Eltern tyrannisieren. Es gibt Freiberuflerspielplätze, auf denen Väter sich zu einer Zeit tummeln, zu der sie, wenn sie denn einer geregelten Arbeit nachgingen, keine Zeit haben dürften. Und wo so mancher Vater seine Wichtigkeit durch lange Mobiltelefonate zu untermauern versucht. Telefonierende Mütter sind auf Spielplätzen viel seltener zu sehen.
Ausnahmsweise wochentags auf dem Spielplatz, vielleicht weil er das Kind einmal früher abholen kann oder die Kita Schließtag hat, sitzt der Rabenvater zwischen all den madonnenseligen Müttern, links die Dose mit den Möhrenschnitzen, rechts die Apfelschnitze und die Flasche mit dem ungesüßten Biofencheltee. Mütter, deren Glück wie eine Glühbirne aufleuchtet, wenn ihr Kind sie anschaut oder ihnen einen Sandkuchen bringt.
Er macht das nicht immer
Dem Rabenvater, wenn er nicht gerade telefoniert, geht es eigentlich genauso. Nur hat er es besser. Er macht das ja nicht immer. Nicht jeden Tag. Dem nicht telefonierenden, nicht zeitunglesenden Rabenvater fällt vielleicht auch auf, daß einige, eigentlich die meisten Mütter zwischen ihren Glücksmomenten ganz normal aussehen. Nicht dauererleuchtet, wie auf den Milupa-Prospekten, sondern gelegentlich sogar genervt wirken, wenn das Kind wieder keine Sekunde alleine spielen will.
Rabenvater zu sein ist nichts Besonderes. Fast alle Väter sind Rabenväter. Rabenvater wird man ganz leicht. Ob das Kind nun schon mit einem Jahr in den Kindergarten geht oder ob es ein paar Jahre zu Hause bleibt, Vater aber immer arbeitet und es nur am Wochenende sieht. Die, die ihre vollen Stellen behalten, sind Rabenväter. Die, die oft und, ohne es zuzugeben, gerne auf Geschäftsreise gehen. Die siebenundneunzig Prozent oder so, die kein Erziehungsjahr nehmen. Und die, die getrennt von der Mutter ihrer Kinder leben und ihre Kinder nur am Wochenende sehen, sowieso.
Man hält das für normal
Warum bin ich ein Rabenvater geworden? Ehrlich gesagt, ich wußte lange nicht, daß ich einer bin. Man hält das ja für normal. Erst meine Tante hat mich darauf gebracht, als sie erfuhr, daß unser kleines Rabenkind schon mit einem Jahr in den Kindergarten kam. Sie meinte, ich sei ein grausamer Mensch. Mit vier sei es noch zu früh. Das arme Kind. Das arme Kind habe wohl eine Rabenmutter, die sich gleich wieder gierig in ihr Berufsleben stürzen wolle. Und ich sei ein Rabenvater, das zuzulassen.
Wie die Rabenmutter hat auch der Rabenvater gelegentlich ein schlechtes Gewissen, das sich mit bohrenden Fragen meldet. Was mache ich hier, wo mein Kind doch ganz woanders ist? Warum schaue ich auf diesen Bildschirm? Warum lese ich diese Zeitung? Wer hütet in diesem Augenblick das Kind? Was macht das Kind eigentlich in diesem Augenblick? Und wem verdanke ich es, daß ich diesen Artikel in Ruhe zu Ende lesen kann?
Auch mal zu Hause bleiben
Noch kurz bevor das erste Kind kommt, sagen zukünftige Rabenväter gern, daß sie dann, wenn das Kind da ist, auch mal zu Hause bleiben wollen. Und, sie können sich das so einrichten, auch von zu Hause aus arbeiten werden. Dann aber, nachdem sie das probiert haben, heißt es: Ach weißt du, das geht nicht, wenn ich zu Hause bin, will L., daß ich sie entlaste und dies und das und jenes tue. Und ich komme nicht zum Arbeiten.
Auf die Frage, ob sie sich denn schon einmal Gedanken über Kinderbetreuung gemacht hätten, antworten solche meist westdeutschen Rabenväter: Mit einem Jahr? Gibt es denn so was? Und auf die Erkundigung, ob denn L. nicht vielleicht einmal wieder arbeiten wolle, heißt es dann zwei Minuten später: Die kann ja dann von zu Hause aus arbeiten. Ach ja?
Nicht so geübt wie die Mütter
Die meisten Rabenväter schieben den Kinderwagen nur samstags oder sonntags und sind nicht so geübt wie die Mütter der Kinder. Rabenväter erkennen sich deshalb oft an ihrem so konzentrierten oder betont lässigen Schieben. Oft schieben sie auch die Botschaft, so einen Buggy und so ein Kind, das hat man jetzt halt, vor sich her. Wer hier wohnt und keins hat, muß sich langsam komisch vorkommen.
Warum gibt es hier, in Berlin-Prenzlauer Berg, auf einmal so so viele Kinder? Die höchste Geburtenrate der Bundesrepublik? Ja. Ein Babyboom? Nein, nein. Hier wohnen nur keine alten Menschen mehr. Hier sind, sagt das Statistische Landesamt Berlin, sechzig Prozent der Frauen zwischen fünfzehn und fünfundvierzig Jahre alt. Und wo viele junge Frauen wohnen, kommen viele Kinder auf die Welt. So einfach ist das.
Kinder ohne Ende
Zehntausende Kinder und Kindertagesstätten ohne Ende; gefällt es dem Kind oder den Eltern in der einen nicht, wechselt es halt in eine andere. In eine, in der ohne Milchprodukte gekocht wird. Oder in der gebetet wird. Nur mit Holzspielzeug oder nur im Schlamm gespielt wird. Da wird man gern zum Rabenvater. Und gibt sein Kind ab. Rabenvaters Dank der DDR, die uns hier, zwischen den renovierten Ruinen, in denen wir wohnen, ihre Horte und Kitas hinterlassen hat. Mancherorts können, so wie in Frankreich, schon Babys abgegeben werden. Gut so, sagen wir Rabeneltern.
Ich, der Rabenvater, der sein Kind hin und wieder früher am Nachmittag von der Kita abholt, habe Mitleid mit den Kindern. Ich sehe sie ja auf dem Spielplatz, die bis zum dritten oder vierten Lebensjahr allein mit ihren Eltern bleiben müssen. Und kleine, verzogene Einzelkindermonster werden. Verzogen von Müttern, die bis dahin alles andere gemacht haben, als sich für Kinder zu interessieren, sich dann aber auf einmal, nach der Lektüre von viereinhalb Baby- und Erziehungsbüchern, für große Pädagoginnen halten.
Die natürlichen Feinde der Kinder
Gebe ich mein Kind da nicht lieber in die Hände von Fachkräften? Und freue mich nachher um so mehr, das Kind abzuholen? Darf Rabenvater vielleicht ganz vorsichtig annehmen, daß Kinder (die Kinder, die er kennt, sind so) lieber mit anderen Kindern zusammen sind? Und nicht den größten Teil ihrer Zeit mit überakademisierten, karrierefrustrierten Frühvierzigern verbringen möchten? Die nie daran denken, die immer vergessen wollen, daß Eltern die natürlichen Feinde ihrer Kinder sind?
Am frühen Nachmittag auf dem Spielplatz, das Kind schaukelt oder klettert oder baut eine Burg oder backt Förmchenkuchen, kann der Rabenvater im Kreis der Mütter sich schon mal die Frage stellen, wieso Teile der Gesellschaft, meine Tante zum Beispiel, all die Fachkräfte um mich herum, deren Ausbildung bis dahin soundsoviel hunderttausend oder Millionen Euro gekostet hat, nach einer Geburt am liebsten auf Jahre hin stillgelegt sehen. Ist das nicht eine sehr teure Art der Kinderbetreuung?
Die Vorstandsvorsitzende als Vollzeitmutti
Und es geht auch nicht in meinen Rabenvaterkopf, warum Frauen dreißig Jahre lang vorgegaukelt wird, sie könnten alles werden, Richterin, Automechanikerin, Vorstandsvorsitzende, ihnen dann aber, wenn es ihnen denn einfällt, ein Kind zu bekommen, nahegelegt wird, mit alldem doch lieber aufzuhören und Vollzeitmutti zu werden. Soll die Sache mit der Emanzipation plötzlich aufhören? Wie kann man Frauen dreißig Jahre lang gleichstellen, dann aber von ihnen verlangen, drei Jahre zu Hause zu bleiben?
Es mag ja Frauen geben, die auf nichts sehnlicher warten, aber muß man all die, die nicht das Glück haben, daß ihnen Kinderbetreuung zur Verfügung steht, zum Dauer-Muttiglück zwingen? Meine Tante meint, eine Mutter habe zu Hause alles hübsch zu machen und zu warten, bis die lieben Kleinen nach drei, ach heute sogar vier, ganzen vier Schulstunden um halb zwölf wieder aus der Schule kommen. Das ist ihr Heimatfilm aus dem vorigen Jahrhundert. Hallo, wir haben nicht mehr 1964, rufe ich ihr manchmal zu. Aber sie hört mich nicht.
Es gibt auch Rabengroßeltern
Vielleicht ist es gar nicht so erstaunlich, daß Kinder, die mit Rabenvätern und -müttern gesegnet sind, heutzutage auch Rabengroßeltern haben. Dynamische, golfspielende Jungalte, die noch arbeiten, Projekte haben oder gerade einer Vorruhestandsregelung zugestimmt haben.
Menschen, die so alt wie Herr Schröder, Herr Köhler oder Frau Schwan sind. Und sich noch nicht als Omi und Opi sehen. Sondern sich lieber dem Pensionisten-Jet-set anschließen. Jetzt mal ausspannen. Das Handicap verbessern. Schlammkur in Italien, Sommerurlaub auf Sardinien, Reise nach Indien, der Skiurlaub, dann die Reise nach Südafrika. Dazwischen haben Rabengroßeltern vielleicht mal vier Tage Zeit, das Enkelkind zu betreuen.
Mein Vater war fast nie da
Heulen sich dann aber bei den Geschwistern aus, wie fordernd so ein Kind doch sei, und ach, man müsse sich ja jeden Augenblick um so ein Kind kümmern. Und das sei doch nichts mehr für sie. So klingen sie dann plötzlich doch ganz alt. Und dem Rabenvater fällt ein, daß er wie fast alle Rabenväter selbst einen Rabenvater hatte. Meiner war, wie alle Rabenväter, fast nie da. Meine Mutter, meine geliebte Rabenmutter, nicht viel öfter. Das aber fand ich nicht so schlimm. Ich hatte es gut, damals kam mittags und nachmittags noch nichts im Fernsehen.
Rabenvaterglück auf dem Spielplatz, wenn das Kind dann mit Matsch in der Hand aus dem Sandkasten kommt, einen Schlammknödel knetet und sagt: Für dich, Papa. Natürlich muß ich so tun, als äße ich den Schlammkloß auf. Und sagen: Hhmm, hhmmmmm, wie lecker!
Ein Stück vom trockenen Brötchen
Der rabigste Rabenvater kauft seinem Kind dann ein möglichst giftig aussehendes Industrieeis mit krebserregenden Farbstoffen, dessen Glasur wahrscheinlich aus zermatschten Rindernasen besteht. Und wundert sich nachher aus der Ferne, warum die Möhrenschnitzkinder nun bei ihren Müttern stehen und quengeln. Andere geben ihrem Kind ein Stück vom trockenen Brötchen und lassen es Apfelsaft trinken.
Als das Kind an der Rabenvaterhand nach Hause geht, fällt mir ein, ich weiß das von einer Expertin, daß man seine Kinder sowieso nur geliehen hat. Ein paar Jahre, und sie machen sowieso, was sie wollen. Und wenn Rabenvater Pech hat, können sie ihre Eltern dann sowenig leiden, wie ich damals, ich erinnere mich noch, meine Eltern leiden konnte. Bis dahin lerne ich die neuen Wörter, die das Kind mir aus dem Kindergarten mitbringt. Das ist eine Kürche, Papa! heißt es, nachdem ich, das war ein Fehler, von einer Kirche gesprochen habe. Kindergartenkinder wissen alles besser. Sind einfach schlauer.
David Wagner, 1971 im Rheinland geboren, lebt als Schriftsteller in Berlin. 2001 erhielt er den Georg-K.-Glaser-Literaturpreis und den Kolik-Literaturpreis. Seine zuletzt veröffentlichte Erzählung Was alles fehlt ist bei Piper erschienen.
Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 29.01.2005, Nr. 24 / Seite 33
Bildmaterial: AP