Jake Gyllenhaal

Ich will mich nicht verstecken

18. Dezember 2005 Zu Beginn des Gesprächs trägt Jake Gyllenhaal, 24, eine sehr große erdfarbene Wollhaube, mit der jeder andere aussehen würde wie ein bekiffter Oktoberfestbesucher - Jake Gyllenhaal sieht damit aus wie ein interessanter, sensibler, intelligenter und sehr hübscher junger Schauspieler, eine Ikone des Independentfilms, der aus irgendeinem Grund eben eine sehr große Wollhaube trägt. Wer ihn nicht kennt, hat "Donnie Darko" nicht gesehen und "The Day After Tomorrow" nicht und liest wohl auch seit Jahren kein Klatschmagazin. Man hat ihm lange eine große Zukunft vorausgesagt, die scheint nun Gegenwart: Er spielt die Hauptrolle in "Jarhead", dem phantastischen neuen Film von Sam Mendes; Ang Lees preisgekrönter Western "Brokeback Mountain" läuft ab März. Irgendwann im Laufe des Gesprächs nimmt Jake Gyllenhaal die Haube ab. Ohne sieht er aus wie ein Star.

Sie kommen aus einer Künstlerfamilie - Ihr Vater ist Regisseur, Ihre Mutter Drehbuchautorin, Ihre Schwester Maggie eine bekannte Schauspielerin. In "Jarhead", der Verfilmung von Anthony Swoffords Bestseller über den Golfkrieg, spielen Sie einen Mann, der unbedingt in den Krieg ziehen, sogar töten will. War es schwierig für Sie, sich da hineinzudenken?

Nein, vielleicht überraschenderweise. Es ist doch so, daß einem oft gerade die Dinge am nächsten liegen, gegen die man sich am meisten wehrt. Der Grund, daß ich diese Rolle spielen wollte, war, daß mir diese Gefühle so vertraut waren - Aggression, Wut, das Gefühl, daß man am liebsten seine Faust durch eine Wand schlagen würde -, damit konnte ich etwas anfangen.

Zusammen mit den anderen Schauspielern haben Sie eine militärische Grundausbildung durchlaufen, waren vor Drehbeginn einige Zeit im Boot Camp. Half das, um Aggressionen abzubauen?

Sie sind größer geworden.

Ich habe von dieser Zahnsache gehört.

Ich habe mir beim Drehen einen Zahn ausgeschlagen, ja.

Es ist während einer Szene passiert, in der es zwischen dem Charakter, den Sie spielen, und einem anderen Soldaten zu Spannungen kommt. Ihr Kollege soll sich tatsächlich von Ihnen bedroht gefühlt haben.

Es ist mehr als einmal vorgekommen, daß ich jemanden gewürgt oder fester zugepackt habe, als beabsichtigt. Sam Mendes hat uns viel Freiraum gegeben. Es war möglich, seine Gefühle richtig auszuleben. Und wenn man fünf Monate lang mitten in der heißen Wüste mit zwölf, vierzehn Männern zusammen ist, ist Aggression nicht unbedingt das unwahrscheinlichste Gefühl. Es ist schlimmer geworden mit der Zeit, ja, die Gefühle wurden intensiver.

Es sind also echte Gefühle, die im Film zu sehen sind? Echt empfundener Haß, echte Wut?

Ja. Für diesen Film habe ich mir nichts ausgedacht oder zurechtgelegt. Ich bin einfach jeden Morgen zur Arbeit gekommen. Mit genau den Gefühlen, die ich da eben gerade hatte. Wir Schauspieler haben die Schwierigkeiten, die wir privat miteinander hatten, mit in den Film gebracht. Peter Sarsgaard und ich zum Beispiel kennen uns seit langem, und wir hatten zu dieser Zeit eine Menge Probleme miteinander, die in die Szenen mit eingeflossen sind. Das gleiche gilt für die Szene mit Brian Geraghty, in der ich das Gewehr an seinen Kopf halte. Zwischen uns bestand damals eine echte Spannung. Viele Leute denken, schauspielern bedeute, daß man eine Maske aufsetzt und etwas vorspielt. Und alle reden immer davon, daß jemand seiner Rolle unter die Haut kriecht, daß jemand sich in einer Rolle verliert . . . Ich persönlich halte es für therapeutisch. Für mich ist es ein Prozeß, in dessen Verlauf man hoffentlich etwas über sich selbst herausfindet. Ich will mich nicht hinter irgend etwas verstecken. Das interessiert mich überhaupt nicht. Ja, ich habe eine Wahrheit, echte Gefühle da mit hineingebracht, ich habe nicht nur so getan als ob.

Nach der Szene mit dem Gewehr sollen Sie und Geraghty einen Monat lang kein Wort miteinander gewechselt haben.

Das stimmt.

Später im Film gibt es eine Szene, in der Sie sich entschuldigen. War das das erste Mal, daß Sie wieder miteinander gesprochen haben? Ist das Ihre echte Entschuldigung?

Ja. Die Szene stand nicht im Drehbuch, die hat Sam nachträglich geschrieben. Er fand, daß das notwendig war.

Sam Mendes soll seine Schauspieler sehr erwachsen behandeln. Stimmt es, daß er immer gefragt hat, wie es Ihnen gerade geht, für welche Szene Sie in der Stimmung sind, anstatt wie üblich einem festen Drehplan zu folgen?

Ja. Die Arbeit mit Sam war sehr besonders. Er hat mir von Anfang an das Gefühl gegeben, daß nichts, was ich tue, falsch sein kann. Und dann ist auch nichts falsch. Das will ein Schauspieler gerne fühlen, daß ein Regisseur ihm so vertraut. Das hat mir viel Selbstvertrauen gegeben. Wenn mal jemand wie Sam Mendes zu einem sagt, du hast recht, das ist die richtige Wahl, das ist klug, dann fängt man halt an, sich selbst zu vertrauen.

Vor "Jarhead" haben Sie mit Ang Lee "Brokeback Mountain" gedreht, der dieses Jahr in Venedig den Goldenen Löwen gewann. Können Sie die unterschiedlichen Arbeitsweisen dieser beiden Regisseure beschreiben?

Also, was die Persönlichkeit angeht, ist Ang Lee sehr sanft, ruhig, ein Mann weniger Worte. Außerhalb des Sets hat er kaum Kontakt mit den Schauspielern. Ganz anders Sam. Er ist an einem Austausch interessiert, auch außerhalb des Sets besteht eine Beziehung, er will wissen, was du denkst, und ist sich immer bewußt, wie es dir geht, was du gerade durchmachst. Aber es gibt eine Gemeinsamkeit: Beide haben Fäuste aus Stahl, ich glaube, so kann man das nennen. Wenn sie eine Vorstellung haben, setzen sie die auch um, das ist eine Fähigkeit, die die meisten wirklich großen Regisseure haben - sie lassen sich von nichts und niemandem davon abbringen, ihre Idee zu verwirklichen. Ang ist ein großartiger Auteur, und ich hasse es, dieses Wort zu benutzen, ich glaube nämlich gar nicht an Auteurs, aber bei Ang trifft es zu.

Was meinen Sie mit "Auteur"?

Wir sind Teile seines Puzzles. Bei Sam ist es eher so, daß wir ihm dabei helfen, das Puzzle zusammenzusetzen.

Sam Mendes guckt, was ihm angeboten wird, und macht etwas daraus - und Ang Lee weiß vorher schon genau, was er will?

Ja. Ang sagt immer, er hat nicht gerne zu viel Kontakt zu den Schauspielern, weil er eine Vorstellung von ihnen in seinem Kopf hat und fürchtet, diese nicht länger aufrechterhalten zu können, wenn er sie besser kennenlernt und vielleicht feststellt, daß sie ganz anders sind. Um den Film so machen zu können, wie er will, muß er sich seine Vorstellung bewahren. Sam dagegen will so gut wie alles über seine Schauspieler wissen, um das alles dann für seinen Film benutzen zu können.

Ang Lee hat in einem Interview gesagt, sein Rat an Sie sei es, auch mal zu vergessen, daß Sie spielen. Sie sollten sich nicht immer soviel Mühe geben, Sie seien zu klug, hat er gesagt. Sie würden zu sehr kämpfen, zu viel überlegen. Hat er recht?

Ich glaube ja. Ich glaube, jeder Schauspieler reift anders. Manche geben die besten Darstellungen ihres Lebens, wenn sie jung sind, weil sie nicht soviel nachdenken. Andere sind erst später gut, weil sie erst dann gelernt haben, mehr auf ihr Herz zu hören und weniger auf ihr Gehirn. Als ich jünger war, habe ich viel Zeit darauf verwandt, mich anzustrengen, es jedem recht zu machen, ich habe jede Situation genau durchdacht und mich dann auf eine bestimmte Art präsentiert. Nach meiner Erfahrung mit diesen beiden Regisseuren jetzt merke ich, daß ich nicht mehr ganz so angestrengt bin. Aber ich habe immer noch damit zu kämpfen.

"Brokeback Mountain" erzählt eine Liebesgeschichte zwischen zwei Männern. Haben Sie lange überlegen müssen, diesen Film zu machen?

Als ich das erste Mal von diesem Projekt gehört habe, war immer nur von diesem "schwulen Cowboyfilm" die Rede. Ich wollte nichts damit zu tun haben.

Ursprünglich sollte Gus Van Sant Regie führen.

Da waren viele im Gespräch. Ich war vielleicht sechzehn damals, ich wollte bestimmt nicht in einem schwulen Cowboyfilm spielen, das Thema hat mir angst gemacht. Und als dann Jahre später Ang Lee Regie führen sollte, dachte ich, oh, wow, da muß wohl irgendwas in diesem Film sein, das voller Menschlichkeit ist oder Güte, denn alle seine Filme erzählen davon. Also habe ich das Drehbuch gelesen, und ich fand es die schönste Geschichte, die ich überhaupt jemals gelesen hatte. Eine wahrhaftige aufrichtige Liebesgeschichte. Ich war damals gerade auf der Suche nach einer Liebesgeschichte - wenn es in dem Film um einen Mann und eine Frau gegangen wäre, hätte ich es auch gemacht, ich wollte eine Liebesgeschichte drehen, und so wie diese ist noch nie eine erzählt worden. Ich habe nicht zweimal darüber nachgedacht.

Wie war es für Sie, die Liebesszenen zum ersten Mal zu sehen?

Ich kann mir das nicht angucken.

Sie haben den Film selbst gar nicht gesehen?

Doch, doch. Es ist nur . . . Es ist schwer zu erklären . . . Wir beide, Heath und ich, haben den Film zusammen gesehen, und danach habe ich gesagt: Und, wie findest du es? Und er sagte, ich weiß nicht - und du? Und ich sagte, ich weiß nicht. Wir waren beide ein bißchen durcheinander. Aber wir sind beide sehr stolz darauf.

Die Dreharbeiten müssen für Sie ziemlich anstrengend gewesen sein - Sie hatten sich gerade von Ihrer Freundin, der Schauspielerin Kirsten Dunst, mit der Sie inzwischen wieder zusammen sind, getrennt; und Heath Ledger hat sich gleich am ersten Drehtag in die Schauspielerin verliebt, die seine Ehefrau spielt, Michelle Williams, die beiden sind inzwischen verheiratet.

Die letzten paar Jahre waren eine Zeit der Veränderung für mich, so ist das ja bei jedem mit Anfang Zwanzig. Ja, als ich "Brokeback Mountain" gedreht habe, hatte ich mich gerade getrennt und war dabei, sehr viele Dinge in meinem Leben zu klären. Und irgendwie war die Ironie an der Sache, daß ich eine Liebesgeschichte gespielt habe und in Wahrheit ziemlich alleine war - auch in "Jarhead" spielt die Freundin zu Hause, spielen die Gedanken an sie ja ein große Rolle -, und dann war da diese seltsame Parallelhandlung, daß Heath sich gerade verliebte und die beiden dann auch ziemlich schnell ein Kind erwarteten . . . Ich mache immer den Witz, daß Heath und ich Sex hatten und daraus ein Baby entstand. Diese Gefühle waren schon schmerzhaft damals, aber ich würde sie nicht missen wollen.

Im Moment drehen Sie mit David Fincher, dem Regisseur von "Seven". Ist das entspannter?

Nein. Er ist ein Visualist und ein Techniker, er dreht alles tausendmal und ist nie ganz zufrieden. Er läuft Marathon auf einer Sprintstrecke, vielleicht kann ich es so beschreiben. Ich habe ihn wirklich gerne, auch wenn er mich natürlich total mißbraucht. Aber das tun sie ja alle, jeder auf seine Art.

Das Interview führte Johanna Adorjan

„Jarhead“: ab 5. Januar im Kino.



Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, Feuilleton, 18. Dezember 2005
Bildmaterial: picture-alliance / dpa/dpaweb, picture-alliance/ dpa/dpaweb

 
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