05. Februar 2004 Wenn von Reformen, Kooperationen oder gar "kreativen Veränderungspotentialen" die Rede ist, läuten bei deutschen Stadt- und Staatstheatern alle Alarmglocken: Hinter den Vokabeln aus dem Sprachschatz der Betriebswirtschaft argwöhnen sie den bröckelnden politischen Willen, das Theater überhaupt noch weiter staatlich zu subventionieren. Entsprechend gereizt war die Stimmung bei der Theater-Anhörung, zu der Antje Vollmer und die Bundestagsfraktion der Grünen unter Verwendung ebensolcher Begriffe geladen hatten.
"Ich bin überhaupt nicht bereit zu kooperieren", rief Claus Peymann, der Direktor des Berliner Ensembles, der anfangs als eine Art Klassensprecher der gesamten Branche fungierte: Die Theater sollten ja wohl schön kooperieren, bis alles gleich sei, während die Politiker ihre mediokren Träume von Hauptstadt als Millionen-Architektur pflegten.
Geht doch zurück nach Bonn!
Es ging um Berlin als exemplarischen Fall. Nirgendwo sonst konzentrieren sich so viele Bühnen, und nirgendwo sonst bietet die Haushaltslage mehr Argumente für eine Reduzierung oder Tilgung der öffentlichen Förderung. Zwar versicherte Frau Vollmer zu Beginn, sie persönlich sei der Meinung, die gesamte Berliner Theaterlandschaft solle erhalten bleiben, erkundigte sich dann aber nach denkbaren organisatorischen Formen von Zusammenarbeit und ob der Plan der Opernstiftung vielleicht auch ein geeignetes Modell für die Theater sei. Peymann wies derlei Fragen in Bausch und Bogen als Zumutung zurück.
"Schaut euch um, wie sie hier leben", rief er mit großer Geste hinaus auf die Reichstagskuppel und betastete das edle Furnier im Sitzungssaal der Grünen-Fraktion, wo die Anhörung stattfand. Dieser Luxus sei doch Zeugnis eines eingemauerten Bewußtseins, eines sibirischen Denkens, das nicht in der Lage sei, die Hauptstadt als "kulturelles Feuer" wahrzunehmen - da gehe man besser wieder zurück nach Bonn. "Diese Macht" gerate in allergrößte Gefahr, wenn sie nicht bereit sei, auf die Einflüsterungen der Kulturleute zu hören.
Unedler Wettstreit
Soweit der gemeinsame Grundton des anwesenden Intendanten-, Direktoren- und Dramaturgen-Chors, der darauf hinauslief, gerade in der nicht koordinierten und reglementierten Unterschiedlichkeit der Bühnen das eigentlich Erhaltenswerte zu erblicken. Eine Zusammenlegung der an und hinter den Kulissen arbeitenden Werkstätten bewerteten die meisten daher eher skeptisch. Doch im weiteren Verlauf wurde die Anhörung zu einer Art Tribunal, bei dem die verschiedenen Konzepte miteinander darum rangen, welches, wenn's drauf ankäme, staatliche Förderung nun wirklich vor allen anderen verdiene.
Bernd Wilms brachte in Anschlag, sein Deutsches Theater verlange alte Tugenden wie Konzentration: "Wir wollen die Klassiker wiedererkennen, zur Kenntlichkeit verändern." Jochen Sandig begnügte sich für die Schaubühne mit dem Marktsegment "Zeitgenössisches Theater" inclusive "Neue Autoren", wobei er die politischen Manifeste der Anfangszeit der gegenwärtigen Schaubühnen-Leitung bemerkenswerterweise noch nicht einmal mehr erwähnte. Matthias Lilienthal stellte das "Hebbel am Ufer" als Kreuzberger Theater vor, das auch mit seinen internationalen Aufführungen immer nur die Frage verfolge: Wie kann man in Armut neue Lebensmodelle erschaffen?
Eine ganz schön subversive Truppe
Der unterschwellige Konflikt brach zum ersten Mal auf, als Carl Hegemann, Dramaturg der Volksbühne, vorschlug, Peymanns "Museums-Ensemble demnächst über den Denkmal-Etat abzurechnen". Seine Volksbühne dagegen stelle sich den Funktionsverlusten, die das Theater durch Fernsehen und Internet erlitten habe, indem es eine "Reflexionsinstanz der rundum theatralisierten Spektakel-Gesellschaft sei". Als Anwendungsbeispiel für sein Verständnis von der ganzen Stadt als Bühne warf er die Idee in die Runde, die Berliner Mauer als Flaniermeile wiederaufzubauen, auf der jeden 13. August Prozessionen von Arbeitslosen-Chören stattfinden.
Peymann fackelte nicht lange und warf Castorf und der Volksbühne darauf eine "Theater-Paranoia" vor, die über all ihren Videos nicht mehr der eigentümlichen Kraft des Theaters vertraue: "Sie sind längst auf der anderen Seite, gegen die Sie noch anzukämpfen glauben." Während die Volksbühne mittlerweile ein "Kaufhaus" geworden sei, betrachtete Peymann das Berliner Ensemble als "altmodischen Antiquitätenhändler", eine Art Katakombe, in der die Aufklärung überleben könne: "Da bildet sich eine ganz schön subversive Truppe zwischen Wilmersdorf und Prenzlauer Berg", rief Peymann zur allgemeinen Erheiterung des Publikums.
Auf Subversivität als unmittelbar einleuchtenden Grund für staatliche Förderung konnten sich alle einigen. Als indessen Adrienne Goehler namens des Hauptstadtkulturfonds befand, der alte aufklärerische Anspruch reiche nicht mehr und die Theater sollten stärker die interkulturellen Möglichkeiten der Stadt nutzen, schlugen die Wellen wieder hoch. "Was ist das für ein Auftrag, den Sie uns da geben?" schrie Peymann: "Da beten Sie ja den ganzen kunstfeindlichen Quatsch nach!" Das kommt davon, wenn der Staat selbst subversiv sein will.
Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 06.02.2004, Nr. 31 / Seite 39
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