Sziget-Festival

Europa, ein Puzzlespiel

Von Ruth Preywisch, Sziget

Ist auf dem Sziget-Festival voll in seinem Element: Iggy Pop

Ist auf dem Sziget-Festival voll in seinem Element: Iggy Pop

16. August 2006 Eine schmale Brücke mit Eisengeländer verbindet die Donau-Insel Obudai mit dem Festland und der Stadt Budapest. Die rund 400.000 Besucher, die die Brücke zwischen dem 9. und dem 16. August überschreiten, finden sich in einer überraschend anderen Welt wieder. Das Inselgelände bildet eine Woche lang die Kulisse für das größte Festival Europas, das Sziget.

Die meisten Besucher kommen schwer bepackt, ihr Weg führt direkt zu einem der Campingplätze. Die Zelte stehen hier schon am ersten Tag eng aneinandergedrückt, es ist kaum ein Durchkommen und fast kein freier Platz mehr zu finden. Für die, die später kommen, bleiben nur noch Plätze zwischen den Bühnen, an den Wegrändern und am Ufer der Donau. Das gesamte Gelände ist bald mit Zelten übersät. Ungarn, Deutsche, Franzosen, Italiener, Polen, Engländer und viele andere Nationen bilden für eine Woche eine gute Nachbarschaft.

„Die friedliche Atmosphäre und die vielen verschiedenen Menschen sind das schönste hier“, sagt Ralf Jordan, der seit 1994 treuer Fan des Sziget ist. „Wir wollten immer mehr sein als ein reines Musikfestival“, erklärt Initiator und Geschäftsführer Karloy Gerendai. Obwohl das Festival seit seiner Gründung 1993 stetig gewachsen ist, versuchen die Organisatoren, kommerzielle und alternative Interessen zu verbinden.

Puzzle Europa

Ein Rundgang durch die Festival-Stadt, wie sie von den Ungarn genannt wird, zeigt, daß den Organisatoren diese Mischung gut gelungen ist. Vormittags ist es auf den meisten Bühnen ruhig. Musik schallt nur aus den Lautsprechern der Bars und Cafés, die die Wege säumen. Einer der kleineren Wege führt an der Bühne für Weltmusik vorbei, auf der der Soundcheck für eins der Konzerte am Nachmittag stattfindet. Klezmerklänge und eine tiefe Frauenstimme wecken die umliegenden Camper.

Ein Stück weiter steht ein großes Schild, ein Stand vom ungarischen Außenministerium bildet den Eingang zur „Civil-City“. Auf einer großen Wand hängt eine Landkarte. Kleine magnetische Puzzleteile hängen daneben. Zwei Franzosen sind gemeinsam mit einer Moldawierin damit beschäftigt, die europäischen Länder auf den richtigen Platz zu setzen. Schnell wird klar, daß die einen im Osten und die anderen im Westen Orientierungsprobleme haben. Aber gemeinsam können sowohl West- als auch Osteuropa fertig gestellt werden.

Zum Eintopf zu den Hare Krishnas

Der Weg biegt rechts ab, eine Schlange steht vor einem kleinen offenen Zelt, aus dem meditativer Gesang klingt. Die Hare Krishnas haben zum täglichen Mittagsessen geladen. Schwarzgekleidete Metaller mischen sich mit Hippies und lassen sich von den weißgekleideten Krishnas mit kostenlosem Eintopf versorgen.

Auf einer kleinen Bühne um die Ecke üben ungarische Nachswuchsbands für den großen Auftritt, angefeuert von einer kleinen Gruppe lokaler Fans und einigen Franzosen. An den großen Bühnen vorbei schlängelt sich der Weg weiter. Hinter einem Tresen sitzt ein bärtiger Mann mit einer kleinen Kappe auf dem Hinterkopf. „Ask the Rabbi“ steht auf dem Schild neben ihm. Für umgerechnet 10 Cent kann man Shlomo Koves eine Frage stellen. „Meine Antworten gefallen aber nicht jedem“, lacht der Rabbi.

Am anderen Ende der Insel geht es weniger politisch und religiös zu, hier sind die Theaterliebhaber am richtigen Platz. Auf einer großen und drei kleinen Bühnen geben Schauspieler, Akkrobaten und Tänzer ihr Bestes. Versteckt dazwischen findet der, der genau hinguckt, ein echtes Kleinod: das „Teatro de Automatas“. Es ist die letzte Überlebende der alten Schaustellerbuden von Anfang des 20. Jahrhunderts. Kleine mechanisch betriebene Figuren geben auf zehn detailverliebt gestalteten Bühnenbildern satirische Einblicke in die Welt der zwanziger Jahre.

Abends spielt die Musik

Am Nachmittag erwachen auch die anderen Bühnen zum Leben. Internationale Stars wie die schottische Alternativ-Rockband „Franz Ferdinand“, die Klassiker „Radiohead“ oder „Placebo“ bringen die Menge bei Sonnenuntergang vor der Hauptbühne zum Toben. Freunde der Weltmusik werden von Boban Marcovic, dem „Pannonia Allstars Ska Orchestra“ oder der osteuropäischen Vokalgruppe „Makam“ mit fröhlichen Klängen verwöhnt. Die Wan2-Bühne ist europäischen Bands vorbehalten. Als bekannteste deutsche Vertreter sind „Wir sind Helden“ dabei. Die Hammerworld-Bühne ist Treffpunkt der Metaller. Stars wie „Sick of it All“ oder „Fear Factory“ geben sich hier die Klinke mit weniger bekannten nationalen und internationalen Bands in die Hand.

Aber auch ein Besuch der kleineren Bühnen und Zelte lohnt sich für die, die wirklich Überraschendes entdecken wollen. Zum Beispiel bei den Hare Krishnas vom Mittagessen. Sie verwandeln sich jeden Abend in richtige Rocker und singen ihr „Hare Rama, Hare Krishna“ jetzt zu E-Gitarren und Schlagzeug. Wenn die Konzerte kurz nach Mitternacht enden, kommen die Freunde elektronischer Musik auf ihre Kosten. Ob in der Silent Disco über Kopfhörer oder in der Party-Arena aus den Boxen: Die Bässe bringen die Menschen zum Tanzen und Toben.

„Unser Programm ist mit den Jahren internationaler geworden“, sagt Karoly Gerendai. Dasselbe gilt auch für das Publikum. Dies ist zum einen ein Zeichen für den guten Ruf, den sich das Festival erworben hat. Mit steigenden Besucherzahlen aus dem Ausland sind aber auch die einheimischen Gästezahlen gesunken. „Den Preis von 120 Euro für die ganze Woche können sich viele Ungarn nicht mehr leisten, es kommen immer weniger hierher“, bedauert Ralf Jordan. Noch ist es den Organisatoren gelungen, den besonderen Charakter des Sziget trotz seiner Größe zu erhalten. Ob dies so bleibt, wird sich in den nächsten Jahren zeigen.

Text: FAZ.NET
Bildmaterial: AFP, AP, dpa, REUTERS

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