Brandenburg

Schulen und Schulbuchverlage ringen mit dem Armeniergenozid

Von Regina Mönch

Auch eine armenische Delegation wurde bei Ministerpräsident Platzeck vorstellig

Auch eine armenische Delegation wurde bei Ministerpräsident Platzeck vorstellig

10. Februar 2005 Ist der Skandal um die Streichung des Genozids an den Armeniern aus dem einzigen deutschen Geschichtslehrplan, in dem er jemals aufgeführt wurde, beigelegt? Und wenn ja, wie? Eine präzise Antwort darauf ist schwierig, ja unmöglich, weil es gleichzeitig mehrere zu geben scheint. Gemeinsam ist ihnen nur, daß sie fast alle so klingen, als handle es sich um Antworten auf Anfragen an den legendären Sender Eriwan.

Haben nun türkische Diplomaten den brandenburgischen Ministerpräsidenten bei Lammcarré in Rotweinjus dazu gebracht, den Klammersatz zum Völkermord, den es ihrer Ansicht nach nie gab, zu streichen? Im Prinzip nein, hatte schließlich der türkische Botschafter der „Berliner Zeitung“ gesagt. Sein Konsul sei in Potsdam nur vorstellig geworden, um die türkische Sicht auf Vorgänge zu erläutern, die im Westen als Genozid der Türken an den Armeniern wahrgenommen würden. Doch werde immer verschwiegen, daß in diesen gewaltsamen Auseinandersetzungen mehr Muslime als Armenier den Tod fanden.

Auch der Ministerpräsident sagt, nein, er habe die Streichung nicht wegen der türkischen Diplomaten veranlaßt. Aber es bleibe bei der Korrektur, gleichwohl gehöre das Thema in den Unterricht. Ähnlich antwortete der Berliner Bildungssenator Böger. Die Nachrichtenagenturen, auf kurze, klare Informationen bedacht, meldeten daraufhin, Berlin werde den Armeniergenozid nicht in seinen Lehrplan aufnehmen. Nein, sagt der Böger-Sprecher Frisse, so könne man das nicht interpretieren. Lehrplanziel in Berlin seien „Kompetenzen“, einzelne Themen, die dorthin führen sollen, müsse kein Lehrplan aufzählen.

Manche Schulen couragierter als Politiker

Gute Lehrer ficht so etwas nicht an. Als ein Lehrstück eigener Art sieht Manfred Behrens vom Ossietzky-Gymnasium in Berlin-Pankow die verwunschenen Politiker-Statements. Gemeinsam mit Kollegen hat er an Matthias Platzeck geschrieben und ihm empfohlen, seinen Briefwechsel mit türkischen Diplomaten den Schulbuchverlagen zu übergeben, weil diese Dokumente die Schwierigkeiten mit der Wahrheit besser erhellen als mancher Kommentar in den (seltenen) Lehrmaterialien zum Thema.

Mit Schülern der Abiturstufe hat er den Genozid unter anderem auch im Deutschunterricht behandelt, die Romane von Franz Werfel, Edgar Hilsenrath, Armin T. Wegner und anderen ergänzt in Geschichtsstunden und Politischer Weltkunde. Entstanden ist daraus eine kleine Ausstellung. Behrens bestätigt wie viele seiner Kollegen, daß es im Prinzip keiner besonderen Aufforderung bedarf, das schwierige Thema in den Unterricht zu nehmen. Doch eine Hervorhebung im Lehrplan habe durchaus Vorteile, denn die Schulbuchverlage könnten sich endlich aufgefordert sehen, ihre bislang recht spärlichen Angebote zu erweitern.

Tatsächlich muß man lange suchen, um in Geschichtsbüchern, die das Osmanische Reich oder die Zeit vor und nach dem Ersten Weltkrieg behandeln, mehr als eine Erwähnung der Armeniertragödie zu finden. In Band 1 „Epochen und Strukturen“ (Diesterweg Verlag) ist es ein einziger Satz, der jedoch allen diplomatischen Tiefenprüfungen standhalten dürfte: „Die türkische Politik erzwungener Assimilation von oben“, heißt es dort, „provozierte Widerstand von unten, zunächst der Armenier, gesteigert zu Massakern an Armeniern 1895/96, 1909 und im Schatten des ersten Weltkrieges 1915/16, als die Türken durch muslimische Kurden rund eine Million Armenier ermorden ließen.“

Der Schroedel Verlag behandelt das Thema als einziger in seiner „Geschichte konkret“ ausführlicher und vor allem so kontrovers, wie die Debatte in der EU und der Türkei auch geführt wird. Weiterführendes Unterrichtsmaterial gibt es in Deutschland so gut wie nicht, was erklärt, warum sich jetzt sehr viele Lehrer an das Bochumer Genozidforschungsinstitut wandten, dessen Lehrbuch zu Prozessen und Strukturen kollektiver Gewalt und Völkermord Brandenburger Politiker in vorauseilendem Gehorsam wieder abbestellten. Die Schulen sind also zuweilen besser als ihr Ruf und vor allem couragierter als Politiker, wenn es darum geht, unsere Standards historischer Aufklärung gegen ideologische Interpretationen zu verteidigen.

Debatte über Standards gefordert

Faruk Sen, Direktor des Essener Institutes für Türkeistudien, ist trotzdem nicht wohl bei dem Gedanken, der Armeniergenozid, dessen exemplarische Bedeutung er durchaus anerkennt, könnte im Unterricht behandelt werden, ehe sich Armenien und die Türkei auf eine „gemeinsame Sicht“ geeinigt hätten. Er wolle dafür plädieren, das Thema einstweilen aus dem Unterricht herauszuhalten, weil er fürchte, Vorbehalte gegen Migranten könnten sich verstärken. Die Ossietzky-Schule in Berlin-Kreuzberg würde ihm da nicht zustimmen. Anders als die gleichnamige Lehranstalt in Pankow wird sie vor allem von Migrantenkindern, darunter viele Türken, besucht. Schulleiter Rähme weiß, daß Armenien für einige Eltern seiner Schüler ein Reizthema ist, doch kein Lehrer mag sich vorschreiben lassen, deshalb auf Aufklärung zu verzichten.

Die Reaktionen auf den grotesken Potsdamer Lehrplanstreit, darunter irritierend viele wütende Attacken türkischer Akademiker, zeigen aber auch, daß es hier um mehr geht als um eine Schulstunde. Die einen würden es lieber als „interkulturellen Schulkonflikt“ wieder unter den Teppich kehren, doch mehren sich die Stimmen, die eine Klärung fordern. „Über den eher beiläufigen Anlaß hinaus müssen wir eine grundsätzliche Debatte über europäische Standards der Erinnerungskultur anstoßen“, sagt Martin Sabrow, Direktor des Potsdamer Zentrums für Zeithistorische Forschungen, „gerade weil der Armeniergenozid einen umstrittenen Konflikt repräsentiert, bei dem ein Generalkonsens nicht in Sicht ist.“

Text: F.A.Z., 11.02.2005, Nr. 35 / Seite 35
Bildmaterial: dpa/dpaweb

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