Von Gerhard Stadelmaier
18. Februar 2007 Der Boden glänzt schwarz und fällt wieder mal leicht gekippt in Richtung Zuschauerraum. Ringsum drängen im Geviert aufgestellt elf sauber ausgesägte, graue, bühnenhohe, scharfkantig drohende Pfeiler herein. Triste Elektro-Oberleitungsdrähte verspannen hoch droben den Luftraum um eine noch trübere Lampe. Hier kann nichts Gutes passieren, sagt das Bühnenbild.
Aber wenn etwas Schlechtes passiert, dann habe ich das auch im Griff. Und es spricht davon, dass es mehr eine Sache der Werkstatt als der Phantasie ist. Freilich ist vorn an der Rampe ein kleiner Dreiecksraum freigesägt. Darin steht auf Parketthöhe ein Stuhl, auf der Rampe liegt ein Wanderstock, ein Apfel (als Wegzehrung?), daneben ein Haufen Manuskriptblätter. Und schon wandert das Bühnenbild von der Werkstatt wieder in die Phantasie. Es ist die Phantasie des Bühnenbildners Karl-Ernst Herrmann.
Die Phantasie endet - die Werkstatt hat uns wieder
Von der Bühne herunter schlendert ein Herr in schwarzem Hut und schwarzem Schal und randloser Brille, der sich auf Zuschauerhöhe vor die erste Reihe an die Rampe setzt und verkündet, er sei der Zuschauer, der all das, was zu sehen sei, durch sein Zuschauen erst schaffe. Also gleichsam der Zuschauerkönig. Er schaut wie verzückt und gespannt auf ein kleines Bühnenmodell, das ein paar Meter vor ihm aus dem Boden wächst.
Auf ihm sind hutschachtelklein Bäume zu sehen, eine verwunschene Allee, ein paar klitzekleine Menschenpuppen. Vielleicht führen sie in dieser Miniaturwelt gerade ein tolles Traum- oder Albtraumspiel auf. Vielleicht wäre das schon genug Theater und Zauber. Aber dann verschwindet das Modell im Boden. Die schöne Phantasie endet. Die Werkstatt hat uns wieder. Es ist die Werkstatt des Regisseurs Claus Peymann.
Das Unglück unterm Mistelzweig
Gleichwohl: Ganz links oben, unauffällig an einem Oberleitungsdraht befestigt, hängt als übrig gebliebenes Rätselzeichen ein Mistelzweig. Sozusagen die hartnäckige Signatur des Phantasten Karl-Ernst Herrmann. Unterm Mistelzweig wird ja, wenn er über Türbalken in den Wohnungen abergläubischer Weihnachtsbürger hängt, alles gut, darf man sich in die Arme fallen, küssen und versöhnen.
Hier aber tritt unterm Mistelzweig nicht das Glück, sondern das Unglück auf. Die Welt ist aus den Fugen. Die Menschen tragen Pflaster, Verbände, eingegipste Arme, blutige Binden um ihre Köpfe. Sie schleppen schwere Koffer, sind auf der Flucht. Sie stammen aus dem neuen Stück von Peter Handke, Spuren der Verirrten.
Das Gejammer darüber ist sehr poetisch
Sie könnten aus etlichen anderen Handke-Stücken in dieses neue hier hineingesickert sein, aus dem Spiel vom Fragen von 1990, wo sie auf einer Reise ins sonore Land das Glück suchten wie Seinspfadfinder; aus der Stunde da wir nichts voneinander wußten von 1992, wo sie, ohne ein Wort zu sagen, über einen leeren Platz geweht wurden wie Traumgebilde; aus dem Untertagblues von 2004, wo sie in einer U-Bahn den Beschimpfungen eines Weltenhassers, des Wilden Mannes, ausgesetzt waren.
Aber stets rettete ihr Schöpfer sie aus ihrer Verwirrtheit: Handke, der Heiler unter den dramatischen Dichtern, verabreicht seinen Figuren sozusagen immer eine Weltwehtablette mit Vitamin H(andke). So dass sich ihre Verirrungen als Phantomschmerzen herausstellen, als träumerische Mutwilligkeiten leicht fiebriger Kindsköpfe. Nichts tut eigentlich weh.
Aber das Gejammer darüber ist sehr poetisch. Klagelieder, in denen die Sehnsucht nach dem Klaglosen (Ja, früher . . .) den Kontrapunkt bildet. Keine Menschen. Künstliche Bekundungsphänomene, Zitatkonturen, Sprachblasengebilde. Leichtestes Gelichter. Sie tun so, als hätten Verhältnisse (Krieg und Frieden) ihnen mitgespielt, aber die Verhältnisse werden nur beraunzt (der jetzige Frieden ist ohne Essenz), nicht verhandelt. Im Grunde lauter Grundlose. Wer ihnen Gründe anklebt, macht sie doppelt unwahr: zu Kitsch.
Zu viel Geschichtslärm für zwei Bübchen
Peymann, der Werkler als Grundsucher, macht aus den Grundlosen: Werkkitschstücke. Einer schreit bei ihm: Du Pissbecken, du Begrinser des eigenen Untergangs!, kommt aber wenig später kleinlaut und völlig mit Pulverdampf überzogen und blutverkrustet aus der Kulisse zurück, in die hinein er seinen Partner zum Totschlagen gejagt hatte. Was war da los? Nichts war los, außer dass im Text irgend raunend von Front die Rede war.
Roman Kaminski und Dirk Osig tun so, als kämen sie direkt aus Verdun: zu viel Geschichtslärm für zwei geschichtslose Bübchen. Ein junges Mädchen läuft mit blutender Nase einem jungen Mann davon, der sie nicht vor Schlägern (oder Vergewaltigern?) geschützt hatte. Boris Jacoby und Franziska Junge spielen, als kämen sie frisch aus einem strindbergschen Geschlechterkrieg mit Neonazi-Einlage. Die Kindermörderin Medea wird von ihrer Tochter verflucht.
Christina Drechsler schleudert der clownsmaskenverschmierten Elisabeth Rath eine Tirade ins Antlitz, als komme sie von der euripideischen Schauspielschule gleich hinterm Asylantenheim. Ödipus, mit blutblinden Augenhöhlen, flucht auf Orakel, Wegkreuzungen und die Aufklärung überhaupt: Wäre ich nur in den Rätseln geblieben! Und bleibt absolut rätsellos, dafür aber so anklagend, als habe sich sein Bewährungshelfer nicht genug um ihn gekümmert. Isaak ergreift das Messer, mit dem sein Vater ihn dem alttestamentarischen Gott opfern will, und sticht den Alten tot.
Der Friede verfault
Ein Herr im Zweispitz zu Smoking und Turnschuhen, der allen anderen immer der Dritte sein will, der ihnen erst als Widerpart zu festem Stand verhülfe, verkündet, dass der Friede verfault sei. Axel Werner wirkt wie der wackere Elferratsvorsitzende einer sehr ernsten Apokalypsenprunksitzung.
Ein anderer Herr im Smoking mit einem Party-Narrenhütchen auf dem Glatzenschädel weint darüber, dass er kein Held mehr sei, weil ihm die Feinde fehlten, während seine Frau im Abendkleid und rotflammender Ladymähne ihn immer im falschen Moment umarmt und tröstet, aber auch ohrfeigt. Elisabeth Rath und Thomas Wittmann spielen Eheschlacht unter Kapitalisten.
Wo Handke zaubert, da zeigefingert Peymann
Wo Handke entdramatisiert und nur seinen Zuschauer erzählen lässt, was er sieht, dramatisiert Peymann und bläst die Szene auf. Der Herr im Zweispitz zum Beispiel kommandiert die ganze Meute, die auf einem Todesmarsch zu sein scheint, wie ein gelangweilter KZ-Wächter, während er das Ende der Zeit verkündet. Dieweil eine Art Höhlenforscher, der riesenlange Finger hat, in einem Buch blättert, das Feuer speit und Wasser regnet, und die Erde mit seinen Nagelschuhen tritt, als trommele er ihr ekstatisch den Untergang.
Wo Handke zaubert, da zeigefingert Peymann. Aber dann mischt sich Der Zuschauer doch ein, will, dass die Schau weitergehe - worauf die Elenden, vom Bibelmythischen übers Antikmythische bis hinein ins Privathandkemythische episodisch Zusammengeklaubten sich zusammenreißen, ihr Unglück loben und nun nur noch viel schöner in die Irre gehen wollen und ein Lied singen von der lieben, guten Zeit.
Ihr Unglück aber müsste genauso rätselhaft, so frivol verwunschen gewesen sein wie ihr endlich entwickeltes Glück. Lauter Seinsschwadroneure, Daseinsangeber, Existenzwindlügenbeutel: Also wäre das Stück noch zur Uraufführung frei. Denn Peymann, der Werkstückler, nimmt sie naiv und wacker alle für bare Münze. Die Phantasie aber hängt vorerst allein an Karl-Ernst Herrmanns Mistelzweig.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: dpa, ZB
Dieses Feld kennt keine Sieger: Alois Wünsche-Mitterecker bei ![]()
Ein Vivat der Musik Puccinis: das Opernfestival in Torre del Lago
Cyndi Laupers: Großartiges Comeback mit neuem Album
Liebesherbst, Profikiller, Wahl-BerlinerDie neuen Filme in den deutschen Kinos: Bild für Bild zum![]() | ![]() |