Bildung

Abspeisung der Bachelors

Von Jürgen Kaube

Bachelor-Studenten: Abschluß mit Zukunft?

Bachelor-Studenten: Abschluß mit Zukunft?

07. April 2005 Was ist ein Master? „Der Master ist ein auf dem Bachelor aufbauender Studienabschluß. Der Großteil der Studierenden wird allerdings nach dem Bachelor in den Beruf wechseln.“

So steht es im kleinen Katechismus „Bachelor- und Masterstudiengänge: Fragen und Antworten“ des nordrhein-westfälischen Wissenschaftsministeriums. Wie noch bei jedem Katechismus steht allerdings die Zahl der Fragen, die er stellt, in keinem Verhältnis zu der viel größeren, die seine Antworten aufwerfen. Fragen wir also noch ein bißchen weiter.

Mehr arbeitslose Akademiker

Woher weiß das Ministerium, daß der Großteil der Studenten mit dem Bachelor-Zeugnis die Hochschulen allerdings verlassen und in „den“ Beruf wechseln wird? Letzteres weiß es selbstverständlich nicht. Um so weniger als die Akademikerarbeitslosigkeit 2004 - bei einer Zunahme der gesamten Arbeitslosigkeit um 6,3 Prozent - um mehr als elf Prozent gestiegen ist. Um so weniger auch, als sie sich in NRW gerade im Vergleich zum Vorjahresmonat noch einmal um vier Prozent erhöht hat. Und um so weniger, als die Wirtschaft in vielen Fällen - Ingenieure, Architekten, Physiker - mit dem alten Diplomstudium ganz zufrieden war und gegenüber den Bachelors zurückhaltend ist. Darum wäre „wird in irgendeinen Beruf oder anderen sozialen Status wechseln“ auf jeden Fall die präzisere katechetische Formulierung gewesen.

Warum aber kann sich das Ministerium dafür bei seiner anderen Aussage, der zum baldigen Verlassen der Hochschulen durch die Hälfte der Bachelors, um so sicherer sein? Weil es deren Voraussetzung selber bestimmt. In einem Erlaß hat das Haus von Wissenschaftsministerin Hannelore Kraft (SPD) dieser Tage die Hochschulen an Rhein und Ruhr darauf hingewiesen, aus „kapazitativen Gründen“ würden voraussichtlich nur etwa fünfzig Prozent der Bachelors auch zum Masterstudium zugelassen werden können. An den Fachhochschulen soll sogar nur ein Drittel der Studenten weitermachen dürfen.

Ein echtes Bildungswunder

Was also ist ein Bachelor? Ein Bachelor ist ein Abschluß, der jeden Studenten für einen Beruf qualifiziert, aber nur jeden zweiten für die Fortsetzung des Studiums. Das Bachelorstudium ist damit einerseits ein echtes Bildungswunder. Denn ihm gelingt, was vorher unmöglich schien: In sechs Semestern führt es immer mehr Abiturienten, die demnächst nur noch zwölf Jahre lang die von Unterrichtsaufällen - fünf Millionen Stunden waren es 2003 in Nordrhein-Westfalen - heimgesuchten Schule durchlaufen haben, nicht nur ins wissenschaftliche Arbeiten ein.

Es vermittelt ihnen auch alles, was sie für den Berufseintritt benötigen. Noch wunderbarer erscheint dieses Wunder, das noch vor kurzem bei weniger Studenten, dreizehn Schuljahren und acht, ja zehn Semestern nur in Ausnahmen zu erreichen war, wenn man weiß, daß die Hochschullehrerschaft immer mehr in der Drittmittel-, Akkreditierungs-, Evaluierungs- und Reformbürokratie beschäftigt ist.

Ein Schwindel

Andererseits ist das Bachelorstudium aber, wie manche Wunder, auch noch ein Schwindel. Denn das Weiterstudieren bis zum Master würde bekanntermaßen nur ein bis zwei zusätzliche Jahre dauern. Darum ist nicht anzunehmen, daß es um so viel anspruchsvoller wäre als der Eintritt ins Berufsleben. Und folglich sind es nicht Gesichtspunkte der Eignung, die hier für die Zulassung zum weiteren akademischen Studium geltend gemacht werden. Wie auch? Darum ging es der deutschen Hochschulpolitik noch nie.

Es geht ihr vielmehr vorzugsweise um Kosten. Der Bachelor dient vor allem dazu, das politische Ziel möglichst hoher Studierendenzahlen - wir leben im Zeitalter der OECD-Statistik - mit dem fiskalischen Ziel möglichst geringer zusätzlicher Bildungsinvestitionen zu verbinden. Das geht, wenn man den Leuten nicht nur einredet, sondern per Zertifikat nachweist, nach sechs Semestern sei die Hälfte von ihnen berufsreif ausgebildet. Der Bachelor dient insofern vor allem einer neuen Definition des Begriffs „Erststudium“.

Kurzstudium und Letztstudium

Was ist ein Erststudium? Ein Erststudium ist das, was zu finanzieren der Staat für geboten hält. Bislang war der Begriff für die meisten Studenten bedeutungsgleich mit „Studium“. Für die Hälfte der Studenten aber wird demnächst ein Erststudium zugleich ein Kurzstudium und ein Letztstudium sein. Denn Ministerin Kraft fühlt sich durch das Grundgesetz und das Bundesverfassungsgericht in diesem Sinne nur dazu verpflichtet, „ausreichend Ressourcen für die Erstausbildung - also zunehmend in Bachelorstudiengängen - zu reservieren“.

In Niedersachsen sieht man das im Hause von Lutz Stratmann (CDU) genau wie in Düsseldorf und hat schon darum vor einem Jahr die Hochschulen wissen lassen, daß der Umfang der Master-Studiengänge höchstens auf die Hälfte der Bachelor-Absolventenzahl ausgelegt werden soll. Andere Länder werden folgen, und man darf gespannt sein, wie der Bund dann den Begriff des Erstkurzletztstudiums in seine BaFöG-Regelungen einarbeiten wird. Denn in manchem Wunder steckt ein Trick: Hier wäre es der einer Reduktion der bisherigen Unterstützungsansprüche einkommensschwacher Studenten auf ein Erststudium von etwa acht bis zehn Semestern um zwei bis vier Semester.

Und was ist nach alledem der Bologna-Prozeß, in dessen Zeichen das alles geschieht? In Deutschland: die wundersame Bildungsvermehrung durch Ressourcenverknappung, Bürokratisierung sowie Gleichheitsversprechen bei Ungleichheitsverstärkung - also eine Mogelumverpackung schrumpfender Leistungspakete. Was sagte einst der Rabbiner zur Speisung der Fünftausend durch fünf Brote und zwei Fische (Joh 6, 1-15)? „Ich zweifle nicht, daß er sie gespeist hat, ich zweifle, daß sie satt geworden sind.“

Text: F.A.Z., 08.04.2005, Nr. 81 / Seite 33
Bildmaterial: picture-alliance / dpa/dpaweb

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