Wiener Opernball

Sie soll halt ausschau'n wie a Prosecco-Dos'n

Von Erna Lackner, Wien

Paris in Wien: Lugner und sein Stargast

Paris in Wien: Lugner und sein Stargast

15. Februar 2007 Die bedeutendste Inszenierung der Wiener Staatsoper ist alle Jahre wieder der Opernball. Diesmal spielt sogar Paris Hilton mit. Das amerikanische Partyluder auf dem Staatsball - das müssen etliche Protagonisten der Ballkultur, dieser genuin österreichischen Kultur, erst einmal verkraften. Schwanengesang. „Wir gehen nicht“, entschied Dagmar Koller, Sängerin und Frau des früheren Wiener Bürgermeisters. Aber was! „Ein gschmackiges Frauenzimmer!“, beruhigte der Mörbischer Operettenintendant Harald Serafin. „Wenn sie sich an die Hausordnung hält“, vermittelte Elisabeth Gürtler, die Ballorganisatorin und Chefin des Hotels Sacher, kein Problem.

Der Boulevard ist seit Wochen außer Rand und Band. Den medialen Countdown zum Opernball, das intensive Vorspiel zwischen Lästern und Lust, gibt es jedes Jahr, doch 2007 setzt der hysterisch konkurrierenden Gesellschaftsberichterstattung neben Paris Hilton auch die neue Zeitung „Österreich“ die Krone auf. Und so hat Österreich in frech vorweggenommenen Fotomontagen und detaillierten Modereportagen eigentlich schon fast alles gesehen, was es heute Nacht zu bestaunen gilt: Wie der neue Bundeskanzler und Opernballdebütant Alfred Gusenbauer Miss Hilton beim Walzer führt, wie Operndirektor Holender als Fiaker auf dem Kutschbock einreitet, wie Arabella Kiesbauer ihr rotes Abendkleid trägt, die Gattin des Nationalbankpräsidenten ihr sanftgrünes, die Gattin des Operndirektors ihr schimmernd schwarzes. Und dennoch werden wir heute, wie jede Donnerstagnacht vor jedem Faschingsende, vor dem Fernseher sitzen und begutachten, wie die Damen der Gesellschaft „live“ aussehen, beim Hinaufschreiten der Feststiege. Und wenn sie nur glitzernd oder schrill genug gestylt sind, mit imperialen Dekolletés oder glanzvollen Hochsteckfrisuren, bekommen auch Nicht-Promi-Damen ihre Fernsehkamera-Chance.

Leihfracks für 220 Euro

Das gutbürgerliche Wien teilt sich zur Ballsaison in zwei Fraktionen, Opernballgeher und Nichtopernballgeher. Aber auch jene, die prinzipiell gegen die walzerselige Selbstdarstellung der Republik und das Defilee der feinen Gesellschaft auftreten oder gegen den Opernball wettern, mögen auf die Fernsehgala kaum verzichten. Und wenn die Nichtopernballgeher dann in der Regierung sitzen, wie jetzt auch der aus dem linken Lager kommende Bundeskanzler, können sie dem Staatsereignis nicht mehr ausweichen. Dann müssen sie sich einen Frack anschaffen, für 700 bis 1300 Euro, aber bei Peppino Teuschler gibt es auch Leihfracks (für 220 Euro).

Die dazu passenden Orden und die kleidsamen rot-weiß-roten Schärpen bekommen Regierungsmitglieder automatisch und gratis verliehen. Ob Gusenbauer nach fünf Kanzlerwochen schon entsprechend ausgestattet ist für die große Staatsloge und seinen ersten Linkswalzer? Auch Bundespräsident Heinz Fischer, bei dessen Erscheinen die volle Feststiege freigemacht wird, hatte sein Opernballdebüt erst als Staatsoberhaupt. Der einstige Kanzler Bruno Kreisky kommentiert die ganze Sache ironisch: „Die Rache der Geschichte an den jungen Revolutionären ist, dass sie später mit Frack und Orden zum Opernball gehen müssen.“

Pamela und Paris

Eigentlich ist der Opernball ein Ball für die Künstler der Staatsoper, wie dessen Direktor Joan Holender immer dann anmahnt, sobald ihm das niveauvolle Betriebsfest durch unstandesgemäße Society in die Untiefen der Boulevardpresse entgleitet. Also jährlich. Als der Hauptsündenbock der unfeinen Entwicklung gegen sein Reinheitsgebot gilt der Baumeister und Gesellschaftslöwe Richard „Mörtel“ Lugner. Dessen stets von einer Medienmeute eingekesselte Logengäste, wie die üppige Baywatch-Blondine Pamela Anderson oder jetzt die nicht so üppige, aber zuweilen auch sehr nackte Paris Hilton, entsprechen nicht den künstlerischen Vorstellungen der Wiener Oper.

Für den Traditionsball, der in der nationalen Selbsteinschätzung zwischen dem Neujahrskonzert und dem Skirennsport rangiert, der auch so etwas bedeutet wie ein gesellschaftliches Schaulaufen zwischen Musik und Piste, ist freilich noch kränkender, dass Lugners Gäste keine wahren Gäste sind. Sondern dass er viel dafür bezahlen muss, dass sie zum Opernball kommen - und zuvor für ein Stündchen in sein Einkaufszentrum „Lugner-City“. Paris Hilton, Sophia Loren, Claudia Cardinale, Joan Collins beehren den Opernball also nicht, sondern bekommen Geld dafür. Welch subtile Schande! Zumal 5500 Ballbesucher (die Hälfte aus dem Ausland) auch noch gern hohe Preise zahlen, um überhaupt hineinzudürfen. Ja, früher, wird nostalgisch geseufzt, da kamen halt noch gekrönte Häupter, König Juan Carlos, Königin Beatrix, Prinz Charles, oder wenigstens Franz Josef Strauß.

Abschied um Mitternacht

Seit Jahren aber wird, denn die Wirtschaftselite und die heimischen Künstler geben auch nicht so viel her, jede gekaufte Lugner-Begleitung vom ORF-Interviewer stets brav, Höhepunkt der Fernsehübertragung und der Schaulust, gefragt: „What do you think about this ball?“, und jede schwärmt ungefähr so begeistert wie die Vorjährige: „Ein Erlebnis, das man nur einmal im Leben hat . . .“. Genau dieses Erlebnis haben die Fernsehzuschauer jedes Jahr. Und spätestens um Mitternacht, nach zwei, drei Stunden sind die Damen auch schon weg.

In diesen Opernballwochen nun muss Lugner, der auch sein Privatleben mit Ehefrau „Mausi“ schamlos als eine Privatfernsehsoap vermarktet, vor Jahren sogar als Bundespräsidentschaftskandidat durch die Lande zog, seinen Namen für ein Unwort hergeben: für die „Verlugnerung“, die der Reputation des Opernballs, Wiens, ja Österreichs schade. Sogar der Wiener Kardinal Schönborn bediente sich der Vokabel. Das Leben dürfe nicht verlugnern, wird gemahnt. Das System Lugner bestehe darin, nichts peinlich zu finden, bemerkt die Zeitung „Der Standard“, oder besser: genau zu wissen, was peinlich sei - und es just deshalb zu tun. Das Magazin „Profil“ ergänzt sinngemäß, diesmal freilich habe Lugner einen Gast, der ihm in seiner Stammdisziplin zumindest ebenbürtig sei: Paris Hilton.

Mehr als 1,1 Millionen Gewinn

Lugner wird für seine Promi-Beschaffung gescholten, belächelt, geschmäht. Aber klammheimlich ist man auch froh, wen er da doch wieder anschleppt, so dass er beinahe schon zu den Hausregisseuren der Opernballinszenierung zählt. Das ist erstens die elegante „Ballmutter“ Elisabeth Gürtler. Opernballrobe stets exakt in der Farbe des jeweiligen Blumenschmucks. Die Chefin des praktisch gleich hinter dem Operngebäude gelegenen „Sacher“ wird für die Oper in diesem Jahr mehr als 1,1 Millionen Euro Gewinn erwirtschaften, doch die Erhöhung des Preises der besten Logen von 16.000 auf 36.800 Euro, im Namen der „Förderung der Künste“, wird selbst von alten Ballfreunden „Wucher“ genannt. Ein Vierer-Tisch im sechsten Rang, also ganz oben, weit weg vom Parkett, ist um 300 Euro zu haben. Der bloße Eintritt kostet 215 Euro. Der Opernball als Wirtschaftsfaktor bringt 17 Millionen Euro. Wer will da noch herummeckern?

Der Zeremonienmeister des Opernballs ist Thomas Schäfer-Elmayer und dessen Tanzschule die österreichische Institution der Etikette. Er hat mit 184 Paaren des Jungdamen- und -herrenkomitees die formvollendete Eröffnungspolonaise einstudiert: abendkleidweiße Staffage der reinen Unschuld - in Kontrast zu dem Geschiebe, das dem Ruf „Alles Walzer!“ folgt: glamouröse Auftritte, enge Tanzhaltungen, Champagner zu Smalltalks (das Glas 25 Euro) und große Geschäfte (die Flasche 250).

Ein erfahrener Wallach

Der Hausherr, der ewige Staatsoperndirektor, hat sein Amt schon seit fünfzehn Jahre inne und wird es noch fünf weitere haben. Doch diesmal, mit Paris Hilton im Anflug, will Joan Holender dem Lugner die Show stehlen, er bringt „einen Gast, den noch nicht einmal der Lugner in Erwägung gezogen hat: ein lebendes Pferd!“ Der verlugnerte Holender wird als Fiaker eine Parkettrunde drehen, dann steigt Anna Netrebko aus der Museumskutsche und singt als „Manon“ drei Arien. Ohne Honorar, im Unterschied zu Hilton. Auch die Pferdeäpfelfrage, in allen Medien diskutiert. Der Wallach könnte scheuen, warnte der Tierschutzverein „Vier Pfoten“. Nein, er hat Bühnenerfahrung („Wiener Blut“), ist schon fünfzehn Jahre alt und geht bald in Pension. Na, dann, ruhig Blut.

Auch über Paris Hilton weiß Österreich längst alles Nötige. Walzertanzen hat sie als kleines Mädchen gelernt, aber den schwierigen Linkswalzer übte sie jetzt noch in Los Angeles. Sie liebt Kaiserschmarrn und historische Gebäude. Aber absteigen muss sie mit ihrer Entourage aus Eltern, Cousine, drei Freundinnen, Managern, Stylisten, Bodyguards doch im neuen Hilton-Kasten. Der Name verpflichtet. In der Präsidentensuite, wo auch Bush nächtigte, stehen Sojamilch und Kaviar bereit. Das fünfzehnte Stockwerk wird abgesperrt, nur Peppino Teuschler wird vorgelassen, wegen der Fracks für die Herren. Die goldenen Prosecco-Dosen, für die Paris Hilton wirbt, darf sie auf den Opernball nicht mitnehmen, weil eine andere Firma das Ausschankmonopol hat. In Europa brauche es eben Zeit, um mit den verstaubten Traditionen zu brechen, sagt sie, kommt dennoch - und wird eine goldfarbene Abendrobe tragen. Lugner im breiten Wienerisch: „Sie soll halt ausschau'n wie a Prosecco-Dos'n.“

Text: F.A.Z., 15.02.2007, Nr. 39 / Seite 38
Bildmaterial: AP, dpa, picture-alliance / dpa, picture-alliance / dpa/dpaweb, picture-alliance/ dpa/dpaweb, REUTERS

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