Nahost-Konflikt

Der Krieg läuft nicht davon

Von David Grossmann

Truppenaufmarsch am Gazastreifen

Truppenaufmarsch am Gazastreifen

31. Dezember 2008 Nach den Luftangriffen im Gazastreifen sollten wir innehalten und der Hamas zurufen: Bis Samstag haben wir mit Zurückhaltung auf die Tausenden von Raketen reagiert, die ihr auf uns abgeschossen habt. Jetzt wisst ihr, wie hart Vergeltung sein kann. Damit es nicht noch mehr Tote und Zerstörung gibt, werden wir in den nächsten achtundvierzig Stunden das Feuer einstellen, einseitig und absolut. Selbst wenn ihr eure Angriffe fortsetzt, werden wir die Kampfhandlungen nicht wiederaufnehmen. Außerdem ersuchen wir alle betroffenen Staaten, nah und fern, zwischen uns zu vermitteln.

Wenn ihr eure Angriffe einstellt, werden auch wir die Waffen schweigen lassen. Wenn ihr uns angreift, während wir uns zurückhalten, werden wir erst nach Ablauf der 48-Stunden-Frist entsprechend reagieren. Aber selbst dann werden wir offen für Verhandlungen sein, damit ein neuer Waffenstillstand zustande kommt. Wir wollen darüber hinaus eine umfassende Vereinbarung erreichen.

Das Augenmaß muss gewahrt werden

Das sollte Israels nächster Schritt sein. Aber: Ist das möglich? Oder sind wir schon Gefangene jenes allzu bekannten Kriegsrituals? Bis Samstag agierte Israel mit eindrucksvollem Augenmaß. Dieses Augenmaß dürfen wir jetzt nicht verlieren.

Wir dürfen keinen Moment vergessen, dass die Bewohner des Gazastreifens weiterhin auf der anderen Seite der Grenze leben werden und wir, früher oder später, nachbarliche Beziehungen zu ihnen herstellen müssen. Wir dürfen keinesfalls derart massiv vorgehen, auch wenn die Hamas den Israelis im Grenzgebiet seit Jahren schwer zusetzt, auch wenn die Hamas-Führer alle ägyptischen und israelischen Bemühungen, einen Kompromiss zu finden, abgelehnt haben.

Unsere Parole muss lauten: Zurückhaltung. Wir haben die Pflicht, die Zivilbevölkerung zu schützen, eben weil Israel viel stärker ist als die Hamas.

Israel muss immer wieder prüfen, ob sein militärisches Vorgehen noch legitim ist und abschreckend wirkt und geeignet ist, die Ruhe wiederherzustellen. Wir müssen uns unbedingt vor dem Strudel der Gewalt hüten, der uns in der Vergangenheit allzu oft verschlungen hat.

In der Vergeltungsspirale

Die israelischen Politiker wissen, dass es angesichts der Verhältnisse im Gazastreifen sehr schwer sein wird, einen eindeutigen militärischen Sieg zu erringen. Eher werden wir wohl zu jenem Zustand des Unentschieden zurückkehren, den wir vom Libanon her kennen. Israel wird die Hamas angreifen und angegriffen werden, wieder angreifen und wieder angegriffen werden und sich verheddern in dieser Vergeltungsspirale.

Also sollten wir innehalten. Das Feuer einstellen. Dieses eine Mal sollten wir versuchen, gegen unsere eingeübten Reflexe zu handeln. Gegen die tödliche Logik militärischer Stärke und die Dynamik der Eskalation. Der Krieg läuft uns nicht davon, wie Ehud Barak selbst vor zwei Wochen gesagt hat. Wenn wir zeigen, dass wir innehalten können, verlieren wir keineswegs die Unterstützung des Auslands. Es bringt uns sogar mehr ein, wenn wir wohlüberlegte Mäßigung demonstrieren und die arabischen Staaten und andere um Vermittlung bitten.

Ohne Gesichtsverlust

Gewiss, die Hamas hätte dann eine Atempause, in der sie sich neu formieren kann, aber das hat sie in all den Jahren ohnehin getan. Zwei Tage machen da nicht viel aus. Im Gegenteil, eine Waffenruhe könnte die Hamas dazu bringen, ihr Vorgehen zu überdenken. Für sie wäre es eine Möglichkeit, sich ohne Gesichtsverlust aus der eigenen Falle zu befreien.

Noch ein naheliegender Gedanke. Wären wir schon im Juli 2006 so vorgegangen, nach der Entführung zweier unserer Soldaten durch die Hizbullah – hätten wir nach dem anfänglichen Vergeltungsschlag angehalten und eine Feuerpause erklärt, um die Lage zu beruhigen und Vermittlungsbemühungen eine Chance zu geben –, wären wir heute vermutlich in einer besseren Position. Auch diese Lehre hätte Israels Regierung aus diesem Krieg ziehen können. Es ist die wichtigste Lektion, die wir lernen müssen.

Eine Gegenposition zu David Grossman finden Sie hier: Fania Oz-Salzberger über Gaza: Schmutzig gerechter Krieg

Aus dem Englischen von Matthias Fienbork.

David Grossman, geboren 1954 in Jerusalem, veröffentlichte auf Deutsch zuletzt den Essayband „Die Kraft zur Korrektur“, für den er mit dem Geschwister-Scholl-Preis ausgezeichnet wurde.



Text: F.A.Z.
Bildmaterial: AP

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