Von Alexander Jürgs
11. April 2007 Als kalter Racheengel Beatrix Kiddo in Kill Bill trägt Uma Thurman einen enganliegenden gelben Trainingsanzug und mindestens genauso leuchtend gelbe Sportschuhe mit schwarzen Streifen. Mit beiden Kleidungsstücken verweist Regisseur Quentin Tarantino auf sein Idol Bruce Lee. Der Trainingsanzug ist ein Replikat jenes Outfits, das Lee in seinem letzten, erst postum fertiggestellten Film Game of Death trug. Die Sportschuhe, ein Modell der japanischen Marke Onitsuka Tiger, waren jahrelang erste Wahl und Markenzeichen des amerikanischen Kampfkünstlers.
Dem Comeback dieser Kleidungsstücke half Kill Bill ungemein, mehr aber wohl noch die globale Retrowelle, die die Sportswearbranche erfasst hat. Vor allem das Schuhmodell Mexico 66 hat sich zum Kultobjekt entwickelt: Der schlichte und schlanke Laufschuh mit dünner Sohle und den charakteristischen Tigerstreifen ist bei Kreativen und Clubgängern obligatorisch. Erfunden und bekannt gemacht hat ihn der aus Kobe stammende Onitsuka Kihachiro.
Tintenfische als Vorbild
Im Zweiten Weltkrieg hatte Onitsuka in der Armee gedient und nach Kriegsende auf dem Schwarzmarkt eine Zeitlang mit Bier gehandelt, bevor er 1949 seine Manufaktur für Sportschuhe eröffnete. Mit viel Forschergeist konnte er sich schnell auf dem einheimischen Markt durchsetzen. Für Furore sorgten seine Basketballschuhe, deren Sohle er nach dem Vorbild von Tintenfisch-Saugnäpfen fertigte. Das Ergebnis war ein ausgesprochen rutschfester Schuh, der die Sportler begeisterte. Auch der erste Marathonschuh mit Luftkühlung war eine Entwicklung Onitsukas, der seine Produkte immer gemeinsam mit aktiven Athleten entwickelt hat.
Legendär ist das Verhandlungsgeschick des Japaners. Sein größter Coup war es, den äthiopischen Marathonläufer Abebe Bikila, der 1960 in Rom barfuß olympisches Gold gewonnen und eine neue Weltbestzeit aufgestellt hatte, zum Tragen von Sportschuhen zu überreden. 1961 besuchte Bikila Japan, um beim Mainichi Marathon anzutreten. Onitsuka fing den afrikanischen Ausnahmeläufer in dessen Hotel ab, wo er ihn eindringlich vor den Glasscherben auf japanischem Pflaster warnte. Am kommenden Tag startete Bikila in Onitsuka-Schuhen, siegte und lief danach nie wieder barfuß.
Als kluger Zug erwies sich auch Onitsukas Entscheidung, 1977 mit zwei anderen Firmen zum Unternehmen Asics (nach dem lateinischen Spruch anima sana in corpore sano, sinngemäß: In einem gesunden Körper steckt ein gesunder Geist) zu fusionieren. Mittlerweile ist Asics der fünftgrößte Sportartikelhersteller der Welt. Dass der mittlerweile Neunzigjährige mit Sportschuhen, deren Produktion er vor mehr als dreißig Jahren einstellte, nun zum Trendsetter und Liebling der Modejournalisten geworden ist, amüsiert und freut Onitsuka.
Text: F.A.Z., 11.04.2007, Nr. 84 / Seite 40
Bildmaterial: AP, CINETEXT, Cinetext Bildarchiv
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