10. Oktober 2004 Es waren die Pariser Geniejahre, in denen die Werke von Claude Lévi-Strauss, Jacques Lacan, Roland Barthes, Michel Foucault in rasanter Geschwindigkeit Fahrt aufnahmen. Sie alle führten von der Philosophie weg, sie suchten neue Synthesen zwischen Psychoanalyse, Marxismus und Strukturalismus. Eine Systemerwartung lag in der Luft.
Da erschien ein kleines Buch, "La voix et la différence", des bis dahin ganz unbekannten, 1930 in Algerien geborenen Jacques Derrida. Dem Anschein nach eine subtile Husserl-Interpretation, ließ es eine Stimme vernehmen, wie man sie in diesem Genre philosophischer Exegese noch nicht vernommen hatte. Aus der Deutung der "Logischen Untersuchungen" sprangen neue Begriffe heraus: die Spur, der Aufschub, die "différance", das Supplement - Leitbegriffe des ganzen weiteren Werks von Derrida, ihm so eigen, daß sie zu Kennmarken seiner Philosophie geworden sind.
Auf ganz eigenen Wegen
Wenig später folgte ein umfangreiches Werk, "La Grammatologie", das ganz der linguistischen Mode jener Jahre verpflichtet war, aber wiederum ganz eigene unbegangene Wege ging in Interpretationen der Linguistik von Saussure oder, als wäre sie von der gleichen Art, der Sprachphilosophie Rousseaus. Mit diesem Werk etablierte sich Derrida im Kreis der Namen, die die Pariser Szene damals beherrschten.
Da sein philosophischer Stil ohne Vorgänger war und mit den Begriffen der exakten Disziplinen teils kokettierte, teils neuartige Wahrnehmungen erzwang, wirkte dieser erste Auftritt wie die Ankündigung eines grundsätzlich Neuen, das sich den verbreiteten Vorbehalten gegen die Philosophie zu erwehren wußte. Das Mißtrauen gegen die Philosophie war allerdings so stark, daß der Anthropologe Lévi-Strauss sich die Interpretation durch den Philosophen Derrida ausdrücklich verbat. Ähnlich schroff, aber zumindest in einer ausführlichen Erwiderung, hat sich Michel Foucault geäußert.
Ein neuer Ton in der Philosophie
Als Jacques Derrida gegen Ende der sechziger Jahre von Peter Szondi regelmäßig nach Berlin eingeladen wurde, traf er auf keine vergleichbare Konkurrenzsituation, löste aber rasch die spekulative Lähmung, die durch die nagende Ideologiekritik und den Positivismus eingetreten war. Derrida hatte einen neuen Ton in die Philosophie eingeführt, der es erlaubte, auf eine radikal zeitgenössische Weise mit der klassischen Metaphysik umzugehen, geschützt durch die Subtilität des sprachlichen Beobachtens mittels linguistischer Instrumente.
Im Rückblick kann man vielleicht sagen, daß Derrida die Verjüngung der metaphysischen Fragen, wie sie Heidegger im Zeichen des Endes der Metaphysik in den zwanziger Jahren, mit den Mitteln seiner Zeit und darüber hinaus mit einer erstaunlichen Unbefangenheit wiederholen wollte. Auch hier war es ein außerakademischer und sogar antiakademischer Gestus, ein spielerischer und gänzlich eigenwilliger Umgang mit der philosophischen Tradition, der ein Werk hervorbrachte, das keinerlei Ähnlichkeiten mit herkömmlicher Philosophie hat.
Eher Kunstwerke als Abhandlungen
Manche der späteren Werke Derridas - "Glas" oder "La carte postale" - gleichen Kunstwerken eher als Abhandlungen und überschreiten die Grenze zur künstlerischen Produktion der Zeit. Das Buch wird zu einer Ausstellung der gedanklichen Operationen seines Verfassers und gewinnt die Einmaligkeit eines literarischen Entwurfs. Literatur, Kunst, Psychoanalyse, Bilder und gedankliche Verfahrensweisen werden in ein merkwürdig ortloses Operieren eingeschmolzen, das sich in einer Schicht bewegt, die weder psychologisch, noch linguistisch, noch auch philosophisch zu definieren ist.
Zum Erstaunlichen der Entfaltung dieses Werkes gehört nicht nur sein unvermittelter Einsatz, sondern auch seine Art der Wirkung. Tatsächlich wurde sie rasch eine akademische, vor allem seit Derrida regelmäßig an amerikanischen Universitäten lehrte, ohne jedoch die Form des Akademischen anzunehmen. Vielmehr hat Derrida den Stil der Überrumpelung stets beibehalten, in dem er zuerst sich bemerkbar machte. Jedes Buch, jeder Essay definierte seine Form und Durchführung von neuem.
Jedes Buch ein Original
Auf diese Weise sind die eigenwilligsten Bücher entstanden, insgesamt mehr Varianten, als alle philosophischen Zeitgenossen zusammen erfunden haben. Kein Buch Derridas ähnelt einem anderen seiner Bücher, jedes ist ein Original, wie es ein Denken fordern muß, das keine gesicherte Ausgangsbasis hat und in die Nischen und Ritzen seines Gegenstandes eindringen will. Aber alle sind angesteckt von der gleichen Experimentierlust, einem geistigen Spieltrieb, der mit seinen ungeregelten Antrieben ernst macht.
Ein solcher Denker kann keine Schule bilden, er kann Nachahmer haben, aber es kann sich niemand einfinden, der ihm Teile seiner Arbeit abnimmt, sie stellvertretend für ihn erledigt. Um so erstaunlicher ist Derridas akademische Ausstrahlung, die, zumal in den Vereinigten Staaten, sogar einen Schulnamen angenommen hat: Dekonstruktivismus.
Aber wie der aus Heideggers "Destruktion" entwickelte Begriff ist auch die Lehre programmatisch kaum zu fassen, da die Hinzufügung der Silbe "kon" nur nichts weiter bezeichnet als das Verweilen in der Operation des Zerlegens und Zusammensetzens von Textelementen, von Bedeutungen und Zeichen. Eine Art Penelopeprogramm der endlosen Analyse, ohne Ausblick auf ein Ende. Da kann schließlich nur ein Gelingen entscheiden, für welches die Maßstäbe eher ästhetische als philologische sind. So ist die über die ganze Welt verstreute dekonstruktivistische Gemeinde auch eher eine Konzeptkunstrichtung als eine akademische Schule. Sie unterliegt demselben Gesetz der Dekonstruktion, die sie zu praktizieren sich bemüht.
Fata Morgana der Metaphysik
Tatsächlich ist das Werk Derridas in seiner Ausstrahlung auf Philosophie und Literaturwissenschaft eine Fata Morgana der Metaphysik nach dem Ende der Metaphysik. Daß dieses nachmetaphysische Denken sich so beredt und spielerisch in den Gefilden der Metaphysik bewegen würde, hat als einziger vielleicht Nietzsche vorausgesehen, der zeitweise mit den unbegrenzten Möglichkeiten freien philosophischen Ausdrucks gespielt hat, ehe es ihm ernst wurde. Die vielleicht erstaunlichste Leistung Derridas ist, daß er das Kap der Ungesichertheit des Denkens, an dem Nietzsche zerschellte, souverän umschifft hat.
Jeder, der einmal einen Vortrag von Jacques Derrida gehört hat, wird sich an die Geduld erinnern, mit der seine Stimme allen Verwerfungen und Falten seines Gegenstandes folgte, wie er immer frohgemut aus diesen Höhlen zurückkehrte und beherzt die Arbeit der Dekonstruktion wiederaufnahm. Vor allem wird er sich der Anmut erinnern, mit der Jacques Derrida diese ermüdende Arbeit des Aufschubs von beruhigenden Sinnerwartungen verrichtete. Nicht nur seine Erscheinung, sondern auch sein Denken zeichnete sich durch Eleganz aus. Aber seine Kardinaltugend war die Höflichkeit, bei ihm die Tugend der Philosophie. In der Nacht zum Samstag ist Jacques Derrida im Alter von vierundsiebzig Jahren in Paris gestorben.
Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 11.10.2004, Nr. 237 / Seite 29
Bildmaterial: AP
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