Reaktionen auf den Nobelpreis

Perfekte Wahl, faule Wette

Von Jürg Altwegg, Genf

An ihm kann sich Frankreich aufbauen: Jean-Marie Le Clézio

An ihm kann sich Frankreich aufbauen: Jean-Marie Le Clézio

10. Oktober 2008 Der Anruf ging an seine Frau. Und störte ihn beim Lesen. Jean-Marie Gustave Le Clézio war gerade in ein Buch von Stig Dagerman vertieft: „Die Dikatur des Kummers“. Doch der Schriftsteller brauchte an diesem Tag keinen Trost. Er wurde zu Gallimard geschleppt. Eine der ersten Fragen betraf den Niedergang der französischen Literatur: „Diese Kultur hat eine derart reiche Vergangenheit, in den frankophonen Ländern erlebt sie eine richtiggehende Renaissance.“ Bald will er nach Afrika reisen und einen Roman über den verstorbenen Staatschef und Poeten Senghor schreiben.

Frankreich nimmt den Nobelpreis als Bestätigung für die ungebrochene Ausstrahlung der Literatur des Landes und als Beweis dafür, dass der Totenschein, den ihr das Nachrichtenmagazin „Time“ ausstellte, eine böswillige Attacke der Amerikaner war. Darüber hinaus ist man bestrebt, das politische Interpretieren sein zu lassen: Es würde nur die literarische Bedeutung des Werks einschränken. „Wir sind stolz“, erklärte Sarkozy und bezeichnete den „Weltbürger“ Le Clézio als „Sohn aller Kontinente und aller Kulturen“.

Undichte Stellen in der Akademie?

Der Premierminister, die Außen- und Kulturminister folgten. Der Kritiker und TV-Star Bernard Pivot lobte die „perfekte Wahl“: „Seit langem bin ich der Überzeugung, dass zwei Franzosen den Literaturnobelpreis verdienen: Michel Tournier und Le Clézio.“ Die kleine katholische Zeitung „La Croix“ veröffentlichte am Freitag ein Interview mit Horace Engdahl. Darin werden auch die Indiskretionen angesprochen, die die Quoten der Londoner Buchmacher so stark beeinflusst haben, dass die Wetten auf den Literaturnobelpreis wegen Manipulationsverdacht schließlich sogar eingestellt werden mußten. Engdahl stellte sie nicht in Abrede. In „Dagens Nyheter“ gab er sich selbstironisch: „Inkontinenz in unseren eigenen Reihen wäre ungewöhnlich.“ Die „undichten Stellen“ aber sollen ausfindig gemacht werden.

Seine Attacke auf die amerikanische Literatur sei falsch verstanden worden, behauptet Engdahl in „La Croix“: „Es waren drei Sätze in einem dreistündigen Gespräch.“ Der Preis für Le Clézio sei in keiner Weise politisch motiviert: „Unsere Entscheidungen reifen über Jahre hinweg.“ Zumindest für einen Tag haben Le Clézio und die Literatur in Frankreich die Finanzkrise von den Titelseiten verbannt. Die katastrophalen Schlagzeilen kehren schnell zurück. Sie sollten uns nicht vergessen lassen, was Le Clézio der Welt zu sagen hatte: „Wir dürfen nicht aufhören, Romane zu lesen.



Text: F.A.Z.
Bildmaterial: picture-alliance/ dpa

 
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