Von Christian Schwägerl
29. November 2006 Auf den Straßen deutscher Städte tobt ein Bilderkrieg. Der Deutsche Gewerkschaftsbund plakatiert als Ikone der modernen Arbeitswelt einen erschöpften älteren Mann. Er wird zum Protest gegen das neue Rentenalter von siebenundsechzig Jahren eingesetzt, das die Bundesregierung gegen alle Widerstände heute beschließen will. Der DGB-Mann hat sich, so wie er aussieht, schon mit Anfang Sechzig krumm und krank geschuftet, er soll sich endlich ausruhen dürfen.
Die gegenläufigen Bilder im Straßenraum, oft nur ein paar Schritte weiter, zeigen hochvitale ältere Menschen, deren graue Haare silbrig glänzen. Mal im Urlaub, mal am Arbeitsplatz, strahlen sie Energie und Selbstvertrauen aus. Sie stehen für jene neuen Alten, die nun als vermögende Konsumentengruppe umworben werden. So, wie diese Fünfundsechzigjährigen daherkommen, sind sie so fit, wie ihre eigenen Eltern es vielleicht mit Mitte Vierzig waren.
Zeit von Verschleiß oder Phase neuer Vitalität
Der Bilderkrieg könnte schärfer kaum sein. Hier das Alter als Zeit von Verschleiß und sinkender Leistungskraft, dort als Phase neuer Vitalität. Doch wer hat recht? Während die Politik sich mit einer neuen Rentengrenze vorsichtig auf das riesige Terrain dazugewonnener Altersjahre vorwagt, geht die junge Generation von Alternsforschern längst viel weiter. Wissenschaftler wie Martin Lövdén vom Max-Planck-Institut für Bildungsforschung erkunden, wie weit sich die aktive, produktive Lebensphase ausdehnen läßt. Sie suchen nach Wegen, die stillen Kraft- und Lernreserven alternder Menschen zu mobilisieren.
Wir haben gerade eine Art Härtetest für Ältere konstruiert, sagt Martin Lövdén und öffnet die Tür zu einem kleinen Kellerraum des Dahlemer Instituts. Auf den ersten Blick sieht das Wildtiergehege mit seinen ordentlichen Wegen und seinen Palmengrüppchen einladend aus, wie das ideale Ziel für einen Sonntagsausflug. Lövdén schickt seine hundert Testpersonen aber nicht zur Erholung hinein: Ältere Menschen werden hier bald im Lernwettkampf gegen Jüngere antreten. Sie sollen zeigen, ob sie sich in dem Gewirr von Wegen und Käfigen so zurechtfinden wie Studenten und Jugendliche. Begleitend wird ihre Gehirnaktivität beobachtet, und es werden Gene analysiert, die an Lernprozessen beteiligt sind.
Virtueller Orientierungslauf
In dem Kellerraum hat Lövdén ein Jogging-Laufband installiert, vor dem der virtuelle Zoo auf einem Bildschirm flimmert. Während das Laufband den Probanden Körperkraft abfordert, müssen sie per Joystick zu immer neuen Tiergehegen navigieren, die als Ziele auf dem Bildschirm vorgegeben werden. Das ist harte Arbeit: Keiner sieht vorher einen Wegeplan, unsere Versuchspersonen müssen über mehrere Tage lernen, sich zurechtzufinden, sagt der Psychologe.
Für den vierundreißig Jahre alten Wissenschaftler sind die demographischen Prognosen bis zum Jahr 2050 keine Science-fiction mehr, sondern absehbar Teil des eigenen Lebens. Der Vater zweier kleiner Kinder wäre 2050 selbst achtundsiebzig Jahre alt. Jeder dritte in Deutschland wird dann laut Statistischem Bundesamt zu den Älteren über fünfundsechzig Jahren gehören. Es wird doppelt so viele Ältere geben wie Menschen unter zwanzig Jahren - und allein doppelt so viele Menschen, die ihren sechzigsten Geburtstag begehen, wie es Neugeborene gibt. Die Zahl der Menschen über achtzig Jahre verdreifacht sich auf zehn Millionen.
Demographische Horrorszenarien
Die Gesellschaft von morgen wird also von der Lernfähigkeit, Leistungskraft und Motivation älterer Menschen in Wirtschaft, Wissenschaft, Familie und im Ehrenamt so abhängig sein wie keine zuvor. Doch droht ausgerechnet dann eine Gerontokratie der Ermatteten und der als überflüssig Gebrandmarkten? Oder durchkreuzt die neue Generation Älterer die demographischen Horrorszenarien?
Martin Lövdén hat für seinen Lerntest gerade den Sofja-Kovalevskaja-Preis der Humboldt-Stiftung erhalten, mit 1,2 Millionen Euro derzeit die höchstdotierte Auszeichnung für Nachwuchsforscher in Deutschland. Nach den Orientierungsmärschen durch den virtuellen Zoo werden seine Testpersonen nach Magdeburg gefahren, wo am Leibniz-Institut für Neurobiologie der leistungsfähigste Kernspintomograph Europas steht. Wir wollen auf den Bildern sehen, ob spezielle Gehirnareale durch Lernen bei Älteren anders wachsen als bei Jüngeren, sagt der Schwede, der seit zwei Jahren in Berlin forscht. Sein großes Ziel besteht darin, Lerntechniken und Trainingsprogramme zu entwickeln, die speziell auf ältere Menschen zugeschnitten sind und über simple Brainjogging-Spiele weit hinausgehen: Es geht darum, die Lernreserven älterer Menschen auszuschöpfen und Grenzen des Lernens im Alter abzutasten, sagt er.
Ältere lernen langsamer
Die erste Generation von Alternsforschern hat sich vor allem mit den Beschränkungen und Verlusten beschäftigt, die sich mit den Jahren manifestieren. In vielen Untersuchungen kam heraus, daß Ältere langsamer lernen, daß sie auf einfache Umweltreize besser reagieren als auf komplexe, daß sie den Status quo bevorzugen und sich mit mehr Kraftaufwand auf eine Aufgabe konzentrieren müssen, um sie zu erledigen. Doch zugleich blieb der alternde Mensch ein Rätselwesen, denn während die Forscher in den siebziger, achtziger, neunziger Jahren forschten, veränderte sich ihr Sujet rasch und auf erstaunliche Weise.
Gemessen an ihrer Leistungsfähigkeit wurden die Älteren immer jünger. Das Alter zeigte jene Gestaltbarkeit und Plastizität, die besonders dem Entwicklungspsychologen Paul B. Baltes vom Berliner Max-Planck-Institut für Bildungsforschung auffiel - aber nicht dem DGB, wie Baltes oft kritisiert hat. Baltes beschrieb Altern nicht als starr fixierten Countdown, sondern als dynamischen und beeinflußbaren Prozeß.
Stereotypen vom Alter hinterfragen
Vierzig Alternsforscher dieses neuen Typs, die eingefahrene Stereotypen vom Alter hinterfragen, sind im internationalen Forschungsverbund Maxnet Aging der Max-Planck-Gesellschaft versammelt, den der jüngst verstorbene Baltes begründet hat. Sie treffen sich alle sechs Monate zu einem Gedankenaustausch, zuletzt in einem früheren Kloster in Neapel. Es sind vor allem die jüngeren Forscher, die bei diesen Treffen die Plastizität, also die Wandel- und Gestaltbarkeit des Alterns, ganz in den Mittelpunkt stellen. Das beste Lernprogramm ist aktive, fordernde Arbeit, aber nur in der Hälfte der deutschen Unternehmen werden derzeit überhaupt noch Menschen über fünfzig Jahre beschäftigt, sagt Gerd Kempermann.
Er ist Stammzellforscher in Berlin und sucht in seinem Labor nach Umweltreizen, die das Wachstum neuer Gehirnzellen und die Regeneration von Hirnarealen fördern. Für ihn ist es keine Überraschung, daß Menschen schnell abbauen, wenn sie sich als Rentner langweilen oder in monotonen Altenheimen untergebracht sind. Das ist ungefähr das Gegenteil von der vielfältigen, fordernden Umwelt, die Ältere brauchen, um ihre Kräfte zu bewahren, sagt er. An Mäusen konnte er zeigen, daß eine monotone Umgebung die Neubildung von Gehirnzellen schnell zum Erliegen bringt.
Verhindert geistige Aktivität Demenz und Alzheimer?
Katie Palmer, eine junge Britin, die am Karolinska-Institut in Stockholm forscht, glaubt sogar, daß man durch körperliche und geistige Aktivität das Risiko, Opfer von Demenzkrankheiten wie Alzheimer zu werden, deutlich vermindern kann.
Die Botschaft dieser Alternsforscher an Politik und Wirtschaft ist, daß die Stillegung der Älteren viele Mängel, die ihnen unterstellt werden, erst verursacht. Zudem haben Sozialpsychologen festgestellt, daß Ältere bei Leistungstests stärker als Jüngere von der Stimmung abhängig sind, die ihnen entgegengebracht wird. Wenn ihnen - wie es bisher in Unternehmen oftmals üblich war - gesagt wird, daß Ältere weniger können, dann können sie auch weniger.
Die Ergebnisse der Alternsforschung legen nahe, daß die Aktivierung Älterer, wie sie mit der Rente mit 67 und der Initiative 50plus versucht wird, nur einen Anfang bilden. Den typischen Lebenslauf von heute mit seinen starren Rentengrenzen hält Jim Vaupel, Direktor am Max-Planck-Institut für demographische Forschung in Rostock, für ein Auslaufmodell. Die Älteren der Zukunft werden nicht nur länger leben, sondern auch länger gesund leben, sagt er. Schon weil der Nachwuchs fehlt, werde die Gesellschaft ein positives Bild von den Altersjahren brauchen und ihr Potential nutzen müssen.
Text: F.A.Z., 29.11.2006
Bildmaterial: Christian Thiel, F.A.Z.
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