Von Jordan Mejias, Bridgewater
24. Juli 2008 Es gibt zwar Computer in ihrem Büro, aber Renee Drell macht sich erst einmal an einem dicht bepackten Aktenschrank zu schaffen. Hier, sagt sie, sind die Mappen mit den Blauen, dort die Mappen mit den Gelben, und wie Sie sehen, haben wir mehr Blaue als Gelbe. Zwei- bis dreimal mehr, schätzt sie. Blau eingefärbt sind die Namen der Zimmersuchenden, gelb die der Zimmeranbieter. Aber Frau Drell, schon von Berufs wegen immer hilfsbereit, ist keine Wohnungsmaklerin, zumindest keine herkömmliche. Sie ist die Leiterin von HomeSharing, einer gemeinnützigen Organisation, die Wohnungseigentümer in Not mit Zimmersuchenden in Not zusammenbringt. Zurzeit herrscht Hochbetrieb in dem Büro.
Ich bin ein Anbieter
HomeSharing war ursprünglich eine Anlaufstelle vor allem für ältere Menschen, die in ihren Häusern und Wohnungen nicht mehr alleine zurechtkamen und nach einem hilfsbereiten Zimmermieter Ausschau hielten. Der sollte sie entweder, für freies Logis, bei der Hausarbeit unterstützen oder, wenn sie auf ein zusätzliches Einkommen angewiesen waren, ihnen für das Zimmer mit obligatem Bad eine bescheidene Miete bezahlen. Die Geschichte, die James C. Older erzählt, kann da ruhig vorbildlich genannt werden.
Ich bin ein Anbieter, sagt der zweiundachtzig Jahre alte Herr. Vor acht Jahren erkrankte seine Frau, und als ihm bald der Haushalt über den Kopf wuchs, suchte er Rat bei HomeSharing. Ihm wurden drei Zimmersuchende vorgestellt, unter ihnen Sarah, die obdachlos war. Die Olders nahmen sie auf, verstanden sich wunderbar mit ihrer neuen Hausgenossin, und auch nach dem Tod von Frau Older vor vier Jahren blieb Sarah im Haus, nicht zuletzt auf Zuspruch von Jim Olders Kindern und seinem Arzt. Sarah kocht, putzt, geht ans Telefon und bekommt dafür nun auch, über freie Kost und Unterkunft hinaus, etwas Taschengeld. Und Herr Older ist glücklich: Ich bin ein Beispiel dafür, wie HomeSharing Gutes tun kann.
HomeSharing vor neue Herausforderungen
Nicht länger aber ist er ein typisches Beispiel. Eine Nachbarin musste sich an HomeSharing wenden, weil sie die Kosten für ihr Haus nicht mehr tragen konnte. Sie suchte nach einem Zimmermieter, um so die fehlenden sechshundert Dollar im Monat aufzutreiben, und fand ihn. Da hatte sie sehr viel Glück, denn mit sechshundert Dollar, wie Frau Drell einschiebt, ist anscheinend eine Obergrenze erreicht. Ein Zimmer, das für siebenhundert angeboten wird, hat noch keinen Mieter gefunden. Dabei stapeln sich die Anträge der Zimmersuchenden, die Miete zahlen oder im Haushalt helfen wollen. HomeSharing, sagt Scott Cohen, der Präsident der Organisation, steht vor ganz neuen Herausforderungen.
Wie die aussehen, kann Cohen inzwischen im Schlaf erzählen. Jeder siebte Hypothekennehmer in Amerika muss fürchten, die nächste Monatsrate schuldig zu bleiben. Mit dem Kollaps des Subprime-Marktes, der für finanzschwache Kreditnehmer eingerichtet wurde, ist die Rate der Zwangsversteigerungen dramatisch in die Höhe geschnellt, und bei steigenden Arbeitslosenzahlen, weniger Arbeitsplätzen, stagnierenden Löhnen und explodierenden Preisen für Heizöl, Strom und Lebensmittel spitzt sich die Lage weiter zu. Cohen setzt seine Hoffnung auf die Formel: Nachbarn helfen Nachbarn. Ob das reichen wird? Renee Drell hat bereits alle Hände voll zu tun, um mit ihrem kleinen Team von Freiwilligen und einer einzigen bezahlten Mitarbeiterin den Ansturm von Hilfesuchenden zu bewältigen. Vierzehn Prozent mehr waren es im letzten Jahr gegenüber dem vorletzten, und dieses Jahr wird garantiert den nächsten Rekord bringen. Die letzten drei Monate klingelte das Telefon unentwegt.
Wenn ich niemanden finde, verliere ich mein Haus
Dabei befindet sich die Gemeinde Bridgewater, für die HomeSharing zuständig ist, keineswegs in einer besonders angeschlagenen amerikanischen Krisengegend. Vom nahen New York aus in einer knappen Autostunde zu erreichen, gehört der im Bundesstaat New Jersey gelegene Ort mit seinen vierzehntausend Einwohnern zu Somerset County, einem der reichsten Verwaltungsbezirke der Nation.
HomeSharing hat in einem Backsteingebäude Unterschlupf gefunden, das seine grundsätzliche Langweiligkeit hinter einem mächtigen Portikus zu verbergen sucht. Peoplecare Center prangt in roten Lettern über den weißen Säulen, und die Menschen, die hier betreut werden, sind jung wie die Vorschulkinder, die im Garten in Plastikbecken planschen, und alt wie die Greise, die, behängt mit bunten Papierblumenketten, am Mittagstisch Platz genommen haben. Wo Suburbia sich unter dichtestem Grün ausbreitet, ist offenbar für jeden gesorgt. Dennoch hört Renee Drell am Telefon jetzt immer häufiger: Wenn ich nicht jemanden finde, verliere ich mein Haus.
Anwälte beraten kostenlos
Sie kann so anekdotisch bestätigen, was der Nation längst auch statistisch zu schaffen macht. HomeSharing unternimmt nur einen von vielen Versuchen, die von exotischen Krediten und ungebremster Spekulation ausgelöste Immobilienkrise unter Kontrolle zu bringen. Auf Long Island, ebenfalls noch im Einzugsbereich von New York, kommt die Nothilfe juristisch daher.
Dort haben sich Anwälte zusammengetan, um unentgeltlich Hausbesitzer, die zu riskanten, viel zu kostspieligen Hypotheken überredet wurden, wenigstens vor dem finanziellen Ruin zu retten, auch wenn sie ihre Häuser nicht behalten können. Dass gewissenlose, auf schnellen Profit bedachte Hypothekenanbieter den Immobilienmarkt angeheizt und es darüber mit den finanziellen Richtlinien und entsprechenden Gesetzen nicht so genau genommen haben, ist mittlerweile erwiesen. Die Folgen müssen, wie es sich Tag für Tag neu offenbart, keineswegs bloß ihre geneppten Kunden tragen.
Sozialismus in Amerika?
Wird ein Haus zwangsversteigert, leidet oft die gesamte Umgebung. Der Preis, der dabei erzielt wird, liegt in der Regel weit unter den bisherigen Marktpreisen, die so selbst unter Druck kommen. Auch gerät ein Haus, dessen Eigentümer sein Darlehen nicht mehr tilgen kann, leicht in einen Zustand, der eher nicht zur Straßenzierde beiträgt. In Bridgewater und überall im Land werden darum nicht nur Hausbesitzer nervös, die knapp bei Kasse sind.
Um das Überleben von Fannie Mae und Freddie Mac, den beiden staatlich geförderten Hypothekenrückversicherern, zu gewährleisten, mühen sich einstweilen in widerwilliger Gemeinsamkeit die Republikaner im Weißen Haus und die demokratische Mehrheit des Parlaments. Was nicht ohne humoristische Note abgeht. Zu verdanken ist sie etwa Jim Bunning, dem republikanischen Senator aus Kentucky, der im Originalton so klingt: Als ich gestern die Zeitung aufschlug, dachte ich, ich sei in Frankreich. Aber nein, wie es sich herausstellt, lebt und gedeiht der Sozialismus auch in Amerika.
Und doch blüht der literarische Unternehmergeist
Bunning dürfte sich wieder beruhigen, sobald ihm jemand die Nachricht überbringt, dass noch nicht jeder kapitalistisch gestählte Amerikaner gleich mit staatlicher Hilfe rechnet. Experten, die sich freilich in den vergangenen Jahren nicht gerade mit Ruhm bekleckert haben, trauen Washington allenfalls zu, das Leiden zu lindern, aber sicher nicht zu heilen. Währenddessen blüht andernorts schon wieder der Unternehmergeist, der im Unglück die Chance wittert. Hieß bis vor kurzem in der For Dummies-Buchserie, die mit Hilfsversprechungen zur Selbsthilfe ihr Geschäft macht, ein einschlägiger Titel noch Flipping Houses for Dummies, soll ab sofort Foreclosure Self-Defense for Dummies Wege zeigen, die Zwangsversteigerung noch abzuwenden. The 250 Questions You Should Ask to Avoid Foreclosure hat Adams Media als How-to-Ratgeber fast über Nacht in die Buchhandlungen gebracht.
In Bridgewater wird das Hypothekenproblem demographisch noch verschärft. Eine rapide alternde Bevölkerung, deren Einkommen fixiert ist oder kaum steigt, sieht ihren Lebensstandard von inflationären Tendenzen und stetig wachsenden Steuern bedroht. Renee Drell muss in ihrem Büro im Peoplecare Center mehr und mehr Anrufe auch aus benachbarten Orten und Verwaltungsbezirken entgegennehmen. Noch aber kann HomeSharing lediglich in Somerset County und Hunterdon County tätig werden. Cohen wäre nicht abgeneigt, die Organisation weiter auszubauen. Doch auch um Hilfe zu leisten, die im Übrigen weder für Zimmeranbieter noch Zimmersuchende einen Cent kostet, ist zunächst Geld vonnöten.
Es dürfte schlimmer werden, bevor es besser werden kann
Die Unkosten, die für HomeSharing anfallen, werden durch Zuwendungen von Unternehmen oder Stiftungen gedeckt, und sehr wichtig sind auch die Einnahmen einer jährlich stattfindenden Gala. Den Anträgen, die von allen Anbietern und Suchenden auszufüllen sind, liegen zwar Formulare bei, die zu einer Spende anregen. Im vergangenen Jahr gingen auf diesem Weg jedoch nur achthundert Dollar ein. Überraschend ist das nicht bei einem Kundenstamm, der sich zur Hälfte mit einem Jahreseinkommen von weniger als zwanzigtausend Dollar zu begnügen hat. Kein Wunder deshalb auch, wenn Renee Drell sagt, ihre Hauptaufgabe sei es, Obdachlosigkeit zu vermeiden, und zwar bei den Blauen wie bei den Gelben. Besonders zuversichtlich blickt sie nicht in die Zukunft. Mit all den Koryphäen aus Finanz- und Regierungswesen ist sie sich einig, dass es erst einmal schlimmer werden dürfte, bevor es überhaupt besser werden könnte.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: AFP
Wie die Finanzkrise die Grundlagen unseres Denkens in Frage ![]()
Amerikanische Präsidenten im Film: Das Weiße Haus taugt auch als Studio
Zur Buchmesse: Andrea Diener bloggt für FAZ.NET
Schwarze Magie, Scheinehe und SchiffbruchDie neuen Filme in den deutschen Kinos: Bild für Bild zum![]() | ![]() |
Soll ich das Buch etwa noch einmal lesen?Leser fragen, Marcel Reich-Ranicki erklärt die![]() | ![]() |