Von Sky Nonhoff
16. Juli 2006 Hmm, sagt der mäßig interessierte Experte von der Plattenfirma, einem Unternehmen mit dreistelligem Millionenumsatz. Audioblogs? Was genau meinen Sie denn damit? Na, klicken Sie doch einfach mal folgende Website an. Jetzt habe ich sie auf dem Schirm. Ein unterdrücktes Gähnen. Ja, und? Ungefähr hundertfünfzig Musikstücke, die Sie sich als Mp3-Dateien downloaden können. Von Stan Getz bis Massive Attack. Umsonst, versteht sich. He, Moment mal. Da ist ja einer von unseren Acts. Und da noch zwei! Gratis? So geht das aber nicht.
Und wie es geht. Trotz der im Mai 2006 durchgeführten Abschreckungsrazzia, bei der die deutsche Polizei bundesweit Nutzern auf den Leib rückte, die sich über Tauschbörsen wie Edonkey Musikdateien heruntergeladen hatten und denen nun Strafverfahren, saftige Geldbußen und Zivilklagen der betroffenen Labels drohen. Und selbst wenn der eine oder andere Fachmann für neue Medien den Trend im Konzernsessel verschlafen zu haben scheint, ist auch dem Bundesverband der phonographischen Wirtschaft (IFPI) klar, daß im Internet Tausende von Websites existieren, von denen man sich Millionen von Musikstücken downloaden kann - ganz ohne Registrierung, Gebühren oder Extra-Software.
Audioblogs sind illegal
Die argwöhnisch beäugten Seiten tragen abenteuerliche Namen wie Voltage Controlled Technicolor, An Idiot's Guide to Dreaming oder Blowupdoll. Sie featuren einzelne Songs oder gleich komplette LPs - wobei letztere Variante von den meisten Bloggern als unehrenhaft empfunden wird. Meist handelt es sich um längst vergriffene Pretiosen, doch findet man ohne größere Mühen auch das Gesamtwerk von Madonna oder den Red Hot Chili Peppers. Eins jedoch haben alle Audioblogs gemeinsam: Sie sind schlicht illegal. Wer Musikdateien ins Netz stellt, macht sich strafbar, auch wenn er sich, wie die meisten Betreiber, an gewisse Regeln hält: Sie bieten selten mehr als zwei Songs von einer CD an und begrenzen den Download meist auf sieben bis zehn Tage. Doch angesichts der radikalen Schritte, mit denen die Musikbranche in der Regel selbst gegen Bagatellfälle vorgeht, ist dieser entspannte Umgang der Blogger mit dem Urheberrecht an Dreistigkeit kaum zu überbieten.
Und zumindest offiziell zeigen sich die Konzerne auch eher verschnupft: Wir wollen unsere Produkte verkaufen und nicht verschenken, meint Thorsten Klages, Director New Media bei Universal Music in Berlin. Ich lade mir ja auch nicht eben mal ein Auto runter, um damit umsonst zu fahren. Den Majors geht es insbesondere darum, den legalen Download nach vorn zu bringen - obgleich man nicht vergessen sollte, daß den zwei Millionen Songs, die man sich gegen Entgelt über Internet-Musicstores herunterladen kann, eine mindestens ebenso große Anzahl von Stücken gegenübersteht, die man bei iTunes oder Napster in tausend Jahren nicht finden wird. Hier zeigt sich eine der großen Stärken der Musikblogs: vergessene, apokryphe, obskure oder nicht mehr lieferbare Musik einem breiteren Publikum zugänglich zu machen.
Bei kleineren Firmen sieht man das Blogging-Phänomen deutlich lockerer. Die Blogs können auch einen gewissen Hype generieren, so Reimer Bustorff, als Chef des Hamburger Indie-Labels Grand Hotel Van Cleef und Mitglied der Band Kettcar gleich doppelt betroffen. Von unserer ersten Platte haben wir selbst vier Songs ins Internet gestellt - ein Schachzug, der auch dazu beigetragen hat, uns bekanntzumachen. Stefan Rath, Produktmanager bei L'Age d'Or, geht noch einen Schritt weiter: Von der altmodischen Rechteverletzungsnummer sollte man sich verabschieden. In vielen Fällen ist das coole Promo.
Promo statt Strafe
Tatsächlich ist es längst keine Sensation mehr, wenn eine Band durch das Internet groß wird: Neben dem bekannten Beispiel der Arctic Monkeys, deren Debüt-Single auf Platz eins der britischen Charts schoß, obwohl der Song zuvor bereits mehrere zehntausend Mal als Mp3-Datei heruntergeladen worden war, verdanken auch Bands wie Clap Your Hands Say Yeah oder M.I.A. ihren Erfolg der elektronischen Mundpropaganda. Zuletzt entwickelte sich Gnarls Barkleys Stück Crazy zum Sommerhit, nachdem der Song durch Dutzende von Musikblogs gewandert war. Angesichts dieser zunehmenden Meinungsführerschaft der Blogger verhalten sich die Musikkonzerne weit weniger restriktiv, als die Proteste ihrer Vertreter vermuten lassen. Da es ums Geschäft geht, übt man sich vorerst in zähneknirschendem Opportunismus. Weshalb bislang kein einziger Mp3-Blogger juristische Konsequenzen tragen mußte. Eher ist das Gegenteil der Fall. Ich erhalte jede Woche bergeweise neue CDs und Promo-Material, so Matthew Perpetua, mit seinem seit 2002 existierenden Fluxblog einer der Pioniere der Szene, von kleinen wie von großen Firmen.
Es scheint so, als müßten Musikblogs als Ausdruck eines gravierenden Paradigmenwechsels betrachtet werden. Die Geschichte der populären Musik ließ sich jahrzehntelang in Bewegungen einteilen, die jeweils für ein bestimmtes Generationslebensgefühl standen. Wobei jede neue Subkultur stets noch ein bißchen schneller ausverkauft wurde - so lange, bis Pop nur noch das Beschallungskürzel der Generation Völlegefühl darstellte. Diesmal jedoch sind es keine neuen Popgenres à la Punk, Hip-Hop oder Grunge, die dem Establishment die Stirn bieten; es sind die Konsumenten selbst. Obwohl sich das Wirken der Audioblogger vordergründig keineswegs gegen die Medienindustrie richtet; auf den meisten Websites wird sogar dazu aufgefordert, die CDs der betreffenden Künstler zu kaufen.
Wohl aber richten sich die Audioblogs gegen die gleichgeschalteten Konsumprogramme des Formatradios, den nächsten presseabteilungsgesteuerten Hype, die jargonerstarrten Marktschreiereien der Musikmagazine, die ohnehin nur noch den verlängerten Werbearm der Musikindustrie darstellen. Es liegt in der Natur der Sache, daß die Blogs reichlich Amateure an die Öffentlichkeit bringen, aber eben auch echte Autoritäten, Trüffelschweine und Spezialisten: Die von einer 21jährigen Mexikanerin betriebene Seite Motel de Moka etwa besticht durch erstklassiges Design und höchst kompetente Themenbeiträge, die es problemlos mit jedem Musikmagazin aufnehmen können. Zudem kann das Bloggen äußerst angenehme Begleitumstände zeitigen, wie Gus Hoogaerts von Fillessourires feststellt, einem Amsterdamer Blog, das ausschließlich französischsprachige Chanteusen ins Rampenlicht rückt: Inzwischen betrachtet man mich als Experten für Franco-Pop. Auf meinem Anrufbeantworter sind jede Menge Nachrichten von jungen Mädchen mit unwiderstehlich erotischen Stimmen. Leider verstehe ich kein Wort, da ich so gut wie kein Französisch kann.
Essays und Kritik
Das momentan wohl ambitionierteste Audioblog ist die von einigen amerikanischen Autoren betriebene Website Moistworks. Jede Woche erscheinen hier - zuweilen verfaßt von prominenten Gastautoren wie Jonathan Lethem - ebenso scharfsinnige wie geistreiche Essays zum Thema Pop, flankiert von sorgfältig ausgewählten Mp3s, die abseits ausgelaugter Feuilletons endlich wieder faßbar machen, wie spannend, wie widersprüchlich, wie reflexiv Popmusik sein kann. Bei uns in Amerika erscheinen doch schon lange keine Kritiken mehr, nur noch Produktbewertungen, so Moistworks-Autor Alex Abramovich. Mir ging es darum, endlich meine eigene Stimme wiederzufinden. Find music you never knew you liked, lautet das Motto des Audioblog-Aggregators The Hype Machine, einer Art Suchmaschine für Mp3-Dateien im Internet.
Darüber hinaus lassen sich in vielen Blogs noch ein paar andere Dinge finden, die dem professionellen Musikbetrieb schon lange abhanden gekommen sind. Unabhängigkeit und Glaubwürdigkeit gehören dazu, vielleicht auch ein wenig Blauäugigkeit und Unschuld, wie zu jeder echten Leidenschaft. Die Musikindustrie wird sich gut überlegen müssen, ob sie ohne die von ihnen verteufelten Überzeugungstäter und deren Enthusiasmus auskommen will. In der Welt der Blogs kann ich alle möglichen Arten von Musik entdecken, die ich sonst wohl nie kennengelernt hätte, so Megan Matthews, ebenfalls Autorin von Moistworks. Und sollten eines Tages meine Quellen versiegen, versiegt auch mein Interesse.
Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung
Bildmaterial: picture-alliance / dpa/dpaweb
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