Von Hubert Spiegel
02. Juli 2007 Am 30. Januar 1944 soll Martin Walser die Aufnahme in die NSDAP beantragt haben. So ist es auf einer Mitgliedskarte der NSDAP-Zentralkartei im Bundesarchiv vermerkt. Die Angaben auf der Karteikarte, die dieser Zeitung vorliegt, sind recht spärlich. Verzeichnet sind Name und Vorname, Geburtsdatum und Geburtsort, Datum der Antragstellung, Datum der Aufnahme in die Partei, Bezeichnung von Ortsgruppe und Gau. Demzufolge hätte Walser, Martin, geboren am 24. März 1927 in Wasserburg, am 30. Januar 1944 einen Antrag auf Aufnahme in die NSDAP gestellt. Die Aufnahme in die Ortsgruppe Wasserburg im Gau Schwaben wäre am 20. April 1944 erfolgt. Die Walser zugedachte Mitgliedsnummer lautet 9742136.
Man kann das schwarz auf weiß nachlesen. An der Echtheit des Dokuments besteht kein Zweifel. Liegt also der Beweis vor, dass Martin Walser NSDAP-Mitglied war, ebenso wie Siegfried Lenz, der Autor der Deutschstunde, und der Kabarettist Dieter Hildebrandt, deren Karteikarten jetzt ebenfalls im Bundesarchiv entdeckt wurden? Für alle drei ist der 20. April 1944 als Aufnahmedatum vermerkt, der 55. Geburtstag Adolf Hitlers. Alle drei erklären, nie die Aufnahme in die Partei beantragt und von dem Vorgang nichts gewusst zu haben. Offenbar wiederholt sich jetzt, was bereits vor vier Jahren geschah, als ein Forschungsteam um den Germanisten Christoph König bei der Arbeit am Internationalen Germanistenlexikon ebensolche Einträge in der Mitgliedskartei der NSDAP für namhafte Gelehrte wie etwa Peter Wapnewski und Walter Jens entdeckte.
Gab es kollektive Aufnahmeverfahren?
Die Frage, die damals aufkam und zum Teil erbittert diskutiert wurde, scheint bis heute nicht schlüssig beantwortet. Setzte jede Mitgliedschaft einen persönlich ausgefüllten und unterschriebenen Aufnahmeantrag voraus oder hat es auch kollektive Aufnahmeverfahren gegeben? Berichte von Zeitzeugen, denen zufolge Standortführer Namenslisten ohne Wissen der Betroffenen erstellt und an die Partei weitergeleitet hätten oder ganze Schulklassen mit sanfter Gewalt zum gleichzeitigen Parteieintritt bewegt worden seien, hat der Zeithistoriker Michael Buddrus als Entlastungsstrategien ins Reich der Fabel verwiesen. Andere Historiker wie Götz Aly sind da nicht so sicher. Man wisse einfach nicht genug über die genaue Aufnahmepraxis in den Ortsgruppen, hat etwa Norbert Frei zu bedenken gegeben.
Man muss kein Zeithistoriker sein, um bei der Betrachtung der Karteikarte Martin Walsers ins Grübeln zu kommen. Warum fehlt die Angabe der Adresse des damals Sechzehnjährigen? Das dafür vorgesehene Feld ist unausgefüllt geblieben, ebenso fehlt der Vermerk, wann das obligatorische Mitgliedsbuch ausgestellt wurde, und es fehlt auch die Laufschein-Nummer. Kein Eintrag findet sich unter der Rubrik Registratur-Vorgang. Und es fehlt außerdem jeder Hinweis auf den Bearbeiter des Vorgangs: keine Unterschrift, kein Namenskürzel des Sachbearbeiters, nichts. Die Mitgliedskarte, die Martin Walsers Namen trägt, ist eine Quelle, die auf den ersten Blick erhebliche Lücken offenbart. Aber selbst die vollständig ausgefüllte Karte hätte nur begrenzte Beweiskraft. Juristisch gesehen liegt eine Parteimitgliedschaft nur dann vor, wenn der Aufnahmeantrag unterschrieben und das Parteibuch ausgehändigt wurde.
Nie einen Aufnahmeantrag gestellt
Er habe, sagt Martin Walser im Gespräch mit dieser Zeitung, nie einen Aufnahmeantrag gestellt, nie ein Mitgliedsbuch erhalten und auch nie an einer Aufnahmefeier der NSDAP teilgenommen. Am 30. Januar 1944 soll ich die Aufnahme beantragt haben. Ich weiß nicht, wo ich am 30. Januar 1944 war, ich war sechzehn. Kein Mensch will mit sechzehn in eine Partei.
Ich war im Februar 1944 als Luftwaffenhelfer in Oberschlesien. Ich habe nie einen Aufnahmeantrag gekriegt, erklärt der Kabarettist Dieter Hildebrandt, wie Walser Jahrgang 1927, in der aktuellen Ausgabe des Focus. Siegfried Lenz, so sagt sein Verleger Günter Berg vom Verlag Hoffmann & Campe gegenüber dieser Zeitung, sei am Tag der angeblichen Aufnahme in die NSDAP auf See gewesen. Siegfried Lenz hat sich Ende 1943 freiwillig zur Kriegsmarine gemeldet. Nach der Grundausbildung in Stralsund ist er am 2. März 1944 in Swinemünde an Bord des Kriegsschiffes ,Admiral Scheer' gegangen. Kurz vor Kriegsende, am 20. April 1945, wurde er im Rahmen einer Massenbeförderung zum Fähnrich zur See befördert. Lenz, Jahrgang 1926, habe nie einen Antrag gestellt und sei nie wissentlich Mitglied der NSDAP gewesen. Marcel Reich-Ranicki, seit Jahrzehnten eng mit Lenz befreundet, zeigt sich wenig beeindruckt: Man sollte die Sache nicht zu ernst nehmen, aber jedenfalls ist sicher, dass mein Verhältnis zu meinem Freund Siegfried Lenz sich durch diese neue Information nicht im geringsten verändert hat.
Nicht zur Veröffentlichung!
Martin Walser hat sich eine Kopie der ihn betreffenden Karteikarte vom Bundesarchiv schicken lassen. Außerdem liegt ihm ein weiteres Dokument aus Berlin vor. Unter den Vermerken Vertraulich! und Nicht zur Veröffentlichung! steht die Datumszeile München, 11. Januar 1944. Es handelt sich um das Reichsverfügungsblatt der Partei-Kanzlei mit der Anordnung 8/44: Betrifft: Aufnahme der Angehörigen der Jahrgänge 1926 und 1927 in die NSDAP und ihre Überweisung in die Gliederung.
In diesem Dokument, unterzeichnet am 8. Januar 1944 im Führerhauptquartier von Martin Bormann, wird zunächst festgehalten, dass Hitler entschieden hatte, das Aufnahmealter für Parteimitglieder von achtzehn auf siebzehn Jahre herabzusetzen: Dies geschieht erstmals im Jahre 1944 für die Jungen und Mädels des Geburtsjahrganges 1927. Dann erfolgt eine moralisierende Ermahnung: Die Herabsetzung des Aufnahmealters macht eine noch sorgfältigere Auslese als bisher erforderlich. Die Hoheitsträger und die Jugendführer müssen sich der großen Verantwortung bewusst sein, die sie der Bewegung und den Jugendlichen gegenüber durch ihre Entscheidung übernehmen. Verlautbarungen wie diese sind als Indiz für die sorgfältige und individuelle Auswahl der jungen Parteimitglieder interpretiert worden, als habe die Partei noch 1944 und später ausschließlich die Elite der Nation in der Partei versammeln wollen. Die große Verantwortung hat allerdings nicht verhindert, dass dieselben Jugendlichen als Kanonenfutter in den Tod geschickt wurden.
Willen zur vollständigen Erfassung
Dann, im Abschnitt B der Anordnung, folgt eine Passage, die nicht auf sorgfältige Auslese, sondern im Gegenteil auf den Willen zur vollständigen Erfassung einer ganzen Generation schließen lässt: Sämtliche Angehörige der Jahrgänge 1926 und 1927 mit Ausnahme der weiterhin als Führer in der Hitler-Jugend verbleibenden Jugendlichen sind verpflichtet, eine Erklärung darüber abzugeben, welcher Gliederung sie beitreten wollen. Die Namen und Anschriften dieser Jugendlichen sind durch die Einheitenführer der Hitler-Jugend den örtlichen Führern der betreffenden Gliederungen listenmäßig zu übermitteln.
Martin Walser sieht darin ein eindeutiges Indiz, dass lokale Instanzen gehalten waren, möglichst umfangreiche Namenslisten zu erstellen. Dass dies immer im Einvernehmen mit den Betroffenen geschah, glaubt er nicht: Wenn ich hätte eine ,Gliederung wählen müssen, hätte ich wahrscheinlich das NSKK, das Nationalsozialistische Kraftfahrerkorps, gewählt, weil ich gerne Motorrad gefahren bin.
Zum größten Teil vernichtet und verloren
Die Überweisung der HJ-Mitglieder in die Partei hatte laut Anordnung 8/44 nicht vor Vollendung des 18. Lebensjahres bzw. nicht vor der Entlassung aus der Jugenddienstpflicht zu erfolgen. Ihre Karteikarten vermerken für Walser, Hildebrandt und Lenz den 20. April 1944 als Tag der Aufnahme in die NSDAP. Zu diesem Zeitpunkt war Dieter Hildebrandt sechzehn Jahre alt, und Martin Walsers siebzehnter Geburtstag lag keine vier Wochen zurück. Siegfried Lenz war zwar achtzehn, aber anders als von der Partei-Kanzlei vorgesehen nicht beim Jugenddienst verpflichtet, sondern bereits Soldat der Kriegsmarine.
Hans-Dieter Kreikamp, der zuständige Abteilungsleiter im Berliner Bundesarchiv, hält es für unwahrscheinlich, dass Aufnahmen in die NSDAP ohne schriftlichen Antrag mit eigenhändiger Unterschrift erfolgt seien. Aber die Aufnahmeanträge sind zum größten Teil vernichtet und verloren. Eine Überprüfung im Einzelfall ist nur noch selten möglich. Martin Walser glaubt, dass der Standortführer von Wasserburg, ein fanatischer Nazi, ihn und andere seines Jahrgangs ohne ihr Wissen für die Partei gemeldet habe. Es ist paradox: Nach jahrzehntelanger historischer Forschung ist uns das Nazi-Regime so fern, dass wir nicht einmal exakt klären können, unter welchen Umständen die NSDAP als dessen größte Organisation ihre Mitglieder rekrutierte. Und gleichzeitig ist es uns so bedrückend nah, dass wir glauben, wir könnten und müssten von jedem Zeitzeugen genaueste Rechenschaft verlangen.
Text: F.A.Z., 02.07.2007, Nr. 150 / Seite 31
Bildmaterial: AFP, dpa
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