05. Februar 2006 Es ist erst ein paar Jahre her, da besuchte ich Peter Scholl-Latour in seinem Haus oberhalb von Nizza. Unser Gespräch wurde immer wieder durch Anrufe aus Hamburg unterbrochen, wo eine große Redaktion in noch größeren Schwierigkeiten war. Sie hatten ein historisches Bild des Propheten Mohammed abgedruckt und sahen sich mit einem Sturm von Protesten konfrontiert. Scholl-Latour erklärte den verwirrten Kollegen mit einer Engelsgeduld, was es mit dem islamischen Bilderverbot auf sich habe. Später klingelte es erneut. Nein, Kollegen, das sind Sunniten. Habe ich euch doch erklärt, den Unterschied, oder? Die Sache mit dem Kalifen . . . Na gut, also noch mal. Im Umgang mit dem Islam wird das Staunen gepflegt, nicht die Erkenntnis.
Wenn man dieser Tage manche Leitartikel liest, kann der Eindruck entstehen, es gäbe eine Wahl: Eine angeblich christliche Mehrheit könne es sich aussuchen, ob sie den Islam hier dulden möchte. Man kann den Eindruck haben, Moslems seien vergangenen Montag in hellen Scharen plötzlich und unerwartet in der Zivilisation gelandet und wollten nun auch noch Forderungen stellen. Man kann den Eindruck haben, es gäbe die Option, daß sich Moslems irgendwie dazu nötigen ließen, in von uns imaginierte Heimatländer zurückzukehren. Es gibt aber keinen Status quo ante. Es gibt keine Welt ohne Moslems, kein Europa ohne Moslems, nicht mal eine Bundesrepublik Deutschland ohne Moslems. Türken, Bosnier, Iraner, Algerier muslimischen Glaubens haben oft unter den härtesten Bedingungen und um den Preis ihrer Gesundheit in Industriejobs das Land mitaufgebaut. Ewiglange Autofahrten zurück zur Verwandtschaft, die Diskussionen, wo es besser ist, in der Sonne oder im reichen Land, gehören zu den Kindheitserinnerungen zahlloser junger Deutscher, deren Eltern im Ausland geboren wurden.
Moslems sind deutscher Alltag
Moslems sind deutscher Alltag, und es ist keine bundesrepublikanische, erst recht keine europäische Leitkultur denkbar, die den Beitrag europäischer Moslems nicht zu berücksichtigen wüßte. Denn die Geschichte der Immigration aus islamischen Ländern ist ja eine friedliche Geschichte und eine Geschichte wechselseitiger Prosperität. Nirgendwo, weder in Großbritannien noch in Frankreich, noch in Berlin-Kreuzberg, sind Moslems zur organisierten Rebellion übergegangen. An die Opferzahlen des Konflikts zwischen Protestanten und Katholiken in Nordirland reicht noch kein Aufruhr in irgendeiner Vorstadt. Dort brennen höchstens Autos. Die Versicherungen bezahlen sie.
Es gibt nichts zu beschönigen: Jetzt fliegt gerade das Geschirr durch die gemeinsame Wohnung. Nicht zum ersten Mal. Es ist ermüdend. Seit 1989, seit der Fatwa gegen Salman Rushdie, wiederholt sich das blöde Spektakel. Politische Gruppen innerhalb jener mörderischen Regime, die sich gerne so fromm geben, legen den Aufruhrschalter um, und schon sind die Fernsehbilder wieder da: brennende Fahnen, Todesdrohungen, skandierende Mengen. Das ist nicht nur Symbolik. Manchmal schicken sie auch ihre Killer los. Der japanische Übersetzer der Satanischen Verse wurde auf diese Weise ermordet. Eigenartigerweise hörte die Mordserie auf, als aus Teheran das politische Signal dazu kam. Von einem dauerhaften unbeherrschbaren Zorn der Muslime angesichts der in dem Buch angeblich enthaltenen Schmähungen, der nur durch Mord zu besänftigen wäre, kann da nicht mehr die Rede sein. Es war kühle Politik. In all den Jahren der Fatwa lebte die Mutter von Salman Rushdie unbehelligt im islamischen Pakistan.
Satanische Verse ebenso inakzeptabel wie Mordaufrufe
Trotzdem war da was. Die Darstellung des Propheten in den ,Satanischen Versen' war für keinen Moslem akzeptabel, sagte Tariq Ramadan, der umstrittene Verfechter eines europäischen Islams. Ebenso inakzeptabel sei aber auch der Mordaufruf. Ramadan, der Theologe aus Genf, wirkt manchmal müde. Er wünscht sich Auseinandersetzungen, die weniger dumpf daherkämen, cleverere Glaubensbrüder, raffiniertere Argumentationen. Man kann den Eindruck haben, er wünsche sich einen islamischen Jesuitenorden, in Europa, für Europa. Asketische Leistungsträger, die sich Macht und Einfluß durch sozialen Aufstieg und bürgerliche Anerkennung sichern, nicht durch gemeine Drohungen und das Herumwedeln mit brennenden Fahnen.
Die arabischen und nahöstlichen Staaten sind für ihn ablehnungswürdige Despotien, die nur durch den westlichen Durst nach den fossilen Endprodukten von Urzeitgarnelen am Leben erhalten werden. Menschen haben es in Europa besser, ja, selbst Moslems. Ramadan wundert sich, daß er das betonen muß: daß die Achtung der Menschenrechte auch für Muslime das Leben besser macht. Aber so stehen die Dinge. Brennen dänische Flaggen, wird er angerufen. Nun hat er der Chicago Tribune ein Interview gegeben. Darin ruft er zur Entemotionalisierung auf. Die Moslems müßten sich damit abfinden, daß Ironie und Blasphemie zur europäischen Kultur gehören. Umgekehrt müßten sich europäische Medien ihrer zivilgesellschaftlichen Verantwortung bewußt sein: Man müsse ja niemanden beleidigen, bloß weil man es von Rechts wegen dürfe. Es ist nun, sagt Ramadan, ein symbolischer Machtkampf geworden.
Kampf der Kulturen eine intellektuelle Kippfigur
Samuel Huntingtons Kampf der Kulturen ist eine intellektuelle Kippfigur: Wenn man ihn einmal im Sinn hat, deutet man alle Ereignisse nach diesem Muster. Huntington selbst ist ja, wie er unlängst im Interview mit der Frankfurter Allgemeinen Zeitung bewies, stets dazu bereit, auch die Unpünktlichkeit mexikanischer Handwerker zu einem zivilisatorischen Graben von säkularer Dimension umzudeuten.
Man kann die Sache aber auch anders sehen. Als unlängst der ehemalige Staatssekretär im Auswärtigen Amt, Jürgen Chrobog, mit seiner Familie im Jemen entführt wurde, brach sofort eine Debatte darüber los, wie der besonnene Mann es nur habe wagen können, in so ein Land zu reisen. Als gehöre jetzt der ganze Orient dem Serienmörder Al Sarkawi. Dabei wurde verschwiegen, daß im Jemen eine nahezu unübersichtliche Fülle von deutschen und europäischen Institutionen am Werk ist, daß deutsche Architekten, Archäologen, Umweltexperten und Geschäftsleute im ganzen Land handeln und wandeln und einen Alltag unter Jemeniten pflegen. Die Verbindungen zwischen Europa und muslimischen Ländern funktionieren, jeden Tag, auf den unterschiedlichsten Ebenen und zum Teil schon seit Jahrzehnten.
Atomstreit nur ein diplomatisches Problem
Politische Konflikte sind nicht immer auch kulturelle oder gar anthropologische Konflikte. Wenn Iran zur Atombombe strebt - was übrigens nur durch die Hilfe des westlichen Verbündeten Pakistan gelingen konnte -, haben wir ein ernstes diplomatisches Problem, aber keinen bis Kreuzberg reichenden Krieg der Kulturen. Es ist allein dem Geschick von Bin Ladins Propaganda zu verdanken, daß dieser Eindruck entsteht. Seit dem 11. September 2001, ja seit der iranischen Revolution bemüht sich Europa um eine Antwort auf diese Weltsicht der radikalen Islamisten - bislang ohne Erfolg.
Die antagonistische Sicht verunmöglicht einen Fortschritt. Der französische Soziologe Didier Lapeyronnie machte unlängst klar, wie das Reiz-Reaktions-Schema zwischen den Jugendlichen der Banlieues und dem Rest der Gesellschaft zu einer negativen Dialektik aus Provokation und Ablehnung führt. Wenn sich jemand systematisch unterdrückt und benachteiligt fühlt, dann denkt er bei jeder seiner Handlungen auch gleich den verächtlichen Blick aus der bürgerlichen Öffentlichkeit mit. Und dann werden die eben so brutal, stumpfsinnig und gemein, wie sie annehmen, daß man es von ihnen ohnehin denkt.
Der Westen, das sind auch Molsems
Der Westen kann in diesem symbolischen Machtkampf nicht nachgeben. Aber der Westen, das sind auch Moslems. Nur wenn wir die Konfliktlinie anders ziehen, wird das Taumeln von Krise zu Krise aufhören, nur wenn die Anhänger der Menschenrechte und der pluralistischen Demokratie, gleich welcher Religion, gegen die Terroristen und Schurkenstaaten stehen, wird deutlich, wo die Front verläuft.
Der Blick muß sich auf die Massen von Moslems richten, die sich selbst durch jahrzehntelange islamistische Propaganda nicht haben beeindrucken lassen. Die islamischen Terroristen sind ebenso eine radikale Minderheit, wie es die RAF in der deutschen Gesellschaft der siebziger Jahre war. Niemand zweifelte damals an der prinzipiellen Möglichkeit, Kinder aus protestantischen Pfarrhäusern zu integrieren. Die Ideologisierung der Debatte verurteilt zum Stillstand. Das gilt auch in der Innenpolitik. Die Unterdrückung junger Frauen in ihren Familien, die schlechten Schulleistungen junger Männer aus Familien türkischer Herkunft - das sind Probleme der deutschen Gesellschaft, wie Drogensucht, Sektenunwesen und organisierte Kriminalität. Sie würden um so erfolgreicher bekämpft, je mehr sich die zuständigen staatlichen Stellen darum bemühten, Mitarbeiter aus den betroffenen Gruppen zu rekrutieren. Das hätte schon vor Jahren geschehen müssen.
Ähnliches gilt für die Sprache. Daß so viele Jugendliche ausländischer Herkunft schlecht Deutsch sprechen, ist ein Skandal mit geteilter Verantwortung. Der amerikanische Autor Paul Theroux begegnete auf einer Reise ums Mittelmeer einigen auf Sardinien lebenden Afrikanern, die kein Wort Italienisch sprachen. Er war erschüttert: Eine Sprache zu lernen ist leicht. Kinder können es. Sie lernen, indem man zu ihnen spricht. Wenn diese Leute die Sprache nicht sprachen, nach all den Jahren, dann bedeutete es auch, daß niemand mit ihnen gesprochen hatte.
Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 05.02.2006, Nr. 5 / Seite 28
Bildmaterial: AP
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