Topographie des Terrors

Jetzt aber zügig

Von Heinrich Wefing

Ewige Baustelle: die Topographie des Terrors

Ewige Baustelle: die Topographie des Terrors

26. November 2004 Peter Zumthors Engagement für die Berliner „Topographie des Terrors“ ist zu Ende. Am Donnerstag hat das Bundesverfassungsgericht mitgeteilt, es nehme eine Verfassungsbeschwerde des Schweizer Architekten nicht zur Entscheidung an. Eine Kammer des Ersten Senats vermochte nicht zu erkennen, warum die im Mai nach Jahren fruchtloser Zusammenarbeit, erfolgte Kündigung von Zumthors Architektenvertrag durch das Land Berlin zu einer „ehrverletzenden Rufschädigung“ führen solle, wie Zumthors Anwalt behauptet hatte.

Zudem monierten die Richter, der Architekt hätte sich zunächst an die unteren Instanzen wenden müssen, ehe er Karlsruhe zu Hilfe rufe. Das mag formalistisch argumentiert sein, ist aber eine Erlösung: Wie vernagelt muß ein Baumeister sein, der vor dem höchsten Gericht die Verwirklichung eines Entwurfs durchzupauken versucht, den niemand mehr will: die Nutzer nicht, die Bauherren nicht und auch nicht die Stadtöffentlichkeit?

Ab ins Archiv

Zumthors Entwurf also wandert ins Archiv der Plangeschichte, Abteilung ungebaute Monumente, irgendwo zwischen Friedrich Gillys Denkmal für Friedrich den Großen und Adolf Loos' „Tribune Tower“. Am Montag soll der „Rückbau“ der drei bereits fertigen Treppentürme beginnen. Berlin und der Bund, der das Projekt jetzt an sich gezogen hat, nachdem er jahrelang nur zahlte und griesgrämig zuschaute, haben es plötzlich eilig. Schon Anfang Februar soll ein neuer, europaweiter Architektenwettbewerb ausgeschrieben werden für das Areal, auf dem einst die Terrorzentralen der Nationalsozialisten ihren Sitz hatten. Die Grundlinien dieser Ausschreibung sind im Sommer während eines öffentlichen Symposions und zweier nichtöffentlicher Kolloquien mehr festgelegt denn diskutiert worden; an den Details feilt gerade das Bundesbauministerium. Wo einst Grübelei und reflektierte Vorsicht herrschten, galoppiert jetzt der Pragmatismus.

Man kann die Trennung von Zumthor als Befreiung empfinden, der seither waltenden gehetzten Eile aber dennoch mißtrauen. Ist wirklich nur ein anderer Architekt nötig, ein neuer Bauplan? Ist nicht jetzt die allerletzte Gelegenheit, noch einmal gründlich darüber nachzudenken, was denn Funktion und Programm der „Topographie“ sein sollen, des wichtigsten deutschen Erinnerungsortes an die Täter?

Es ist viel Zeit vergangen

Die Stiftung geht auf eine Bürgerinitiative aus West-Berliner Tagen zurück. Seither aber ist viel Zeit vergangen, die Mauer ist verschwunden, und auch das Gelände an der Niederkirchnerstraße ist längst nicht mehr der verwahrloste, wie aus der Zeit gefallene und gerade deshalb verstörende Ort im Schatten der Mauer, am Ende Berlins, in der Mitte der geteilten Welt, wie er Ende der siebziger Jahre wiederentdeckt wurde. Er ist für die Bauarbeiten an Zumthors Treppenkuben durchwühlt worden, die Spur des Fundaments für die nie gebaute Halle zerfurcht das Grundstück, und selbst wenn nun alle Spuren dieses Scheiterns getilgt würden, ließe sich doch nicht die einstige Verwunschenheit rekonstruieren.

Denn wie die Stadt hat sich auch die „Topographie des Terrors“ selbst verwandelt. Aus den improvisierten Anfängen ist eine Stiftung geworden, die mit ihren Ausstellungen, Tagungen und wissenschaftlichen Veröffentlichungen enormes Renommee gewonnen hat. Sie beschäftigt sechzehn Mitarbeiter, verfügt über eine Bibliothek mit 17.000 Bänden, bietet tausend Führungen im Jahr und zählt dreihunderttausend Besucher. Damit aber stellt sich unvermeidlich die Frage, ob denn das offene Feld der „Topographie“ tatsächlich immer noch das „erste Exponat der Ausstellung“ ist.

Auf das Grundstück fixiert

Dieser Gedanke mag ehedem, in den Anfängen, notwendig gewesen sein, als die frühen Aktivisten nichts anderes vorzuweisen hatten als das Grundstück, auf dem Schutthügel und Robinienwäldchen wuchsen und ganz langsam auch die Erinnerungen. Während aber, dank der Forschungen der Stiftung, nach und nach das Wissen um den Ort zunahm und sich ganz allgemein die Täterforschung entfaltete, trat die Brache neben dem Martin-Gropius-Bau nicht etwa in den Hintergrund - ihre gleichsam negative Aura schien an Kraft zu gewinnen.

Wer im Juli dem jüngsten Symposion zugehört hat, der mußte den Eindruck gewinnen, einige derer, die seit mittlerweile fast drei Jahrzehnten bei der „Topographie“ mittun, seien auf das Grundstück geradezu fixiert. Ihren sichtbarsten Ausdruck findet diese Haltung in der Absicht, nun auch noch die letzten Mauerreste, die in den fünfziger Jahren der „Tiefenenttrümmerung“ des Grundstücks entgingen, freizulegen. Was aber, außer marodem Beton und rissigen Backsteinen, steht dort zu entdecken? Und würde, wer sie vielleicht eines Tages sieht, tatsächlich besser die Terrornetze verstehen, die von hier aus über ganz Europa ausgeworfen wurden?

Kein Gedächtnisparcours

Niemand will der Stiftung das Grundstück streitig machen. Aber die Fixierung auf das Gelände, die inhaltsleer gewordene Forderung, es möge „zum Sprechen gebracht“ werden, führen jetzt, da die Stiftung nach fruchtlosen Bauqualen sich noch einmal ihrer selbst vergewissern muß, nicht weiter. Was die „Topographie des Terrors“ braucht, sind Räume für ein Forschungs- und Dokumentationszentrum, nicht einen NS-archäologischen Gedächtnisparcours. Dies um so mehr, als sich auch die Gedenkstättenlandschaft Berlins tiefgreifend gewandelt hat und weiter im Wandel steckt. Das Jüdische Museum ist eröffnet, das Denkmal für die ermordeten Juden Europas geht der Vollendung entgegen. Und vieles deutet darauf hin, daß Bund und Berlin das Nebeneinander der Erinnerungsorte demnächst neu ordnen wollen.

Erwogen wird offenbar, die „Topographie“ institutionell mit der Mahnmal-Stiftung zusammenzuführen. Im kommenden Frühjahr nämlich werden die Arbeiten am Mahnmal abgeschlossen sein. Dann ist nicht nur die Hauptaufgabe der „Stiftung Denkmal für die ermordeten Juden Europas“ erfüllt, die zur „Errichtung“ des Stelenfeldes gegründet wurde; es stellt sich auch die Frage, wer den unterirdischen „Ort der Information“ wissenschaftlich anspruchsvoll betreiben kann. Zudem wird annähernd zur selben Zeit Hans-Erhard Haverkampf, der derzeit die Geschäfte der Mahnmal-Stiftung führt, in den Ruhestand treten. In der Bundeskulturverwaltung wurde daher eine Weile überlegt, das Jüdische Museum mit dem Betrieb des „Ortes der Information“ zu beauftragen. Dessen Direktor aber, Michael Blumenthal, so ist zu hören, sträubt sich gegen dieses Ansinnen.

Vielversprechende Kooperation

Vielversprechender scheint daher die Kooperation, vielleicht gar institutionelle Verschmelzung von Mahnmal-Stiftung und Stiftung Topographie. Um sich die Option auf eine solche Fusion zu erhalten, haben die Gremien der „Topographie“ auch die Entscheidung über die Nachfolge von Reinhard Rürup aufgeschoben. Statt den Posten des wissenschaftlichen Direktors, der seit Rürups entnervtem Rückzug Ende März vakant ist, dauerhaft neu zu besetzen, hat der Stiftungsrat beschlossen, den Leiter der Gedenkstätte Deutscher Widerstand, Peter Steinbach, bis Ende 2005 kommissarisch mit der Wahrnehmung der Aufgaben zu betrauen. Das ist ziemlich genau der Zeitraum, der für eine Fusion nötig wäre.

Nichts wäre dann naheliegender, als unter dem institutionellen Dach einer solchen Großstiftung auch alle anderen Gedenkstätten zu versammeln, die in Berlin die Erinnerung an die nationalsozialistischen Verbrechen und deren Opfer pflegen; das Haus der Wannsee-Konferenz etwa, die künftigen Denkmale für die ermordeten Sinti und Roma, für die Opfer der Euthanasie und der Homosexuellen-Verfolgung, wohl auch die Gedenkstätte Deutscher Widerstand und die Neue Wache.

Vielleicht bereits im Vorgriff auf solche Pläne hat das Land Berlin unlängst die „Topographie“ gebeten, sich um das als Gedenkstätte geplante Zwangsarbeiterlager Schöneweide zu kümmern; auch dafür wäre gewiß Platz in einer Großstiftung. Deren innere Berechtigung bestünde in der Aussicht, die Arbeit der Gedenkorte so aufeinander zu beziehen, daß in ihrem Zusammenwirken etwas von dem Krebsartigen, Allgegenwärtigen des nationalsozialistischen Terrors erkennbar würde, der alle Teile der Gesellschaft durchdrungen hat. Und kein Name wäre für einen solchen Gedenkstätten-Verbund angemessener, wenn auch in einem neuen, weiteren Sinn, als der alte: „Topographie des Terrors“.



Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 27.11.2004, Nr. 278 / Seite 35
Bildmaterial: dpa

 
FAZ.NET-Buchshop

„Das Spiel des Engels“ von Carlos Ruiz Zafón

Mit unwiderstehlicher erzählerischer Kraft lockt uns Zafón („Der Schatten des Windes“) wieder auf den Friedhof der vergessenen Bücher. Hier bestellen…

New Yorker Televisionen

Die letzten fünfzig Tage

Von Jordan Mejias, 02.12.2008 10:13

Eins gegen Eins

Das Scolari-Prinzip

Von Peter Körte, 01.12.2008 22:55

London Eye

Geldausgeben macht keinen Spaß mehr

Von Gina Thomas, 01.12.2008 13:20

Blättern
Alle Beiträge
FAZ.NET Suchhilfe
F.A.Z.-Archiv Profisuche