Kulturpolitik

Die Kopfjäger von Berlin

Von Heinrich Wefing

So herzlich wird das nächste Treffen Flierls mit Christina Weiss kaum ausfallen

So herzlich wird das nächste Treffen Flierls mit Christina Weiss kaum ausfallen

11. November 2004 War es Bismarck, der gesagt haben soll, alle Journalisten seien verhinderte Politiker? Egal, woher das Zitat stammt; der Satz gilt heute eh nicht mehr. In der Berliner Republik sind Journalisten verhinderte Personalberater.

Der Feuilletonchef des Berliner "Tagesspiegel" zum Beispiel, der kenntnisreiche und bislang eher als stilsicher bekannte Peter von Becker. Der hat, von Kultursenator Thomas Flierl (PDS) um seine Meinung zu einem Kandidaten für den Posten des Generaldirektors der Berliner Opernstiftung befragt, ein gemeinsames Hintergrundgespräch mit dem Bewerber, Bernd Fülle, dem Geschäftsführer der Städtischen Bühnen Frankfurt, angeregt, das am 22. Oktober auch tatsächlich im Berliner Hotel Hyatt stattfand, ohne Flierl allerdings, der sich aber von seiner Kulturstaatssekretärin Barbara Kisseler vertreten ließ.

Mißlungener Test

Er habe die Wirkung des Kandidaten Fülle auf die Medien testen wollen, hat Flierl inzwischen mitgeteilt, während er selber mit einem anderen Interessenten, Michael Schindhelm, dem Intendanten des Theaters Basel, verhandelte. Der Test mißlang gründlich. Becker schrieb dem Senator hurtig eine E-Mail, in der er wenig Schmeichelhaftes über Fülle mitteilte, um dann eine Weile später in seinem Blatt heftig für Schindhelm zu werben. Von der Begegnung mit Fülle war dort nichts zu lesen. Daß der Feuilletonchef auf Bitten des Senators mit aussichtsreichen Bewerbern für einflußreiche Posten spreche, sei, heißt es, seitdem die Sache aufgeflogen ist, ein normaler Vorgang. Ganz so normal, wie wenn der Verteidigungsminister routinemäßig ein paar Journalisten zur Begutachtung seiner Generalität bitten würde.

Viel ist in den vergangenen Tagen, pünktlich zum 9. November, über die Wiederkehr längst überwunden geglaubter Ost-West-Konflikte in der Berliner Kulturpolitik geschrieben worden. Peter von Beckers Engagement, wird behauptet, sei eine Intrige gewesen, ein vom PDS-Kultursenator durchtrieben eingefädelter Coup, um den ehemaligen Stasi-Mitarbeiter Schindhelm gegen den DDR-Flüchtling Fülle durchzusetzen, der immerhin die Unterstützung von Sir Peter Jonas, Mitglied im Stiftungsrat der Opernstiftung, von Kulturstaatsministerin Weiss und der Senatskanzlei genossen haben soll.

Ein konspiratives System

Die Verschwörungstheoretiker, die schon im Sommer und dann neuerlich bei der Berufung von Christoph Hein zum Chef des Deutschen Theaters ein bestimmtes Muster zu erkennen glaubten, sahen sich durch die Favorisierung Schindhelms bestätigt. Sie wittern ein konspiratives "System Flierl", ein ideologisch motiviertes Prinzip der Bevorzugung von Kandidaten mit "Ost-Biographie". Der "Spiegel", der die Affäre Flierl-Becker-Schindhelm-Fülle in seiner jüngsten Ausgabe publik gemacht hat, sprach genüßlich von "Stasi-Methoden", derer sich der Senator bediene.

Man muß aber gar nicht im ewigen Ost-West-Schisma denken, um das Berlinische des Vorgangs zu erkennen. Im Gegenteil, der Blick auf die fortwährende Spaltung der städtischen Milieus, die sich mißtrauisch belauern, verstellt eher die Sicht auf die Gemeinsamkeiten, die den kapitalen Kulturbetrieb auszeichnen: eine Mischung aus Geschmeidigkeit und Geltungsdrang jenseits aller weltanschaulichen Gegensätze, das endlose Kreisen der immergleichen Akteure um sich selbst, das Lechzen nach minimalen Vorteilen im lokalen Konkurrenzkampf der Zeitungen und ein merkwürdiger Grundton des "Wir in Berlin", der sich gleichermaßen durch Leitartikel wie durch Regierungserklärungen zieht. Auch Peter von Becker hat jetzt zu Protokoll gegeben, ihn habe die "Sorge" um die Zukunft der Opernstiftung getrieben, mit Fülle zu sprechen.

Fehlendes Gespür

In diesem Klima ist vielen Berliner Politikern und manchen Journalisten das Gespür dafür abhanden gekommen, daß sich bestimmte Rollen ausschließen. Es gilt als normal, daß Amtsträger jene Pressevertreter, die eigentlich über sie berichten sollen, immer wieder einladen, sie in mehr oder weniger schattenhaften Funktionen zu beraten, selbstredend und nur zum Besten der Sache wie der Stadt - und normal ist eben auch, daß diese Einladungen gern und ganz ohne schlechtes Gewissen angenommen werden. Kein Gedanke, daß der Stadt besser damit gedient wäre, wenn Unvereinbares getrennt bliebe, wenn der Theaterkritiker es, zum Beispiel, dabei beließe, Anwalt des Publikums zu sein, statt sich als Headhunter des Senators einspannen zu lassen.

Alle, die vorgeblich das Wohl der Stadt und ihrer Opern mehren wollten, blicken nun auf ein Trümmerfeld ihrer guten Absichten. Wer wird jetzt noch mit dem Senator vertrauliche Verhandlungen führen wollen? Wer wird dem "Tagesspiegel" noch arglos Gehör schenken, wenn dessen Feuilleton sich zur Amtsführung von Thomas Flierl äußert? Und wer, außer den Hartleibigsten, Unempfindlichsten, Ehrgeizigsten, wird sich nun noch als Generaldirektor der Berliner Opern bewerben?

„Hinterhältig hintergegangen“

Bernd Fülle jedenfalls fühlt sich von Flierl "vollständig und hinterhältig hintergangen" und bleibt lieber in Frankfurt. Schindhelm, an dem Flierl einstweilen festhält, zögert noch, ob er die Sache durchstehen will oder absagen soll, nachdem ihn die Berliner SPD-Fraktion, immerhin der Koalitionspartner des PDS-Senators, schon öffentlich für schwer beschädigt erklärt hat.

Auch der Regierende Bürgermeister Wowereit, heißt es, sei wenig entzückt von dem Tumult, und wie Kulturstaatsministerin Weiss ihr nächstes Gespräch mit Thomas Flierl eröffnet, das würde man gern miterleben. Heute verhandelt erst einmal das Berliner Abgeordnetenhaus über die Causa. Das kann, nach allen Erfahrungen der Vergangenheit, ebensogut zur weiteren Eskalation wie zur wortreichen Erledigung der Angelegenheit führen.



Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 11.11.2004, Nr. 264 / Seite 37
Bildmaterial: dpa

 
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